Geschichte
Lange bevor es die Maxvorstadt gab, verband ein Fahrweg die Residenz mit dem Sommerschloss Nymphenburg. Er wurde in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts um den Stadtwall herum angelegt, seit 1738 von einer Allee gesäumt und lief „in Krümmungen hin“, wie Nagler 1863 schrieb. Ein Kupferstich Friedrich Webers um 1800 zeigt die „mit schattenspendenden Bäumen bepflanzte Chaussee“ quer über die Wiesen vor dem Schwabinger Tor (Stephan 2013, S. 27); nördlich davon lag nur die einzeln stehende Huter-Schwaige, im Volksmund „Milchgarten“ (Stephan 2013, S. 120). Der Steuerkatasterplan von 1809 zeigt bereits, wie das Gelände südlich des „noch nicht regulierten Fürstenwegs“ von einem quadratischen Raster überplant ist, während nördlich die alten Flurgrenzen noch gelten (Stephan 2013, S. 24). Der Wettbewerb von 1808 sollte den Fürstenweg „zu einer regulierten, repräsentativen Straße“ ausbauen und über die Max-Joseph-Straße mit dem Maxtor verbinden (Stephan 2013, S. 34).
Den Generalplan, 1812 genehmigt und als „Geburtsstunde der Maxvorstadt“ gefeiert, entwarfen Karl von Fischer und der Hofgärtner Friedrich Ludwig von Sckell: Zentrale Achse sollte der ausgebaute Fürstenweg sein, der, „unterbrochen vom repräsentativen Karolinen- sowie Königsplatz, als Direttissima von der Residenz zum Schloss Nymphenburg führte“; an ihm sollten Villen mit großen Gärten entstehen (Arz 2018, S. 8). Schon der Stadtplan von 1812 weitet die Achse durch zwei Rundplätze (Karolinen- und Stiglmaierplatz) und einen quadratischen Platz (Königsplatz) auf (Stephan 2013, S. 35). Die Bautätigkeit begann 1809 am Karolinenplatz und an der Brienner Straße (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 8): Fischer baute das Palais Asbeck, später Lotzbeck, 1810 das Palais Degenfeld und sein eigenes Wohnhaus an der Ecke zur Arcisstraße (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 15), 1812 das Kronprinzenpalais, in dem Ludwig bis zu seiner Thronbesteigung wohnte (Stephan 2013, S. 118). Einen Eindruck dieser lockeren Villenbebauung in großzügigem Grün vermitteln der Karolinenplatz und Teile der Straße noch heute (Freitag 2013, S. 32).
Mit der Berufung Leo von Klenzes 1816 kippte das Konzept: An die Stelle des für Gärten offenen Pavillonsystems trat die geschlossene, aneinandergerückte Bebauung, „welche aus der Vorstadt eine faktische Neustadt“ machte (Stephan 2013, S. 35). Klenzes Generalplan für die Anlagen vor dem Schwabinger Tor, im Juli 1817 genehmigt, strich die am Beginn der Straße geplanten Häuserblöcke und setzte an ihre Stelle den Wittelsbacherplatz; das Schwabinger Tor fiel noch 1817 (Freitag 2013, S. 34). Als Ausgangspunkt der Straße entstand das Hofgartentor (Arz 2018, S. 9). Kronprinz Ludwig hätte sogar die Pinakothek gern an der Brienner Straße gesehen (Freitag 2013, S. 66); das Grundstück des späteren Palais Almeida war dafür im Gespräch, bis es 1823 Ludwigs Bruder Carl erwarb (Arz 2018, S. 52). Stattdessen bauten Klenze und sein Mitarbeiter Jean Baptiste Métivier, oft als Spekulationsobjekte privater Bauherren, die Palais Arco-Zinneberg, Eichthal und Almeida (Arz 2018, S. 52). Zugleich verlagerte Klenze den Schwerpunkt: Nicht mehr die Straße zur „langsam unwichtig gewordenen Nebenresidenz Nymphenburg“, sondern die Ludwigstraße sollte Hauptachse sein (Arz 2018, S. 9). Gemeinsam sollten beide Straßen den Schwerpunkt von der Bürgerstadt zur monarchischen Residenzstadt verschieben (Bäumler/Fromm 2017, S. 40).
Unter Ludwig I. erhielt die Straße 1826 ihren Namen und ihre Monumente. 1830 war die Glyptothek am Königsplatz vollendet (Köpf 2005, S. 36), 1833 wurde auf dem Karolinenplatz der 29 Meter hohe Obelisk aufgestellt, den Ludwig ursprünglich mitten in der Ludwigstraße errichten wollte (Arz 2018, S. 11; Bäumler/Fromm 2017, S. 40). 1843–1848 baute Friedrich von Gärtner an der Ecke Türkenstraße das neugotische Wittelsbacher Palais für Kronprinz Maximilian – „der zuwiderste Bau, den ich geführt habe“, wie der Architekt schimpfte. Nach Ludwigs Abdankung 1848 tauschten Vater und Sohn die Wohnsitze, und der Exkönig haderte bis an sein Lebensende mit dem „scheußlichen Kasten“ (Arz 2018, S. 54; Stephan 2013, S. 38). Sein Trauerzug führte 1868 die Brienner Straße hinaus, vorbei am Obelisken und durch die Propyläen – „so hatte er es gewünscht“ (Köpf 2005, S. 45). Die Propyläen hatte 1862 der Polizeidirektor mit einer Verkehrsordnung für Wagen „von der innern“ und „von der äußern Brienner Straße“ freigegeben (Köpf 2005, S. 43). Dass München trotz aller Pracht „ein Dorf, in dem Paläste stehen“ sei, spottete Heine – vermutlich, so Arz, nach einem Bummel die Brienner Straße entlang (Arz 2018, S. 11).
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Straße zur Adresse von Adel, Diplomatie, Kunst und Geld. Graf Adolf Friedrich von Schack kaufte sich 1855/56 jenseits der Propyläen ein und ließ seine wachsende „Privat-Pinakothek“ von Lorenz Gedon zu einem verschachtelten Ensemble ausbauen, das 1874 öffnete (Arz 2018, S. 97); nebenan wohnte 1864/65 Richard Wagner in einer von Ludwig II. bereitgestellten Villa (Arz 2018, S. 12). Gegenüber dem späteren Braunen Haus residierte seit 1887 die Päpstliche Nuntiatur im Palais Degenfeld, ab 1917 unter Eugenio Pacelli (Weyerer 1993, S. 143). Seit 1888 lockte das Café Luitpold an der Altstadtseite als „Palast-Café ersten Ranges mit Weltgeltung“ (Stephan 2013, S. 83) Kandinsky, Klee, George und Wedekind an; gleich daneben führte Heinrich Jaffe eine Buchhandlung neuen Typs ohne Ladentheke (Bäumler u. a. 2015, S. 57–58). Elsa und Max Bernstein hielten in der Brienner Straße 8a einen Salon, in dem Thomas Mann und die Pringsheims verkehrten (Bäumler u. a. 2015, S. 36, 49); Carry Brachvogel wohnte bis 1894 in der Nr. 54 (Bäumler/Fromm 2017, S. 71), und von 1910 bis 1935 war die Brienner Straße 37 (heute 40) Zentrale des Vereins für Fraueninteressen (Bäumler/Fromm 2017, S. 78; Weyerer 1993, S. 125–126). Kunsthändler setzten Palais: Gabriel von Seidl baute 1897/98 das Palais Berchem und 1904/05 das Haus des Antiquitätenhändlers Julius Böhler, Gustav von Cube 1910/11 den Firmensitz des Antiquars Jacques Rosenthal (Arz 2018, S. 55, 67). 1912 lotste Hans Goltz die umstrittenen Bilder von Marc und Kandinsky in seinen Buchladen in der Brienner Straße 8 – die Geburt des Blauen Reiter als Stadtgespräch (Arz 2018, S. 44).
Nach 1918 verlor die Straße ihren Glanz. Im Wittelsbacher Palais, das Ludwig III. 1918 verlassen hatte, wurde im April 1919 die Räterepublik beschlossen (Arz 2018, S. 54). Viele Palaisbesitzer konnten ihre Häuser nicht mehr halten; 1929/30 warnte Oberregierungsrat Fritz Gablonsky, der Charakter der Brienner Straße zwischen Königs- und Karolinenplatz lasse sich nur bewahren, wenn der Staat die Objekte erwerbe (Köpf 2005, S. 67; Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 9–10). Stattdessen kaufte die NSDAP am 26. Mai 1930 das Palais Barlow, Brienner Straße 45, für 805.864 Mark – mit Geldern Fritz Thyssens und einer Umlage von zwei Mark je Parteimitglied (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 10–11; Arz 2018, S. 88–89). Paul Ludwig Troost baute es zum „Braunen Haus“ um, das im Januar 1931 eröffnete; die Presse spottete über das „Palais Größenwahn“ (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 12). Als die Polizei im Juli 1931 das Haus mit Maschinengewehren sicherte, war die Brienner Straße zwischen Königs- und Karolinenplatz gesperrt (Köpf 2005, S. 73–74). Die Nachbarn klagten über Lärm und Verkehr bis in die Nacht, die Nuntiatur gegenüber über Schmährufe (Köpf 2005, S. 74). Hitler selbst saß lieber im „vornehmen Carlton Tea Room an der Brienner Straße“, wo ihn Klaus Mann 1932 Erdbeertörtchen verschlingen sah (Large 2001, S. 286).
Nach 1933 wurde der Abschnitt zwischen Karolinen- und Königsplatz zum Kern des Parteiviertels: Mehr als 50 Gebäude an Brienner, Arcis-, Gabelsberger-, Barer und Karlstraße gingen in den Besitz der NSDAP über (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 4). Die beiden klassizistischen Eckhäuser Fischers und Höchls an der Arcisstraße wurden 1933 abgebrochen (Stephan 2013, S. 128); an ihrer Stelle entstanden zu beiden Seiten der Straße die „Ehrentempel“, flankiert von Führerbau und Verwaltungsbau, die Gänge unter der Brienner Straße verbanden (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 22). Am 9. November 1935 zogen die Särge der sechzehn toten Putschisten „durch die Brienner Straße–Karolinenplatz zu den Ehrentempeln“ (Köpf 2005, S. 103, 106). Seither war der Fahrverkehr über den Königsplatz verboten – die Brienner Straße verlor ihre Funktion als Ausfallstraße nach Westen (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 26). Im Oktober 1933 zog die Bayerische Politische Polizei, die spätere Gestapo, ins Wittelsbacher Palais; 1934 entstand im Park ein Gefängnis (Bäumler/Fromm 2017, S. 26), in dem auch die Geschwister Scholl saßen (Arz 2018, S. 54). Roderich Fick errichtete 1935/36 anstelle des Palais Poschinger das „Haus der Deutschen Ärzte“ (Stephan 2013, S. 122; Liedtke 2018, S. 96–97), Jacques Rosenthal musste sein Haus 1935 verkaufen, und die „Kraft durch Freude“ zog ein (Stephan 2013, S. 57; Liedtke 2018, S. 50). Gieslers Modell sah sogar ein Hitler-Mausoleum auf dem Gelände des Wittelsbacher Palais vor (Stephan 2013, S. 58).
Die Luftangriffe zerstörten das Braune Haus, die Nuntiatur, das Wittelsbacher Palais und die Schack-Galerie; 1947 wurden die Pfeiler der Ehrentempel gesprengt und die Ruine des Braunen Hauses abgetragen (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 5, 85; Köpf 2005, S. 136). Oberbürgermeister Scharnagl bekämpfte die Idee eines „Hauses der Erinnerung“ anstelle des Wittelsbacher Palais (Köpf 2005, S. 134 f.); dessen Reste verschwanden bis 1964, und 1977–1982 baute die Bayerische Landesbank hier ihre Zentrale (Arz 2018, S. 53–54). Wettbewerbe von 1947 für Galeriebauten auf den Tempelsockeln scheiterten; ein Bretterzaun verdeckte die „Schandmale“, 1956/57 wurden sie bepflanzt – „Man ließ Gras darüber wachsen“ (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 5, 86). Westlich des Königsplatzes bestimmt seither Zweckarchitektur der 1950er- bis 1970er-Jahre das Bild (Arz 2018, S. 12), und der Altstadtring schnitt die Straße in zwei Hälften. Erst 1999 stellte die Stadt an der Ecke Arcisstraße eine Informationstafel auf (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 88–89); nach Jahrzehnten der Debatte wurde auf dem Grundstück des Braunen Hauses am 30. April 2015, dem 70. Jahrestag der Befreiung Münchens, das NS-Dokumentationszentrum eingeweiht (Liedtke 2018, S. 35; Bäumler u. a. 2015, S. 25).
Heute
Am ehesten zeigt die Brienner Straße ihre ursprüngliche Gestalt zwischen Odeonsplatz und Karolinenplatz. Auf der Maxvorstädter Nordseite folgen Wittelsbacherplatz mit dem Palais Arco-Zinneberg, das Palais Eichthal und das Palais Almeida mit Büros, dem Schweizer Generalkonsulat und dem Club „Lucky Who“ (Arz 2018, S. 52, 138), dann der weitläufige Komplex der BayernLB mit Littmanns Disconto-Bau und der Gedenktafel für das Wittelsbacher Palais an der Ecke Türkenstraße. Jenseits des Altstadtrings reihen sich die Palais Berchem, Böhler und Rosenthal und das „Oberösterreich-Haus“, das frühere Haus der Deutschen Ärzte (Arz 2018, S. 55, 67). Die Kunsthändler, die der Straße ihren Ruf gaben, sind großenteils fort: Böhler verließ die Nr. 25 im Jahr 2014, Bernheimer und die Galerie Wimmer die Nr. 7 im Jahr 2016. Zwischen Altstadtring und Königsplatz ist die Straße mit rund 12.000 Kraftfahrzeugen am Tag vergleichsweise ruhig; seit 2019 ist der Abschnitt am Odeonsplatz eine „unechte Einbahnstraße“ mit Radschutzstreifen.
Am Karolinenplatz beginnt das Kunstareal: Um den Obelisken stehen das 2020 nach Sanierung wiedereröffnete Amerikahaus auf dem Grund des Palais Lotzbeck und die Börse in der Villa Hutschenreuther. Der weiße Kubus des NS-Dokumentationszentrums am Max-Mannheimer-Platz blickt auf die überwachsenen Sockel der Ehrentempel, auf Führer- und Verwaltungsbau und auf den seit 1988 wieder begrünten Königsplatz mit Glyptothek, Antikensammlungen und Propyläen; das Lenbachhaus liegt gleich um die Ecke. Hinter den Propyläen wird die Straße zur Alltagsachse mit Nachkriegsbauten, einer Berufsoberschule an der Stelle der alten Schack-Galerie und Lokalen wie der „Hamburgerei Eins“ (Nr. 49) (Arz 2018, S. 136). Das Volkstheater, das seit 1983 in der Nr. 50 spielte, zog 2021 in einen Neubau am Schlachthof; am Stiglmaierplatz mündet die Straße zwischen spätklassizistischen Rondellbauten in die Nymphenburger Straße.