Viertel / Straßen / Karlstraße

Karl­straße

Lange Ost-West-Achse vom Lenbachplatz zum Marsfeld: St. Bonifaz mit dem Grab Ludwigs I., klassizistische Mietshäuser, das NS-Parteiviertel, Obdachlosenhilfe und Apples Chip-Zentrum „Karl“.

1,3 kmLänge
1808Benennungsjahr
3Teilstraßen bis 1812: Kron-, Karl- und Bergstraße
12Baudenkmäler mit Karlstraßen-Adresse

Namensherkunft

Die Karlstraße ehrt Prinz Karl Theodor Maximilian August von Bayern (1795–1875), den jüngeren Bruder König Ludwigs I. Der in Mannheim geborene Sohn des späteren Königs Max I. Joseph aus dessen erster Ehe schlug die militärische Laufbahn ein, kämpfte 1814 unter Wrede in den Befreiungskriegen, wurde 1841 Feldmarschall und führte 1866 die bayerische Armee und die süddeutschen Bundeskontingente gegen Preußen. Die griechische Königskrone, die man ihm 1831 anbot, lehnte er ab; sie ging an seinen Neffen Otto (Arz 2018, S. 147). Durch seine morganatische erste Ehe verlor er seine Thronansprüche; er lebte ab 1825 im Prinz-Carl-Palais am Beginn der heutigen Prinzregentenstraße, das bis heute seinen Namen trägt. Die Adressbücher von 1879 und 1880 rühmen ihn als „unermüdlichen Wohlthäter der Armen“, der in seinem Bad Kreuth alljährlich Unbemittelte auf eigene Kosten kurieren ließ – ein Zug, der merkwürdig gut zu dem passt, was heute an seiner Straße in St. Bonifaz und im Frauenobdach Karla 51 geschieht.

Nicht verwechseln sollte man den Namensgeber mit Kurfürst Karl Theodor (1724–1799), nach dem der Karlsplatz („Stachus“) benannt ist. Schon Fernbergs Straßennamenbuch von 1879 hielt fest, die Karlstraße sei „eine spätere Anlage als der Karlsplatz“ und nach dem Prinzen Karl benannt; auch Rambaldi (1894) und das Adressbuch von 1943 nennen ausdrücklich den Bruder Ludwigs I. Dass der Prinz selbst die Vornamen Karl Theodor trug, hat die Verwechslung begünstigt.

Der Name ist so alt wie die Maxvorstadt. Am 21. November 1808 erhielten die ersten Abschnitte des neuen Straßenrasters Namen: „Kronstraße“ hieß das Stück von der Arcis- bis zur Luisenstraße, „Karlstraße“ das von der Luisen- bis zur Dachauer Straße, „Bergstraße“ der Rest bis zum Marsfeld. Erst am 1. Dezember 1812 wurde der ganze Zug zur Karlstraße vereinigt; im Volksmund hielten sich die alten Teilnamen noch eine Weile (Arz 2018, S. 147). Auf frühen Stadtplänen liest man „Carls Straße“, ab den 1830er Jahren „Karls Straße“, erst nach 1870 die heutige Schreibung. Die Unterscheidung von „innerer“ und „äußerer“ Karlstraße endete 1875–1877; der stadtauswärts jenseits der Pappenheimstraße liegende Teil heißt seit 1876 Blutenburgstraße.

Geschichte

Die Karlstraße folgt einer der ältesten Wegeverbindungen vor der Stadt: Hinter dem Neuhauser Tor zweigte von der Landstraße nach Pasing die „sehr alte Wegführung nach Neuhausen“ ab, deren Verlauf der heutigen Karl- bzw. Blutenburgstraße entspricht (Stephan 2013, S. 29). Zur Straße im eigentlichen Sinn wurde sie mit der Planung der Maxvorstadt ab 1808. Bezugspunkt des neuen Quartiers war der Botanische Garten, den Friedrich Ludwig von Sckell ab 1804 für die Akademie der Wissenschaften anlegte und zugleich mit der Planung des Wohnviertels verbinden sollte (Bäumler u. a. 2015, S. 19); seit 1812 bestand zudem am Beginn der Arcisstraße das Chemische Laboratorium der Akademie, das 1852 für Justus von Liebig stark erweitert wurde (Stephan 2013, S. 41). Der Abschnitt östlich der Arcisstraße musste erst durch die „Schneidergärten“ gebrochen werden: 1824 wurde die Straße bis zur Barer Straße durchgeführt, 1827 bis zur Ottostraße vollendet. In diese Jahre fallen die ältesten erhaltenen Bauten – Rudolf Röschenauers Villa (Nr. 32) von 1818, seine symmetrische Mietshausgruppe Nr. 18–22 von 1828 und Joseph Höchls palastartiger Eckbau Nr. 21 von 1829, ein „Zinspalast“ mit dem Frohsinns-Saal. Wie reich die Straße einst war, deutet Erwin Schleichs Klage um das kriegszerstörte klassizistische Haus Nr. 44 an, das „wert gewesen wäre, in jeder Kunstgeschichte abgebildet zu werden“.

Zum Monument wurde die Straße durch König Ludwig I. Schon 1817 sprach er mit Leo von Klenze über eine „Apostelkirche“ gegenüber der Glyptothek, mit der er die Benediktiner wieder in München ansiedeln wollte (Köpf 2005, S. 30). 1827 ließ er dann Georg Friedrich Ziebland wissen: „Ich bin gesonnen, dem Apostel der Deutschen und Bayern, dem hl. Bonifatius, in München eine Kirche zu bauen und zwar in Form einer Basilika“, schickte ihn auf mehrjährige Studienreise nach Italien und setzte als Vorbild S. Apollinare in Classe in Ravenna und als Obergrenze 400.000 Gulden (Huse 2009, S. 153). Am 12. Oktober 1835, dem Tag seiner Silberhochzeit, wurde der Grundstein gelegt; fünfzehn Jahre dauerte der Bau der fünfschiffigen, 76 Meter langen und 36 Meter breiten Basilika mit 66 Marmorsäulen, Fresken von Heinrich von Heß und Johann und Claudius Schraudolph und offenem Dachstuhl (Arz 2018, S. 98). Ihr Portal mit drei ionischen Säulen weist auf die Karlstraße, während die Rückseite unmittelbar an Zieblands Ausstellungsgebäude am Königsplatz anschließt – Religion, Kunst und Wissenschaft sollten sichtbar zusammengehören; über dem Mittelportal zeigt ein Brustbild den Architekten in mittelalterlichem Gewand (Smith 2009, S. 94). Stephan nennt den Bau „unstrittig“ die prächtigste Kirche der Maxvorstadt (Stephan 2013, S. 42). 1838–1848 entstand an der Rückseite das Kloster mit großer Bibliothek; damit die Mönche ihren Unterhalt verdienen konnten, schenkte ihnen Ludwig das säkularisierte Kloster Andechs samt Ländereien (Arz 2018, S. 98). 1850 wurde die Anlage eingeweiht.

St. Bonifaz wurde auch zur Grablege des Königs – nach einem handfesten Skandal. Als 1854 Königin Therese an der Cholera starb, weigerten sich die Geistlichen, die Protestantin in einer Seitenkapelle beizusetzen. Man einigte sich darauf, Therese in einem Grabgewölbe zu bestatten und darüber den Sarkophag für Ludwig aufzustellen – „denn das ist grade die paßliche Lage für Mann und Frau!“, soll der Exkönig gespottet haben (Arz 2018, S. 98). Das Grabmal entwarf noch Leo von Klenze, der dafür eigens mit der Kurie in Rom verhandelte (Freitag 2013, S. 126). Ludwig starb Ende Februar 1868 in Nizza; am 9. März zog der Leichenzug von der Residenz über die Brienner Straße, am Obelisken, an Glyptothek und Kunstausstellungsgebäude vorbei und durch die Propyläen zur Basilika, wo der König – bis auf sein Herz, das nach Altötting kam – über seiner Gemahlin beigesetzt wurde (Köpf 2005, S. 44 f.). Rambaldis Straßennamenbuch von 1894 hebt hervor, Ludwig habe Basilika und Kloster „aus Privatmitteln“ errichten lassen. Erst 2002 wurde Theresens Sarkophag aus der „paßlichen“ Lage befreit und neben den Ludwigs gestellt (Arz 2018, S. 99).

Im 19. Jahrhundert füllte sich die Straße mit Mietshäusern, Ateliers und Werkstätten. Südlich, im Alten Botanischen Garten, ließ Maximilian II. 1854 den Glaspalast errichten, den ersten Nachfolgebau von Paxtons Londoner Kristallpalast auf dem Kontinent (Huse 2009, S. 159) – 234 Meter lang und mit 37.000 Glastafeln in nur sechs Monaten montiert (Arz 2018, S. 63); er machte das Viertel für Jahrzehnte zum Schauplatz großer Industrie- und Kunstausstellungen. An der Karlstraße wohnte 1872–1874 Arnold Böcklin in der Villa Nr. 32, Wilhelm Busch nutzte ein Atelier im Rückgebäude des 1861 für den Bildhauer Johann Petz gebauten Hauses Nr. 36, und der königliche Hoffotograf Joseph Albert hatte sein Atelier in Nr. 10. Am Westende entstanden in der Gründerzeit stattliche Neurenaissance-Häuser (Nr. 52, 54, 118, 120) und 1897/98 Ferdinand Schratz’ Eckbau Nr. 49, 1899 an der Nr. 47 eine Unterstation für die junge Stromversorgung. Seit 1906 fuhr die Trambahnlinie 4 vom Lenbachplatz durch die „Bernheimer Klamm“ und die Karlstraße nach Westen – bis 1975; noch heute erinnern Ösen für die Oberleitung an der Fassade der Basilika daran.

In der Weimarer Zeit wurde die Straße zur Adresse der völkischen Rechten. Ende 1928 gründeten Erich und Mathilde Ludendorff in der Karlstraße 10 ihren „Volkswarte-Verlag“, der antichristliche „Gotterkenntnis“ und Verschwörungsmythen verbreitete und erst 1935 nach Tutzing umzog (Weyerer 1993, S. 148). In der Nacht zum 6. Juni 1931 brannte der Glaspalast; rund 3.000 Kunstwerke, darunter 110 Gemälde der gerade eröffneten Romantiker-Ausstellung, gingen verloren, die Ursache wurde nie geklärt (Liedtke 2013, S. 84). Der Dichter Eugen Roth lief damals „die Karlstraße entlang gegen die Arcisstraße“ zum Brandort (Arz 2018, S. 62). Nach 1933 verschlang das Parteiviertel der NSDAP den Ostabschnitt: Schon 1934 hatte die Partei den ganzen Häuserblock an der Karlstraße zwischen Barer und Arcisstraße erworben (Köpf 2005, S. 112). In die Häuser zogen die Reichsführung-SS (Nr. 10, ab 1936 mit SS-Gericht), die Reichsjugendführung Baldur von Schirachs (Nr. 14), die Reichsführung des NS-Studentenbunds (Nr. 16), die Reichspressestelle (Nr. 18) und die Reichspropagandaleitung (Nr. 20) (Liedtke 2018, S. 172, 184); in der Nr. 10 saßen Heinrich Himmler und sein Adlatus Karl Wolff, in der Nr. 12 die erste Kammer des Obersten Parteigerichts (Köpf 2005, S. 113). Das 1908 von der Kunsthändlerfamilie Bernheimer gekaufte Haus Nr. 21 rissen die Nationalsozialisten 1936 an sich und richteten dort die Reichsärztekammer ein (Arz 2018, S. 95); in der Karlstraße saß auch der NS-Ärztebund des „Reichsärzteführers“ Gerhard Wagner, der für Zwangssterilisationen und „Euthanasie“ mitverantwortlich war (Liedtke 2018, S. 96). Südlich des „Verwaltungsbaus“ entstanden zur Karlstraße hin ein Fernheizwerk, eine Poststelle und Dienstwohnungen (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 20). 1939 gehörten der Partei im Geviert zwischen Karl-, Gabelsberger-, Barer und Arcisstraße 56, wenig später 68 Gebäude; mehr als 6.000 Menschen arbeiteten in den NS-Verwaltungen (Köpf 2005, S. 124).

Der Krieg zerstörte die Maxvorstadt zu bis zu 75 Prozent (Arz 2018, S. 93). Bei den Angriffen vom 25. April 1944 und 7. Januar 1945 wurde St. Bonifaz schwer getroffen; 1945 standen nur noch die südlichen Außenmauern und 22 Säulen (Huse 2009, S. 221). Hans Döllgast restaurierte den Rest bis 1950 so, dass die Kriegsnarben als Mahnung sichtbar blieben, und schloss ihn mit einer neuen Nordwand ab. Anfang der 1960er Jahre gaben die Benediktiner einen Wiederaufbau in alter Größe endgültig auf und errichteten an Stelle des zerstörten Nordteils ein Seelsorge- und Bildungszentrum in Sichtbeton; bis 1975 wurde der nun fast quadratische Raum mit Altar in der Mitte neu geordnet, 1993–1996 von Friedrich Koller und Peter Burkart nochmals umgestaltet (Arz 2018, S. 99). Stephan bedauert, der Bau habe so zwar als Kirchenraum, „nicht jedoch als einzigartiges Münchner Kunstwerk“ überlebt (Stephan 2013, S. 43). Die ehemaligen Parteigebäude übernahm zunächst die amerikanische Militärregierung (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 70); die meisten wurden durch Neubauten ersetzt, erhalten blieben die Häuser Nr. 18–22. In die neuen Büro- und Behördenbauten zogen Finanzämter: seit April 1951 das Finanzamt für Körperschaften in Höchls Nr. 21, seit 1954 das Finanzamt München I in Nr. 9–11 (Arz 2018, S. 132). An der Ecke zur Barer Straße entstand 1954–1957 nach Plänen von Franz Ruf, Adolf Peter Seifert und Rolf ter Haerst die Staatsbauschule, ein heute denkmalgeschützter Schlüsselbau des Münchner Wiederaufbaus.

Seit den 1990er Jahren hat die Straße ein neues, soziales Profil. Als Frater Emmanuel Flotter 1990 ins Kloster kam, erschütterte ihn das Elend der Obdachlosen in der nahen Bahnhofsgegend; aus einer mobilen Essensausgabe wurden Speisesaal, Notambulanz, Kleiderkammer und Notschlafplätze, 1994 die Bonifatius-Haneberg-Stiftung und 2001 das Haneberghaus (Arz 2018, S. 99). Im Dezember 1996 eröffnete das Evangelische Hilfswerk in der Nr. 51 mit „Karla 51“ die deutschlandweit erste Notunterkunft speziell für Frauen (Arz 2018, S. 107). Zugleich wurde der Boden kostbar: Auf dem Gelände der Alten Chemie der LMU zwischen Karlstraße und Altem Botanischem Garten entstanden 2004–2007 die „Lenbach Gärten“ mit Büros, Luxuswohnungen und einem Fünf-Sterne-Hotel (Arz 2018, S. 96), möglich geworden durch die Verlagerung der Chemischen Institute (Bäumler u. a. 2015, S. 18). Huse beklagt, dass dafür die städtebaulich „hervorragende“ Anlage der Botanischen Institute geopfert wurde (Huse 2009, S. 224). Am Westende schließlich, auf dem früheren Gelände eines Autohauses zwischen Denisstraße und Spatenbräu, errichtete David Chipperfield Architects das Bürohaus „Karl“, in dem Apple um 2023 seinen Münchner Chip-Entwicklungsstandort bezog.

Heute

Der Ostabschnitt zwischen Ottostraße und Luisenstraße ist heute eine Straße der Hochschulen, Behörden und Büros. Die Hochschule München unterhält hier ihren Campus Karlstraße (Arz 2018, S. 117), an dem die Fakultäten des „Clusters Bauen“ rund 2.000 Studierende ausbilden, gegenüber liegen Finanzämter und das Finanzbauamt München II (Arz 2018, S. 132); wo die Reichsführung-SS saß, serviert heute die Neo-Brasserie „Hoiz“ (Nr. 10) (Arz 2018, S. 136). Nichts erinnert an der Fassade an die NS-Dienststellen, deren Adressen man auf der Karlstraße fast Haus für Haus aufzählen könnte. Mittelpunkt bleibt St. Bonifaz: Die Essensausgabe im Haneberghaus versorgt täglich 150 bis 200 Menschen, im Neubau auf dem Klostergelände arbeiten die Beratungsstelle P.I.B., die Münchner Chorbuben & Chormädchen und ein Jugendcafé, in dem sich unter anderem einmal im Monat die „Bonifazeria“, ein Treff junger Erwachsener, versammelt (Arz 2018, S. 99). Gegenüber, hinter der Lenbach-Gärten-Bebauung, liegt der Alte Botanische Garten; den Luxus des Quartiers nennt Arz einen „Fremdkörper“ in der quirligen Maxvorstadt (Arz 2018, S. 96).

Westlich der Luisenstraße wird die Karlstraße bürgerlicher und lauter. An der Kreuzung mit der Dachauer Straße halten die Trambahnlinien 20 und 21, an der Barer Straße die 27 und 28; stehen geblieben sind hier die Gründerzeit-Häuser Nr. 49, 52 und 54. „Karla 51“ nimmt als einzige Notunterkunft Deutschlands auch Frauen mit Kindern auf und weist niemanden ab (Arz 2018, S. 107). Hinter der Seidlstraße, wo im Seidl-Forum (Nr. 64–68) die Generalstaatsanwaltschaft München sitzt, beginnt die Welt der Brauereien – nördlich das Löwenbräu-Gelände, südlich das stillgelegte Spatenbräu-Areal – und die der Tech-Konzerne: Im Chipperfield-Bau „Karl“ (Nr. 77) entwickelt Apple Halbleiter für seine Geräte. Kulinarisch reicht die Spanne vom „Japan Sushi Gourmet“ in der Nr. 56 (Arz 2018, S. 136) bis zu den Kantinen der Bürohäuser.

Adressen

Wichtige
Hausnummern.

№ 01 · Karlstr. 6

Staatsbauschule – Hochschule München, Campus Karlstraße

Hochschulbau, Franz Ruf, Adolf Peter Seifert, Rolf ter Haerst, 1954–1957; Erweiterung 1968–1970; Baudenkmal

Stahlskelettbau mit großem Lichthof für die Staatsbauschule, deren Wurzeln bis 1822 zurückreichen; seit 1971 Teil der Fachhochschule, heute Campus Karlstraße der Hochschule München (Arz 2018, S. 117). Gedenktafel für den Botaniker Martius (1968).

№ 02 · Karlstr. 10

Eckhaus an der Barer Straße: Ludendorff-Verlag und Reichsführung-SS

Ehem. Atelier, Verlag, NS-Dienststelle; nach Kriegszerstörung Neubau

Einst Atelier des Hoffotografen Joseph Albert; ab Ende 1928 Sitz des „Volkswarte-Verlags“ von Erich und Mathilde Ludendorff (Weyerer 1993, S. 148); ab 1936 Reichsführung-SS mit SS-Gericht, Amtssitz Himmlers (Liedtke 2018, S. 184; Köpf 2005, S. 113). Heute gewerblich genutzt, u. a. von der Brasserie „Hoiz“ (Arz 2018, S. 136).

№ 03 · Karlstr. 12–30

Das NS-Parteiviertel an der Karlstraße

Ehem. NSDAP-Dienststellen, 1934–1945; überwiegend Nachkriegsneubauten

Oberstes Parteigericht (Nr. 12), Reichsjugendführung (Nr. 14), NS-Studentenbund (Nr. 16), Reichspressestelle (Nr. 18), Reichspropagandaleitung (Nr. 20), weiter westlich Parteiämter bis zum Rechtsamt des Reichsschatzmeisters (Nr. 30) (Liedtke 2018, S. 172; Köpf 2005, S. 113). Die Partei hatte den Block schon 1934 erworben (Köpf 2005, S. 112).

№ 04 · Karlstr. 18–22

Röschenauers klassizistische Häusergruppe

Mietshäuser, Rudolf Röschenauer, 1828; Baudenkmäler

Symmetrisch komponierte Gruppe für Schlossermeister Johann Schmitz mit breiterem, reicher gegliedertem Mittelhaus Nr. 20 – neben Nr. 21 die einzigen Kriegsüberlebenden unter den Parteihäusern Nr. 6–30. In der NS-Zeit Reichspressestelle (Nr. 18) und Reichspropagandaleitung (Nr. 20) (Liedtke 2018, S. 172); 1933 wohnte Eugen Roth in der Nr. 20.

№ 05 · Karlstr. 21

Höchls „Zinspalast“ – Finanzamt für Körperschaften

Mietshaus mit Frohsinns-Saal, Joseph Höchl, 1829; Baudenkmal (mit Katharina-von-Bora-Str. 4)

Klassizistischer Eckbau, dessen Zwickelornamente der Rundbogenfenster als kunsthistorisch bedeutend gelten. 1908 von der Kunsthändlerfirma Bernheimer gekauft, 1936 von den Nationalsozialisten für die Reichsärztekammer beschlagnahmt, seit April 1951 Finanzamt für Körperschaften (Arz 2018, S. 95).

№ 06 · Karlstr./Sophienstr.

Lenbach Gärten

Büro-, Wohn- und Hotelquartier, 2004–2007; The Charles Hotel (Sophienstr. 28), Hilmer & Sattler und Albrecht, 2007

Auf dem Areal der Alten Chemie der LMU, an der einst Justus von Liebig lehrte; Fassadenteile des Hörsaalbaus wurden in ein Bürohaus integriert. Der Name ist eine Erfindung des Bauträgers; Arz nennt das bewachte Luxusquartier einen „Fremdkörper“ (Arz 2018, S. 96).

№ 07 · Südlich der Sophienstraße

Alter Botanischer Garten und Glaspalast

Park, Friedrich Ludwig von Sckell, 1804–1812; Glaspalast, August von Voit, 1854, abgebrannt 1931

Das „grüne Entree“ der Maxvorstadt (Bäumler u. a. 2015, S. 19). Der Glaspalast an seiner Nordseite brannte in der Nacht zum 6. Juni 1931 nieder (Liedtke 2013, S. 84); 1937 wurde der Garten nach Troosts Skizze zum öffentlichen Park mit Neptunbrunnen umgestaltet (Stephan 2013, S. 162).

№ 08 · Karlstr. 32

Röschenauer-Villa – Böcklins Wohnung

Ehem. Villa, Rudolf Röschenauer, 1818; Überformung Ludwig Deiglmayr, 1903; Baudenkmal

Freistehender Walmdachbau mit Giebelaufsatz, eines der ältesten Häuser der Maxvorstadt. 1872–1874 wohnte hier der Maler Arnold Böcklin, an den seit 2002 ein Relief von Hanspeter Widrig erinnert; heute Sitz der Katholischen Hochschulgemeinde an der TU.

№ 09 · Karlstr. 34

Basilika St. Bonifaz mit Grab Ludwigs I.

Benediktinerabtei- und Pfarrkirche, Georg Friedrich Ziebland, 1835–1850; Wiederaufbau Hans Döllgast 1945–1950; Baudenkmal

Frühchristliche Basilika nach dem Vorbild von S. Apollinare in Classe, einst 76 m lang mit 66 Marmorsäulen (Arz 2018, S. 98). Nach der Kriegszerstörung blieben Südhälfte und Arkadenvorhalle; im rechten Seitenschiff stehen die Sarkophage Ludwigs I. und – seit 2002 daneben – Königin Thereses (Arz 2018, S. 99).

№ 10 · Karlstr. 34

Abtei St. Bonifaz und Haneberghaus

Benediktinerkloster, Ziebland, 1838–1848; Seelsorgezentrum 1960er Jahre; Haneberghaus 2001

Das Kloster mit einer der größten wissenschaftlichen Privatbibliotheken Bayerns betreibt seit 1990 eine umfassende Obdachlosenhilfe: Essensausgabe für 150–200 Menschen täglich, Arztpraxis, Kleiderkammer, Notschlafplätze (Arz 2018, S. 99). Das Haus ist nach Abt Bonifatius Haneberg benannt; an der Karlstraße steht zudem die Bronze „Homeless Jesus“ von Timothy Schmalz.

№ 11 · Karlstr. 36

Wilhelm Buschs Atelier

Mietshaus, Joseph Weyrather, 1861; ehemaliges Baudenkmal

Teil eines Doppelhauses mit Lisenengliederung, erbaut für den Bildhauer Johann Petz; im Rückgebäude lag ein Atelier, das unter anderen Wilhelm Busch nutzte. Das Haus steht inzwischen nicht mehr in der Denkmalliste.

№ 12 · Ecke Karl-/Luisenstr.

Klostergarten mit „Denker“

Stiftsgärtnerei der Abtei, Mauer 19. Jh.; Skulptur „Denker“, Joachim Berthold, 1958

Westlich der Basilika bis zur Luisenstraße erstreckt sich hinter einer gefelderten Mauer des 19. Jahrhunderts der zur Abtei gehörige Garten, heute Stiftsgärtnerei – ein seltener grüner Rest der alten Vorstadt mitten im Kunstareal.

№ 13 · Karlstr. 49

Schratz-Eckhaus an der Dachauer Straße

Mietshaus, Ferdinand Schratz, 1897/98, deutsche Renaissance; Baudenkmal

Stattlicher Eckbau mit reich stuckierten Erkern; eine Gedenktafel erinnert an den Philosophen Franz von Baader. Das Gedenkbuch nennt für diese Adresse zahlreiche jüdische Bewohner, die emigrieren mussten oder deportiert und ermordet wurden, darunter mehrere Mitglieder der Familie Strauß.

№ 14 · Karlstr. 51

Karla 51 – Frauenobdach

Notunterkunft des Evangelischen Hilfswerks, seit 1996

Im Dezember 1996 eröffnet als deutschlandweit erste Notunterkunft für Frauen, gegründet von Carol Wandt; rund ein Viertel der Gäste sind vor häuslicher Gewalt geflohen, viele mit Kindern. Die Abtei St. Bonifaz unterstützt den medizinischen Dienst (Arz 2018, S. 107).

№ 15 · Karlstr. 64–68

Seidl-Forum – Generalstaatsanwaltschaft

Bürokomplex an der Ecke Seidlstraße 21/23

Im Seidl-Forum hat unter der Adresse Karlstraße 66 die Generalstaatsanwaltschaft München ihren Sitz. Nördlich gegenüber beginnt das Betriebsgelände von Löwenbräu, südlich das stillgelegte Spatenbräu-Areal.

№ 16 · Karlstr. 77

Apple „Karl“

Bürohaus, David Chipperfield Architects, Baugenehmigung 2018; Apple European Silicon Design Center

Rund 30.000 m² Fläche auf dem früheren Mahag-Gelände zwischen Denisstraße und Spatenbräu. Apple kündigte den Standort 2021 an und plante den Bezug Ende 2022; im März 2023 sprach der Konzern von der „kürzlich eröffneten“ Einrichtung an der Karlstraße.

Personen

Wer hier
lebte und wirkte.

Prinz Karl von Bayern

1795–1875 · Generalfeldmarschall, Namensgeber

Jüngerer Bruder Ludwigs I., lehnte 1831 die griechische Krone ab (Arz 2018, S. 147); die Straße trägt seinen Namen seit 1808.

Ludwig I.

1786–1868 · König von Bayern

Stiftete Basilika und Abtei St. Bonifaz aus Privatmitteln und ruht dort seit dem 9. März 1868 (Köpf 2005, S. 44 f.).

Therese von Sachsen-Hildburghausen

1792–1854 · Königin von Bayern

Die Protestantin wurde nach ihrem Choleratod in einem Grabgewölbe von St. Bonifaz beigesetzt; seit 2002 steht ihr Sarkophag neben dem Ludwigs (Arz 2018, S. 98 f.).

Georg Friedrich Ziebland

1800–1873 · Architekt

Baute 1835–1850 Basilika und Kloster St. Bonifaz; sein Brustbild im Scheitel des Mittelportals blickt auf die Karlstraße (Smith 2009, S. 94).

Heinrich Maria von Heß

1798–1863 · Maler

Schuf mit den Brüdern Schraudolph die im Krieg zerstörten Fresken der Basilika St. Bonifaz (Arz 2018, S. 98).

Daniel Bonifatius von Haneberg

1816–1876 · Abt von St. Bonifaz, später Bischof von Speyer

Der zweite Abt des Klosters engagierte sich sozial; nach ihm sind Stiftung und Haneberghaus der Obdachlosenhilfe benannt (Arz 2018, S. 99).

Hans Döllgast

1891–1978 · Architekt

Rettete die Reste von St. Bonifaz bis 1950 „mit den sparsamsten Mitteln“ und ließ die Kriegsnarben sichtbar (Huse 2009, S. 221 f.).

Arnold Böcklin

1827–1901 · Maler

Wohnte 1872–1874 in der Villa Karlstraße 32, wo seit 2002 ein Relief an ihn erinnert.

Wilhelm Busch

1832–1908 · Zeichner und Dichter

Nutzte ein Atelier im Rückgebäude des Hauses Karlstraße 36.

Joseph Albert

1825–1886 · Hoffotograf

Der Fotograf Ludwigs II. hatte sein Atelier in der Karlstraße 10.

Erich und Mathilde Ludendorff

1865–1937 · General; 1877–1966 · völkische Autorin

Betrieben 1928–1935 in der Karlstraße 10 den „Volkswarte-Verlag“ ihrer antichristlichen „Gotterkenntnis“ (Weyerer 1993, S. 147 f.).

Heinrich Himmler

1900–1945 · Reichsführer-SS

Hatte mit seinem Adlatus Karl Wolff seinen Münchner Amtssitz in der Reichsführung-SS, Karlstraße 10 (Köpf 2005, S. 113).

Eugen Roth

1895–1976 · Dichter

Berichtete in den Münchner Neuesten Nachrichten vom Glaspalastbrand, zu dem er die Karlstraße entlanglief (Arz 2018, S. 62); 1933 wohnte er in der Karlstraße 20.

Frater Emmanuel Flotter

Benediktiner, Prior von St. Bonifaz

Baute ab 1990 die Obdachlosenhilfe der Abtei auf: „Bei uns kann jeder kommen, wirklich jeder!“ (Arz 2018, S. 99).

Chronik

Karlstraße in Daten

1808

21. November: Benennung der Teilstücke als Kron-, Karl- und Bergstraße.

1812

1. Dezember: Der ganze Straßenzug heißt Karlstraße.

1828/29

Röschenauers Häusergruppe Nr. 18–22 und Höchls Eckbau Nr. 21 entstehen.

1835

12. Oktober: Grundsteinlegung der Basilika St. Bonifaz am Tag der Silberhochzeit Ludwigs I.

1850

Einweihung von Basilika und Benediktinerabtei St. Bonifaz.

1854

Tod Königin Thereses; Beisetzung in St. Bonifaz. Eröffnung des Glaspalasts.

1868

9. März: Beisetzung König Ludwigs I. in St. Bonifaz.

1906

Die Trambahnlinie 4 fährt durch die Karlstraße (bis 1975).

1928

Ludendorffs „Volkswarte-Verlag“ zieht in die Karlstraße 10.

1931

6. Juni: Der Glaspalast brennt nieder.

1934–1936

Die NSDAP erwirbt den Block zwischen Barer und Arcisstraße; ab 1936 Reichsführung-SS in Nr. 10.

1944/45

25. April 1944 und 7. Januar 1945: St. Bonifaz schwer zerstört; Wiederaufbau durch Döllgast bis 1950.

1954–1957

Neubau der Staatsbauschule an der Ecke Barer Straße.

1996

Dezember: „Karla 51“ eröffnet als erste Notunterkunft für Frauen in Deutschland.

2004–2007

Bau der Lenbach Gärten auf dem Gelände der Alten Chemie.

2023

Apple nutzt das Chipperfield-Bürohaus „Karl“ (Nr. 77) als Chip-Entwicklungszentrum.

„
„Durch einen Regen von Ruß, Asche und glühendem Holz laufe ich die Karlstraße entlang gegen die Arcisstraße, dem mächtig lohenden Feuerschein zu. […] Und jetzt öffnet sich die schwarze Kulisse der Häuser und zeigt uns ein schaurig-schönes, ein ungeheuerliches, grauenvolles Bild: Der ganze Glaspalast steht in Flammen!“
Eugen Roth, Münchner Neueste Nachrichten, 7. Juni 1931 – zitiert nach Arz 2018, S. 62
Literatur & Quellen

Zum
Weiterlesen.

  • / 01Arz 2018, S. 62 f., 93, 95–99, 107, 117, 132, 136, 147 · Maxvorstadt. Reiseführer für MünchnerHauptquelle zu Namensgeber und Teilnamen, St. Bonifaz mit Grablege und Obdachlosenhilfe, Glaspalastbrand, Nr. 21, Lenbach Gärten, Karla 51, Finanzämtern, Hochschule und Lokalen.
  • / 02Huse 2009, S. 153, 159, 221 f., 224 · Kleine Kunstgeschichte MünchensÜberliefert Ludwigs Auftrag an Ziebland, würdigt den Glaspalast und Döllgasts Reparatur von St. Bonifaz und beklagt den Verlust der Botanischen Institute.
  • / 03Köpf 2005, S. 30, 44 f., 112 f., 124 · Der Königsplatz in MünchenKlenzes Apostelkirchen-Plan, Ludwigs Leichenzug 1868 und die NS-Dienststellen an der Karlstraße mit Gebäudezahlen.
  • / 04Stephan 2013, S. 29, 41–43, 57, 162 · Maxvorstadt. Zeitreise ins alte MünchenAlter Weg nach Neuhausen, Chemisches Laboratorium, Rang und Verlust von St. Bonifaz, NS-Belegung der Häuser Nr. 6–24, Umgestaltung des Alten Botanischen Gartens.
  • / 05Smith 2009, S. 94 · Nur in MünchenBeschreibt Lage, Portal und Zerstörung der Basilika St. Bonifaz.
  • / 06Freitag 2013, S. 126 · Leo von Klenze, der königliche ArchitektBelegt Klenzes Entwurf für die Grablege Ludwigs und Thereses.
  • / 07Liedtke 2018, S. 96, 172, 184 f. · 111 Orte in München auf den Spuren der Nazi-ZeitNS-Dienststellen mit Hausnummern, Reichsführung-SS in Nr. 10, NS-Ärztebund.
  • / 08Liedtke 2013, S. 84 · 111 Orte in München, die Geschichte erzählenDatum, Verluste und ungeklärte Ursache des Glaspalastbrands.
  • / 09Weyerer 1993, S. 147 f. · München 1919–1933. Stadtrundgänge zur politischen GeschichteLudendorffs „Volkswarte-Verlag“ in der Karlstraße 10.
  • / 10Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 20, 70 · Das NSDAP-Parteizentrum in MünchenNebenbauten des Verwaltungsbaus zur Karlstraße und Übernahme der Parteigebäude nach 1945.
  • / 11Bäumler u. a. 2015, S. 18 f. · Die Maxvorstadt. Historische Betrachtungen zu einem KulturViertelAlter Botanischer Garten als Geburtsort der Maxvorstadt; Lenbach Gärten nach Aufgabe der Chemischen Institute.

Online-Quellen