Geschichte
Die Karlstraße folgt einer der ältesten Wegeverbindungen vor der Stadt: Hinter dem Neuhauser Tor zweigte von der Landstraße nach Pasing die „sehr alte Wegführung nach Neuhausen“ ab, deren Verlauf der heutigen Karl- bzw. Blutenburgstraße entspricht (Stephan 2013, S. 29). Zur Straße im eigentlichen Sinn wurde sie mit der Planung der Maxvorstadt ab 1808. Bezugspunkt des neuen Quartiers war der Botanische Garten, den Friedrich Ludwig von Sckell ab 1804 für die Akademie der Wissenschaften anlegte und zugleich mit der Planung des Wohnviertels verbinden sollte (Bäumler u. a. 2015, S. 19); seit 1812 bestand zudem am Beginn der Arcisstraße das Chemische Laboratorium der Akademie, das 1852 für Justus von Liebig stark erweitert wurde (Stephan 2013, S. 41). Der Abschnitt östlich der Arcisstraße musste erst durch die „Schneidergärten“ gebrochen werden: 1824 wurde die Straße bis zur Barer Straße durchgeführt, 1827 bis zur Ottostraße vollendet. In diese Jahre fallen die ältesten erhaltenen Bauten – Rudolf Röschenauers Villa (Nr. 32) von 1818, seine symmetrische Mietshausgruppe Nr. 18–22 von 1828 und Joseph Höchls palastartiger Eckbau Nr. 21 von 1829, ein „Zinspalast“ mit dem Frohsinns-Saal. Wie reich die Straße einst war, deutet Erwin Schleichs Klage um das kriegszerstörte klassizistische Haus Nr. 44 an, das „wert gewesen wäre, in jeder Kunstgeschichte abgebildet zu werden“.
Zum Monument wurde die Straße durch König Ludwig I. Schon 1817 sprach er mit Leo von Klenze über eine „Apostelkirche“ gegenüber der Glyptothek, mit der er die Benediktiner wieder in München ansiedeln wollte (Köpf 2005, S. 30). 1827 ließ er dann Georg Friedrich Ziebland wissen: „Ich bin gesonnen, dem Apostel der Deutschen und Bayern, dem hl. Bonifatius, in München eine Kirche zu bauen und zwar in Form einer Basilika“, schickte ihn auf mehrjährige Studienreise nach Italien und setzte als Vorbild S. Apollinare in Classe in Ravenna und als Obergrenze 400.000 Gulden (Huse 2009, S. 153). Am 12. Oktober 1835, dem Tag seiner Silberhochzeit, wurde der Grundstein gelegt; fünfzehn Jahre dauerte der Bau der fünfschiffigen, 76 Meter langen und 36 Meter breiten Basilika mit 66 Marmorsäulen, Fresken von Heinrich von Heß und Johann und Claudius Schraudolph und offenem Dachstuhl (Arz 2018, S. 98). Ihr Portal mit drei ionischen Säulen weist auf die Karlstraße, während die Rückseite unmittelbar an Zieblands Ausstellungsgebäude am Königsplatz anschließt – Religion, Kunst und Wissenschaft sollten sichtbar zusammengehören; über dem Mittelportal zeigt ein Brustbild den Architekten in mittelalterlichem Gewand (Smith 2009, S. 94). Stephan nennt den Bau „unstrittig“ die prächtigste Kirche der Maxvorstadt (Stephan 2013, S. 42). 1838–1848 entstand an der Rückseite das Kloster mit großer Bibliothek; damit die Mönche ihren Unterhalt verdienen konnten, schenkte ihnen Ludwig das säkularisierte Kloster Andechs samt Ländereien (Arz 2018, S. 98). 1850 wurde die Anlage eingeweiht.
St. Bonifaz wurde auch zur Grablege des Königs – nach einem handfesten Skandal. Als 1854 Königin Therese an der Cholera starb, weigerten sich die Geistlichen, die Protestantin in einer Seitenkapelle beizusetzen. Man einigte sich darauf, Therese in einem Grabgewölbe zu bestatten und darüber den Sarkophag für Ludwig aufzustellen – „denn das ist grade die paßliche Lage für Mann und Frau!“, soll der Exkönig gespottet haben (Arz 2018, S. 98). Das Grabmal entwarf noch Leo von Klenze, der dafür eigens mit der Kurie in Rom verhandelte (Freitag 2013, S. 126). Ludwig starb Ende Februar 1868 in Nizza; am 9. März zog der Leichenzug von der Residenz über die Brienner Straße, am Obelisken, an Glyptothek und Kunstausstellungsgebäude vorbei und durch die Propyläen zur Basilika, wo der König – bis auf sein Herz, das nach Altötting kam – über seiner Gemahlin beigesetzt wurde (Köpf 2005, S. 44 f.). Rambaldis Straßennamenbuch von 1894 hebt hervor, Ludwig habe Basilika und Kloster „aus Privatmitteln“ errichten lassen. Erst 2002 wurde Theresens Sarkophag aus der „paßlichen“ Lage befreit und neben den Ludwigs gestellt (Arz 2018, S. 99).
Im 19. Jahrhundert füllte sich die Straße mit Mietshäusern, Ateliers und Werkstätten. Südlich, im Alten Botanischen Garten, ließ Maximilian II. 1854 den Glaspalast errichten, den ersten Nachfolgebau von Paxtons Londoner Kristallpalast auf dem Kontinent (Huse 2009, S. 159) – 234 Meter lang und mit 37.000 Glastafeln in nur sechs Monaten montiert (Arz 2018, S. 63); er machte das Viertel für Jahrzehnte zum Schauplatz großer Industrie- und Kunstausstellungen. An der Karlstraße wohnte 1872–1874 Arnold Böcklin in der Villa Nr. 32, Wilhelm Busch nutzte ein Atelier im Rückgebäude des 1861 für den Bildhauer Johann Petz gebauten Hauses Nr. 36, und der königliche Hoffotograf Joseph Albert hatte sein Atelier in Nr. 10. Am Westende entstanden in der Gründerzeit stattliche Neurenaissance-Häuser (Nr. 52, 54, 118, 120) und 1897/98 Ferdinand Schratz’ Eckbau Nr. 49, 1899 an der Nr. 47 eine Unterstation für die junge Stromversorgung. Seit 1906 fuhr die Trambahnlinie 4 vom Lenbachplatz durch die „Bernheimer Klamm“ und die Karlstraße nach Westen – bis 1975; noch heute erinnern Ösen für die Oberleitung an der Fassade der Basilika daran.
In der Weimarer Zeit wurde die Straße zur Adresse der völkischen Rechten. Ende 1928 gründeten Erich und Mathilde Ludendorff in der Karlstraße 10 ihren „Volkswarte-Verlag“, der antichristliche „Gotterkenntnis“ und Verschwörungsmythen verbreitete und erst 1935 nach Tutzing umzog (Weyerer 1993, S. 148). In der Nacht zum 6. Juni 1931 brannte der Glaspalast; rund 3.000 Kunstwerke, darunter 110 Gemälde der gerade eröffneten Romantiker-Ausstellung, gingen verloren, die Ursache wurde nie geklärt (Liedtke 2013, S. 84). Der Dichter Eugen Roth lief damals „die Karlstraße entlang gegen die Arcisstraße“ zum Brandort (Arz 2018, S. 62). Nach 1933 verschlang das Parteiviertel der NSDAP den Ostabschnitt: Schon 1934 hatte die Partei den ganzen Häuserblock an der Karlstraße zwischen Barer und Arcisstraße erworben (Köpf 2005, S. 112). In die Häuser zogen die Reichsführung-SS (Nr. 10, ab 1936 mit SS-Gericht), die Reichsjugendführung Baldur von Schirachs (Nr. 14), die Reichsführung des NS-Studentenbunds (Nr. 16), die Reichspressestelle (Nr. 18) und die Reichspropagandaleitung (Nr. 20) (Liedtke 2018, S. 172, 184); in der Nr. 10 saßen Heinrich Himmler und sein Adlatus Karl Wolff, in der Nr. 12 die erste Kammer des Obersten Parteigerichts (Köpf 2005, S. 113). Das 1908 von der Kunsthändlerfamilie Bernheimer gekaufte Haus Nr. 21 rissen die Nationalsozialisten 1936 an sich und richteten dort die Reichsärztekammer ein (Arz 2018, S. 95); in der Karlstraße saß auch der NS-Ärztebund des „Reichsärzteführers“ Gerhard Wagner, der für Zwangssterilisationen und „Euthanasie“ mitverantwortlich war (Liedtke 2018, S. 96). Südlich des „Verwaltungsbaus“ entstanden zur Karlstraße hin ein Fernheizwerk, eine Poststelle und Dienstwohnungen (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 20). 1939 gehörten der Partei im Geviert zwischen Karl-, Gabelsberger-, Barer und Arcisstraße 56, wenig später 68 Gebäude; mehr als 6.000 Menschen arbeiteten in den NS-Verwaltungen (Köpf 2005, S. 124).
Der Krieg zerstörte die Maxvorstadt zu bis zu 75 Prozent (Arz 2018, S. 93). Bei den Angriffen vom 25. April 1944 und 7. Januar 1945 wurde St. Bonifaz schwer getroffen; 1945 standen nur noch die südlichen Außenmauern und 22 Säulen (Huse 2009, S. 221). Hans Döllgast restaurierte den Rest bis 1950 so, dass die Kriegsnarben als Mahnung sichtbar blieben, und schloss ihn mit einer neuen Nordwand ab. Anfang der 1960er Jahre gaben die Benediktiner einen Wiederaufbau in alter Größe endgültig auf und errichteten an Stelle des zerstörten Nordteils ein Seelsorge- und Bildungszentrum in Sichtbeton; bis 1975 wurde der nun fast quadratische Raum mit Altar in der Mitte neu geordnet, 1993–1996 von Friedrich Koller und Peter Burkart nochmals umgestaltet (Arz 2018, S. 99). Stephan bedauert, der Bau habe so zwar als Kirchenraum, „nicht jedoch als einzigartiges Münchner Kunstwerk“ überlebt (Stephan 2013, S. 43). Die ehemaligen Parteigebäude übernahm zunächst die amerikanische Militärregierung (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 70); die meisten wurden durch Neubauten ersetzt, erhalten blieben die Häuser Nr. 18–22. In die neuen Büro- und Behördenbauten zogen Finanzämter: seit April 1951 das Finanzamt für Körperschaften in Höchls Nr. 21, seit 1954 das Finanzamt München I in Nr. 9–11 (Arz 2018, S. 132). An der Ecke zur Barer Straße entstand 1954–1957 nach Plänen von Franz Ruf, Adolf Peter Seifert und Rolf ter Haerst die Staatsbauschule, ein heute denkmalgeschützter Schlüsselbau des Münchner Wiederaufbaus.
Seit den 1990er Jahren hat die Straße ein neues, soziales Profil. Als Frater Emmanuel Flotter 1990 ins Kloster kam, erschütterte ihn das Elend der Obdachlosen in der nahen Bahnhofsgegend; aus einer mobilen Essensausgabe wurden Speisesaal, Notambulanz, Kleiderkammer und Notschlafplätze, 1994 die Bonifatius-Haneberg-Stiftung und 2001 das Haneberghaus (Arz 2018, S. 99). Im Dezember 1996 eröffnete das Evangelische Hilfswerk in der Nr. 51 mit „Karla 51“ die deutschlandweit erste Notunterkunft speziell für Frauen (Arz 2018, S. 107). Zugleich wurde der Boden kostbar: Auf dem Gelände der Alten Chemie der LMU zwischen Karlstraße und Altem Botanischem Garten entstanden 2004–2007 die „Lenbach Gärten“ mit Büros, Luxuswohnungen und einem Fünf-Sterne-Hotel (Arz 2018, S. 96), möglich geworden durch die Verlagerung der Chemischen Institute (Bäumler u. a. 2015, S. 18). Huse beklagt, dass dafür die städtebaulich „hervorragende“ Anlage der Botanischen Institute geopfert wurde (Huse 2009, S. 224). Am Westende schließlich, auf dem früheren Gelände eines Autohauses zwischen Denisstraße und Spatenbräu, errichtete David Chipperfield Architects das Bürohaus „Karl“, in dem Apple um 2023 seinen Münchner Chip-Entwicklungsstandort bezog.
Heute
Der Ostabschnitt zwischen Ottostraße und Luisenstraße ist heute eine Straße der Hochschulen, Behörden und Büros. Die Hochschule München unterhält hier ihren Campus Karlstraße (Arz 2018, S. 117), an dem die Fakultäten des „Clusters Bauen“ rund 2.000 Studierende ausbilden, gegenüber liegen Finanzämter und das Finanzbauamt München II (Arz 2018, S. 132); wo die Reichsführung-SS saß, serviert heute die Neo-Brasserie „Hoiz“ (Nr. 10) (Arz 2018, S. 136). Nichts erinnert an der Fassade an die NS-Dienststellen, deren Adressen man auf der Karlstraße fast Haus für Haus aufzählen könnte. Mittelpunkt bleibt St. Bonifaz: Die Essensausgabe im Haneberghaus versorgt täglich 150 bis 200 Menschen, im Neubau auf dem Klostergelände arbeiten die Beratungsstelle P.I.B., die Münchner Chorbuben & Chormädchen und ein Jugendcafé, in dem sich unter anderem einmal im Monat die „Bonifazeria“, ein Treff junger Erwachsener, versammelt (Arz 2018, S. 99). Gegenüber, hinter der Lenbach-Gärten-Bebauung, liegt der Alte Botanische Garten; den Luxus des Quartiers nennt Arz einen „Fremdkörper“ in der quirligen Maxvorstadt (Arz 2018, S. 96).
Westlich der Luisenstraße wird die Karlstraße bürgerlicher und lauter. An der Kreuzung mit der Dachauer Straße halten die Trambahnlinien 20 und 21, an der Barer Straße die 27 und 28; stehen geblieben sind hier die Gründerzeit-Häuser Nr. 49, 52 und 54. „Karla 51“ nimmt als einzige Notunterkunft Deutschlands auch Frauen mit Kindern auf und weist niemanden ab (Arz 2018, S. 107). Hinter der Seidlstraße, wo im Seidl-Forum (Nr. 64–68) die Generalstaatsanwaltschaft München sitzt, beginnt die Welt der Brauereien – nördlich das Löwenbräu-Gelände, südlich das stillgelegte Spatenbräu-Areal – und die der Tech-Konzerne: Im Chipperfield-Bau „Karl“ (Nr. 77) entwickelt Apple Halbleiter für seine Geräte. Kulinarisch reicht die Spanne vom „Japan Sushi Gourmet“ in der Nr. 56 (Arz 2018, S. 136) bis zu den Kantinen der Bürohäuser.