Geschichte / Protestantische Maxvorstadt

Protestantische
Maxvorstadt

Ein katholisches Viertel — und doch ein protestantischer Erinnerungsraum. Zwischen St. Markus und dem Landeskirchenamt, dem Christian Kaiser Verlag und der Weißen Rose lässt sich die evangelische Geschichte Münchens exemplarisch erzählen. Nach Harry Oelke, „Die Maxvorstadt — protestantisch gesehen".

1877 · St. Markus geweiht15 % · evangelischGabelsbergerstr. 6 · St. MarkusLandeskirchenamt · ELKB1967 · Ev.-Theol. Fakultät

Ein spät reformiertes München

München war über Jahrhunderte demonstrativ katholisch. Während Luthers Schriften in der Stadt schon 1519 gedruckt wurden, unterband das erste bayerische Religionsmandat von 1522 die Reformation; spätestens 1575 verließen die letzten evangelischen Bürger die Stadt. Eine dauerhafte protestantische Konfessionskultur entstand erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts — und sie ist eng mit der Entstehung der Maxvorstadt selbst verbunden.

Den Wandel brachten Dynastie und Staat: Kurfürst Max Joseph heiratete 1799 die lutherische Prinzessin Karoline von Baden, die einen evangelischen Hofprediger mitbrachte. Das Religionsedikt von 1803 stellte Lutheraner, Reformierte und Katholiken rechtlich gleich; die Verfassung von 1818 verankerte die Bikonfessionalität. 1801 erhielt mit dem Weinwirt Johann Balthasar Michel der erste Protestant das Münchner Bürgerrecht; 1833 wurde unter Ludwig I. die erste protestantische Kirche Münchens, ein Rundbau an der Sonnenstraße nahe dem Karlstor, eingeweiht.

St. Markus — Kirche im Kunstareal

Als zweite evangelische Kirche Münchens wurde St. Markus bewusst in die junge, bürgerlich-gehobene Maxvorstadt gesetzt — an die Gabelsbergerstraße 6, gegenüber dem Wittelsbacher Palais und in Sichtweite der Alten Pinakothek. Treibende Kraft war Dekan Karl Buchrucker, der nach der Reichsgründung 1870 den protestantischen Einfluss festigen wollte. Die Namenspatrone der vier Evangelisten kehren in den weiteren evangelischen Hauptkirchen wieder, etwa St. Lukas und St. Johannes (1913–1916).

Der Zweite Weltkrieg traf die Gemeinde schwer; im ersten „Gemeindegruß" von 1949 hieß es, sie habe „von allen Münchener Gemeinden die größten Zerstörungen erlitten". Vom Höchststand von rund 20.000 Mitgliedern (1902) ist die Gemeinde auf heute etwa 5.800 geschrumpft. St. Markus versteht sich heute als City- und Universitätskirche mit ausgeprägtem Kunst- und Musikprofil — von der Ära des Organisten Karl Richter und seines Bach-Chors (ab 1951) bis zur Gesprächsreihe im Dialog mit der Pinakothek der Moderne. Als Sitz des evangelisch-lutherischen Dekanatsbezirks München bleibt sie ein Zentrum des Viertels.

Medien · C

„Senkrecht von oben" — München als theologisches Zentrum

Der reformatorische Impuls, Theologie über Medien zu verbreiten, wirkt in der Maxvorstadt bis heute nach. Herausragend war der Christian Kaiser Verlag (gegründet München 1844). Unter dem Verleger Albert Lempp wurde er zum Sprachrohr der Dialektischen Theologie: Hier erschien 1922 die zweite, epochemachende Auflage von Karl Barths Römerbrief ebenso wie die Zeitschrift Zwischen den Zeiten (1922–1933) und die Reihe Theologische Existenz heute (1933–1941). Der Verlag, dessen Cheflektor Georg Merz ab 1926 zugleich eine Pfarrstelle an St. Markus innehatte, machte München zu einem theologischen Zentrum Deutschlands, „ohne dass es hier vor Ort eine Evangelisch-Theologische Fakultät gegeben hätte".

In der NS-Zeit druckte der Verlag Schriften der Bekennenden Kirche; 1943 wurde er verboten. Nach 1945 erschien hier Dietrich Bonhoeffers Widerstand und Ergebung. Die evangelische Publizistik blieb dem Viertel treu: vom Evangelischen Sonntagsblatt für Bayern über den Evangelischen Presseverband für Bayern bis zu Rundfunk- und Fernsehformaten.

Diakonie in der Maxvorstadt

Auf die soziale Verelendung der wachsenden Großstadt antwortete der Protestantismus mit Fürsorge. Dekan Karl Buchrucker, ein bayerischer Pionier der evangelischen Wohlfahrt, gründete 1884 den „Verein für Innere Mission". Schon seit 1867 bestand in unmittelbarer Nachbarschaft der späteren Markusgemeinde eine evangelische Diakonissenanstalt für Krankenpflege (Arcisstraße 31–33, Heßstraße 22) — als evangelisches Pendant zu den katholischen Barmherzigen Schwestern.

Das Erziehungsideal war streng: Eine angeschlossene Bildungsschule sollte „confirmierte Mädchen zu gottesfürchtigen, fleißigen und brauchbaren Dienstboten erziehen". Es ging um die „Rettung" des Einzelnen, nicht um gesellschaftliche Strukturreform. Aus diesen Anfängen entwickelte sich über den Diakonieverein St. Markus (1918) das heutige Diakoniewerk München-Maxvorstadt.

Evangelische Kirche und Nationalsozialismus

Die mehrheitlich nationalkonservativen Protestanten begrüßten 1933 zunächst den „nationalen Aufbruch"; gegen die Eröffnung des KZ Dachau im März 1933 gab es kaum Protest. Erst die zunehmend antikirchliche NS-Politik ab 1935 brachte Ernüchterung und stärkte die Bekennende Kirche. Ausgerechnet im Machtzentrum der NSDAP konzentrierte sich aber auch ein hohes christliches Widerstandspotenzial.

Der Verleger Albert Lempp und sein „Lemppscher Kreis" halfen rassisch verfolgten Juden. Hans und Sophie Scholl von der Weißen Rose waren evangelischen Glaubens. Der evangelische Hitler-Attentäter Georg Elser wohnte zuletzt in der Türkenstraße 94 und arbeitete als Schreiner im Viertel — der Georg-Elser-Platz erinnert mit einer Lichtinstallation an ihn, die jede Nacht um 21:20 Uhr aufleuchtet. Auch Dietrich Bonhoeffer hatte über die Abwehr eine Dienstadresse in der Schönfeldstraße.

Das Landeskirchenamt und der Fall Meiser

Die Nähe zum NSDAP-Machtbereich am Königsplatz wurde 1934 zum Politikum. Landesbischof Hans Meiser wehrte sich gegen die reichskirchliche Gleichschaltung durch den deutschchristlichen Reichsbischof Ludwig Müller. Nach Hetzkampagnen und Rücktrittsforderungen wurde Meiser am 11. Oktober 1934 abgesetzt und unter Arrest gestellt. Es folgte ein „frommer Volksaufstand" bayerischer Protestanten, der seine Rehabilitierung erzwang — bis hin zum Empfang bei Hitler am 30. Oktober 1934.

Meisers Person bleibt zwiespältig: einer antisemitischen Schrift von 1926 und manchem Opportunismus stehen die Bewahrung der kirchlichen Eigenständigkeit und Hilfe für Pfarrer jüdischer Herkunft gegenüber. Diese Spannung führte 2010 zur Umbenennung der Meiserstraße in Katharina-von-Bora-Straße (Stadtratsbeschluss 2007, vollzogen Mai 2010). Das Landeskirchenamt ist damit, wie Oelke schreibt, „ein erinnerungskultureller Lernort im besten Sinne".

Wissenschaft · G

Evangelische Theologie an der LMU

Protestantische Spuren an der Ludwig-Maximilians-Universität reichen vom Forschungsethos einzelner — etwa des Physikers Wilhelm Conrad Röntgen, der auf eine Patentierung seiner Entdeckung verzichtete — bis zur Evangelisch-Theologischen Fakultät, die 1967 als dritte Ausbildungsstätte für evangelische Theologie in Bayern (neben Erlangen und Neuendettelsau) gegründet wurde. Seit 2010 teilt sie sich mit der katholischen Fakultät das „Theologicum". Bekannte Theologen wie Trutz Rendtorff und Wolfhart Pannenberg lehrten hier.

Die LMU besitzt damit ein bundesweites Alleinstellungsmerkmal: Sie ist der einzige Wissenschaftsstandort Deutschlands, an dem die drei großen konfessionellen Theologien — die katholische, die evangelische und die orthodoxe — gemeinsam vertreten sind. Über allem steht das protestantische Bildungsideal Luthers: „Wenn Schulen zunehmen, so stehet's wohl."

Stimmen

Worte

„Unsere Gemeinde ist durch Krieg und seine furchtbaren Folgen viel kleiner geworden … sie hat von allen Münchener Gemeinden die größten Zerstörungen erlitten; ganze Straßenviertel sind leere Flächen."— Gemeindegruß St. Markus, 1949
„Das heutige Landeskirchenamt mit dem Sitz des Landesbischofs ist ein erinnerungskultureller Lernort im besten Sinne."— Harry Oelke · Die Maxvorstadt – protestantisch gesehen, 2015
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