Viertel / Karte 1 · Osten

Univiertel

Die östliche Hälfte der Maxvorstadt. Klenze und Gärtner haben sie monumental gedacht, Ludwig I. hat sie bestellt, die LMU hat sie mit Leben gefüllt. Heute drücken rund 50.000 Studierende und ein Dutzend Verlage, Ministerien und Akademien dem Areal um die Ludwigstraße ihren Stempel auf — zwischen Siegestor und Odeonsplatz, zwischen Türkenstraße und Englischem Garten.

Geschichte

Wo heute Hörsäle stehen, lagen vor 1800 Wiesen, Gärten und Felder vor den Toren der Stadt. Erst das Ediktum vom 6. Juli 1808 öffnete das Areal jenseits des Schwabinger Tors für eine geplante Stadterweiterung — benannt nach dem auftraggebenden König Max I. Joseph. Sein Sohn und Nachfolger Ludwig I. machte aus dem Plan ein Programm: München sollte „eine Stadt werden, die Deutschland zur Ehre gereichen soll".

Die Hauptarbeit übernahmen zwei Architekten, die einander herzlich misstrauten: Leo von Klenze, der antikisierende Klassizist, und Friedrich von Gärtner, der bevorzugte Italien als Vorbild. Auf der Ludwigstraße haben sich beide verewigt. Gärtner zeichnete für den nördlichen Abschnitt verantwortlich — die Ludwig-Maximilians-Universität, die Bayerische Staatsbibliothek, die Ludwigskirche, das Siegestor (1850 fertiggestellt). Klenze gestaltete den südlichen Abschnitt mit Feldherrnhalle und Odeon. Die Ludwigstraße wurde so zur ersten konsequent geplanten Prachtstraße einer deutschen Großstadt — und blieb es bis heute.

1826 verlegte Ludwig I. die Landshuter Hochschule nach München. Damit war das Quartier nicht mehr nur Repräsentationsbühne, sondern Studienort — eine Verbindung, die das östliche Areal bis heute prägt. Die LMU wuchs, mit ihr wuchsen Buchhandlungen, Cafés und Wohnheime in den Nebenstraßen. Aus der Ludwigstraße wurde ein Forum, aus der Türkenstraße und der Schellingstraße wurde das studentische Backstage.

Die NS-Zeit traf das Univiertel mit aller Härte. Am Geschwister-Scholl-Platz vor der LMU verteilten Hans und Sophie Scholl im Februar 1943 Flugblätter der Weißen Rose — wurden gestellt, verhaftet, vier Tage später hingerichtet. Die heutige Bodenpastille mit dem ausgestreuten Flugblatt-Faksimile gehört zu den emotionalsten Erinnerungsorten Münchens. Nach den Luftangriffen lag die Ludwigstraße in Trümmern; ihr Wiederaufbau bewahrte die Klenze- und Gärtner-Fassaden, hinter denen heute Universität, Bibliothek, Akademie und drei Ministerien wieder arbeiten, als hätte es die Zäsur nie gegeben.

Bedeutung

Das Univiertel ist heute das politisch-akademische Zentrum Bayerns. An der Ludwigstraße residieren das Bayerische Staatsministerium der Finanzen und für Heimat, das Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie sowie das Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst — alle drei in Gärtners ehemaligen Adelsbauten. Schräg gegenüber: die Bayerische Staatsbibliothek mit über 11 Millionen Bänden, eine der größten Bibliotheken Deutschlands.

Akademisch ist das Viertel Deutschlands Nummer 1. Die LMU belegt im Times-Higher-Education-Ranking 2024 weltweit Platz 33 und führt das deutsche Universitätsranking an. Dazu kommen die Akademie der Bildenden Künste, die Hochschule für Philosophie, die Hochschule für Musik und Theater und die Hochschule für Politik. Zusammen bewegen sich rund 60.000 Studierende täglich im Univiertel — in den Hörsälen, auf den Treppen vor der Universitätsbibliothek, in den Cafés der Schellingstraße.

Das Wohnen schiebt sich in die Lücken zwischen Forum und Campus. Türkenstraße, Schellingstraße, Amalienstraße — drei der teuersten Adressen Münchens, weil hier alles dicht beieinander liegt: Vorlesung, Kaffee, Pinakothek, Englischer Garten. Eine 80-m²-Wohnung kostet hier 1,2 Millionen Euro aufwärts.

Querverweise

Weiterlesen
im Viertel.

Es lebe die
Freiheit!
Hans Scholl · vor dem Volksgerichtshof, 22. Februar 1943