Jüdische
Maxvorstadt
Vom blühenden bürgerlichen Salon zur Auslöschung — und zurück in die Mitte der Stadt. Zwischen Arcisstraße 12, Brienner Straße und St.-Jakobs-Platz lässt sich Münchens jüdische Geschichte als Stadttopografie lesen: vor 1933, zwischen 1933 und 1945, seit 1945 — und heute.
- Vor 1933 — bürgerliche Blüte
- Das Palais Pringsheim
- Feuchtwanger, Wolfskehl, der George-Kreis
- Bernheimer, Heinemann, Thannhauser
- Die Synagogen
- 1933–1945 — Vertreibung, Abbruch, Deportation
- Erinnerungszeichen
- Heute — Jakobsplatz, IKG, Museum
- Israel am Karolinenplatz
- Yad Vashem am Karolinenplatz (2026)
- Quellen
Eine bürgerliche Topografie
Zwischen 1860 und 1933 wuchs in München eine jüdische Gemeinde, die im Bildungsbürgertum, in Wissenschaft, Kunsthandel und Verlagswesen weit überproportional sichtbar war. Ein erheblicher Teil dieses Lebens spielte sich in der Maxvorstadt ab: an der Arcisstraße, in der Georgenstraße, in der Türkenstraße, an der Brienner Straße, an Leopold- und Römerstraße. Salons, Galerien und Verlagshäuser bildeten ein dichtes Netz, dessen Spuren bis heute lesbar sind — meist als Leerstelle, manchmal als Erinnerungszeichen, gelegentlich als Bauwerk.
Diese Seite versucht, drei Zeitebenen sichtbar zu machen: das selbstverständliche jüdische Leben vor 1933, die systematische Auslöschung zwischen 1933 und 1945 — und das Wieder-Sichtbarwerden seit dem Bau des Jüdischen Zentrums am St.-Jakobs-Platz im Jahr 2006. Die NS-Zeit selbst — mit „Hauptstadt der Bewegung", Braunem Haus, Parteiviertel — ist auf einer eigenen Seite dargestellt.
Alfred und Hedwig Pringsheim
Alfred Pringsheim (1850–1941), Mathematiker an der LMU, leidenschaftlicher Wagner-Verehrer und Großsammler italienischer Majolika. Hedwig Pringsheim (1855–1942), geborene Dohm, Tochter der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm — Schauspielerin, Salonnière, Tagebuchschreiberin. Verheiratet seit 1878. 1890 beziehen sie das Palais an der Arcisstraße 12, gegenüber dem Königsplatz.
Katia & Thomas Mann
Tochter Katia Pringsheim heiratet am 11. Februar 1905 Thomas Mann. Thomas Mann verarbeitet das Pringsheim-Milieu in der Novelle Wälsungenblut (1905/06) — mit so durchsichtigen Porträts, dass es den Schwiegervater verstimmt. Über die Pringsheims schreibt Mann 1904 an seinen Bruder Heinrich: „Kein Gedanke an Judenthum kommt auf, diesen Leuten gegenüber; man spürt nichts als Kultur."
Das Palais an der Arcisstraße 12
1889/90 erbaut, drei Geschosse, Neorenaissance — das Palais Pringsheim war einer der bedeutendsten Salons der wilhelminischen Münchner Gesellschaft. Bei den Konzertabenden saßen Wagner-Vertraute neben Münchner Hocharistokratie; in der Bibliothek hingen Werke aus Pringsheims berühmter Majolika-Sammlung. Es war, mit Hedwig Dohms Worten in ihren Tagebüchern, ein Ort, an dem „die Künste mit dem bürgerlichen Geld" einander begegneten.
1933, im selben Jahr der Machtübernahme, beginnt die NSDAP das Areal direkt am Königsplatz für ihr „Parteiviertel" zu beanspruchen. Alfred Pringsheim, damals 83 Jahre alt, wird zum Verkauf gedrängt. Im November 1933 wird das Palais Pringsheim abgerissen. Auf dem Grundstück errichtet Paul Ludwig Troost zwischen 1933 und 1937 den Führerbau — heute Hochschule für Musik und Theater München, weiterhin unter der Adresse Arcisstraße 12. Im Führerbau wurde am 29./30. September 1938 das Münchner Abkommen unterzeichnet.
Die Pringsheims wohnen nach dem Verkauf zur Miete am Maximiliansplatz 12. Im Oktober 1939 emigrieren sie, beide hochbetagt, in die Schweiz. Beide sterben in Zürich — Alfred 1941, Hedwig 1942.
Lion Feuchtwanger
1884 in München in eine orthodox-jüdische Familie geboren, wohnt Lion Feuchtwanger von 1918 bis 1925 in der Georgenstraße 24, 3. Stock, an der Grenze zwischen Maxvorstadt und Schwabing. In der Wohnung gehen Bertolt Brecht, Thomas und Heinrich Mann ein und aus; hier entstehen erste Entwürfe zu Jud Süß (1925) und zum Schlüsselroman Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz (1930), in dem Feuchtwanger den Hitler-Putsch und das antisemitische Klima im bayerischen München literarisch protokolliert.
1925 zieht das Paar nach Berlin. Während Feuchtwanger 1932/33 auf Vortragsreise in den USA ist, wird sein Berliner Haus geplündert; 1933 wird er ausgebürgert, die LMU entzieht ihm den Doktorgrad. Exil in Frankreich, Internierung 1940, schließlich Pacific Palisades (Kalifornien), wo er 1958 stirbt.
Karl Wolfskehl und der George-Kreis
Karl Wolfskehl (1869–1948), Dichter und Mittelpunkt des George-Kreises, ist von 1900 bis 1921 in der Maxvorstadt-Schwabinger Übergangszone zu Hause: Leopoldstraße 51 (1900–1904), Leopoldstraße 87 (1904–1909), Römerstraße 16 (1909–1921). Die „Jours" bei Hanna und Karl Wolfskehl sind eine der prägenden literarisch-künstlerischen Versammlungen Münchens; Stefan George verbringt regelmäßig Wochen bei den Wolfskehls.
Wolfskehl verlässt Deutschland 1933 in die Schweiz, 1934 nach Italien, 1938 schließlich nach Neuseeland, wo er 1948 stirbt. 1937/38 verkauft er seine rund 9.000-bändige Bibliothek an Salman Schocken — sie wird 1938 nach Jerusalem transferiert und ist heute Teil der Israelischen Nationalbibliothek.
Walter Benjamin an der LMU
Im Wintersemester 1915/16 studiert Walter Benjamin an der Ludwig-Maximilians-Universität. Es ist eine kurze Münchner Episode, aber sie weist auf das jüdische Profil der LMU dieser Jahre: Mathematik, Philosophie, Kunstgeschichte, Klassische Philologie — viele Lehrstühle sind durch jüdische Gelehrte mitgeprägt, bis 1933 fast alle entfernt werden.
Kunsthandel
und Verlag.
- № 01 L. Bernheimer · Lenbachplatz 3
- № 02 Galerie Heinemann · Lenbachplatz 5/6
- № 03 Galerie Heinrich Thannhauser („Moderne Galerie")
- № 04 Verlag Reinhardt & andere
Bernheimer-Haus, Lenbachplatz 3
1864 gegründet, ab 1887 in dem nach ihm benannten Haus am Lenbachplatz — L. Bernheimer war eines der renommiertesten Häuser Europas für Wohnungsausstattungen, Antiquitäten, Teppiche und Tapisserien. Inhaber Otto Bernheimer und seine Söhne Paul und Ludwig werden in der Pogromnacht 9./10. November 1938 ins KZ Dachau verschleppt; das Geschäft wird geplündert und durch den von Gauleiter Adolf Wagner eingesetzten „Treuhänder" Karl Löscher „arisiert".
Otto Bernheimer, der zugleich mexikanischer Honorarkonsul war, kommt durch Intervention der mexikanischen Regierung frei. Die Familie flieht im April 1939 nach Venezuela. Im August 1945 kehrt Otto Bernheimer nach München zurück und baut das Haus wieder auf.
Galerie Heinemann, Lenbachplatz 5/6
Gegründet 1872 von David Heinemann, war die Galerie Heinemann bis 1938 eine der bedeutendsten Adressen für Malerei des 19. Jahrhunderts und der Münchner Schule. Der 1904 von Emanuel von Seidl errichtete Galerie-Neubau wurde 1938 „arisiert"; die Familie überlebt im Exil, das Geschäft wird nicht wiederaufgebaut. Die Bestände wurden in den 2000er Jahren Gegenstand intensiver Provenienzforschung.
Alte Hauptsynagoge, Herzog-Max-Straße
1887 von Albert Schmidt eingeweiht, mit über 1.000 Plätzen einer der größten Synagogenbauten Deutschlands. Sie stand südlich des Lenbachplatzes, direkt am Rand der Altstadt, in unmittelbarer Sichtachse zur Maxvorstadt. Am 8. Juni 1938 wird der Israelitischen Kultusgemeinde mitgeteilt, das Gebäude noch am selben Tag für 100.000 Reichsmark zu räumen. Am 9. Juni 1938 beginnt der Abbruch auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers — fünf Monate vor der Reichspogromnacht. Vorwand: „verkehrstechnische Gründe". Ausführende Firma: Leonhard Moll. Hitlers Frist: Die Synagoge sollte bis zum „Tag der deutschen Kunst" am 9. Juli 1938 verschwunden sein. Damit war es die erste in Deutschland von den Nationalsozialisten zerstörte Synagoge.
Seit 1969 erinnert ein Gedenkstein von Herbert Peters an der Ecke Herzog-Max-Straße/Maxburgstraße an die zerstörte Synagoge. 2006 wurden bei Bauarbeiten Trümmerteile geborgen.
Alte Ohel Jakob, Herzog-Rudolf-Straße 3
Die orthodoxe Synagoge der IKG, 1892 von August Exter eingeweiht. In der Pogromnacht 9./10. November 1938 vom „Stoßtrupp Adolf Hitler" in Brand gesetzt; der Abriss der Ruine im März 1939 wurde auf städtische Anordnung der jüdischen Gemeinde in Rechnung gestellt. Heute Gedenktafel am Standort. Der Name Ohel Jakob wurde 2006 für die neue Hauptsynagoge am Jakobsplatz wieder aufgenommen.
Synagoge Reichenbachstraße 27 — Bauhaus-Juwel
Außerhalb der Maxvorstadt, in der Isarvorstadt — aber für den Münchner Faden zentral: 1931 eröffnete Bauhaus-Synagoge, die als einzige Münchner Synagoge die NS-Zeit baulich überlebte. Sie diente von 1947 bis 2006 als Hauptsynagoge der IKG. Nach mehr als einem Jahrzehnt Restaurierung wurde sie am 15. September 2025 wieder eröffnet — ein Projekt, das wesentlich auf die Initiative von Rachel Salamander zurückgeht.
Neue Ohel Jakob, St.-Jakobs-Platz
Am 9. November 2006 — dem 68. Jahrestag der Reichspogromnacht — wird die neue Hauptsynagoge am St.-Jakobs-Platz eingeweiht. Architekten: Wandel Hoefer Lorch + Hirsch aus Saarbrücken. Travertin-Sockel als Zelt-Symbolik („Ohel" = Zelt), gläserner Davidstern-Aufsatz. Teil des dreigliedrigen Jüdischen Zentrums (Synagoge, Gemeindezentrum, Museum). Wenige Schritte von der zerstörten Hauptsynagoge der Herzog-Max-Straße entfernt — und auf der Stadtkarte ein deutliches Signal: jüdisches Leben in der Mitte der Stadt.
Vertreibung in Stein
Das NSDAP-„Parteiviertel" wurde nicht auf leerem Grund errichtet. Es ersetzte ein bürgerlich-jüdisches München: Das Pringsheim-Palais (Arcisstraße 12) wich dem Führerbau, das Barlow-Palais (Brienner Straße 45) wurde zum Braunen Haus, weitere Villen jüdischer Familien wurden zwangsverkauft, abgerissen oder umgewidmet. Wer heute zwischen Königsplatz und Karolinenplatz steht, blickt auf eine doppelt überschriebene Stadtschicht: erst jüdisch, dann nationalsozialistisch — und seit 1945 wieder etwas anderes.
Mehr zur NS-Topografie der Maxvorstadt im eigenen Kapitel — mit interaktiver Karte und neun Schauplätzen.
Deportationen 1941–1945
Ab Ende 1941 wurde das Barackenlager an der Knorrstraße 148 in Milbertshofen zur zentralen Sammelstelle für die Deportation Münchner Juden. Der erste Transport am 20. November 1941 verschleppte rund 1.000 Münchnerinnen und Münchner zum Güterbahnhof Milbertshofen, von dort nach Kaunas (Kowno) — wo sie am 25. November 1941 erschossen wurden. Es folgten 35 weitere Transporte. Insgesamt wurden über München rund 3.450 Menschen deportiert, etwa 2.500 aus München selbst; rund 3.000 Münchner Jüdinnen und Juden wurden ermordet.
Wir sind wiederCharlotte Knobloch · Einweihung Ohel Jakob · 9. November 2006
sichtbar in der
Mitte der Stadt.
68 Jahre nach der Pogromnacht öffnet am Jakobsplatz die neue Hauptsynagoge der IKG München — wenige Schritte von der Stelle, an der die alte Synagoge stand, bevor Hitler im Juni 1938 ihren Abbruch befahl.
Eine Münchner Eigenform
Anders als die meisten deutschen Städte hat München sich nach langer Debatte gegen das Stolperstein-System Gunter Demnigs entschieden — vor allem auf Drängen der IKG, die das Treten auf Namen der Opfer als unwürdig empfindet. Stattdessen beschloss der Münchner Stadtrat 2015 das Programm „Erinnerungszeichen": Stelen oder Wandtafeln auf Augenhöhe, an den letzten frei gewählten Wohnadressen der Opfer. Träger ist die Landeshauptstadt München. Umsetzung seit 2018.
Stand Oktober 2025: 331 Erinnerungszeichen sind im Stadtgebiet gesetzt. Allein im Oktober 2025 kamen 14 neue Standorte in Schwabing und der Maxvorstadt hinzu, zwölf davon für jüdische Verfolgte. Die Standorte sind auf map.erinnerungszeichen.de kartiert.
NS-Dokumentationszentrum
Auf dem ehemaligen Grundstück des Braunen Hauses, Brienner Straße 34/Max-Mannheimer-Platz 1, wurde am 30. April 2015 — dem 70. Jahrestag der Befreiung Münchens — das NS-Dokumentationszentrum eröffnet. Kubischer Bau von Georg Scheel Wetzel Architekten, vier Geschosse Dauerausstellung „München und der Nationalsozialismus". Gründungsdirektor: Winfried Nerdinger.
Platz der Opfer des Nationalsozialismus
An der Ecke Brienner Straße/Maximiliansplatz: 1946 vom Stadtrat benannt, 1985 mit einem Mahnmal von Andreas Sobeck versehen (Basaltstele, Stahlgitter-Würfel, ewige Flamme). 2012–2014 neu gestaltet, mit einer 18,5 m langen Bronzeplatte und der Inschrift „In Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft".
Jüdisches Leben
in der Stadt.
St.-Jakobs-Platz 18 · rund 9.500 Mitglieder · zweitgrößte jüdische Gemeinde Deutschlands. Präsidentin Dr. h.c. mult. Charlotte Knobloch seit 1985.
Museum
St.-Jakobs-Platz 16 · eröffnet 22. März 2007 · Architektur Wandel Hoefer Lorch · Träger: Landeshauptstadt München.
St.-Jakobs-Platz · eingeweiht 9. November 2006 · Travertin-Sockel mit Davidstern-Glasaufsatz · Zelt-Symbolik.
Jüdische Geschichte
Geschwister-Scholl-Platz 1 · 1997 als erster Lehrstuhl seiner Art in Deutschland eingerichtet · Inhaber: Prof. Dr. Michael Brenner.
Israelische
Gesellschaft
Arbeitsgemeinschaft München. Bundes-DIG seit 1966, Präsident seit 2022 Volker Beck. Vorträge, Lesungen, Schüleraustausch. Der Betreiber dieser Seite ist stellvertretender Vorsitzender der DIG-Arbeitsgemeinschaft München.
Brienner Straße 34 · eröffnet 30. April 2015 auf dem Grundstück des Braunen Hauses. Architektur Georg Scheel Wetzel.
Education Center
Erstes Bildungszentrum von Yad Vashem außerhalb Israels · Entscheidung 28. Mai 2026 für den Standort Karolinenplatz in der Maxvorstadt · Eröffnung in drei Jahren · zusätzliche Außenstelle in Leipzig · Schwerpunkt: Lehrkräftefortbildung.
Israel am Karolinenplatz
Das Generalkonsulat des Staates Israel für Süddeutschland wurde am 8. April 2011 von Ministerpräsident Horst Seehofer und Außenminister Avigdor Lieberman eröffnet — als einziges Generalkonsulat Israels in Europa. Konsularbezirk: Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland. Erster Generalkonsul: Tibor Shalev-Schlosser. Nach einem provisorischen Sitz in der Brienner Straße 19 bezog das Konsulat einen Neubau am Karolinenplatz, unmittelbar neben dem NS-Dokumentationszentrum.
Die symbolische Topografie ist offenkundig und gewollt: Karolinenplatz und Brienner Straße bildeten zwischen 1933 und 1945 das Zentrum des NSDAP-„Parteiviertels". Wenige Schritte vom Standort des Braunen Hauses entfernt residiert heute der jüdische Staat. Der ehemalige Wittelsbacher Brunnen, das ehemalige Braune Haus, der Führerbau, das Pringsheim-Palais — und das Generalkonsulat: alle innerhalb weniger Minuten Fußweg.
Sicherheit und Anschlag 2024
Das Generalkonsulat steht unter permanenter 24/7-Bewachung durch die Münchner Polizei. Am 5. September 2024 — dem 52. Jahrestag des Olympia-Attentats von 1972 — eröffnete ein 18-jähriger Österreicher mit Repetierbüchse vor dem Konsulat und dem NS-Dokumentationszentrum das Feuer. Der Täter wurde von Polizeikräften erschossen, auf Seite des Konsulats gab es keine Opfer. Die Behörden gingen von einem terroristischen Hintergrund aus.
Auch die Geschichte trägt: 1970 wurden bei einem ungeklärten Brandanschlag auf das Münchner Altenheim der IKG (Reichenbachstraße) sieben Menschen getötet — der Anschlag ist bis heute nicht abschließend aufgeklärt; der Verdacht richtete sich auf rechtsextreme Täter.
Entscheidung vom 28. Mai 2026
Das World Holocaust Remembrance Center Yad Vashem errichtet sein erstes Education Center außerhalb Israels am Karolinenplatz im Zentrum von München. Das gab Yad Vashem am 28. Mai 2026 in einer Pressemitteilung des Freundeskreises Yad Vashem e.V. bekannt. Vorsitzender des Freundeskreises ist Kai Diekmann.
Damit endet ein dreijähriger Vorlauf: Die Idee eines deutschen Yad-Vashem-Bildungszentrums geht auf ein Treffen zwischen Yad-Vashem-Vorsitzendem Dani Dayan und dem damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz im Jahr 2023 zurück. Im September 2025 teilte Yad Vashem mit, dass nach einer ersten Machbarkeitsstudie Bayern, Sachsen und Nordrhein-Westfalen in die engere Wahl gekommen seien; es folgten intensive Recherchen, zwei Besichtigungen vor Ort und Konsultationen mit Behörden und Partnern.
Auswahlkriterien
Ausschlaggebend für die Wahl Münchens waren laut Yad Vashem die strategische Lage innerhalb Deutschlands und Europas, die adäquate Infrastruktur, ein hoher Sicherheitsstandard, das Integrationspotenzial in das bestehende Bildungssystem, das dichte Netzwerk relevanter Institutionen in der Region, die besondere historische Signifikanz Münchens — und nicht zuletzt die finanzielle Zusicherung der Bayerischen Staatsregierung. Die Bayerische Staatsregierung um Ministerpräsident Markus Söder hatte sich seit Jahren für den Standort engagiert.
Auftrag: Lehrkräfte, Holocaust-Bildung, Antisemitismus-Prävention
Das Zentrum richtet sich nach Angaben von Yad Vashem an ein bundesweites Publikum und an die Nachbarländer, mit besonderem Schwerpunkt auf Pädagoginnen und Pädagogen. Ziele sind die Stärkung der Holocaust- und Demokratiebildung in einer Zeit zunehmender Geschichtsverzerrung und Antisemitismus, die Entwicklung pädagogischer Materialien und Multiplikatorenfortbildungen sowie die Vermittlung der „Perspektive der Opfer" (Karin Prien). Yad Vashem unterhält bereits Kooperationsabkommen mit allen 16 Bundesländern und hat über die Jahre Tausende deutsche Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie Führungspersonen aus dem öffentlichen Leben geschult.
Parallel zum Münchner Zentrum richtet Yad Vashem eine zusätzliche Außenstelle in Leipzig ein — eine kleinere Einrichtung mit interaktiven Lernräumen für Pädagoginnen und Pädagogen in Mitteldeutschland und den Nachbarländern. Die langjährige Bildungspartnerschaft mit Nordrhein-Westfalen wird ausgebaut; gemeinsam soll daraus ein bundesweites Kooperationsmodell entstehen. Die Eröffnung des Münchner Zentrums ist innerhalb von drei Jahren vorgesehen.
Topografie in der Maxvorstadt
Der Karolinenplatz liegt in der Maxvorstadt, unmittelbar im ehemaligen NSDAP-„Parteiviertel". Damit reiht sich das Yad-Vashem-Education-Center in eine europaweit einzigartige Dichte einschlägiger Institutionen ein, alle innerhalb weniger Minuten Fußweg: das NS-Dokumentationszentrum an der Brienner Straße 34 auf dem Grundstück des Braunen Hauses, das Generalkonsulat des Staates Israel ebenfalls am Karolinenplatz, der Königsplatz als ehemaliges Zentrum des Parteiviertels, die Hochschule für Musik und Theater im ehemaligen Führerbau (Arcisstraße 12, vormals Palais Pringsheim) und der LMU-Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur von Prof. Michael Brenner. Auch das Jüdische Zentrum am St.-Jakobs-Platz mit der Hauptsynagoge Ohel Jakob, dem Jüdischen Museum und der IKG ist nur wenige hundert Meter entfernt — wenn auch bereits jenseits der Maxvorstadt.
Stimmen
„Die Wahl Münchens, der Geburtsstätte der NSDAP, hat eine tiefe symbolische Bedeutung und spiegelt wider, wie wichtig es ist, sich dieser Geschichte dort zu stellen, wo sie ihren Anfang nahm. […] Durch dieses Bildungszentrum wird Yad Vashem seinen besonderen pädagogischen Ansatz nach Deutschland bringen, und dies zu einem kritischen Zeitpunkt, an dem Relativierung, Instrumentalisierung oder Leugnung des Holocaust sowie Antisemitismus zunehmen." — Dani Dayan, Vorsitzender Yad Vashem · 28. Mai 2026
„Dass das Auswahlgremium aus Yad Vashem einen Standort im ehemaligen Parteiviertel der NSDAP in München für das Bildungszentrum ausgewählt hat, zeigt die geschichtsträchtigen Voraussetzungen, die Bayern hier für Partner und Wissenschaft bietet. Die pädagogische Erfahrung von Yad Vashem bietet eine einzigartige Chance, durch innovative Bildungsformate die Perspektive der Opfer noch wirksamer zu vermitteln und Multiplikatoren für die ganze Republik auszubilden." — Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend · 28. Mai 2026
„Dies spiegelt das tiefe Vertrauen zwischen Yad Vashem und Deutschland wider und baut auf einer langjährigen erfolgreichen Zusammenarbeit auf." — Kai Diekmann, Vorsitzender Freundeskreis Yad Vashem e.V.
Einordnung dieser Seite
Diese Meldung wird nach Vorliegen weiterer Details (genaue Liegenschaft, Trägerschaft, Programmprofil, Eröffnungsdatum) hier fortgeschrieben. Primärquelle ist die Pressemitteilung des Freundeskreises Yad Vashem e.V. vom 28. Mai 2026.
Zwölf Daten.
Galerie Heinemann
Gründung am Maximiliansplatz, ab 1904 Galerie-Neubau am Lenbachplatz 5/6.
Hauptsynagoge eingeweiht
Albert Schmidts neuromanischer Bau in der Herzog-Max-Straße — einer der größten Synagogenbauten Deutschlands.
Palais Pringsheim
Alfred und Hedwig Pringsheim beziehen das Neorenaissance-Palais an der Arcisstraße 12.
Hochzeit Mann × Pringsheim
Thomas Mann heiratet am 11. Februar Katia Pringsheim.
Kandinsky bei Thannhauser
Die „Moderne Galerie" Heinrich Thannhauser zeigt die erste Kandinsky-Retrospektive — Geburtsstunde des Blauen Reiters.
Palais Pringsheim abgerissen
Zwangsverkauf an die NSDAP. November: Abriss. Bis 1937 errichtet Paul Ludwig Troost den Führerbau.
Hauptsynagoge zerstört
Hitlers Befehl: Abbruch durch die Firma Leonhard Moll. Die erste in Deutschland zerstörte Synagoge — fünf Monate vor der Pogromnacht.
Pogromnacht in München
Brandstiftung an der Synagoge Ohel Jakob, Plünderung Bernheimer, Verschleppung Otto Bernheimers und seiner Söhne ins KZ Dachau.
Erste Deportation
Rund 1.000 Münchner Jüdinnen und Juden werden vom Sammellager Milbertshofen nach Kaunas verschleppt — und dort am 25. November erschossen.
Ohel Jakob neu
Einweihung der neuen Hauptsynagoge am St.-Jakobs-Platz am 9. November — 68. Jahrestag der Pogromnacht.
Israelisches Generalkonsulat
Eröffnung im April durch Seehofer und Lieberman — das einzige Generalkonsulat Israels in Europa.
NS-Dokumentationszentrum
Eröffnung am 70. Jahrestag der Befreiung Münchens auf dem Grundstück des Braunen Hauses.
Yad Vashem am Karolinenplatz
Yad Vashem entscheidet sich für den Karolinenplatz in der Maxvorstadt als Standort des ersten Education Centers außerhalb Israels — gegen Mitbewerber aus Nordrhein-Westfalen und Sachsen. Zusätzliche Außenstelle in Leipzig, ausgebaute Partnerschaft mit NRW. Eröffnung innerhalb von drei Jahren.
„Kein Gedanke an Judenthum kommt auf, diesen Leuten gegenüber; man spürt nichts als Kultur." — Thomas Mann an Heinrich Mann · 27. Februar 1904 (über die Pringsheims)
„Der Führer hat es befohlen, es gibt keinen Widerspruch! Er will das Gebäude nicht mehr sehen!" — NS-Begründung gegenüber der IKG zur Sprengung der Hauptsynagoge · 8. Juni 1938 (überliefert in der Sekundärliteratur)
In eigener Sache.
Der Betreiber dieser Seite, Dr. Thomas Prüm, ist stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Arbeitsgemeinschaft München. Diese Seite ist privat motiviert und gibt nicht die Position der DIG wieder.
Weiterführend.
- / AIsraelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern
- / BJüdisches Museum München
- / CNS-Dokumentationszentrum München
- / DGedenkbuch München
- / EErinnerungszeichen München · Kartenanwendung
- / FGeneralkonsulat des Staates Israel · München
- / GDeutsch-Israelische Gesellschaft · Arbeitsgemeinschaft München
- / G2Pressemitteilung Freundeskreis Yad Vashem e.V. · Bildungszentrum am Karolinenplatz
- / HLehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur · LMU
- / IHedwig Pringsheim · Tagebücher, 5 Bände
- / JAlexander Krause · „Arcisstraße 12"
- / KMunichArtToGo · Zentralinstitut für Kunstgeschichte
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Die jüdische Geschichte der Maxvorstadt ist verstreut dokumentiert. Über Ergänzungen, Korrekturen, Familiengeschichten freuen wir uns.