Geschichte / NS-Zeit / Königsplatz

Königs­platz

Vom klassizistischen Forum Klenzes wird 1934/35 der zentrale Aufmarschplatz der NSDAP — der „Plattensee", auf dem Bücher brannten und die „Blutzeugen" der Bewegung lagen. Nach Sprengung der Ehrentempel 1947 vier Jahrzehnte Parkplatz, seit 1988 wieder Wiese — und seit 2015 Ort der Aufarbeitung.

1816–1862 · Klenze · Ziebland 10. Mai 1933 · Bücherverbrennung 1934/35 · Troost-Umbau 20.000 · Granitplatten 9. November 1935 · Ehrentempel Januar 1947 · Sprengung 1987/88 · Begrünung
Königsplatz München mit Glyptothek und Propyläen — Klenzes Athen an der Isar.
Königsplatz · München Glyptothek · Propyläen · Antikensammlungen · 1816–1862
Buchimpuls · Peter Köpf, „Der Königsplatz in München — Ein deutscher Ort" (Ch. Links Verlag, 2005)

„Ein deutscher Ort".

Der Journalist Peter Köpf liest den Königsplatz als Brennglas deutscher Geschichte: ein und derselbe Platz ist klassizistisches Bildungs­forum der Monarchie, völkischer Sehnsuchtsort, NS-Kultstätte, Nachkriegs-Parkplatz und schließlich Erinnerungsort. Nicht ein einzelner Bruch, sondern eine Kette von Umdeutungen — daher der Untertitel „Ein deutscher Ort".

Der Maler vom Königsplatz

Köpf eröffnet mit einer Szene aus dem Frühsommer 1913: Ein arbeitsloser, von der Wiener Kunstakademie zweimal abgewiesener junger Mann steht mit der Staffelei am Königsplatz und malt die Propyläen. Der Ingolstädter Lehrer Friedrich Echinger kommt mit ihm ins Gespräch und kauft ihm für wenig Geld ein Aquarell der Propyläen ab — 21,2 × 34,9 cm. Der Maler heißt Adolf Hitler; seit Mai 1913 lebt er in München und schlägt sich mit Veduten bekannter Bauwerke durch. Später schreibt er über die Stadt von der „wunderbaren Vermählung von urwüchsiger Kraft und feiner künstlerischer Stimmung, diese einzige Linie vom Hofbräuhaus zum Odeon, vom Oktoberfest zur Pinakothek". (Köpf, S. 13)

Die Pointe: Auch Leo von Klenze, der Architekt des Platzes, hat die Propyläen gemalt — 1848, Jahre vor Baubeginn, um seinem König die geplante Toranlage anschaulich zu machen. Der Schöpfer des Forums und sein späterer Umdeuter, beide am selben Motiv. (Köpf, S. 11, 13)

„Forum des Deutschtums" — schon vor Hitler

Die Indienstnahme des Platzes begann nicht erst 1933. Schon um 1900, als das gewachsene München den einst am Rand liegenden Königsplatz umschloss, kursierte die Idee, das vermeintlich „unvollendete" Forum zu einem nationalen Weihe- und Heldenplatz auszubauen — zu einem „Forum des Deutschtums" samt Ehrenhallen. Hitlers Architekten knüpften später an Entwürfe an, die völkische Vordenker längst formuliert hatten. (Köpf, Kap. „Hitlers Vordenker", S. 49 ff.)

Klenzes Forum

Als König Ludwig I. 1815 Kronprinz war, lernte er in Paris den jungen Architekten Leo von Klenze kennen. Wenige Jahre später wurde aus der Begegnung ein städtebauliches Programm: München sollte das Athen Bayerns werden. Der Königsplatz ist sein Herzstück. Glyptothek (Klenze, 1816–1830) im Norden, Staatliche Antikensammlungen als Pendant (Georg Friedrich Ziebland, 1838–1848) im Süden, Propyläen als Toröffnung nach Westen (Klenze, 1854/1862) — drei Bauten, die das antike Griechenland zitieren und dabei an die Bayern-Griechenland-Verbindung über Ludwigs Sohn Otto, König von Griechenland 1832–1862, erinnern.

Der Platz selbst war im 19. Jahrhundert keine Pflasterfläche, sondern eine zweigeteilte Grünanlage mit Kieswegen, Rasen, Bäumen — eine Idee, an der vermutlich Friedrich Ludwig von Sckell beteiligt war, der Schöpfer des Englischen Gartens. Die Brienner Straße durchschnitt die Mitte. Wer den Platz betrat, sollte zwischen Antike, Kunst und Erinnerung wandeln — Bildungsbürgertum als Bauprogramm.

Akte · A

Paul Ludwig Troost

Geboren 1878 in Elberfeld. Hitlers „erster Architekt" vor Albert Speer. 1933 erhält er den Auftrag zur Umgestaltung des Königsplatzes und zum Bau von Führerbau, Verwaltungsbau und den beiden Ehrentempeln. Stirbt am 21. Januar 1934 mitten in der Planungsphase. Sein Atelier — geführt von seiner Frau Gerdy Troost und seinem Mitarbeiter Leonhard Gall — vollendet die Bauten bis 1937.

Akte · B

20.000 Granitplatten

1935 wird die Grünanlage komplett entfernt. An ihre Stelle treten rund 20.000 quadratische Granitplatten, je etwa 99 × 99 cm bei 10,6 cm Dicke. Das Material kam bewusst aus mehreren Regionen — Schwarzwald, Odenwald, Fichtelgebirge — die symbolische Aussage: das „ganze Reich" baut mit. Aus dem Forum wird ein steinerner Aufmarschplatz.

Vom Forum zum Aufmarschplatz

Was Klenze als ruhige, in Grün eingebettete Klassizismus-Inszenierung gedacht hatte, wird durch Troost zum strengen, leeren Granit-Quadrat. Bäume, Rasenflächen, Kieswege — alles verschwindet. An den Rändern setzt das NS-Regime Fahnenmasten und Pylonen. Der Platz wird für den Autoverkehr gesperrt, die klassizistischen Bauten Klenzes (Glyptothek, Propyläen, Antikensammlungen) werden zur Kulisse — buchstäblich an den Rand gedrängt durch die neuen NS-Monumente an den Schmalseiten.

An der Ost-Achse, zur Arcisstraße hin, entstehen 1933–1937 vier Bauten in symmetrischer Reihe: nördlich der Brienner Straße der Verwaltungsbau der NSDAP, südlich der Brienner Straße der Führerbau, und davor — auf der Brienner Straße selbst — die beiden Ehrentempel. Zusammen mit dem Königsplatz bilden sie das geometrische Zentrum von Hitlers „Hauptstadt der Bewegung".

„Die alten Leute müssen hinaus"

Rund um den Platz lag ein gewachsenes Großbürger- und Künstlerviertel. Mit der Umgestaltung kaufte, beschlagnahmte oder enteignete die NSDAP die Grundstücke an Brienner- und Arcisstraße und ließ prächtige Bürgerhäuser abreißen, um Raum für die Parteibauten zu schaffen. Zu den prominentesten Anrainern zählten Alfred und Hedwig Pringsheim — er Mathematik­professor der Bayerischen Akademie, sie Frauenrechtlerin; ihre Tochter Katia war seit 1905 mit Thomas Mann verheiratet. Ihr Neo-Renaissance-Palais in der Arcisstraße 12 wurde 1933 als „jüdisch" beschlagnahmt und musste dem Führerbau weichen.

Thomas Mann notierte am 24. Juni 1933 in sein Tagebuch: „Die alten Leute müssen hinaus, damit das Haus, das sie 40 Jahre bewohnten, einem weiteren der verschwenderischen Parteipaläste Platz mache, aus denen dieses ganze Viertel in Kurzem bestehen soll." Beim Abbruch barg die Partei den berühmten Hans-Thoma-Fries aus dem Musikzimmer und zeigte ihn als „Leihgabe aus Münchener Privatbesitz" in der Stuttgarter Staatsgalerie. Die Abfindung soll rund 700.000 Reichsmark betragen haben; auch das Nachbarhaus Arcisstraße 14 der Familie Guggenheimer fiel an die Parteiverwaltung. (Köpf, S. 91 f.)

Die „Tempel" und ihre Toten

Die beiden Ehrentempel werden auf der Brienner Straße zwischen Königsplatz und Karolinenplatz aufgestellt — offene Pfeilerhallen aus Stein, ohne Wände, mit Blick auf den Platz. Architekt: Troost; Ausführung nach seinem Tod durch Gerdy Troost und Leonhard Gall. Einweihung am 9. November 1935, dem 12. Jahrestag des Hitler-Putschs.

In jedem Tempel werden acht bronzene Sarkophage aufgestellt — insgesamt 16, für die 16 Toten des gescheiterten Putschs vom 9. November 1923 an der Feldherrnhalle. Die NS-Regie nennt sie „Blutzeugen der Bewegung" und macht sie zum Kern einer pseudo-religiösen Liturgie. Bezeichnend ist Position Nr. 8: Karl Kuhn, ein Oberkellner, der vor sein Café trat, aus Neugier, getroffen wurde — und nun, posthum, als Märtyrer der Bewegung firmiert.

Die 16 Namen

Felix Allfarth · Andreas Bauriedl · Theodor Casella · Wilhelm Ehrlich · Martin Faust · Anton Hechenberger · Oskar Körner · Karl Kuhn · Karl Laforce · Kurt Neubauer · Klaus von Pape · Theodor von der Pfordten · Johann Rickmers · Max Erwin von Scheubner-Richter · Lorenz Ritter von Stransky-Griffenfeld · Wilhelm Wolf.

„Ewige Wache"

Wachposten der 1. SS-Standarte „Deutschland" stehen Tag und Nacht in den Tempeln. Strenge Bewegungslosigkeit — überliefert die Anweisung, die Wachposten dürften „nicht einmal eine Fliege verscheuchen". Jährlich am Vorabend des 9. November zieht ein Fackelzug von der Feldherrnhalle zum Königsplatz, Hitler verliest die Namen der 16 Toten — „Letzter Appell" — und die Versammelten antworten jeweils „Hier!". Es ist die wichtigste Ritualveranstaltung des NS-Kalenders neben den Reichsparteitagen in Nürnberg.

Eine Nacht im Mai

Die „Aktion wider den undeutschen Geist" der Deutschen Studentenschaft mündet am 10. Mai 1933 in 22 deutschen Universitätsstädten in koordinierten Bücherverbrennungen. In München beginnt sie um 23:30 Uhr. Hauptorganisator ist Karl Gegenbach, Jurastudent an der LMU und Gauleiter der Deutschen Studentenschaft in Bayern. Redner: Hans Schemm, bayerischer Kultusminister; Kurt Ellersiek, „Ältester der deutschen Studenten" (später hochrangiger SS-Mann). Mehrere LMU-Professoren beteiligen sich offen.

Ein Fackelzug von etwa 3.000 Studenten zieht von der LMU am Geschwister-Scholl-Platz durch die Innenstadt zum Königsplatz. Dort versammeln sich nach NS-Angabe 70.000 Zuschauer; ernsthafte Schätzungen gehen von 50.000 bis 70.000 aus. Auf dem Platz lodern die Scheiterhaufen, Horst-Wessel-Lied und andere NS-Kampflieder erschallen. Verbrannt werden Bücher von Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Sigmund Freud, Erich Kästner, Heinrich Mann, Erich Mühsam, Erich Maria Remarque, Anna Seghers, Kurt Tucholsky, Stefan Zweig — und vielen anderen.

Bereits vier Tage zuvor, am 6. Mai 1933, hatte die Hitler-Jugend hier eine kleinere Vor-Aktion durchgeführt. Reden hielten Emil Klein (HJ-Gebietsführer München) und Stadtschulrat Josef Bauer. Der 10. Mai war die organisierte Hauptaufführung — der Königsplatz war für diese Inszenierung der ideale Ort: groß, ikonisch, mitten in Klenzes Forum für Bildung und Kunst.

NS-Kalender am Königsplatz

Die Rituale.

  • № 019. November · „Letzter Appell"Marsch von Feldherrnhalle zum Königsplatz · jährlich 1935–1944
  • № 0210. Mai · Bücherverbrennung1933 · Aktion wider den undeutschen Geist
  • № 03„Tag der deutschen Kunst"Ab 18. Juli 1937 · Eröffnungsrede Hitler · Festzug „2000 Jahre deutsche Kultur"
  • № 04SS-VereidigungenRegelmäßig 1935–1944 · 1. SS-Standarte „Deutschland"
  • № 05StaatsempfängeU.a. Mussolini-Besuch 25. September 1937
  • № 06MassenkundgebungenAufzeichnungen für Propagandafilme
Wo Klenze ein Forum gedacht hatte, lag jetzt ein Aufmarschplatz.
Über den Königsplatz nach 1935

Die klassizistische Idee — Antike, Kunst, Bürgertum — wird unter Troost überlagert durch eine streng achsensymmetrische, gepflasterte Choreografie für Massen. Die Klenze-Bauten bleiben stehen, werden aber zur Kulisse.

Januar 1947

Im Januar 1947 sprengt die US-Armee die aufgehende Architektur der beiden Ehrentempel — als Maßnahme der Entnazifizierung. Die Quellen nennen entweder den 9. oder den 16. Januar, ein eindeutiger Beleg fehlt. Die Sarkophage der 16 „Blutzeugen" waren da bereits leer: Die US-Streitkräfte hatten die Leichen 1945/46 in ihre ursprünglichen Gräber zurückbetten lassen, um sie der NS-Verehrung zu entziehen.

Die Sockel der Ehrentempel — die quadratischen, steinernen Plateaus an der Arcisstraße — werden nicht gesprengt. Sie bleiben stehen. Bewusst. Wer heute den Königsplatz betritt, läuft an ihnen vorbei.

Plattensee

Der Königsplatz selbst bleibt nach 1947 in Troosts steinernem Zustand. Die 20.000 Granitplatten liegen. 1961 wird er offiziell für den Autoverkehr freigegeben; spöttisch heißt er im Volksmund „Plattensee" oder „königlicher Parkplatz des Wirtschaftswunders". Vier Jahrzehnte parken hier Autos zwischen Klenze und den NS-Sockeln. Eine offene Diskussion über die Aufarbeitung beginnt erst in den späten 1970ern.

Im Oktober 1986 fasst der Münchner Stadtrat den Beschluss zur Umgestaltung — Vorbereitung lief seit 1981. Landschaftsarchitekt Hans Heid entwirft eine Rückgestaltung, die den Zustand des 19. Jahrhunderts „so weit wie möglich" wiederherstellt: acht Rasenflächen, Kieswege, keine Bäume mehr in der historischen Anordnung — ein Kompromiss zwischen Erinnerung und Wiederbegrünung. 1987/88 werden die Granitplatten entfernt. Einige werden weiterverwendet — als Bodenbelag von Fußgängerwegen in der Gemeinde Gräfelfing zum Beispiel. Eine Originalplatte bewahrt das Münchner Stadtmuseum.

Nach 1945 · demokratische Nutzung und der Streit ums Erinnern

Demokratischer Platz — und Dauerstreit.

Wieder Kundgebungsplatz — „Brot statt Waffen"

Schon 1948 war der granitbelegte Platz wieder Bühne der Politik, nun unter demokratischen Vorzeichen. Am 1. Mai demonstrierten Zehntausende mit Gewerkschafts­fahnen; die Parole hieß „Brot statt Waffen". Am 8. August 1948 sprach West-Berlins Oberbürgermeister Ernst Reuter hier zur Solidarität mit dem blockierten Berlin, am 25. August protestierten 100.000 gegen den „Preiswucher" nach der Währungsreform. 1968 mischten sich zur Mai-Kundgebung Studenten mit Ho-Chi-Minh-, Mao- und Marx-Bildern unter die Gewerkschafter. Dass Ministerpräsident Franz Josef Strauß am 6. November 1980 einen „Großen Zapfenstreich" der Bundeswehr auf dem Platz abhalten ließ, weckte bewusst in Kauf genommene Erinnerungen an die Zeit vor 1945. (Köpf, S. 144 ff.)

Vom „Plattensee" zur Wiese

Schon 1966 forderte Hans Zech in seiner Streitschrift „Ein neuer Königsplatz", den „Barbarismus des Hitlerschen Plattensees" zu beseitigen, Autos und Aufmärsche zu verbannen und — ganz im Geist des „ewigen Griechenlands" — selbst das olympische Feuer 1972 hier zu entzünden. Doch der Parkplatz blieb noch zwei Jahrzehnte „unersetzbar". Erst 1987 wurden die rund 20.000 Granitplatten abgehoben und an einen Passauer Unternehmer verkauft (rund 200.000 DM); sie pflastern heute u. a. Fußwege in Friedberg bei Augsburg und in Gräfelfing. (Köpf, S. 148 ff.)

„Nicht bauen, sondern nachdenken"

Warum dauerte es bis 2015, bis am Platz ein Dokumentationszentrum stand? Köpf zeichnet einen jahrzehntelangen Stillstand nach: 1988/89 verlangte der Münchner Stadtrat einstimmig ein „Haus für Zeitgeschichte" auf dem Grund des „Braunen Hauses" — der Freistaat ließ die Anregung liegen. Ein Ideenwettbewerb endete im Patt; der Kunsthistoriker Norbert Huse plädierte dafür, die Tempelsockel als sichtbare „Verwerfung" der Münchner Geschichte zu erhalten, und brachte den Streit auf die Formel „Nicht bauen, sondern nachdenken!" So geschah lange — nichts. Stattdessen hielten kleine Initiativen die Erinnerung wach: Seit dem 9. November 1995 brennt der Künstler Wolfram P. Kastner alljährlich einen schwarzen Fleck in den Rasen — als Mahnmal an die Bücherverbrennung. (Köpf, S. 159 ff.)

Der Platz heute

Seit der Rückgestaltung 1988 ist der Königsplatz wieder grün — acht Rasenflächen, Kieswege, ein Spazierraum mitten in der Stadt. Im Sommer bespielen ihn Königsplatz Open Air mit klassischen Konzerten und großen Pop-/Rock-Acts (Hans Zimmer, Solomun u.a.) sowie das Kino Open Air mit Premieren und Klassikern. Politische Kundgebungen und Demonstrationen finden hier statt; im Alltag liegen Studierende und Touristen in der Wiese.

Die Sockel

Die beiden Sockel der gesprengten Ehrentempel stehen an der Arcisstraße — auf dem nördlichen hat sich über Jahrzehnte ein kleines Biotop entwickelt, Sträucher, Brombeerranken, Vögel. Die Überwucherung ist nicht versehentlich, sondern Teil des Münchner Aufarbeitungs-Konsenses: nicht abreißen, nicht restaurieren, sondern stehen lassen — als bewusster Zwischenzustand. Eine offizielle Inschrift, die die Funktion der Sockel erklärt, gibt es bis heute nicht direkt am Ort. Die Diskussion darüber, ob das richtig ist, dauert seit Jahrzehnten an.

NS-Dokumentationszentrum & „Schutt und Ehre"

Seit dem 30. April 2015 — dem 70. Jahrestag der Befreiung Münchens — steht direkt am Königsplatz das NS-Dokumentationszentrum. Der weiße, kubische Bau von Georg Scheel Wetzel Architekten setzt sich bewusst von der monumentalen NS-Architektur ab. Dauerausstellung „München und der Nationalsozialismus", Eintritt frei. 2022 zeigte das Haus die Installation „Schutt und Ehre" der Initiative SCHULTERSCHLUSS (Christian Springer, 23. März – 18. April 2022) — maritime Fender als Symbol für die jahrzehntelange „Berühr-mich-nicht"-Haltung gegenüber den Sockeln.

Zeittafel

Sechzehn Daten.

1913

Der Maler

Der junge Adolf Hitler verkauft am Königsplatz ein Aquarell der Propyläen — Köpfs Auftakt zu „Ein deutscher Ort".

1830

Glyptothek

Klenzes erstes Bauwerk am Platz wird fertig — Grundstein der Klassizismus-Inszenierung Ludwigs I.

1862

Propyläen

Klenze vollendet das westliche Tor — der Königsplatz ist als Ensemble komplett.

1933

NSDAP-Auftrag

Troost erhält den Auftrag zur Umgestaltung und zum Bau der Parteibauten.

1933

Vertreibung

Das Pringsheim-Palais (Arcisstraße 12), Wohnsitz von Thomas Manns Schwiegereltern, wird beschlagnahmt und weicht dem Führerbau.

10. Mai 1933

Bücherverbrennung

Münchner Studentenschaft organisiert die Verbrennung. 70.000 Zuschauer auf dem Platz.

21. Jan 1934

Troost stirbt

Atelier Troost (Gerdy Troost, Leonhard Gall) führt die Pläne aus.

1935

20.000 Platten

Pflasterung des Platzes. Klenzes Rasenflächen verschwinden.

9. Nov 1935

Ehrentempel

Einweihung. 16 bronzene Sarkophage. „Ewige Wache" der SS.

25. Sept 1937

Führerbau

Einweihung anlässlich Mussolinis Staatsbesuch.

Jan 1947

Sprengung

US-Armee sprengt die Ehrentempel. Die Sockel bleiben stehen.

1948

Brot statt Waffen

Der Platz ist wieder Kundgebungsort — diesmal der Demokratie. Ernst Reuter spricht zur Solidarität mit dem blockierten Berlin.

1961

Parkplatz

Der Königsplatz wird offiziell für den Autoverkehr freigegeben — der „Plattensee".

1987/88

Begrünung

Landschaftsarchitekt Hans Heid stellt den Platz weitgehend wieder her — acht Rasenflächen.

9. Nov 1995

Brandfleck

Wolfram P. Kastner brennt erstmals einen schwarzen Fleck in den Rasen — alljährliche Mahnung an die Bücherverbrennung.

30. April 2015

NS-Dokumentationszentrum

Eröffnung am 70. Jahrestag der Befreiung. Erinnerungsort am Platz.

Zitate

Worte.

„Der Ort, der ursprünglich der Kunst gewidmet war, wurde zur Kulisse für Aufmärsche, Propaganda­feiern und den pseudo-religiösen Toten­kult der Nationalsozialisten, der jährlich am 9. November begangen wurde." — NS-Dokumentationszentrum München · Selbstdarstellung zum historischen Ort Königsplatz
„Die Wachposten durften nicht einmal eine Fliege verscheuchen." — Überlieferung zur „Ewigen Wache" der SS an den Ehrentempeln
„Das Parteiviertel der NSDAP im Herzen Münchens, dessen Zentrum der Königsplatz bildete, war Symbol und Schaltzentrale der NS-Diktatur." — NS-Dokumentationszentrum · Lexikoneintrag „Parteiviertel"

Aus der Forschung

Die Kunsthistorikerinnen Iris Lauterbach und Ulrike Grammbitter beschreiben, wie der Nationalsozialismus den 1934/35 mit rund 20.000 quadratischen Granitplatten auf massivem Betonunterbau gepflasterten Königsplatz propagandistisch zur „Acropolis Germaniae" überhöhte — in bewusster Anspielung auf die Akropolis von Athen. (Lauterbach/Grammbitter, Das Parteizentrum der NSDAP in München)

Peter Köpf erweitert in „Der Königsplatz in München — Ein deutscher Ort" (Ch. Links Verlag, 2005) den Blick über die NS-Jahre hinaus: Er verfolgt den Platz von Klenzes Forum über die völkische „Forum des Deutschtums"-Idee und Hitlers Kultstätte bis zum Nachkriegs-„Plattensee" und dem jahrzehntelangen Streit um einen Erinnerungsort — und macht so die Kontinuität der Umdeutungen an einem einzigen Ort sichtbar.

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