Geschichte / NS-Zeit / Königsplatz

Königs­platz

Vom klassizistischen Forum Klenzes wird 1934/35 der zentrale Aufmarschplatz der NSDAP — der „Plattensee", auf dem Bücher brannten und die „Blutzeugen" der Bewegung lagen. Nach Sprengung der Ehrentempel 1947 vier Jahrzehnte Parkplatz, seit 1988 wieder Wiese — und seit 2015 Ort der Aufarbeitung.

1816–1862 · Klenze · Ziebland 10. Mai 1933 · Bücherverbrennung 1934/35 · Troost-Umbau 20.000 · Granitplatten 9. November 1935 · Ehrentempel Januar 1947 · Sprengung 1987/88 · Begrünung
Königsplatz München mit Glyptothek und Propyläen — Klenzes Athen an der Isar.
Königsplatz · München Glyptothek · Propyläen · Antikensammlungen · 1816–1862

Klenzes Forum

Als König Ludwig I. 1815 Kronprinz war, lernte er in Paris den jungen Architekten Leo von Klenze kennen. Wenige Jahre später wurde aus der Begegnung ein städtebauliches Programm: München sollte das Athen Bayerns werden. Der Königsplatz ist sein Herzstück. Glyptothek (Klenze, 1816–1830) im Norden, Staatliche Antikensammlungen als Pendant (Georg Friedrich Ziebland, 1838–1848) im Süden, Propyläen als Toröffnung nach Westen (Klenze, 1854/1862) — drei Bauten, die das antike Griechenland zitieren und dabei an die Bayern-Griechenland-Verbindung über Ludwigs Sohn Otto, König von Griechenland 1832–1862, erinnern.

Der Platz selbst war im 19. Jahrhundert keine Pflasterfläche, sondern eine zweigeteilte Grünanlage mit Kieswegen, Rasen, Bäumen — eine Idee, an der vermutlich Friedrich Ludwig von Sckell beteiligt war, der Schöpfer des Englischen Gartens. Die Brienner Straße durchschnitt die Mitte. Wer den Platz betrat, sollte zwischen Antike, Kunst und Erinnerung wandeln — Bildungsbürgertum als Bauprogramm.

Akte · A

Paul Ludwig Troost

Geboren 1878 in Elberfeld. Hitlers „erster Architekt" vor Albert Speer. 1933 erhält er den Auftrag zur Umgestaltung des Königsplatzes und zum Bau von Führerbau, Verwaltungsbau und den beiden Ehrentempeln. Stirbt am 21. Januar 1934 mitten in der Planungsphase. Sein Atelier — geführt von seiner Frau Gerdy Troost und seinem Mitarbeiter Leonhard Gall — vollendet die Bauten bis 1937.

Akte · B

20.000 Granitplatten

1935 wird die Grünanlage komplett entfernt. An ihre Stelle treten rund 20.000 quadratische Granitplatten, je etwa 99 × 99 cm bei 10,6 cm Dicke. Das Material kam bewusst aus mehreren Regionen — Schwarzwald, Odenwald, Fichtelgebirge — die symbolische Aussage: das „ganze Reich" baut mit. Aus dem Forum wird ein steinerner Aufmarschplatz.

Vom Forum zum Aufmarschplatz

Was Klenze als ruhige, in Grün eingebettete Klassizismus-Inszenierung gedacht hatte, wird durch Troost zum strengen, leeren Granit-Quadrat. Bäume, Rasenflächen, Kieswege — alles verschwindet. An den Rändern setzt das NS-Regime Fahnenmasten und Pylonen. Der Platz wird für den Autoverkehr gesperrt, die klassizistischen Bauten Klenzes (Glyptothek, Propyläen, Antikensammlungen) werden zur Kulisse — buchstäblich an den Rand gedrängt durch die neuen NS-Monumente an den Schmalseiten.

An der Ost-Achse, zur Arcisstraße hin, entstehen 1933–1937 vier Bauten in symmetrischer Reihe: nördlich der Brienner Straße der Verwaltungsbau der NSDAP, südlich der Brienner Straße der Führerbau, und davor — auf der Brienner Straße selbst — die beiden Ehrentempel. Zusammen mit dem Königsplatz bilden sie das geometrische Zentrum von Hitlers „Hauptstadt der Bewegung".

Die „Tempel" und ihre Toten

Die beiden Ehrentempel werden auf der Brienner Straße zwischen Königsplatz und Karolinenplatz aufgestellt — offene Pfeilerhallen aus Stein, ohne Wände, mit Blick auf den Platz. Architekt: Troost; Ausführung nach seinem Tod durch Gerdy Troost und Leonhard Gall. Einweihung am 9. November 1935, dem 12. Jahrestag des Hitler-Putschs.

In jedem Tempel werden acht bronzene Sarkophage aufgestellt — insgesamt 16, für die 16 Toten des gescheiterten Putschs vom 9. November 1923 an der Feldherrnhalle. Die NS-Regie nennt sie „Blutzeugen der Bewegung" und macht sie zum Kern einer pseudo-religiösen Liturgie. Bezeichnend ist Position Nr. 8: Karl Kuhn, ein Oberkellner, der vor sein Café trat, aus Neugier, getroffen wurde — und nun, posthum, als Märtyrer der Bewegung firmiert.

Die 16 Namen

Felix Allfarth · Andreas Bauriedl · Theodor Casella · Wilhelm Ehrlich · Martin Faust · Anton Hechenberger · Oskar Körner · Karl Kuhn · Karl Laforce · Kurt Neubauer · Klaus von Pape · Theodor von der Pfordten · Johann Rickmers · Max Erwin von Scheubner-Richter · Lorenz Ritter von Stransky-Griffenfeld · Wilhelm Wolf.

„Ewige Wache"

Wachposten der 1. SS-Standarte „Deutschland" stehen Tag und Nacht in den Tempeln. Strenge Bewegungslosigkeit — überliefert die Anweisung, die Wachposten dürften „nicht einmal eine Fliege verscheuchen". Jährlich am Vorabend des 9. November zieht ein Fackelzug von der Feldherrnhalle zum Königsplatz, Hitler verliest die Namen der 16 Toten — „Letzter Appell" — und die Versammelten antworten jeweils „Hier!". Es ist die wichtigste Ritualveranstaltung des NS-Kalenders neben den Reichsparteitagen in Nürnberg.

Eine Nacht im Mai

Die „Aktion wider den undeutschen Geist" der Deutschen Studentenschaft mündet am 10. Mai 1933 in 22 deutschen Universitätsstädten in koordinierten Bücherverbrennungen. In München beginnt sie um 23:30 Uhr. Hauptorganisator ist Karl Gegenbach, Jurastudent an der LMU und Gauleiter der Deutschen Studentenschaft in Bayern. Redner: Hans Schemm, bayerischer Kultusminister; Kurt Ellersiek, „Ältester der deutschen Studenten" (später hochrangiger SS-Mann). Mehrere LMU-Professoren beteiligen sich offen.

Ein Fackelzug von etwa 3.000 Studenten zieht von der LMU am Geschwister-Scholl-Platz durch die Innenstadt zum Königsplatz. Dort versammeln sich nach NS-Angabe 70.000 Zuschauer; ernsthafte Schätzungen gehen von 50.000 bis 70.000 aus. Auf dem Platz lodern die Scheiterhaufen, Horst-Wessel-Lied und andere NS-Kampflieder erschallen. Verbrannt werden Bücher von Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Sigmund Freud, Erich Kästner, Heinrich Mann, Erich Mühsam, Erich Maria Remarque, Anna Seghers, Kurt Tucholsky, Stefan Zweig — und vielen anderen.

Bereits vier Tage zuvor, am 6. Mai 1933, hatte die Hitler-Jugend hier eine kleinere Vor-Aktion durchgeführt. Reden hielten Emil Klein (HJ-Gebietsführer München) und Stadtschulrat Josef Bauer. Der 10. Mai war die organisierte Hauptaufführung — der Königsplatz war für diese Inszenierung der ideale Ort: groß, ikonisch, mitten in Klenzes Forum für Bildung und Kunst.

NS-Kalender am Königsplatz

Die Rituale.

  • № 019. November · „Letzter Appell"Marsch von Feldherrnhalle zum Königsplatz · jährlich 1935–1944
  • № 0210. Mai · Bücherverbrennung1933 · Aktion wider den undeutschen Geist
  • № 03„Tag der deutschen Kunst"Ab 18. Juli 1937 · Eröffnungsrede Hitler · Festzug „2000 Jahre deutsche Kultur"
  • № 04SS-VereidigungenRegelmäßig 1935–1944 · 1. SS-Standarte „Deutschland"
  • № 05StaatsempfängeU.a. Mussolini-Besuch 25. September 1937
  • № 06MassenkundgebungenAufzeichnungen für Propagandafilme
Wo Klenze ein Forum gedacht hatte, lag jetzt ein Aufmarschplatz.
Über den Königsplatz nach 1935

Die klassizistische Idee — Antike, Kunst, Bürgertum — wird unter Troost überlagert durch eine streng achsensymmetrische, gepflasterte Choreografie für Massen. Die Klenze-Bauten bleiben stehen, werden aber zur Kulisse.

Januar 1947

Im Januar 1947 sprengt die US-Armee die aufgehende Architektur der beiden Ehrentempel — als Maßnahme der Entnazifizierung. Die Quellen nennen entweder den 9. oder den 16. Januar, ein eindeutiger Beleg fehlt. Die Sarkophage der 16 „Blutzeugen" waren da bereits leer: Die US-Streitkräfte hatten die Leichen 1945/46 in ihre ursprünglichen Gräber zurückbetten lassen, um sie der NS-Verehrung zu entziehen.

Die Sockel der Ehrentempel — die quadratischen, steinernen Plateaus an der Arcisstraße — werden nicht gesprengt. Sie bleiben stehen. Bewusst. Wer heute den Königsplatz betritt, läuft an ihnen vorbei.

Plattensee

Der Königsplatz selbst bleibt nach 1947 in Troosts steinernem Zustand. Die 20.000 Granitplatten liegen. 1961 wird er offiziell für den Autoverkehr freigegeben; spöttisch heißt er im Volksmund „Plattensee" oder „königlicher Parkplatz des Wirtschaftswunders". Vier Jahrzehnte parken hier Autos zwischen Klenze und den NS-Sockeln. Eine offene Diskussion über die Aufarbeitung beginnt erst in den späten 1970ern.

Im Oktober 1986 fasst der Münchner Stadtrat den Beschluss zur Umgestaltung — Vorbereitung lief seit 1981. Landschaftsarchitekt Hans Heid entwirft eine Rückgestaltung, die den Zustand des 19. Jahrhunderts „so weit wie möglich" wiederherstellt: acht Rasenflächen, Kieswege, keine Bäume mehr in der historischen Anordnung — ein Kompromiss zwischen Erinnerung und Wiederbegrünung. 1987/88 werden die Granitplatten entfernt. Einige werden weiterverwendet — als Bodenbelag von Fußgängerwegen in der Gemeinde Gräfelfing zum Beispiel. Eine Originalplatte bewahrt das Münchner Stadtmuseum.

Der Platz heute

Seit der Rückgestaltung 1988 ist der Königsplatz wieder grün — acht Rasenflächen, Kieswege, ein Spazierraum mitten in der Stadt. Im Sommer bespielen ihn Königsplatz Open Air mit klassischen Konzerten und großen Pop-/Rock-Acts (Hans Zimmer, Solomun u.a.) sowie das Kino Open Air mit Premieren und Klassikern. Politische Kundgebungen und Demonstrationen finden hier statt; im Alltag liegen Studierende und Touristen in der Wiese.

Die Sockel

Die beiden Sockel der gesprengten Ehrentempel stehen an der Arcisstraße — auf dem nördlichen hat sich über Jahrzehnte ein kleines Biotop entwickelt, Sträucher, Brombeerranken, Vögel. Die Überwucherung ist nicht versehentlich, sondern Teil des Münchner Aufarbeitungs-Konsenses: nicht abreißen, nicht restaurieren, sondern stehen lassen — als bewusster Zwischenzustand. Eine offizielle Inschrift, die die Funktion der Sockel erklärt, gibt es bis heute nicht direkt am Ort. Die Diskussion darüber, ob das richtig ist, dauert seit Jahrzehnten an.

NS-Dokumentationszentrum & „Schutt und Ehre"

Seit dem 30. April 2015 — dem 70. Jahrestag der Befreiung Münchens — steht direkt am Königsplatz das NS-Dokumentationszentrum. Der weiße, kubische Bau von Georg Scheel Wetzel Architekten setzt sich bewusst von der monumentalen NS-Architektur ab. Dauerausstellung „München und der Nationalsozialismus", Eintritt frei. 2022 zeigte das Haus die Installation „Schutt und Ehre" der Initiative SCHULTERSCHLUSS (Christian Springer, 23. März – 18. April 2022) — maritime Fender als Symbol für die jahrzehntelange „Berühr-mich-nicht"-Haltung gegenüber den Sockeln.

Zeittafel

Zwölf Daten.

1830

Glyptothek

Klenzes erstes Bauwerk am Platz wird fertig — Grundstein der Klassizismus-Inszenierung Ludwigs I.

1862

Propyläen

Klenze vollendet das westliche Tor — der Königsplatz ist als Ensemble komplett.

1933

NSDAP-Auftrag

Troost erhält den Auftrag zur Umgestaltung und zum Bau der Parteibauten.

10. Mai 1933

Bücherverbrennung

Münchner Studentenschaft organisiert die Verbrennung. 70.000 Zuschauer auf dem Platz.

21. Jan 1934

Troost stirbt

Atelier Troost (Gerdy Troost, Leonhard Gall) führt die Pläne aus.

1935

20.000 Platten

Pflasterung des Platzes. Klenzes Rasenflächen verschwinden.

9. Nov 1935

Ehrentempel

Einweihung. 16 bronzene Sarkophage. „Ewige Wache" der SS.

25. Sept 1937

Führerbau

Einweihung anlässlich Mussolinis Staatsbesuch.

Jan 1947

Sprengung

US-Armee sprengt die Ehrentempel. Die Sockel bleiben stehen.

1961

Parkplatz

Der Königsplatz wird offiziell für den Autoverkehr freigegeben — der „Plattensee".

1987/88

Begrünung

Landschaftsarchitekt Hans Heid stellt den Platz weitgehend wieder her — acht Rasenflächen.

30. April 2015

NS-Dokumentationszentrum

Eröffnung am 70. Jahrestag der Befreiung. Erinnerungsort am Platz.

Zitate

Worte.

„Der Ort, der ursprünglich der Kunst gewidmet war, wurde zur Kulisse für Aufmärsche, Propaganda­feiern und den pseudo-religiösen Toten­kult der Nationalsozialisten, der jährlich am 9. November begangen wurde." — NS-Dokumentationszentrum München · Selbstdarstellung zum historischen Ort Königsplatz
„Die Wachposten durften nicht einmal eine Fliege verscheuchen." — Überlieferung zur „Ewigen Wache" der SS an den Ehrentempeln
„Das Parteiviertel der NSDAP im Herzen Münchens, dessen Zentrum der Königsplatz bildete, war Symbol und Schaltzentrale der NS-Diktatur." — NS-Dokumentationszentrum · Lexikoneintrag „Parteiviertel"
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