Der Ort meiner
völligen Befreiung
Drei Monate im Sommer 1912 verbrachte Marcel Duchamp in der Maxvorstadt — Barerstraße 65, zwischen Kunstakademie und Alter Pinakothek. Er nannte München später „the scene of my complete liberation“. Hier entstanden die Entwürfe, aus denen das Große Glas und letztlich die Konzeptkunst hervorgingen.
Drei Monate, die die Kunst veränderten
Im Sommer 1912 kam Marcel Duchamp (1887–1968), damals 25 Jahre alt, allein nach München und blieb rund drei Monate — von etwa 21. Juni bis Anfang Oktober. Warum ausgerechnet München, eine Stadt, in der er niemanden kannte und deren Sprache er kaum beherrschte, bleibt eines der reizvollsten Rätsel der Moderne. Duchamp hat zeitlebens wenig dazu gesagt; es gibt kein Skizzenbuch, kein Tagebuch, nur eine schmale Korrespondenz. Umso gewichtiger ist sein späterer Satz, München sei „the scene of my complete liberation“ gewesen — der Ort seiner völligen Befreiung.
Die Stadt war 1912 die drittgrößte Deutschlands, eine boomende Kunstmetropole, das „Athen an der Isar“. Während Duchamps Aufenthalt zog die Bayerische Gewerbeschau auf der Theresienhöhe Millionen Besucher an. Hundert Jahre später, 2012, widmete ihm das Lenbachhaus die erste Münchener Einzelausstellung überhaupt — und zeigte erstmals in Deutschland das berühmte Gemälde Akt, eine Treppe herabsteigend, Nr. 2.
Die Ablehnung in Paris
Im Frühjahr 1912 verlangten die Pariser Kubisten um Albert Gleizes und Jean Metzinger, Duchamp möge sein Akt, eine Treppe herabsteigend, Nr. 2 vom Salon des Indépendants zurückziehen — der Titel und die Bewegungszerlegung passten ihnen nicht. Die Demütigung durch die eigene Avantgarde löste Duchamp aus der Pariser Gruppe und trieb ihn fort. Er sprach später von einem „Wendepunkt in meinem Leben“.
Die Parallele nebenan
Im selben Jahr wurde in München Kandinskys Komposition V von der Neuen Künstlervereinigung zurückgewiesen — der Anstoß zur Gründung des Blauen Reiter. Zwei Ablehnungen, zwei Aufbrüche. Die Pointe: Duchamp und Kandinsky begegneten einander 1912 in München nicht. Erst 1929 in Dessau trafen sie sich; Duchamp schenkte Kandinsky eine Postkarte seiner Münchener Braut, die dieser bis zu seinem Tod 1944 aufbewahrte.
Eine Adresse in der Maxvorstadt
Duchamp bezog ein möbliertes Zimmer in der Barerstraße 65 — „zwischen Kunstakademie und Alter Pinakothek“, also mitten im heutigen Museumsquartier der Maxvorstadt. Wenige Schritte entfernt: die Pinakotheken, die Akademie, das Lenbachhaus. Ein Künstlerviertel, in dem zur selben Zeit der Blaue Reiter wirkte — ohne dass die Kreise sich berührten.
Wer im Haus lebte, hat der Künstler und Kunsthistoriker Rudolf Herz in seiner archivgestützten Spurensuche (Marcel Duchamp – le mystère de Munich, 2012) Stockwerk für Stockwerk aus dem Meldebogen rekonstruiert. Sein produktivster Fund: Duchamps Vermieter August Greß war Maschinenkonstrukteur bei Maffei und zeichnete technische Illustrationen für ein „Illustriertes Wörterbuch“; seine Frau Therese war Schneiderin. Herz' Vorschlag, die ratternde Nähmaschine und die Heftfäden hätten sich in Duchamps gepunkteten Linien und späteren Stickereien niedergeschlagen, ist eine Deutung — reizvoll, aber nicht beweisbar. Festzuhalten bleibt das nüchterne Bild: technische Zeichnung und Textilhandwerk unter einem Dach mit dem Mann, der Maschine und Begehren zusammendenken sollte.
Die Entdeckung Cranachs
In München suchte Duchamp nahezu täglich die Alte Pinakothek auf. Faszinierend waren ihm dort weniger die Avantgarde-Debatten als die langgestreckten, kühlen Akte Lucas Cranachs des Älteren und ihr eigentümliches Inkarnat. Der Kunsthistoriker Michael R. Taylor hat diese Cranach-Entdeckung ins Zentrum gerückt: Duchamps Bruch mit der Pariser Avantgarde sei „untrennbar“ mit ihr verbunden. Der deutsche Altmeister wurde dem 25-Jährigen zur Quelle eigener Legitimierung gegen den fremdenfeindlichen Kulturnationalismus seiner Pariser Kollegen.
Das mit den Fingern aufgetragene rosafarbene Inkarnat seiner Braut verbindet altmeisterliche Lasurtechnik mit erotischer Geste — das „Leitmotiv Rosa“. Zur Genauigkeit gehört die Gegenstimme: Herz hält fest, dass Duchamp Cranachs Adam und Eva 1912 in der Pinakothek wahrscheinlich noch gar nicht sehen konnte. Welche Cranach-Tafeln er tatsächlich vor Augen hatte, ist also offen — dass ihn Cranach prägte, bezeugen seine eigenen Werke gleichwohl.
Die Münchener Werke
In wenigen Wochen entstanden die Schlüsselarbeiten: Erste Recherche / Mechanismus der Scham, Jungfrau Nr. 1 und 2, Der Übergang von der Jungfrau zur Braut und schließlich Braut. In ihnen löst ein anatomischer Blick (das Hineinsehen in den Körper) die futuristische Bewegungszerlegung ab — und hier fasste Duchamp den Plan zu seinem Lebenswerk, dem Großen Glas („Die Braut von ihren Junggesellen entblößt, sogar“).
Anstoß gab auch die Lektüre: Duchamp arbeitete sich durch Kandinskys Über das Geistige in der Kunst und musste „fast jedes dritte Wort im Lexikon nachschlagen“. Daraus zog er das Stichwort vom nominalisme pictural — dem Unterschied zwischen „von einem Rot sprechen“ und „ein Rot betrachten“. Wichtig für das Verständnis: Die führenden Forscher (Herbert Molderings, Michael R. Taylor) widersprechen der populären These, Duchamp habe in München die Malerei aufgegeben. Die Entscheidung zum Readymade fiel erst 1913 in Paris. München war nicht das Ende der Malerei, sondern ihre Verwandlung.
Die Quellenlage ist dünn, die Deutungsliteratur reich. Ob Duchamp das Deutsche Museum oder die Bayerische Gewerbeschau besuchte — beides gern als Inspirationsquelle genannt —, ist dokumentarisch nicht nachweisbar. Diese Seite trennt darum Beleg von Vermutung: Was gesichert ist, steht als Tatsache; Deutungen sind als solche gekennzeichnet.
Zwei Spötter,Thomas Girst · Miszellaneen, 2012
einen Bahnhof entfernt.
Thomas Girst zog die kühne Parallele zwischen Duchamp und Karl Valentin: beide Meister der Ironie, des Crossdressings und der absurden Maschine, beide 1912 am Münchner Hauptbahnhof tätig — keine zwei Kilometer voneinander entfernt, ohne sich je begegnet zu sein.
Orte einer
Befreiung.
- / A Wohnung Marcel Duchamp
- / B Alte Pinakothek (Cranach)
- / C Akademie der Bildenden Künste
- / D Bayerische Gewerbeschau
- / E Lenbachhaus — Ausstellung 2012
the scene of myMarcel Duchamp · über München
complete liberation
Drei Monate in der Barerstraße — und die Malerei wurde zur Idee. Aus der Münchener Episode ging das Große Glas hervor und mit ihm ein Weg, der in die Konzeptkunst führte.
Zum Weiterlesen
- / 01Friedel / Girst / Mühling / Rappe (Hrsg.) · Marcel Duchamp in München 1912
- / 02Rudolf Herz · Marcel Duchamp – le mystère de Munich
Der Lenbachhaus-Katalog versammelt die deutende, werkgenetische Linie (Molderings, Taylor, Bogen, Girst); Herz' „kriminologische Spurensuche“ korrigiert sie archivgestützt und nüchtern. Beide ergänzen einander — und machen die Maxvorstadt-Episode zu einem Lehrstück sauberen Argumentierens unter Unsicherheit.