Wie ein
Viertel
entsteht
Vom kurfürstlichen Wallring zum Athen an der Isar: die Gründungsgeschichte der Maxvorstadt zwischen 1791 und 1850.
Die Entfestigung — 1791
Drei Jahrzehnte vor Gründung der Maxvorstadt brodelte die Gerüchteküche. Seit 1779 munkelte man, Kurfürst Karl Theodor plane eine neue Stadt vor dem Schwabinger Tor: „Karlstadt" solle sie heißen. Die Münchner mochten Karl Theodor nicht — er stammte aus der pfälzischen Seitenlinie der Wittelsbacher.
Erst 1791 schließlich verkündete der Kurfürst, dass „München keine Festung sey, seyn könne und seyn solle". Als Startschuss für die Entfestigung ließ Generalmajor Thompson — der spätere Graf Rumford — unter Beteiligung der Bürger die Bastion am Neuhauser Tor schleifen. Das Tor wurde fortan offiziell Karlstor genannt. Die Geburtsstunde der Münchner Vorstädte schlug mit diesem Ereignis. In den Folgejahren entstanden Isar-, Ludwigs-, Max-, St. Anna- und die heute fast vergessene Schönfeldvorstadt.
König Max I. Joseph — und ein Bedarf an Wohnungen
Mit Kurfürst Max IV. Joseph — dem späteren König Max I. Joseph — kam wieder ein Fremder aus der Seitenlinie Pfalz-Zweibrücken nach München. Auch er sah sich wachsendem Bevölkerungsdruck ausgesetzt. Das Gebiet zwischen Karlstor und Schwabinger Tor schien ihm der ideale Raum für neue Wohnanlagen. Noch störte das Kapuzinerkloster auf der Bastion am heutigen Lenbachplatz — doch die Säkularisation ermöglichte den Abriss.
Der Bebauungsplan des Baumeisters Franz Thurn erhielt 1802 den kurfürstlichen Segen. Strenge Vorschriften galten für die Neubauten: Von der Stockwerk- und Traufhöhe bis zur Dachform und Proportionierung der Fassaden war alles haargenau geregelt.
Der Generalplan von 1812
1808 schrieb die Stadtbaukommission einen Wettbewerb zur Stadterweiterung aus — sogar Kronprinz Ludwig reichte einen Beitrag ein. Beauftragt wurde schließlich Karl von Fischer mit der Überarbeitung des angenommenen Entwurfs. Fischers Pläne, in enger Zusammenarbeit mit dem Gartenbaumeister Friedrich Ludwig von Sckell entstanden, überzeugten. Der gemeinsame Generalplan wurde 1812 genehmigt — die Geburtsstunde der Maxvorstadt.
Zentrale Achse sollte der ausgebaute Fürstenweg sein — die spätere Briennerstraße. Unterbrochen vom repräsentativen Karolinenplatz und vom Königsplatz führte sie als Direttissima von der Residenz zum Schloss Nymphenburg. An dieser Straße sollten Villen mit großen Gärten entstehen. Nördlich davon: ein Viertel mit rationellem Straßenraster und drastisch verengten Straßen. Südlich der Briennerstraße bis zum Stachus: eine eher künstlerisch-verspielte Bebauung.
Ludwig I. und der Prachtboulevard
1815 lernte Kronprinz Ludwig in Paris einen jungen Architekten kennen: Leo von Klenze. Beide einte die Leidenschaft für die Antike. Ludwig beauftragte Klenze mit dem Bau der Glyptothek. Klenze sollte zudem das Konzept der Maxvorstadt umsetzen: das „Isar-Athen".
Im Gegensatz zu seinen Vorgängern scheute Klenze sich nicht, radikal ins Stadtbild einzugreifen. Er ließ das Schwabinger Tor und das benachbarte Chedeville-Schlösschen abreißen, ebnete die Wallaufschüttungen ein, um den Odeonsplatz zu schaffen. Er verdichtete die Bebauung massiv, um München großstädtisch wirken zu lassen. Und er verlegte den Schwerpunkt nach Norden: Nicht die Briennerstraße sollte die Hauptachse sein, sondern der neue Prachtboulevard Ludwigstraße.
Klenze gegen Gärtner
Ludwig I. wechselte seinen Geschmack — und seine Architekten — „je nach Lust und Laune", wie Klenze frustriert in sein Tagebuch schrieb. 1826 beauftragte er seinen römischen Kunstagenten Martin von Wagner mit der Suche nach einem tüchtigen Architekten, „der mit Klenze in die Schranken treten kann".
Der tüchtige Neue war Friedrich von Gärtner, Sohn des ehemaligen königlichen Hofbauintendanten — den Klenze einst aus dem Amt verdrängt hatte. Gärtner versprach eine schnelle Fertigstellung der Ludwigstraße. Mit der Staatsbibliothek, dem Damenstift, der Ludwigskirche und vor allem der Universität sowie dem gegenüberliegenden Priesterseminar setzte er neue städtebauliche Akzente — die Romantik verdrängte den Klassizismus.
Beginn und Ende der Ludwigstraße lagen ebenfalls in Gärtners Händen: Die Feldherrnhalle wurde 1844, das Siegestor 1850 fertiggestellt. Klenze schäumte und intrigierte. Doch innerhalb von zwanzig Jahren entstand unter Gärtners Händen ein städtebauliches Gesamtkunstwerk von europäischem Rang.
Verantwortlich für die Bauausführung — also für das, was am Ende wirklich auf den Boden gestellt wurde — war Gärtners Baumeister Franz Höllriegel (1794–1858). Der gebürtige Steinmetz mit Südtiroler Wurzeln führte für Gärtner die Ludwigskirche, die Staatsbibliothek und die Universität aus — und prägte zuvor schon unter Klenze die Errichtung von Königsplatz, Ruhmeshalle und Alter Pinakothek. Höllriegel war damit jener stille zweite Mann, ohne den keiner der beiden Star-Architekten der Ludwigstraße sein Werk vollendet hätte.
Die NS-Zeit — 1923 bis 1945
Was als Prachtboulevard der Wittelsbacher gedacht war, wurde unter den Nationalsozialisten zum Machtzentrum eines Verbrecherregimes. Schon der Hitler-Putsch begann am 8. November 1923 im Bürgerbräukeller; am Morgen darauf endete der Marsch vor der Feldherrnhalle in Klenzes und Gärtners Ludwigstraße. Ab 1930 erwarb die NSDAP das Barlow-Palais an der Brienner Straße und baute es zum „Braunen Haus" um; binnen weniger Jahre entstand zwischen Königsplatz und Karolinenplatz das „Parteiviertel" mit Führerbau, Verwaltungsbau und insgesamt rund 50 NSDAP-Liegenschaften.
Paul Ludwig Troost pflasterte den Königsplatz mit 22.000 Granitplatten und stellte ihm zwei „Ehrentempel" zur Seite — eine inszenierte Aufmarschfläche, mitten in Klenzes Ensemble. Die Maxvorstadt war damit zwischen 1933 und 1945 die „Hauptstadt der Bewegung"; ihre Bewohner mussten täglich an dem vorbei, was hier organisiert und befohlen wurde. Die alliierten Bomber sahen das genauso — und machten das Viertel zum bevorzugten Ziel.
Heute steht an der Stelle des Braunen Hauses das NS-Dokumentationszentrum; die Ehrentempel sind seit 1947 geschleift, ihre Sockel als „offene Wunden" sichtbar erhalten. → Eigenes Kapitel zur NS-Zeit mit interaktiver Karte und neun Schauplätzen.
Krieg, Zerstörung und „zweite Zerstörung"
Die Maxvorstadt — von den Nazis architektonisch und ideell vergewaltigt — glich nach dem Zweiten Weltkrieg einem einzigen Trümmerfeld. Bildungseinrichtungen, Großbrauereien, Verwaltungszentralen und natürlich Hitlers Parteizentrale hatten sie zum bevorzugten Ziel der alliierten Bomber gemacht. 1939 lebten hier noch rund 22.000 Menschen; nach Kriegsende nur noch knapp die Hälfte.
Konsequent ging die Stadt daran, das Areal nicht verstärkt bewohnbar zu machen — der Flächennutzungsplan sah neue Bürobauten statt Wohnhäusern vor. Altbauten, die den Krieg überstanden hatten, galten als nicht mehr zweckmäßig und wurden abgerissen. Viele sprachen von der „zweiten Zerstörung Münchens".
Gleichzeitig dehnte sich die LMU ins Viertel aus, und München sollte autogerecht werden: Die Gabelsbergerstraße sollte durchgehend auf 40 m verbreitert werden. Die Untertunnelung von Feldherrnhalle und Veterinärstraße wurde ernsthaft diskutiert.
Renaissance ab 1980
Die Aktion Maxvorstadt gründete sich — engagierte Bürger begehrten auf gegen die weitere Ausdehnung der LMU und gegen die blinde Bauwut. Erst ab Mitte der 1970er Jahre begann das Umdenken. Besonders wegen der Uninähe stieg die Maxvorstadt ab den 1980ern wieder zum beliebten Wohnviertel auf — vor allem bei Studierenden.
Innenstadtnähe, optimale Verkehrsanbindung und der hohe Freizeitwert durch den nahen Englischen Garten machten die Maxvorstadt in den letzten Jahren zum Ziel der Immobilienbranche — der Wohnungsmarkt fordert teilweise Mondpreise. Heute lebt das Viertel mit knapp 50.000 Einwohnern, einer der niedrigsten Arbeitslosenquoten Münchens und einem Single-Anteil von über 68 %. Die Maxvorstadt ist der Single-Stadtteil in der Single-Metropole München.
230 Jahre
in 12 Daten.
Die Entfestigung
Kurfürst Karl Theodor erklärt, „dass München keine Festung sey". Generalmajor Thompson (Graf Rumford) lässt die Bastion am Neuhauser Tor schleifen.
Prinz-Carl-Palais
Karl von Fischer beginnt mit nur 21 Jahren das Palais Royal für Abbé Salabert — das erste repräsentative Bauwerk vor den Toren der Altstadt.
Wettbewerb
Die Stadtbaukommission schreibt einen Wettbewerb zur Stadterweiterung aus. Karl von Fischer und Friedrich Ludwig von Sckell überarbeiten den Generalplan.
Geburt der Maxvorstadt
Der Generalplan wird genehmigt. Das Viertel erhält den Namen Maxvorstadt zu Ehren König Max I. Josephs.
Klenze tritt auf
Kronprinz Ludwig trifft Leo von Klenze in Paris. Beginn einer Beziehung, die das Münchner Stadtbild für ein Jahrhundert prägt.
Gärtner kommt
Ludwig I. — inzwischen König — beauftragt Friedrich von Gärtner. Klenzes Monopol bricht. Der Streit zwischen den beiden Architekten dauert Jahrzehnte.
Siegestor
Gärtners Siegestor wird fertiggestellt — der nördliche Abschluss der Ludwigstraße. Das städtebauliche Großprojekt findet seinen Schluss.
Boheme blüht
Künstler, Studenten und Prostituierte teilen sich das Viertel. Thomas Mann schreibt „Gladius Dei": „München leuchtete." Kandinsky zieht 1906 in die Ainmillerstraße.
NS-Zentrale
Die NSDAP macht den Königsplatz zum „Parteiviertel". Die Maxvorstadt wird zwischen 1933 und 1945 zum Verbrecher-Hauptquartier.
Trümmerfeld
Nach Kriegsende sind weite Teile zerstört. Die Einwohnerzahl hat sich halbiert. Der Flächennutzungsplan sieht Büros statt Wohnungen vor.
Aktion Maxvorstadt
Bürger organisieren sich gegen Abrisse und gegen die LMU-Expansion. Beginn der zähen Wiederentdeckung des Viertels.
Wieder Boheme — und Mondpreise
Studierende, Kreativwirtschaft, Galerien und eine der weltweit dichtesten Museumsregionen. Aber auch: einer der teuersten Wohnungsmärkte Europas.
Architektur in Tiefe
Klenze gegen Gärtner, Glyptothek gegen Ludwigskirche — die Architektur-Akte der Maxvorstadt liest sich wie ein royales Telenovela-Drehbuch.