„Hauptstadt
der Bewegung"
1933–1945: Die Maxvorstadt war Ausgangspunkt, Verwaltungssitz und Aufmarschplatz des Nationalsozialismus. Eine Karte der Orte, an denen sich diese Geschichte konkret abspielte — und an denen sie heute aufgearbeitet wird.
München, „Hauptstadt der Bewegung"
Bereits im November 1923 begann hier der NS-Aufstieg: Der gescheiterte Hitler-Putsch endete an der Feldherrnhalle wenige Meter östlich der Briennerstraße. Aus dieser Niederlage machte die Bewegung später ihren Gründungsmythos. 1933 — kaum an der Macht — ließ Hitler die Symbolgeographie konsequent ausbauen. Der Königsplatz wurde zum zentralen Weiheort: 20.000 Granitplatten, bezogen aus allen Regionen des Reichs, pflasterten den Platz, an dessen Ostseite zwei „Ehrentempel" die Putschisten von 1923 als „Märtyrer der Bewegung" inszenierten. Westlich davon stand Klenzes Glyptothek — der NS instrumentalisierte das klassizistische Ensemble für seine pseudo-antike Selbstüberhöhung.
Auf der Nordseite des Platzes errichtete der Architekt Paul Ludwig Troost 1933–1937 zwei monumentale, fast spiegelgleiche Bauten: den Führerbau (heute Hochschule für Musik und Theater) und den Verwaltungsbau der NSDAP (heute Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Staatliche Antikensammlungen-Magazin). Im Führerbau unterzeichnete Hitler 1938 das Münchner Abkommen. Beide Bauten stehen heute noch — als steingewordene Erinnerung an eine Zeit, in der die Maxvorstadt nicht Kunststadt, sondern Befehlsstadt war.
Wenige hundert Meter östlich, in der Briennerstraße 45 (Karolinenplatz), lag das Braune Haus — Parteizentrale seit 1931, im Krieg zerstört. An seiner Stelle steht seit 2015 das NS-Dokumentationszentrum: ein bewusst kühler, weißer Kubus von Georg Scheel Wetzel, der nicht imitiert, sondern aufklärt. Ringsum: Stolpersteine, Bodentafeln, Hinweisschilder. Die Maxvorstadt ist heute der vielleicht dichteste Erinnerungsort Münchens.
Nicht jeder NS-Schauplatz lag am Königsplatz: Etwas weiter östlich, in der Kaulbachstraße 15, residierte ab 1937 der Münchner Gauleiter Adolf Wagner in der Kaulbachvilla — einer Künstlervilla aus dem 19. Jahrhundert, die die NSDAP für ihren mächtigsten lokalen Funktionär requirierte und in der heute das Historische Kolleg die Geschichte des Hauses aufarbeitet.
Und wenige Schritte weiter, in der Barer Straße 19 direkt am Karolinenplatz, sitzt seit 2011 das Generalkonsulat des Staates Israel — das einzige in Deutschland. Diese Nachbarschaft ist kein Zufall: Wo einst die NSDAP regierte, arbeitet heute auf wenigen hundert Quadratmetern die institutionelle Antwort der Bundesrepublik auf den Nationalsozialismus — Aufklärung und diplomatische Beziehung zum Staat Israel. Ein Kreis, der sich an dieser Adresse mit voller Wucht schließt.
Neun Orte,
eine Geographie
der Erinnerung.
Klicken Sie auf die roten Punkte oder die Liste darunter — jeder Ort hat seine eigene Detailseite mit Damals und Heute, Quellen und Literatur. Die Karte zeigt die Kernzone rund um den Königsplatz; die vollständige Liste aller 34 Maxvorstadt-Orte steht weiter unten.
Neun Orte —
von der Diktatur
zur Aufarbeitung.
Alle 35 Orte
der NS-Zeit in
der Maxvorstadt.
Der Stadtführer von Rüdiger Liedtke verzeichnet 111 Orte der NS-Zeit in ganz München — 35 davon liegen in der Maxvorstadt, der mit Abstand dichtesten Häufung, weil das Viertel das organisatorische Zentrum der NSDAP war. Geordnet nach den Eintragsnummern bei Liedtke; fett verlinkte Orte haben auf dieser Website eine eigene Detailseite.
16 der 35 Orte sind bereits als Detailseite ausgearbeitet. Grenzfälle am Bezirksrand, die Liedtke nicht eindeutig der Maxvorstadt zuordnet, sind die Akademie der Bildenden Künste (Akademiestraße 2–4, Grenze zu Schwabing), der Justizpalast (Prielmayerstraße 7, am Stachus) und das Wittelsbacher Palais (Brienner Str. 18 / Ecke Türkenstraße, die Gestapo-Zentrale).
- № 02Der Alte Botanische Garten
- № 07Die Augustenstraße 98 (Widerstand Olschewski)
- № 11Das Bernheimer-Palais
- № 13Das „Braune Haus“ (Parteizentrale)
- № 14Die „Bücherverbrennung“
- № 15Das Buchgewerbehaus („Völkischer Beobachter“)
- № 19Der Circus Krone
- № 20Das Depot (Initiative Stolpersteine)
- № 21Die „Deutsche Arbeitsfront“
- № 25Die „Ehrentempel“
- № 26Die Elser-Wohnung
- № 33Der „Führerbau“
- № 34Das Galeriegebäude („Entartete Kunst“)
- № 37Die Gedenkstätte (Platz der NS-Opfer)
- № 40Der Granit-Kubus
- № 44Das „Haus der Deutschen Ärzte“
- № 46Das „Haus des Deutschen Rechts“
- № 60Der Karolinenplatz 1–4
- № 62Der Königsplatz
- № 64Die Kriegsmale
- № 68Der Lichthof (LMU · Verhaftung der Geschwister Scholl)
- № 77Das NS-Dokumentationszentrum
- № 78Das Oberfinanzpräsidium
- № 79Die Oberste SA-Führung
- № 80Die Osteria Bavaria (heute Italiana)
- № 81Das Park Café
- № 82Das Parteiviertel
- № 83Die Parteizentrale (Reichshauptgeschäftsstelle)
- № 87Der Reichsbank-Neubau
- № 88Die Reichsführung-SS
- № 92Der Salon Bruckmann
- № 93Die Schellingstraße 78 (Widerstand „Neu Beginnen“)
- № 105Die Universitäten (LMU & TUM)
- № 107Der Verwaltungsbau der NSDAP
- № 111Das Zentralministerium
Wir musstenThomas Mann · Tonhalle, November 1926
es erleben, dass
München als
Hort der Reaktion
verschrien war.
Sieben Jahre vor 1933 hörte Mann das Klima kippen — und sagte es öffentlich. „Die eigentlich dumme Stadt" nannte er München damals. Sieben Jahre später war er im Exil.
Wo weiterlesen
Diese Seite zeigt die Täter- und Regime-Topografie. Die Opfer- und Gemeindeperspektive — Pringsheim-Palais, Bernheimer, die Hauptsynagoge Herzog-Max-Straße, Erinnerungszeichen, Generalkonsulat Israels — findet sich auf der eigenen Seite zur Jüdischen Maxvorstadt. Vor Ort lohnen sich außerdem das NS-Dokumentationszentrum, das Bayerische Hauptstaatsarchiv und die Forschungsgruppen am Zentralinstitut für Kunstgeschichte (im ehemaligen Verwaltungsbau).
Zum Weiterlesen
- / 01Rüdiger Liedtke · 111 Orte in München auf den Spuren der Nazi-Zeit
- / 02Lauterbach / Grammbitter · Das Parteizentrum der NSDAP in München
- / 03Bäumler / Fromm (Hrsg.) · Topographie und Erinnerung. Erkundungen der Maxvorstadt
Ein ortsbezogener Stadtführer durch die „Hauptstadt der Bewegung“: Täterorte rund um den Königsplatz und in der Maxvorstadt ebenso wie Orte des Widerstands und des Gedenkens — eine gute Ergänzung zum Besuch des NS-Dokumentationszentrums.