Führerbau
Auf dem Schutt des Palais Pringsheim errichtet Paul Ludwig Troost 1933–1937 Hitlers Münchner Sitz. Hier wird 1938 das Münchner Abkommen unterzeichnet, hier lagert ab 1939 geraubte Kunst, hier richtet die US-Armee 1945 die zentrale Restitutionsstelle ein. Heute Hochschule für Musik und Theater.
Was vorher hier stand
1889/90 zogen Alfred und Hedwig Pringsheim in das Neorenaissance-Palais an der Arcisstraße 12 — ein bürgerlich-jüdischer Salon des wilhelminischen München. Alfred Pringsheim war Mathematiker an der LMU, Wagner-Vertrauter und Großsammler italienischer Majolika; Hedwig, geborene Dohm, Tochter der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm und selbst Salonnière, ist heute vor allem als Tagebuchautorin gegenwärtig. Hier lernte Thomas Mann ihre Tochter Katia kennen, die er am 11. Februar 1905 heiratete.
Nach 1933 setzt die NSDAP den 83-jährigen Pringsheim unter Druck. Das Palais wird weit unter Wert verkauft, die Pringsheims ziehen am Maximiliansplatz 12 zur Miete. Im November 1933 wird das Palais Pringsheim abgerissen. 1939 emigrieren beide hochbetagt in die Schweiz — Alfred stirbt 1941 in Zürich, Hedwig 1942. Mehr zur Familie auf der Seite Jüdische Maxvorstadt.
Paul Ludwig Troost
1878–1934. Hitlers erster Architekt vor Speer. Entwirft 1933 den Führerbau, stirbt am 21. Januar 1934. Atelier Troost — Gerdy Troost und Leonhard Gall — führt aus. Bauzeit 1933–1937. Muschelkalk-Fassade, klassizistisch streng, Pfeilerportikus, drei Hauptgeschosse plus Mansarde.
Innenausstattung Gerdy Troost
Gerdy Troost (1904–2003), ausgebildete Innenarchitektin, gestaltet die Räume in strengem klassizistisch-Art-déco-Stil: edle Hölzer, Marmor in Eingangshalle und Hauptreppenhaus, schwere Vorhänge, Möbel aus dem Atelier Troost. Im ersten Obergeschoss Hitlers Arbeitszimmer und der große Konferenzsaal.
Mussolini-Einweihung und Münchner Abkommen
Die feierliche Einweihung des Führerbaus erfolgt am 25. September 1937, anlässlich des Staatsbesuchs von Mussolini in München — gemeinsam mit dem Verwaltungsbau gegenüber. Der Bau dient ausschließlich repräsentativ-politischen Zwecken; die eigentliche Parteiverwaltung sitzt im baulich identischen Verwaltungsbau.
Ein Jahr später, in der Nacht vom 29. auf den 30. September 1938, gegen 1:30 Uhr, unterzeichnen im großen Konferenzsaal die Regierungschefs der vier Großmächte das Münchner Abkommen: Adolf Hitler, Neville Chamberlain, Édouard Daladier, Benito Mussolini. Die Tschechoslowakei — nicht anwesend — wird gezwungen, die mehrheitlich deutschsprachigen Sudetengebiete sofort an das Deutsche Reich abzutreten. Das Abkommen gilt als Höhepunkt der britisch-französischen Appeasement-Politik. Vor dem Führerbau hält die SS Ehrenwache.
Raubkunst-Depot 1939–1945
Schon ab 1939, verstärkt ab 1942, dient der Führerbau als zentrales Depot für den Sonderauftrag Linz — die geplante Führermuseum-Sammlung. In den Kellern lagern mehrere tausend Kunstwerke aus geraubten jüdischen Privatsammlungen Europas, aus besetzten Ländern und aus arisierten deutschen Sammlungen. Bis April 1945 werden rund 1.600 Gemälde nach Altaussee evakuiert; der letzte Transport mit 137 Werken verlässt München am 13. April 1945. In der Nacht vom 29. auf den 30. April 1945 — unmittelbar vor dem Einrücken der US-Armee — wird der Keller von der Bevölkerung geplündert; rund 600 Gemälde verschwinden, viele aus dem Goldenen Zeitalter der Niederlande. Ein erheblicher Teil ist bis heute nicht aufgetaucht.
Munich Central Collecting Point
Im Juni 1945 übernimmt die US-Militärregierung den Führerbau und richtet — gemeinsam mit dem Verwaltungsbau gegenüber — den Munich Central Collecting Point (CCP) ein: die zentrale Sammel-, Identifizierungs- und Restitutionsstelle für NS-Raubkunst aus den drei Westzonen. Der Führerbau wird zur Gallery II, der Verwaltungsbau zur Gallery I. Aus rund 600 Bergungsdepots werden Kunstwerke hier registriert, fotografiert, in ihrer Provenienz geklärt und an Staaten und Privatpersonen zurückgegeben.
Bis Mai 1951 werden rund 250.000 Kunstwerke restituiert — etwa 90 bis 95 Prozent der erfassten Raubkunst. 1949 wird der CCP an die deutschen Behörden übergeben; er läuft unter neuer Trägerschaft bis 1962 weiter. Die hier geleistete Arbeit gilt bis heute als Vorbild internationaler Restitutionspraxis.
Amerika Haus und Musikhochschule
Von 1948 bis 1957 beherbergt der ehemalige Führerbau das Amerika Haus München mit Bibliothek und Kulturprogramm. 1957 zieht die Hochschule für Musik München ein, heute die Hochschule für Musik und Theater München (HMTM) mit rund 1.300 Studierenden. Sie ist bis heute Hauptnutzerin.
Aufarbeitung heute
Seit den 2000er Jahren setzt sich die HMTM aktiv mit der Geschichte ihres Sitzes auseinander. 2008 zeigte sie die Ausstellung „unerhörte Musik" zu 104 von den Nazis verfolgten Musiker:innen. Im Innenhof erläutert eine Hinweistafel die Geschichte des Gebäudes. Der ehemalige Präsident Bernd Redmann bezeichnete das Arbeiten im Führerbau einmal als täglichen Exorzismus — eine Formel, die die Doppelung zwischen Alltag und Erinnerung am Ort beschreibt.
Worte.
„Der Führerbau diente ab 1937 als repräsentativer Münchner Sitz Hitlers; hier wurde am 30. September 1938 das Münchener Abkommen unterzeichnet."— NS-Dokumentationszentrum · Lexikoneintrag
„Arbeiten im Führerbau ist ein täglicher Exorzismus."— Bernd Redmann · ehem. Präsident Hochschule für Musik und Theater München
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