München
leuchtete
Wo Mann das Wort prägte, Kandinsky die Abstraktion erfand und die „11 Scharfrichter" das politische Kabarett. Eine Karte der Maxvorstadt als Schauplatz.
„München leuchtete"
„München leuchtete", schrieb Thomas Mann zu Beginn seiner 1902 in der Neuen Deutschen Rundschau erschienenen Erzählung Gladius Dei. „Ja, seufzt da der vermeintliche Kenner sofort, München leuchtete in Schwabing." Dabei beschreibt Mann in dem Text das Leben in der Maxvorstadt — Münchens pulsierendem Nabel der Boheme und Zentrum von Ludwigs I. Griechenlandkult.
Schon 1955 versuchte Tim O. Tim in der Abendzeitung die Anwohner wachzurütteln: „Maxvorstädter erwachet! Erwachet aus jahrzehntelanger Unterdrückung, werdet euch endlich euer selbst bewusst! Historisch gesehen gibt es überhaupt keine Schwabinger, denn die geistige Wiege Schwabings stand ohne Zweifel in der Türkenstraße."
Die Boheme der 1900er Jahre machte keinen Unterschied zwischen den Stadtvierteln, pendelte zwischen Schwabing und Maxvorstadt hin und her — so wurde kurzerhand alles zu „Schwabing", was nördlich des Odeonsplatzes lag. Das blieb hängen, bis heute spricht man selbst von offizieller Seite gerne von Schwabing, wenn man die Maxvorstadt meint. Aber: „Schwabing ist kein Ort, sondern ein Zustand. Dieser Zustand fand in der Maxvorstadt statt."
Leo von Klenze
1784 in Bockeleh im Harz geboren. Jurist, Architekt, Klassizist. Trifft Kronprinz Ludwig 1815 in Paris, wird Bayerischer Hofbauintendant. Setzt Glyptothek, Königsplatz, Propyläen, Alte Pinakothek, Leuchtenberg-Palais und die südliche Ludwigstraße. Ein Egomane, der intrigant um seinen Status kämpfte. Stirbt 1864.
Friedrich von Gärtner
1791 in Koblenz geboren. Sohn des Hofbauintendanten Andreas Gärtner, den Klenze einst aus dem Amt verdrängt hatte. Studiert in München, Paris, London. Ab 1826 Ludwigs neuer Favorit. Baut Staatsbibliothek, Damenstift, Ludwigskirche, Universität, Feldherrnhalle, Siegestor — die nördliche Ludwigstraße. Stirbt 1847 mitten in den Bauarbeiten zur Befreiungshalle.
Bauausführung in der Hand seines Baumeisters Franz Höllriegel (1794–1858).
Die Rivalität zwischen Klenze und Gärtner ist der eigentliche Motor der Maxvorstadt. Klenze stand für den Klassizismus, Gärtner für die Romantik. Klenze schäumte, als Gärtner den Auftrag für die Ludwigskirche bekam: „Kadavröse Antike", beschimpfte er eine von Gärtners Arbeiten. Beide intrigierten gnadenlos. Klenze schaffte sogar nach Gärtners Tod 1847 noch einmal Rache: Er übernahm die Fertigstellung der Befreiungshalle bei Kelheim — und überarbeitete Gärtners Pläne so, dass „kaum noch etwas übrigblieb".
Daneben spielten weitere Architekten ihre Rolle. Karl von Fischer (1782–1820) entwarf den Generalplan und das Nationaltheater, starb aber jung. Jean-Baptiste Métivier baute u. a. das Palais Méjean. Gabriel von Seidl setzte das Lenbachhaus und das Bayerische Nationalmuseum.
Der Blaue Reiter
1906 zog Wassily Kandinsky in die Ainmillerstraße 36 — also in die damalige Maxvorstadt (die heute zu Schwabing zählt). Mit seiner Lebensgefährtin Gabriele Münter, mit Franz Marc, August Macke, Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin und Paul Klee bildete sich ein loser Künstlerkreis, der 1911 als Der Blaue Reiter auftrat.
Die Münchner Akademie unter Franz von Stuck war eine der wichtigsten Kunsthochschulen Europas — Klee, Kandinsky und Albers studierten hier. Der ästhetische Bruch, den der Blaue Reiter vollzog, führte direkt in die Abstraktion und damit in die Moderne. Die weltweit bedeutendste Sammlung dazu liegt heute im Lenbachhaus, nur wenige hundert Meter entfernt.
Münchner Neue Secession (1913)
Um die Jahrhundertwende, als die Kunstmetropole München boomte und sich junge Künstler von den etablierten Vereinen ausgegrenzt sahen, gründeten sich zahlreiche neue Künstlergruppen. Darunter 1913 die Münchner Neue Secession in der Galeriestraße 26. Ihre erste Ausstellung hatte sie in der künstlichen Eisbahn im Hofgarten. 1920 zog die Neue Secession in den Glaspalast, wo sie sogar einen eigenen Eingang bekam.
Die 11 Scharfrichter
1901 gegründet, war das politisch-literarische Kabarett Die 11 Scharfrichter in der Türkenstraße 28 die erste deutsche Kabarett-Bühne. Frank Wedekind trat hier auf, Max Halbe, Otto Falckenberg. Im interessierten Publikum wurden auch Christian Morgenstern, Erich Mühsam, Wassily Kandinsky und Käthe Kollwitz gesichtet. Eine Mischung aus Münchner Witz, Berliner Schärfe und Pariser Chanson — die Vorlage für alle deutschsprachigen Kabarett-Bühnen, die noch kommen sollten.
Thomas Manns Warnung — 1926
Im November 1926 wütete der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann bei einem Vortrag in der Tonhalle über den erschreckenden politischen Klimawandel, der sich in München vollzogen hatte: „Wir mussten es erleben, dass München in Deutschland und darüber hinaus als Hort der Reaktion, als Sitz aller Verstocktheit und Widerspenstigkeit gegen den Willen der Zeit verschrien war, mussten hören, dass man es eine dumme, die eigentlich dumme Stadt nannte."
Die Tonhalle wurde im Krieg zerstört und nicht wiederaufgebaut. Die Münchner Philharmoniker fanden im Herkulessaal ein Interimsdomizil — und konnten erst 1985 im Kulturzentrum Gasteig einen eigenen Konzertsaal beziehen.
Wer wo
was tat.
- / A Wassily Kandinsky
- / B Paul Klee
- / C Thomas Mann
- / D 11 Scharfrichter (Kabarett)
- / E Münchner Neue Secession
- / F Akademie der Bildenden Künste
- / G Frank Wedekind
- / H Lou Andreas-Salomé
- / I Karl Valentin (Auftritte)
MaxvorstädterTim O. Tim · Abendzeitung, 1955
erwachet!
„Erwachet aus jahrzehntelanger Unterdrückung, werdet euch endlich euer selbst bewusst!"