Maxvorstadt / Architektur

4 Epochen

Man kann die Maxvorstadt lesen wie ein Bauhandbuch: vom dorischen Tempel Klenzes über die Jugendstilfassade bis zur keramikverkleideten Museumsmoderne. Vier Epochen, ein Quadratkilometer.

News · 7. Juli 2026

Ein Pritzker-Preisträger baut in der Maxvorstadt

Am 7. Juli 2026 hat die Mäzenin Ingeborg Pohl die „Kinderoase" an die TUM übergeben: eine fünfgeschossige Kita fast ganz aus Holz, hinter einer Fassade aus rostroten Cortenstahl-Lamellen — entworfen von Francis Kéré, Pritzker-Preisträger 2022, gemeinsam mit Holzbau-Pionier Hermann Kaufmann. Die SZ nennt den Bau an der Gabelsbergerstraße 41 einen der „architektonisch bedeutendsten Neubauten" der Stadt.

Zur Kinderoase

Klassizismus — 1800 bis 1860

Die Maxvorstadt ist als klassizistisches Gesamtkunstwerk geboren. Weil König Max I. Joseph und sein Sohn Ludwig I. ein „Isar-Athen" wollten, übersetzten ihre Architekten die griechische und römische Antike in einen ganzen Stadtteil. Den Auftakt macht der junge Karl von Fischer, von dem der Generalplan und das früheste Großpalais stammen; die Reife bringen die rivalisierenden Stars Leo von Klenze und Friedrich von Gärtner. Die ganze Personengeschichte dieses Wettstreits steht im Geschichtskapitel; hier zählen die Bauten.

Klenzes Achse ist der Königsplatz: die Glyptothek (1816–1830, ionisch-dorische Tempelfront, das erste öffentliche Skulpturenmuseum der Welt), gegenüber als Pendant die Staatlichen Antikensammlungen (1838–1848, Georg Friedrich Ziebland) und als westlicher Abschluss die Propyläen (1854–1862, Klenzes korinthisches Spätwerk). Schon davor errichtete Klenze das Leuchtenberg-Palais (1817–1821, Vorbild Palazzo Farnese) und gestaltete den Karolinenplatz mit dem Obelisken (1833). Sein Museumsbau schlechthin ist die Alte Pinakothek (1826–1836).

Gärtners Achse ist die Ludwigstraße: die Ludwigskirche (1829–1844, italienische Rundbogen-Romantik), die Bayerische Staatsbibliothek (1832–1843), die Ludwig-Maximilians-Universität (1835–1840), die Feldherrnhalle (1841–1844, nach Florentiner Vorbild) und am nördlichen Ende das Siegestor (1843–1850). Ausgeführt wurden viele dieser Bauten vom Baumeister Franz Höllriegel — dem stillen zweiten Mann hinter beiden Architekten.

Stil erkennen: Säulenordnungen (dorisch, ionisch, korinthisch), Tempelgiebel, strenge Symmetrie, heller Naturstein. Wer am Königsplatz steht, sieht Antike als politisches Programm.

Fin de Siècle — 1870 bis 1910

Nach der Reichsgründung 1871 wuchs München rasant, und mit dem Geld kam die Lust an Pracht und Zitat. Die strenge Antike wich dem Historismus — Neorenaissance, Neobarock — und schließlich dem Jugendstil. Es ist die Zeit, in der „München leuchtete": Künstler, Studenten und Boheme bevölkern das Viertel (mehr dazu unter Kunst & Boheme).

Repräsentativ für den Historismus ist die Akademie der Bildenden Künste (Gottfried von Neureuther, 1874–1887, Neorenaissance), an der Kandinsky, Klee und Albers studierten. Franz von Lenbach ließ sich seine Künstlervilla bauen — heute das Lenbachhaus (Gabriel von Seidl, 1887–1891, florentinisch-toskanisch). Den Stadtraum prägen außerdem der Wittelsbacher Brunnen (Adolf von Hildebrand, 1895) und der Löwenbräukeller (Albert Schmidt, 1883) als einer der letzten erhaltenen Münchner Bierpaläste. Den Jugendstil findet man weniger an Großbauten als an den Mietshausfassaden des Univiertels — etwa in der Ainmillerstraße, wo Kandinsky und Münter wohnten.

Stil erkennen: üppige Fassadenplastik, Renaissance- und Barockzitate, Erker und Türmchen; im Jugendstil dann florale Ornamente, geschwungene Linien, Reliefdekor an Wohnhäusern.

Neue Sachlichkeit & Monumentalbau — 1920 bis 1945

Die Zwischenkriegszeit ist in der Maxvorstadt zwiespältig. Die nüchterne Moderne der Neuen Sachlichkeit — sachlicher Zweckbau, klare Kuben, Stahlbeton — hat hier nur wenige Vertreter; am sichtbarsten ist der Circus-Krone-Bau (1919), das weltweit erste feste Zirkusgebäude, ein reiner Ingenieurbau für mehrere tausend Menschen.

Stadtbildprägend wurde stattdessen das genaue Gegenteil: der NS-Monumentalbau. Ab 1933 errichtete Paul Ludwig Troost am Königsplatz einen entkernten, übersteigerten Klassizismus als bewusste Absage an die Moderne — den Führerbau und den spiegelgleichen Verwaltungsbau (beide 1933–1937) sowie die beiden „Ehrentempel" (1935). Der Königsplatz selbst wurde 1935 mit 22.000 Granitplatten zur Aufmarschfläche gepflastert, mitten in Klenzes Ensemble. Diese Bauten sind Architektur als Machtinszenierung; ihre politische Geschichte erschließt das eigene Kapitel zur NS-Zeit.

Stil erkennen: Neue Sachlichkeit — flache Dächer, glatte Bänder, kein Dekor. NS-Monumentalbau — überlange Pfeilerreihen, kahle Steinflächen, Antike ohne Maß, eingesetzt zur Einschüchterung.

Nachkrieg & Moderne — ab 1945

1945 lag das Viertel in Trümmern. Auf den Wiederaufbau folgte die umstrittene „autogerechte Stadt" und vielerorts eine „zweite Zerstörung" durch Abriss erhaltener Altbauten. Architektonisch begann hier zugleich die echte Moderne: Sep Ruf baute mit dem Sep-Ruf-Haus (1950–1952) Münchens erstes Wohnhochhaus — filigrane Stahlbeton-Fassade statt monumentaler Geste. Der Bayerische Rundfunk errichtete ab 1949 sein Funkhaus.

Zur eigentlichen Bühne der Nachkriegsmoderne wurde das Kunstareal mit einem Bogen großer Museumsbauten: die Neue Pinakothek (Alexander von Branca, 1981, postmoderner Ersatz für den zerstörten Voit-Bau), die Pinakothek der Moderne (Stephan Braunfels, 2002, lichte Rotunde aus Sichtbeton) und das Museum Brandhorst (Sauerbruch Hutton, 2009, Fassade aus 36.000 farbigen Keramikstäben). Auch der Hauptbahnhof wird derzeit komplett neu gebaut (Auer Weber, bis voraussichtlich 2028).

Stil erkennen: Sichtbeton, Glas und Stahl, klare Großformen; in der Gegenwart Materialexperimente und Farbe — die Brandhorst-Fassade ist das Wahrzeichen dieser Phase.

Ausblick: Die Gegenwart

Am westlichen Rand der Maxvorstadt, rund um das Arnulf- und Bahnhofsareal, schreibt sich die Architekturgeschichte des Viertels in die Gegenwart fort — mit Büro- und Technologiebauten von Apple, Google und dem neuen Stadtquartier am Arnulfpark. Und mitten im Univiertel setzte 2026 die Kinderoase von Pritzker-Preisträger Francis Kéré ein Ausrufezeichen — eine Kita fast ganz aus Holz, hinter Cortenstahl-Lamellen, an der Gabelsbergerstraße 41. Aus dem klassizistischen Reißbrettviertel von 1812 ist über zwei Jahrhunderte ein durchgehendes Schaufenster deutscher Baukunst geworden.

Zeitstrahl

200 Jahre
Baukunst.

1812

Karolinenplatz & Generalplan

Nach Fischers Plänen entsteht der erste klassizistische Platz — der Grundriss des „Isar-Athen" steht.

1830

Glyptothek vollendet

Klenzes Tempel am Königsplatz — das erste öffentliche Skulpturenmuseum der Welt.

1844

Ludwigskirche & Feldherrnhalle

Gärtner prägt die Ludwigstraße mit italienisch inspirierter Romantik.

1862

Propyläen

Klenzes korinthisches Tor schließt den Königsplatz nach Westen — das Ende der klassizistischen Epoche.

1887

Akademie der Künste

Neureuthers Neorenaissance-Bau — Historismus in Reinform.

1891

Lenbach-Villa

Gabriel von Seidl baut dem Malerfürsten eine toskanische Villa — heute das Lenbachhaus.

1919

Circus-Krone-Bau

Erstes festes Zirkusgebäude der Welt — sachlicher Ingenieurbau in Stahlbeton.

1937

Troost-Bauten am Königsplatz

Führer- und Verwaltungsbau vollendet, Ehrentempel seit 1935 — Architektur als Machtinszenierung.

1952

Sep-Ruf-Haus

Münchens erstes Wohnhochhaus — der filigrane Aufbruch in die Nachkriegsmoderne.

1981

Neue Pinakothek

Brancas postmoderner Bau ersetzt den zerstörten Vorgänger von 1853.

2002

Pinakothek der Moderne

Braunfels' lichte Sichtbeton-Rotunde — vier Museen unter einem Dach.

2009

Museum Brandhorst

Sauerbruch Huttons Fassade aus 36.000 Keramikstäben — das Wahrzeichen der jüngsten Epoche.

2026

Kinderoase an der TUM

Francis Kérés Kita aus Holz und Cortenstahl — der erste Münchner Bau des Pritzker-Preisträgers.

Weiterlesen

Die Personen hinter den Bauten

Klenze gegen Gärtner, ein König mit wechselndem Geschmack und der stille Baumeister Höllriegel — die Architektur der Maxvorstadt ist auch ein Drama der Egos.

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Huse liefert die kunst- und architekturhistorische Einordnung Münchens; Nerdingers Architekturführer erschließt die Einzelbauten von Klenze bis zur Gegenwart.