Ehrentempel
Zwei offene Pfeilerhallen Paul Ludwig Troosts, eingeweiht am 9. November 1935 als Mausoleum für die sechzehn „Blutzeugen" des Hitler-Putschs von 1923. SS-Ehrenwache Tag und Nacht. Im Januar 1947 sprengt die US-Armee die Aufbauten. Die Sockel bleiben — als Wunde, als Biotop, als ungeklärte Frage.
Pfeilerhallen unter freiem Himmel
Die beiden Ehrentempel werden ab 1934 auf der Brienner Straße zwischen Königsplatz und Karolinenplatz errichtet — symmetrisch nördlich und südlich der Straße, an der Ostseite des umgestalteten Königsplatzes. Quadratischer Grundriss, je 20 schlanke Pfeiler, kein Dach: Die Särge sollen, so die NS-Inszenierung, „dem Wetter, der Sonne, dem Regen ausgesetzt" sein. Hellbeiger Muschelkalk, blockhafte Klarheit — bewusst gesetzt als Gegenpol und Überlagerung von Klenzes klassizistischem Forum.
Troost selbst stirbt am 21. März 1934, mitten in der Bauphase. Sein Atelier Troost — fortgeführt von seiner Witwe, der Innenarchitektin Gerdy Troost, und seinem Chefarchitekten Leonhard Gall — vollendet die Ehrentempel. Die feierliche Einweihung erfolgt am 9. November 1935 als Bestandteil des neuen NS-„Kult- und Machtzentrums" am Königsplatz. Gleichzeitig fertig: der Führerbau und der Verwaltungsbau gegenüber.
Der Hitler-Putsch · 9. November 1923
Bei dem gescheiterten Putschversuch von 1923 sterben vor der Feldherrnhalle und im Hof des bayerischen Kriegsministeriums 16 Hitler-Anhänger durch Schüsse der bayerischen Landespolizei. Die NSDAP erhebt sie nach 1933 zu „Blutzeugen der Bewegung" — Märtyrern einer pseudo-religiösen Liturgie.
Umbettung · 8./9. November 1935
Am 8. November werden die 16 Toten exhumiert und in die Feldherrnhalle überführt; Hitler schreitet in der Nacht an jedem Sarg vorbei. Am Morgen des 9. November werden sie auf flaggenverhüllten Lafetten in einem inszenierten Marsch vom Odeonsplatz über die Brienner Straße zum Königsplatz gebracht und in den neuen Ehrentempeln beigesetzt — acht Sarkophage pro Tempel.
Die sechzehn Namen
Felix Allfarth · Andreas Bauriedl · Theodor Casella · Wilhelm Ehrlich · Martin Faust · Anton Hechenberger · Oskar Körner · Karl Kuhn · Karl Laforce · Kurt Neubauer · Klaus von Pape · Theodor von der Pfordten · Johann Rickmers · Max Erwin von Scheubner-Richter · Lorenz Ritter von Stransky-Griffenfeld · Wilhelm Wolf.
Bezeichnend ist die Position des Oberkellners Karl Kuhn: Er war kein NSDAP-Mitglied, sondern trat aus Neugier vor sein Café an der Theatinerstraße — und wurde von einer Kugel getroffen. In der NS-Liturgie wird er trotzdem zum Märtyrer. Der Personenkult kennt keine Differenzierung; jeder Tote, der irgendwie im Putschkontext starb, taugt zum „Blutzeugen".
Die Liturgie des 9. November
Der Höhepunkt des NS-Jahreskalenders neben den Reichsparteitagen in Nürnberg findet jährlich am 9. November in München statt. Am Vorabend zieht ein Fackelzug vom Bürgerbräukeller — Ausgangsort des Putschs 1923 — zur Feldherrnhalle. Am Morgen des 9. November folgt der „Marsch der Alten Kämpfer" von der Feldherrnhalle über die Briennerstraße zum Königsplatz, vorbei an Hitlers Truppen, hinauf zu den Ehrentempeln.
Vor den Sarkophagen verliest Hitler die sechzehn Namen — der „Letzte Appell". Bei jedem Namen antworten die Versammelten „Hier!". Es ist ein bewusst pseudo-katholisches Totenamt — die Glocken läuten, die Hakenkreuzfahnen sind gesenkt, die Hauptdarsteller agieren wie Priester. Bis 1944 wird dieses Ritual jährlich wiederholt; ein Höhepunkt der NS-Propaganda für den eigenen Heiligenkalender.
Sprengung Januar 1947
Im Zuge der Entnazifizierung sprengt die US-Armee die aufgehenden Säulenarchitekturen der beiden Ehrentempel. Die meisten Quellen nennen den 9. Januar 1947, andere sprechen unspezifisch von „Anfang Januar 1947". Sicher ist: Beide Aufbauten werden Anfang 1947 niedergelegt. Die massiven Sockel/Fundamente blieben stehen — ihre vollständige Entfernung galt als zu aufwendig.
Die Sarkophage waren da bereits 18 Monate ausgeräumt. Am 5. Juli 1945 hatten die Amerikaner die bronzenen Särge geborgen und die Angehörigen kontaktiert. Drei Möglichkeiten standen zur Wahl: anonyme Bestattung in einem Münchner Friedhof, Rückführung in das ursprüngliche Familiengrab, oder Einäscherung. Die Mehrzahl der Leichen wurde in unmarkierten Gräbern beigesetzt — bewusst ohne Hinweis, um eine neuerliche Verehrung zu unterbinden.
Die Sockel
Die beiden Sockelplattformen aus Muschelkalk sind unverändert erhalten und bilden flache, quadratische Aufgänge zur Brienner Straße. Auf dem nördlichen Sockel wuchs ab den 1950ern spontane Vegetation; in den späten 1950ern wurde er gezielt mit Sträuchern bepflanzt — zunächst zur 800-Jahr-Feier Münchens 1958. Nach der Entdeckung seltener Pflanzen in den Steinfugen wurde der überwucherte südliche Sockel später unter Biotopschutz gestellt. Die Bewachsung ist heute selbst Gegenstand der Erinnerungsdiskussion.
Eine dauerhafte Inschrift oder Erläuterungstafel direkt am Sockel fehlt bis heute. Erläutert wird nur über mobile Stelen des NS-Dokumentationszentrums. Über eine permanente Inschrift wird in München seit Jahren diskutiert: Befürworter argumentieren, ohne Erläuterung blieben die Sockel kontextlos; Skeptiker warnen, jede dauerhafte Markierung sei selbst eine Form der Verewigung.
„Schutt und Ehre" 2022
Vom 23. März bis 18. April 2022 zeigt das NS-Dokumentationszentrum in Kooperation mit der Initiative SCHULTERSCHLUSS (gegründet 2020 vom Kabarettisten und Autor Christian Springer) die ortsspezifische Installation „Schutt und Ehre". Auf dem südlichen Sockel des ehemaligen Ehrentempels werden Rettungsringe und Fender — Bootsabweiser aus der Schifffahrt — angebracht. Die Bildlogik ist klar: Hier wird seit Jahrzehnten nicht angestoßen; die Sockel haben einen schiffsähnlichen Schutzkordon, der den Diskurs abhält.
Die Installation, so die Begründung der Initiative, sei „die Visualisierung dieser wichtigen Leerstelle, die durch ihren ungelösten Charakter deutlich macht, dass das Denken und Sprechen über Geschichte nie zu Ende sein kann". Sie ist beendet — die Frage bleibt: Wie umgehen mit einem Sockel, der zugleich Mahnung und Unkenntlichkeit ist?
Worte.
„Am 9. November 1935 weihte die NSDAP die zwei ‚Ehrentempel' als Teile des neuen nationalsozialistischen Kult- und Machtzentrums am Königsplatz ein. In den beiden Pfeilerhallen erhielten die 16 ‚Blutzeugen', die beim Hitler-Putsch 1923 zu Tode gekommen waren, einen neuen Bestattungsort."— NS-Dokumentationszentrum · Selbstdarstellung zum historischen Ort
„Schutt und Ehre — die Visualisierung dieser wichtigen Leerstelle, die durch ihren ungelösten Charakter deutlich macht, dass das Denken und Sprechen über Geschichte nie zu Ende sein kann."— Initiative SCHULTERSCHLUSS · 2022
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