NS-Dokumentationszentrum
Auf dem Grundstück des Braunen Hauses — der NSDAP-Parteizentrale ab 1931 — steht seit dem 30. April 2015 das NS-Dokumentationszentrum. Ein weißer, kubischer Bau, der sich bewusst von der monumentalen NS-Architektur absetzt. Eintritt frei. Vier Geschosse, 1.000 m² Dauerausstellung „München und der Nationalsozialismus".
Bürgerliche Vorgeschichte
An der Brienner Straße steht seit 1828 das Palais Barlow, ein klassizistisches Stadtpalais des königlich-bayerischen Hofbaurats Jean-Baptiste Métivier — eines Schülers Karl von Fischers. Dreigeschossig, mit Mittelrisalit, schlicht und elegant.
Die Bewohnergeschichte führt durch das ganze 19. Jahrhundert: zunächst Freiherrn Carl von Lotzbeck (Miete), 1838 Verkauf an den Marchese Fabio Pallavicini, sardinischen Geschäftsträger am bayerischen Hof. 1866 erwirbt der Hoffotograf Joseph Albert das Haus, 1876 der englische Großkaufmann Richard Barlow — von ihm trägt das Palais seither seinen Namen. Vererbt wird es an Sohn Willy Barlow.
26. Mai 1930 · NSDAP-Kauf
Für 805.864 Goldmark erwirbt die NSDAP das Palais Barlow von Elisabeth Barlow, der Witwe Willy Barlows. Den Kaufpreis tragen wesentlich Industriespenden — Fritz Thyssen und andere frühe Förderer Hitlers. Architekt Paul Ludwig Troost baut die Villa zum Bürogebäude um. Es ist sein erster großer Auftrag für die NSDAP — Beginn der Troost-Ära.
Braunes Haus 1931–1937
Ab Anfang 1931 zieht die Reichsleitung ein. Wegen der braunen Inneneinrichtung und der SA-Uniform-Farbe heißt der Bau im Volksmund schnell „Braunes Haus". Hitler hat sein Arbeitszimmer im 1. Obergeschoss; Rudolf Heß und Martin Bormann sitzen ebenfalls hier. Berühmt der Senatorensaal mit 60 roten Ledersesseln und die Fahnenhalle mit der Blutfahne vom Putschversuch 1923.
Vom Hauptquartier zur Wunde
Mit der Fertigstellung von Führer- und Verwaltungsbau 1937 verlässt die Reichsleitung das Braune Haus. Es dient fortan überwiegend musealen und schulischen Zwecken — als Reichsführerschule der NSDAP und als parteigeschichtliche Gedenkstätte mit Hitlers original belassenem Arbeitszimmer als Schaustück. Bei alliierten Bombenangriffen Anfang 1945 wird der Bau schwer beschädigt; die Ruine wird 1947 abgeräumt.
Über 60 Jahre liegt die Stelle brach — eine bewusste Lücke in der Stadtgeschichte, deren Bebauung jahrzehntelang umstritten ist. Erst 2001 fasst der Münchner Stadtrat den Grundsatzbeschluss zu einem Dokumentationszentrum; 2005 folgt der konkrete Beschluss zum Bau auf dem Grundstück. 2006 gewinnt das Berliner Büro Georg Scheel Wetzel Architekten den Architektenwettbewerb mit 31 Teilnehmern.
Der Neubau 2011–2015
Baubeginn 2011. Bauzeit bis Anfang 2015. Eröffnung am 30. April 2015 — dem 70. Jahrestag der Befreiung Münchens durch die US-Armee. Der Bau von Georg Scheel Wetzel Architekten ist ein kubischer Solitär, 22,5 m Kantenlänge, vier oberirdische Geschosse plus zwei untergeschossige mit doppelter Grundfläche. Außen und innen weißer Sichtbeton, bewusster Kontrast zu den hellen Muschelkalkbauten der NS-Zeit ringsum. Schmale vertikale Fensterschlitze, sehr reduzierte Fassade. Drei Geschosse Dauerausstellung, ein Lernforum, im Tiefparterre Wechselausstellungen.
Gründungsdirektor war Prof. Dr. Winfried Nerdinger (geb. 1944), emeritierter Architekturhistoriker der TUM, der sich seit 1988 für die Einrichtung des Zentrums eingesetzt hatte. Seit 2018 leitet Prof. Dr. Mirjam Zadoff (geb. 1974, Historikerin, zuvor Indiana University) das Haus.
Dauerausstellung und Wiedereröffnung 2025
Die Dauerausstellung „München und der Nationalsozialismus" zeigt auf rund 1.000 m² in vier Geschossen die Münchner Stadt- und Bewegungsgeschichte des Nationalsozialismus — Aufstieg der NSDAP, „Hauptstadt der Bewegung", Verfolgung und Vernichtung, Widerstand, Nachkriegszeit, Erinnerungspolitik. Eintritt ist frei. Träger ist die Landeshauptstadt München in Kooperation mit Freistaat und Bund. Von Dezember 2024 bis Mai 2025 war das Haus wegen Sanierung geschlossen; Wiedereröffnung am 8. Mai 2025 — dem 80. Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht.
Brienner 45 und Max-Mannheimer-Platz
Im Außenbereich rund um das NS-Doku ist die Medienkunst-Installation Brienner 45 dauerhaft installiert (April 2015). Verantwortlich: die Brüder Benjamin und Emanuel Heisenberg und Elisophie Eulenburg. Auf mehreren Monitoren, „wie Wände eines zerstörten Hauses" verteilt, laufen filmische Text-Bild-Collagen mit Originalzitaten aus NS-Schlüsseldokumenten. Der Titel verweist auf die frühere Hausnummer Brienner Straße 45 — heute ist die Adresse Brienner Straße 34. Der Vorplatz wurde am 6. Februar 2018 in Max-Mannheimer-Platz umbenannt (zum 98. Geburtstag des 2016 verstorbenen Auschwitz-Überlebenden Max Mannheimer).
Worte.
„München, die Hauptstadt der Bewegung, hat sich lange schwergetan mit der Auseinandersetzung. Dieses Haus ist der Versuch, das nachzuholen."— Winfried Nerdinger · Gründungsdirektor
„Erinnerungskultur ist nicht ein Blick zurück, sondern eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart."— Mirjam Zadoff · Direktorin seit 2018
Zurück zur
Karte aller
neun Orte.
Königsplatz, Ehrentempel, Führerbau, Verwaltungsbau, NS-Doku, Schelling-Salon, Osteria, Prinz-Carl-Palais, Generalkonsulat.