Architektur / Kinderoase an der TUM

Kinder­oase

Münchens spektakulärste Kita: Pritzker-Preisträger Francis Kéré und Holzbau-Pionier Hermann Kaufmann schließen an der Gabelsbergerstraße 41 eine Kriegs-Baulücke — fünf Geschosse fast ganz aus Holz, hinter rostroten Cortenstahl-Lamellen. Gestiftet von Ingeborg Pohl, am 7. Juli 2026 an die TUM übergeben.

2024–2026 · Kéré / KaufmannGabelsbergerstraße 41 · AdresseIngeborg Pohl · Stifterin60 Kinder · ab September 2026

Eine Baulücke wird zum Ereignis

Schräg gegenüber dem Uhrturm des TUM-Hauptgebäudes, an der Gabelsbergerstraße 41, klaffte seit dem Zweiten Weltkrieg eine Baulücke. Seit Sommer 2026 lugt dort eine Gebäudefront aus rostroten, leicht gefalteten Lamellen hervor — „als würde sie gegenüber den Nachbarbauten die Brust rausstrecken", schreibt die SZ. Ganz oben sitzt ein runder Holzaufbau mit überstehendem Dach, der wie eine Krone wirkt; nachts ist der beleuchtete Vorbau weithin sichtbar. Dahinter verbirgt sich keine Galerie und kein Konzernsitz, sondern eine Kita für bis zu 60 Kinder von Angehörigen der Technischen Universität München: die „Kinderoase" — 700 Quadratmeter, verteilt auf fünf Geschosse.

Der Spatenstich erfolgte am 18. April 2024, am 7. Juli 2026 übergab die Stifterin Ingeborg Pohl das fertige Haus an die TUM. Im September 2026, zum neuen Kitajahr, zieht der Betrieb ein.

Der Architekt: Francis Kéré

Der Entwurf stammt von Diébédo Francis Kéré (* 1965 in Gando, Burkina Faso) — dem wohl prominentesten Namen, der je unter einem Münchner Kita-Bauplan stand. Kéré kam als Erster seines Dorfes zur Schule, wurde Zimmermann, ging mit einem Stipendium nach Deutschland und studierte Architektur an der TU Berlin. Noch als Student baute er mit gesammelten Spenden die erste Schule seines Heimatdorfs — aus Lehm, mit passiver Kühlung, errichtet von der Dorfgemeinschaft selbst. Dafür erhielt er 2004 den Aga Khan Award; es folgten Bauten wie der Serpentine Pavilion in London (2017) und Projekte vom Goethe-Institut Dakar bis zur neuen Nationalversammlung von Benin. 2022 wurde er als erster afrikanischer Architekt mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet, der höchsten Ehrung der Architekturwelt. Zugleich steht Kéré, der neben der burkinischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, in einer kurzen deutschen Reihe: Vor ihm hatten erst zwei deutsche Architekten den Pritzker-Preis erhalten — Gottfried Böhm (1986), der Meister der Sichtbeton-Kirchen, und Frei Otto (2015), der Schöpfer des Münchner Olympiadachs. Kéré ist der dritte.

Nach München führen ihn gleich zwei Verbindungen: Sein Büro Kéré Architecture sitzt in Berlin, und seit 2017 hat er an der TUM die Professur für Architectural Design and Participation inne. Die Kinderoase ist sein erster Münchner Bau — und nach Angaben der TUM sein erstes dauerhaftes Gebäude in Europa überhaupt. An seiner Seite: Hermann Kaufmann aus Schwarzach in Vorarlberg, ehemaliger TUM-Professor und einer der führenden Holzbau-Architekten Europas (Deutscher Architekturpreis 2017), dessen Büro HK Architekten die Ausführungsplanung des Holzbaus verantwortete. Die Bauherrin vertrat der Münchner Architekt Antony Groß vom Büro GAPP, der die kreativen Ideen durch Baugenehmigung und Projektsteuerung brachte — mit Rückenwind, wie er betont, von Stadtbaurätin Elisabeth Merk und der Lokalbaukommission.

Holz hinter Cortenstahl

Das Haus ist ein konsequenter Holzbau: Außer im Untergeschoss und beim außen liegenden Fluchttreppenhaus wurde kein Beton verbaut. Wände, Deckenbalken und Fensterrahmen sind aus Fichte, Treppenstufen und Parkett aus Esche — man riecht das Holz in jedem Raum. Die Straßenfront bildet eine Fassade aus gefalteten Cortenstahl-Lamellen, deren erdiger Rostton mit der Zeit weiter patiniert; das zurückgesetzte Erdgeschoss leuchtet in einem helleren Rostton. Kern des Gebäudes ist ein rundes, 20,8 Meter hohes Treppenhaus mit 5,5 Metern Durchmesser: gelbe Wände, Leuchten in Form von Wolken, Mond und Sternen — eine Idee der Stifterin. Alle Räume schmiegen sich von außen an diesen Zylinder.

Vertikaler Spielraum

„Wir haben die Kinderoase vollständig aus der Perspektive der Kinder gestaltet", sagt Kéré. „Wir haben einen vertikalen Spielraum geschaffen, in dem sie von einer Etage zur nächsten laufen, klettern und rutschen können." Im straßenseitigen Anbau — die Architekten nennen ihn den „Rucksack" — verbinden zwei eigens gefertigte Holzrutschen die Ebenen. Geschwungene Garderoben mit „Geheimweg" für die Kinder, Spielküchen und Mobiliar ganz aus Holz, Bäder mit runden Spiegeln und durchgängigem Farbkonzept: Das Haus ist bis ins Detail durchgestaltet. Wer sich nach ganz oben arbeitet, landet auf der Dachterrasse „Himmelswiese", die hinter hoher Brüstung ebenfalls zum Spielen gedacht ist — mit Blick über das Univiertel.

Stifterin, Betrieb, Einordnung

Finanziert und der öffentlichen Hand geschenkt hat das Haus die Mäzenin Ingeborg Pohl, TUM-Ehrensenatorin und Gründungsstifterin der TUM Universitätsstiftung: „Mit dieser Kinderoase erfüllt sich mein Wunsch, leistungsstarke Frauen in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu unterstützen." Was der Bau gekostet hat, macht sie nicht öffentlich. Den Betrieb übernimmt ab September 2026 das Studierendenwerk München Oberbayern. Dem Einwand, hier entstehe eine „Luxus-Kita" für ein privilegiertes Milieu, hält Projektsteuerer Groß entgegen: „Das hier ist ein architektonisches Juwel mit hoher Anziehungskraft für München."

Architekturgeschichtlich schließt die Kinderoase an die jüngste Epoche der Maxvorstädter Baukunst an: Nach den großen Museumsbauten des Kunstareals ist sie der erste Neubau von Weltrang mitten im Viertelkern — und ein Signal für nachhaltigen Holzbau in der Innenstadt.

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