Viertel / Straßen / Türkenstraße

Türken­straße

Vom Kunstareal zur Kneipenmeile: die Straße der Elf Scharfrichter, des Simplicissimus, der Türkenkaserne und der kleinen Läden.

1,3 kmLänge
1812Benennung
1901Erstes Kabarett Deutschlands (Nr. 28)
1903Eröffnung Simplicissimus

Namensherkunft

Die Türkenstraße heißt nach dem Türkengraben, einem Kanal, der sie begleitete. Kurfürst Max Emanuel wollte die Residenz durch ein Kanalsystem mit den Schlössern Nymphenburg und Schleißheim verbinden und beauftragte den kurfürstlichen Geometer Mathias Paur mit der Planung. 1702 begannen die Aushubarbeiten, zu denen Soldaten der kurfürstlichen Infanterie abkommandiert wurden. Das Gerücht, türkische Kriegsgefangene hätten mitgegraben, hält sich bis heute – die letzten türkischen Gefangenen aus dem Großen Türkenkrieg hatten München jedoch schon 1699 verlassen (Arz 2018, S. 48). Die Bezeichnung „Türkengraben“ wurde dem Kanal ohnehin erst nachträglich beigelegt (Stephan 2013, S. 63). Nach nur zwei Jahren kamen die Arbeiten zum Erliegen, der Graben reichte knapp bis zur Georgenschwaige in Milbertshofen; wegen Wassermangels war er nie schiffbar. 1811 wurde er aufgefüllt und teilweise überbaut. Sein Verlauf entspricht heute der Fürsten-, Nordend-, Kurfürsten- und Belgradstraße; die schräg geschnittenen Grundstücke zwischen Amalien- und Türkenstraße erinnern noch an ihn. An der Ecke Schelling-/Türkenstraße halten seit 2005 fünf in eine Mauer eingelassene „Fenster“ des Künstlers Joachim Jung die Erinnerung an den Türkengraben wach.

Im Stadterweiterungsplan der Maxvorstadt trug die Straße ab 1808 zunächst den Namen Florastraße. Am 1. Dezember 1812 wurde sie durch königliches Reskript König Max' I. Joseph in Türkenstraße umbenannt. Der Name gehört damit zu den ältesten in der Maxvorstadt, die noch heute gelten; er wanderte später auch auf die Kaserne, ihr Tor und die Schule.

Geschichte

Die Türkenstraße entstand mit dem Stadterweiterungsplan für die Maxvorstadt (ab 1808) als eine der Nord-Süd-Achsen westlich der Ludwigstraße. Begeisterung löste sie lange nicht aus: Der Kulturkritiker Theodor Goering übte 1886 herbe Kritik an Amalien-, Theresien- und Türkenstraße, „die zum Zweck der Massenunterbringung angelegt sind und als endlos lange, kerzengerade Straßen den Charakter der trostlosesten Nüchternheit bewahren“ (Bäumler u. a. 2015, S. 14). Seit den 1870er Jahren griff in den nördlichen Abschnitten von Amalien- und Türkenstraße die reichere Formensprache der italienischen, dann der deutschen Renaissance um sich; 32 Häuser stehen heute unter Denkmalschutz. 1955 rief der Journalist Tim O. Tim in der Abendzeitung den Maxvorstädtern zu, die „geistige Wiege Schwabings“ habe „ohne Zweifel in der Türkenstraße“ gestanden – die Straße ist bis heute eine der Hauptschlagadern des Viertels.

Der südliche Abschnitt an der Brienner Straße war früh von höfischen Bauten geprägt. 1842 erhielt Franz Jakob Kreuter, ein Schüler Gärtners, den Auftrag für das Palais Dürckheim (Nr. 4), einen rot gestreiften Backsteinbau für Georg Friedrich Wilhelm Alfred Graf von Dürckheim-Montmartin, Kämmerer und Obersthofmeister der Königin Therese. Schon 1855 kaufte die preußische Staatsregierung das Anwesen und richtete ihre Gesandtschaft ein; 54 Jahre lang prangte das preußische Wappen über dem Portal, bis die Gesandtschaft 1909 in den von Kaiser Wilhelm II. gestifteten Neubau an der Prinzregentenstraße (heute Schack-Galerie) zog. Direkt daneben ließ Kronprinz Maximilian 1843–1848 von Friedrich von Gärtner das neugotische Wittelsbacher Palais errichten. Gärtner verabscheute die Gotik – „Das ist mir der zuwiderste Bau, den ich geführt habe!“ – und der Kronprinz bezog das Haus nie: Kurz nach der Fertigstellung musste König Ludwig I. abdanken, Vater und Sohn tauschten die Wohnsitze, und der Exkönig haderte bis zu seinem Tod 1868 mit dem „scheußlichen Kasten“ (Arz 2018, S. 54). Später wohnte hier der spätere König Ludwig III.; nach dessen Flucht 1918 richteten sich die Revolutionäre um Kurt Eisner im Palais ein, hier wurde die Räterepublik ausgerufen, und das neu geschaffene Sozialministerium bezog das Haus.

Das Stadtbild des mittleren Abschnitts bestimmte über 150 Jahre die Türkenkaserne. König Max I. Joseph hatte ein regelrechtes Militärviertel mit Garnisonskirche, Kadettenkorps und Veteranenhaus geplant; erst 1823 segnete er das Budget für das Geviert Türken-, Gabelsberger-, Barer und Theresienstraße ab, im November 1824 zogen die ersten Soldaten des 1. Linien-Infanterie-Regiments „König“ ein. Ludwig I. akzeptierte die Kaserne nur schweren Herzens, weil er Explosionen und Feuer in der Nachbarschaft seiner geplanten Pinakothek fürchtete; 1826 stoppte er den weiteren Ausbau, beauftragte Leo von Klenze mit der Gestaltung und wünschte einen Park als Übergang zur Pinakothek. Die Flügel an der Gabelsbergerstraße (1872/73) und Theresienstraße (1874) folgten, die Front zur Barer Straße blieb mit Rücksicht auf die Pinakothek unbebaut (Stephan 2013, S. 47). Die Zustände müssen bescheiden gewesen sein: Der Volksmund nannte die Türkenstraße bald nur noch „Wanzenallee“. 1835 erschütterte eine gewaltige Explosion das Militärgelände der Maxvorstadt, kaum ein Haus zwischen Karl- und Türkenstraße blieb heil. Seit 1890 lag in der später offiziell Prinz-Arnulf-Kaserne genannten Anlage allein das Infanterie-Leibregiment. In der Revolution 1918 stellten sich die Soldaten der Türkenkaserne auf die Seite Kurt Eisners; 1919 zog das letzte Regiment in neue Kasernen am Stadtrand, 1920 übernahm die Landespolizei die Räume, das NS-Regime nutzte die Kaserne wieder militärisch.

1893 wurde die Prinz-Ludwig-Straße zwischen Barer und Türkenstraße durch das Grundstück der alten Huter-Schwaige („Milchgarten“) geführt; an der Ecke zur Türkenstraße, gegenüber dem Wittelsbacher Palais, ließ sich der Orchesterleiter Franz Kaim 1895 von Martin Dülfer den Kaim-Saal (Nr. 5) bauen, nach dem Odeon die wichtigste Aufführungsstätte der Stadt. Unter Felix Weingartner erspielte sich das Kaim-Orchester 1898–1905 internationalen Ruf; als Kaim 1905 München verließ, wurde der Saal in Tonhalle umbenannt, der Münchner Konzertverein übernahm das Orchester, ein Jahr später gab Wilhelm Furtwängler hier sein Debüt, 1928 folgte die Umbenennung in Münchner Philharmoniker. Im Kaim-Saal bestaunte das Publikum 1897 den Phonographen und die Röntgenstrahlen, 1907 lud Rudolf Steiner zum Theosophischen Kongress. Thomas Mann schrieb im Mai 1904 an Katia Pringsheim: „Merkwürdigerweise ist es fast immer der Kaimsaal, wo ich Sie sehe“ – und am 30. November 1926 hielt er hier den Vortrag Der Kampf um München als Kulturzentrum, in dem er klagte, München sei „als Hort der Reaktion, als Sitz aller Verstocktheit und Widerspenstigkeit gegen den Willen der Zeit verschrien“ und werde „die eigentlich dumme Stadt“ genannt (Arz 2018, S. 55; Bäumler u. a. 2015, S. 41).

Um 1900 wurde die Türkenstraße zum Schauplatz der Münchner Moderne; Heinrich Mann und Alfred Walter Heymel wohnten hier, und Anton Ažbe gründete 1891 in der Straße seine Malschule, in der auch Frauen studieren durften, bevor sie in die Georgenstraße umzog. Am 13. April 1901 eröffneten im Rückgebäude der Gaststätte „Zum Goldenen Hirschen“ in Nr. 28, direkt gegenüber der Kaserne, Die Elf Scharfrichter – Deutschlands erstes politisches Kabarett. Der Brauereibesitzer Gabriel Sedlmayr (Franziskaner-Leistbräu), Eigentümer des Hauses, hatte den ungenutzten Paukboden im Hinterhof zur Verfügung gestellt, nachdem der Plan, im Hof des Café Stefanie zu spielen, gescheitert war. Der Architekt Max Langheinrich baute ihn zu einem Theater mit versenkbarem Orchester und 100 Plätzen um; am Eingang wachte ein Totenschädel mit Perücke, in dem ein Beil steckte. Der Franzose Marc Henry hatte zehn junge Männer um sich versammelt, darunter Otto Falckenberg, Leo Greiner und den Bildhauer Wilhelm Hüsgen; sie traten unter Namen wie Peter Luft, Till Blut und Dionysius Tod in scharlachroten Kapuzen auf, die Diseuse Marya Delvard brachte das Chanson nach München, und Frank Wedekind sang seine Gitarrenlieder, die ihm „unter Stampfen und Schreien abgenöthigt wurden“, wie die Münchener Post berichtete (Bäumler/Fromm 2017, S. 52 f.). Um Steuern und Zensur zu umgehen, verlangten die Scharfrichter zunächst keinen Eintritt, sondern eine „exorbitante Garderobengebühr“. Nach über 600 Vorstellungen und 16 Programmen löste sich das Ensemble 1904 auf; das Haus wurde im Krieg zerstört, keine Tafel erinnert an den Ort.

In der Walpurgisnacht 1903 zog eine von Wedekind mit der Laute angeführte Schar von der Künstlerkneipe Dichtelei zur Türkenstraße 57, wo Kathi Kobus, zuvor Kellnerin der Dichtelei, am 1. Mai ihr eigenes Lokal eröffnete. Weil der alte Wirt gegen den Namen „Neue Dichtelei“ klagte, benannte sie es kurzerhand nach dem Satireblatt, dessen Redaktion zu ihren Gästen zählte: Verleger Albert Langen erlaubte den Namen Simplicissimus und Thomas Theodor Heines rote Bulldogge, die als Hauszeichen eine Sektflasche zwischen die Pfoten bekam (Arz 2018, S. 46). Erich Mühsam beschrieb den Betrieb: „Häufig genügte eine freigebig spendierte Flasche Sekt, um Dichter, Sänger, Musiker beider Geschlechter zu Vorträgen anzuregen.“ Joachim Ringelnatz, seit 1909 Hausdichter, wurde zunächst in Naturalien und später mit zwei Mark pro Auftritt entlohnt; blanke Maler zahlten mit Bildern, Isadora Duncan tanzte im Eisbärfellmantel auf den Tischen, zu den Stammgästen zählten Ludwig Thoma, Oskar Maria Graf, Thomas Mann und Franziska zu Reventlow, Karl Valentin trat ab 1907 auf. 1914 soll die Diseuse Marietta di Monaco hier ein Gedicht von Hugo Ball und Klabund rezitiert haben, in dem erstmals die Lautfolge „Dada“ fiel. In der NS-Zeit wurde das Lokal geschlossen, weil seine Betreiber als zu links galten.

Die NS-Zeit hinterließ in der Türkenstraße Spuren an beiden Enden. In Nr. 23 wohnte Reinhard Heydrich von Dezember 1931 bis August 1932 zur Untermiete und baute von dort den Nachrichtendienst der NSDAP auf, den späteren SD. Im Herbst 1933 wurde das Wittelsbacher Palais Sitz der Bayerischen Politischen Polizei, der späteren Gestapo; 1934 errichtete die Schlösserverwaltung auf dem Grundstück das Gestapo-Gefängnis, der Park diente als Gefängnishof – Ernst Wiechert hat seine Haft dort im Totenwald beschrieben (Bäumler/Fromm 2017, S. 26). Hans und Sophie Scholl saßen hier im Februar 1943 ein. Hitlers Planer wollten östlich der Türkenstraße auf dem Kasernengelände einen „Platz der NSDAP“ mit einer „Halle der Partei“ anlegen, an die Hitlers Mausoleum grenzen sollte (Köpf 2005, S. 131). Vom 1. September bis zum 31. Oktober 1939 wohnte der Schreiner Georg Elser zur Untermiete in Nr. 94, gab sich seiner Wirtin gegenüber als Erfinder aus und setzte in einer kleinen angemieteten Werkstatt in Nr. 59 die Bombe mit dem komplizierten Zünder zusammen, die am 8. November um 21.20 Uhr im Bürgerbräukeller explodierte; benachbarte Handwerker fertigten ihm ahnungslos Teile (Liedtke 2018, S. 60 f.). Die Luftangriffe des Jahres 1944 zerstörten die Tonhalle, das Simplicissimus, das Scharfrichter-Haus und das Wittelsbacher Palais und beschädigten die Kaserne schwer.

Nach dem Krieg setzte sich niemand für das verhasste Palais ein: 1950 wurde die Ruine abgebrochen, der fast unbeschädigte Gefängnisanbau diente einem Autohaus als Werkstatt, bis 1964 auch er fiel. Die Stadt plante auf dem Grundstück ein Volksbildungshaus mit Konzertsaal, verkaufte das 4200 Quadratmeter große Areal Anfang der 1970er Jahre aber an die Bayerische Landesbank – mit dem Erlös baute sie den Gasteig. Das Büro Beck-Enz-Yelin errichtete 1977–1982 den Bankkomplex; ein steinerner Löwe von Alfred Göring an der Gabelsbergerstraße erinnert an die Portallöwen des Palais, eine Bronzetafel an der Ecke an die Gestapo-Zentrale. Das Palais Dürckheim, ab 1937 Polizeikrankenhaus, beherbergte ab 1946 das Landeserkennungsamt, das spätere Landeskriminalamt, stand nach 1968 leer, entging knapp dem Altstadtring und wurde 1977 von der Landesbank gekauft, die es 2006 als „Palais Pinakothek“ der Kunstvermittlung überließ. Der Simpl wurde in den 1950er Jahren schlichter wieder aufgebaut und unter Toni Netzle (1960–1992) als „Alter Simpl“ zum Treffpunkt von Brigitte Bardot, Rock Hudson, Willy Brandt, Ella Fitzgerald, Duke Ellington und Franz Josef Strauß, der zeitweise Hausverbot hatte. Auf dem Kasernengelände zog 1950 der Heyne-Verlag ein, der 1961 in die Türkenstraße 24 und 1969 in die Nr. 7 wechselte; 1958 eröffnete das ARRI-Kino (Nr. 91) mit „Die Brücke am Kwai“, das Programmkino „Türkendolch“ (Nr. 74) lief von 1961 bis 2001. Die Kasernenreste wurden abgeräumt, das Areal zum Kunstareal: Pinakothek der Moderne (2002), Museum Brandhorst (2009) und das 2010 sanierte Türkentor mit Walter De Marias „Large Red Sphere“. 1997 erhielt Georg Elser den Platz vor der Türkenschule, 2009 wurde dort Silke Wagners Neoninstallation „8. November“ eingeweiht, die täglich um 21.20 Uhr für eine Minute aufleuchtet; an der Stelle der Tonhalle entstand 2015 das Bürohaus Prinz-Ludwig-Palais.

Heute

Die Türkenstraße wechselt auf 1,3 Kilometern ihren Charakter: Im Süden liegen Kunstareal, Landesbank, Museum Brandhorst, Türkentor und Universitätsinstitute, nördlich der Theresienstraße beginnt eine dicht bebaute Wohn- und Kneipenstraße mit Buchläden und Antiquariaten (etwa dem Antiquariat Hammerstein in Nr. 37, in dessen Auslage alte Simplicissimus-Hefte liegen, und der Architekturbuchhandlung Werner in Nr. 30), Boutiquen, Cafés, dem Türkenhof (Nr. 78), einer Institution unter den Studentenkneipen, und dem Alten Simpl (Nr. 57), der nach einer Insolvenz im April 2024 wiedereröffnet wurde. In Nr. 89/91 sitzt weiterhin die Filmtechnikfirma ARRI mit ihrem Kino, auch wenn die Zentrale Ende 2018 in die Parkstadt Schwabing zog. Am nördlichen Ende schließt die Akademie der Bildenden Künste an; die Grundschule an der Türkenstraße (Nr. 68) mit dem Georg-Elser-Platz davor ist Mittelpunkt des Viertels.

Zwischen Gabelsberger- und Akademiestraße ist die Straße Einbahnstraße stadtauswärts; die U-Bahn-Station Universität (U3/U6) liegt wenige Schritte entfernt. Die Lage gilt als begehrt und teuer. Luxussanierungen und Entmietungen, etwa in den Häusern Nr. 52/54, führten zu Bürgerprotesten; ein 2019 vom Bezirksausschuss geforderter Ensembleschutz wurde vom Landesamt für Denkmalpflege im März 2019 abgelehnt.

Adressen

Wichtige
Hausnummern.

№ 01 · Türkenstr. 4

Palais Dürckheim

Adelspalais, 1842–1844

Rot gestreifter Backsteinbau von Franz Jakob Kreuter für Graf Dürckheim-Montmartin, Obersthofmeister der Königin Therese; 1855–1909 Preußische Gesandtschaft, 1912 Umbau mit der heutigen Fassade, 1937–1945 Polizeikrankenhaus, 1946–1968 Landeserkennungsamt/Landeskriminalamt, 1977 von der Landesbank gekauft, 2006–2014 Palais Pinakothek.

№ 02 · Türkenstr. 5

Kaim-Saal / Tonhalle

Konzertsaal 1895–1944, nicht erhalten

Von Martin Dülfer für Franz Kaim auf dem Gelände der Huter-Schwaige erbaut, Heimat des Kaim-Orchesters (heute Münchner Philharmoniker); 1906 Furtwänglers Debüt, 1926 Thomas Manns Vortrag „Der Kampf um München als Kulturzentrum“. 1944 durch Bomben zerstört, nie wieder aufgebaut.

№ 03 · Türkenstr. 7

Prinz-Ludwig-Palais

Bürohaus, 2015

Neubau von Steidle Architekten an der Ecke Prinz-Ludwig-Straße auf dem Gelände der Tonhalle; zuvor Sitz des Heyne-Verlags (ab 1969). Seit 2023 Hauptquartier der Konferenz Europäischer Rabbiner.

№ 04 · Türkenstr. 16

BayWa-Stammhaus

gegründet 1923

Hier wurde 1923 die Bayerische Warenvermittlung landwirtschaftlicher Genossenschaften (BayWa) gegründet.

№ 05 · Türkenstr. 17

Türkentor

Kasernentor 1826, Ausstellungsraum seit 2010

Einziger erhaltener Rest der Türkenkaserne (zuletzt Prinz-Arnulf-Kaserne); eine Tafel erinnert an das „ruhmreiche Königlich Bayerische Leib-Regiment“. 2008–2010 von Sauerbruch Hutton saniert; zeigt dauerhaft Walter De Marias „Large Red Sphere“.

№ 06 · Türkenstr. 23

Wohnung Reinhard Heydrich

Mietshaus, Baudenkmal

Von Dezember 1931 bis August 1932 wohnte Reinhard Heydrich hier zur Untermiete bei der Witwe Viktoria Edrich und organisierte von der Wohnung aus den Aufbau des NSDAP-Nachrichtendienstes.

№ 07 · Türkenstr. 28

Die Elf Scharfrichter

Kabarett 1901–1904, Haus im Krieg zerstört

Im Rückgebäude der Gaststätte „Zum Goldenen Hirschen“ von Brauereibesitzer Gabriel Sedlmayr eröffnete am 13. April 1901 Deutschlands erstes politisches Kabarett mit 100 Plätzen; Frank Wedekind, Marya Delvard und Otto Falckenberg traten hier auf. Heute Neubau gegenüber dem Museum Brandhorst, ohne Gedenktafel.

№ 08 · Theresienstr. 35a / Türkenstr.

Museum Brandhorst

Museum, 2009

Auf dem ehemaligen Kasernengelände an der Ecke Türken-/Theresienstraße; Bau von Sauerbruch Hutton mit der farbigen Keramikstab-Fassade.

№ 09 · Türkenstr. 57

Alter Simpl

Künstlerkneipe seit 1903

Am 1. Mai 1903 von Kathi Kobus eröffnet und mit Erlaubnis Albert Langens nach der Satirezeitschrift benannt; Treffpunkt von Wedekind, Thoma, Mühsam, Ringelnatz, Graf und Karl Valentin. In der NS-Zeit geschlossen, 1944 zerstört, in den 1950er Jahren schlichter wieder aufgebaut, 1960–1992 von Toni Netzle geführt, April 2024 wiedereröffnet.

№ 10 · Türkenstr. 59

Werkstatt Georg Elser

Hinterhofwerkstatt, 1939

In einer kleinen angemieteten Werkstatt baute Georg Elser im Herbst 1939 die Bombe mit dem Uhrwerkzünder für das Attentat im Bürgerbräukeller zusammen.

№ 11 · Türkenstr. 68

Grundschule an der Türkenstraße („Türkenschule“)

Simultanschule von Zenetti und Voit, 1874

Eine der ersten gemischtkonfessionellen Schulen Münchens, als Konkurrenz zur katholischen Amalienschule eröffnet; „Türkenstraßler“ und „Amalienstraßler“ lieferten sich jahrzehntelang Revierkämpfe. Davor seit 1997 der Georg-Elser-Platz; an der Westfassade seit 2009 Silke Wagners Neoninstallation „8. November“, die täglich um 21.20 Uhr eine Minute lang leuchtet.

№ 12 · Türkenstr. 74

Türkendolch

Programmkino 1961–2001

Vier Jahrzehnte lang eines der bekannten Münchner Programmkinos.

№ 13 · Türkenstr. 78

Türkenhof

Wirtshaus

Einfache Kneipe mit Augustiner-Ausschank und Kicker, eine Institution unter den Studentenkneipen des Viertels.

№ 14 · Türkenstr. 89/91

ARRI

Filmtechnik seit 1917, Kino seit 1958

Firmensitz von Arnold & Richter, gegründet 1917; die 1937 entwickelte Spiegelreflexkamera ARRIFLEX 35 brachte dem Haus zahlreiche Technik-Oscars. Das ARRI-Kino (Nr. 91) eröffnete 1958 mit „Die Brücke am Kwai“ und baute 1978 als erstes deutsches Kino eine Dolby-Stereo-Anlage ein.

№ 15 · Türkenstr. 94

Wohnung Georg Elser

Mietshaus mit Läden

Vom 1. September bis 31. Oktober 1939 wohnte der Schreiner Georg Elser hier zur Untermiete, gab sich als Erfinder aus und kehrte in den Morgenstunden von seinen nächtlichen Arbeiten im Bürgerbräukeller hierher zurück.

№ 16 · Brienner Str. 18 / Türkenstr.

Wittelsbacher Palais (abgebrochen)

1848–1950/64, heute Bayerische Landesbank

Gärtners ungeliebtes neugotisches Palais war Alterssitz Ludwigs I., Residenz Ludwigs III., 1919 Sitz der Räteregierung und des Sozialministeriums, ab 1933 Gestapo-Zentrale mit 1934 angebautem Gefängnis; 1944 ausgebrannt, 1950 abgetragen, der Gefängnisbau 1964. 1977–1982 Landesbank-Komplex von Beck-Enz-Yelin; Bronzetafel an der Ecke.

Personen

Wer hier
lebte und wirkte.

Kathi Kobus

1854–1929 · Wirtin

Ehemalige Kellnerin der Dichtelei, eröffnete am 1. Mai 1903 in Nr. 57 das Simplicissimus, nahm von mittellosen Künstlern Bilder als Zahlung und machte die Kneipe zum Mittelpunkt der Bohème.

Joachim Ringelnatz

1883–1934 · Dichter und Kabarettist

Ab 1909 Hausdichter im Simplicissimus, wo ihn Kathi Kobus zunächst in Naturalien, dann mit zwei Mark pro Auftritt entlohnte; sein „Simplicissimus-Lied“ und seine Erinnerungen beschreiben das Lokal.

Erich Mühsam

1878–1934 · Anarchist und Schriftsteller

Schleuderte im Simplicissimus beißende Satiren ins Publikum und schilderte in den „Unpolitischen Erinnerungen“ das beängstigende Gedränge und die sektgetriebene Vortragspraxis des Lokals.

Karl Valentin

1882–1948 · Komiker

Trat ab 1907 regelmäßig im Simplicissimus in der Türkenstraße 57 auf.

Frank Wedekind

1864–1918 · Dramatiker

Prominentestes Mitglied der Elf Scharfrichter in Nr. 28, wo er seine Gitarrenlieder vortrug; führte 1903 den Umzug zur Neueröffnung in Nr. 57 an und blieb Stammgast des Simplicissimus.

Otto Falckenberg

1873–1947 · Regisseur

Mitgründer der Elf Scharfrichter, inszenierte als „Peter Luft“ den Auftritt der vermummten Scharfrichter in Nr. 28; prägte später die Münchner Kammerspiele.

Franz Kaim

1856–1935 · Konzertunternehmer

Ließ 1895 den Kaim-Saal (Nr. 5) bauen, Heimstatt seines 1893 gegründeten Orchesters, der späteren Münchner Philharmoniker; verließ München 1905.

Thomas Mann

1875–1955 · Schriftsteller

Beobachtete Katia Pringsheim im Kaim-Saal durchs Opernglas, ließ in „Gladius Dei“ die Akademie „ihre weißen Arme zwischen der Türkenstraße und dem Siegestor“ ausbreiten und hielt 1926 in der Tonhalle seine Rede gegen München als „Hort der Reaktion“.

Ludwig I.

1786–1868 · König von Bayern

Stoppte 1826 den Ausbau der Türkenkaserne zugunsten seiner Pinakothek und verbrachte nach der Abdankung 1848 seine letzten zwanzig Jahre im ungeliebten neugotischen Wittelsbacher Palais.

Georg Elser

1903–1945 · Widerstandskämpfer

Wohnte vom 1. September bis 31. Oktober 1939 in Nr. 94 und baute in einer Werkstatt in Nr. 59 die Bombe für das Attentat auf Hitler vom 8. November 1939; seit 1997 trägt der Platz vor der Schule Nr. 68 seinen Namen.

Reinhard Heydrich

1904–1942 · SS-Führer, Organisator des Holocaust

Wohnte 1931/32 zur Untermiete in Nr. 23 und baute von dort mit drei Mitarbeitern den Nachrichtendienst der NSDAP auf, den späteren Sicherheitsdienst (SD).

Hans und Sophie Scholl

1918–1943 / 1921–1943 · Widerstandskämpfer der Weißen Rose

Vom 18. bis 22. Februar 1943 im Gestapo-Gefängnis des Wittelsbacher Palais an der Ecke Türkenstraße inhaftiert und verhört.

Toni Netzle

1930–2016 · Schauspielerin und Wirtin

Führte den Alten Simpl von 1960 bis 1992, verteilte Lokalverbote nach Laune – auch an Franz Josef Strauß – und machte die Kneipe zum Treffpunkt von Bardot, Brandt, De Niro und Ellington.

Friedrich Graf von Dürckheim-Montmartin

1794–1879 · Obersthofmeister

Kämmerer und Obersthofmeister der Königin Therese, Bauherr des Palais Dürckheim (Nr. 4), 1842–1844 von Franz Jakob Kreuter errichtet; verkaufte es 1855 an Preußen.

Chronik

Türkenstraße in Daten

1702

Kurfürst Max Emanuel lässt den Kanal graben, der später Türkengraben heißt; 1811 wird er aufgefüllt.

1808/12

Anlage als Florastraße; am 1. Dezember 1812 Umbenennung in Türkenstraße durch König Max I. Joseph.

1823/24

Budget für die Türkenkaserne bewilligt; im November 1824 ziehen die ersten Soldaten ein.

1844

Palais Dürckheim (Nr. 4) bezogen; ab 1855 Preußische Gesandtschaft.

1848

Wittelsbacher Palais fertig; Ludwig I. zieht nach seiner Abdankung ein.

1874

Die Türkenschule (Nr. 68) eröffnet als gemischtkonfessionelle Schule.

1895

Eröffnung des Kaim-Saals (Nr. 5), ab 1905 Tonhalle.

1901

Am 13. April eröffnen die Elf Scharfrichter in Nr. 28 Deutschlands erstes politisches Kabarett.

1903

Kathi Kobus eröffnet am 1. Mai das Simplicissimus (Nr. 57).

1919

Räteregierung im Wittelsbacher Palais; das letzte Regiment verlässt die Türkenkaserne.

1926

Thomas Mann hält in der Tonhalle den Vortrag „Der Kampf um München als Kulturzentrum“.

1933/34

Das Wittelsbacher Palais wird Zentrale der Politischen Polizei/Gestapo, 1934 mit eigenem Gefängnis.

1939

Georg Elser wohnt in Nr. 94 und baut in Nr. 59 die Bombe für das Bürgerbräu-Attentat.

1944

Bomben zerstören Tonhalle, Simplicissimus, Scharfrichter-Haus und Wittelsbacher Palais.

1977–82

Bau des Landesbank-Komplexes auf dem Palais-Grundstück; die Kaserne wird bis auf das Türkentor abgeräumt.

2002–10

Pinakothek der Moderne, Museum Brandhorst und Türkentor eröffnen auf dem Kasernengelände; 2009 Elser-Denkmal an der Türkenschule.

Der ›Simpl‹ war der Mittelpunkt der Boheme und war weltbekannt geworden. Wer in München lebte oder studierte, ging dorthin.
Joachim Ringelnatz, Mein Leben bis zum Kriege (1931), zit. nach Bäumler u. a. 2015, S. 54
Literatur & Quellen

Zum
Weiterlesen.

  • / 01Bäumler/Fromm 2017, S. 26, 49–53, 65 · Topographie und Erinnerung. Erkundungen der MaxvorstadtJudith Kemps Aufsatz über die Elf Scharfrichter in der Türkenstraße 28 (Haus, Hinterhof, Ensemble, Wedekind) sowie der Park des Wittelsbacher Palais als Gefängnishof der Gestapo.
  • / 02Arz 2018, S. 3, 12, 35, 43–49, 53–55, 68 f., 129, 134–141 · Maxvorstadt. Reiseführer für MünchnerTürkengraben, Türkenkaserne („Wanzenallee“), Palais Dürckheim, Wittelsbacher Palais und Landesbank, Tonhalle, Elf Scharfrichter, Simplicissimus, Türkenschule, ARRI, Heyne-Verlag, Elser-Denkmal und Lokale der Straße.
  • / 03Bäumler u. a. 2015, S. 14, 22 f., 41, 52, 54, 80, 92 · Die Maxvorstadt. Historische Betrachtungen zu einem KulturViertelGoerings Kritik von 1886, Thomas Manns Tonhalle-Rede 1926, Wittelsbacher Palais als Gestapo-Zentrale und Nachkriegsplanung, Zitate von Ringelnatz und Mühsam zum Simpl, Elser in der Türkenstraße 94.
  • / 04Stephan 2013, S. 20, 38, 47, 51 f., 57, 63, 120–159 · Maxvorstadt. Zeitreise ins alte MünchenBaugeschichte der Türkenkaserne (1823–1874, Prinz-Arnulf-Kaserne), Prinz-Ludwig-Straße und Kaimsäle 1893/95, Renaissancefassaden der 1870er Jahre, Nachträglichkeit des Namens „Türkengraben“ sowie historische Fotos der Straße.
  • / 05Liedtke 2018, S. 42, 60–62, 230 · 111 Orte in München auf den Spuren der Nazi-ZeitGeorg Elsers Zimmer in Nr. 94 (1. September bis 31. Oktober 1939), seine Werkstatt in Nr. 59, das Elser-Denkmal an der Türkenschule und die Gedenktafel am Wittelsbacher Palais.
  • / 06Liedtke 2013, S. 14, 20 f., 44, 206 · 111 Orte in München, die Geschichte erzählenAlter Simpl unter Kathi Kobus und Toni Netzle, ARRI in der Türkenstraße 89, Premiere der Elf Scharfrichter, Ringelnatz' Entlohnung im Simpl.
  • / 07Smith 2009, S. 116, 119, 131 · Nur in München. Ein Reiseführer zu sonderbaren OrtenHitlers Mausoleumsplanung an der Kreuzung Gabelsberger-/Türkenstraße, Schließung und Wiederaufbau des Alten Simpl, Antiquariat Hammerstein (Nr. 37).
  • / 08Köpf 2005, S. 123, 131, 158 · Der Königsplatz in MünchenDer geplante „Platz der NSDAP“ mit Hitlers Grabstätte auf dem Kasernengelände östlich der Türkenstraße und die späte Ehrung Elsers 1997.
  • / 09Large 2001, S. 69 · Hitlers MünchenThomas Manns „Gladius Dei“ mit der Akademie, die „ihre weißen Arme zwischen der Türkenstraße und dem Siegestor ausbreitet“.

Online-Quellen