Geschichte
Die Türkenstraße entstand mit dem Stadterweiterungsplan für die Maxvorstadt (ab 1808) als eine der Nord-Süd-Achsen westlich der Ludwigstraße. Begeisterung löste sie lange nicht aus: Der Kulturkritiker Theodor Goering übte 1886 herbe Kritik an Amalien-, Theresien- und Türkenstraße, „die zum Zweck der Massenunterbringung angelegt sind und als endlos lange, kerzengerade Straßen den Charakter der trostlosesten Nüchternheit bewahren“ (Bäumler u. a. 2015, S. 14). Seit den 1870er Jahren griff in den nördlichen Abschnitten von Amalien- und Türkenstraße die reichere Formensprache der italienischen, dann der deutschen Renaissance um sich; 32 Häuser stehen heute unter Denkmalschutz. 1955 rief der Journalist Tim O. Tim in der Abendzeitung den Maxvorstädtern zu, die „geistige Wiege Schwabings“ habe „ohne Zweifel in der Türkenstraße“ gestanden – die Straße ist bis heute eine der Hauptschlagadern des Viertels.
Der südliche Abschnitt an der Brienner Straße war früh von höfischen Bauten geprägt. 1842 erhielt Franz Jakob Kreuter, ein Schüler Gärtners, den Auftrag für das Palais Dürckheim (Nr. 4), einen rot gestreiften Backsteinbau für Georg Friedrich Wilhelm Alfred Graf von Dürckheim-Montmartin, Kämmerer und Obersthofmeister der Königin Therese. Schon 1855 kaufte die preußische Staatsregierung das Anwesen und richtete ihre Gesandtschaft ein; 54 Jahre lang prangte das preußische Wappen über dem Portal, bis die Gesandtschaft 1909 in den von Kaiser Wilhelm II. gestifteten Neubau an der Prinzregentenstraße (heute Schack-Galerie) zog. Direkt daneben ließ Kronprinz Maximilian 1843–1848 von Friedrich von Gärtner das neugotische Wittelsbacher Palais errichten. Gärtner verabscheute die Gotik – „Das ist mir der zuwiderste Bau, den ich geführt habe!“ – und der Kronprinz bezog das Haus nie: Kurz nach der Fertigstellung musste König Ludwig I. abdanken, Vater und Sohn tauschten die Wohnsitze, und der Exkönig haderte bis zu seinem Tod 1868 mit dem „scheußlichen Kasten“ (Arz 2018, S. 54). Später wohnte hier der spätere König Ludwig III.; nach dessen Flucht 1918 richteten sich die Revolutionäre um Kurt Eisner im Palais ein, hier wurde die Räterepublik ausgerufen, und das neu geschaffene Sozialministerium bezog das Haus.
Das Stadtbild des mittleren Abschnitts bestimmte über 150 Jahre die Türkenkaserne. König Max I. Joseph hatte ein regelrechtes Militärviertel mit Garnisonskirche, Kadettenkorps und Veteranenhaus geplant; erst 1823 segnete er das Budget für das Geviert Türken-, Gabelsberger-, Barer und Theresienstraße ab, im November 1824 zogen die ersten Soldaten des 1. Linien-Infanterie-Regiments „König“ ein. Ludwig I. akzeptierte die Kaserne nur schweren Herzens, weil er Explosionen und Feuer in der Nachbarschaft seiner geplanten Pinakothek fürchtete; 1826 stoppte er den weiteren Ausbau, beauftragte Leo von Klenze mit der Gestaltung und wünschte einen Park als Übergang zur Pinakothek. Die Flügel an der Gabelsbergerstraße (1872/73) und Theresienstraße (1874) folgten, die Front zur Barer Straße blieb mit Rücksicht auf die Pinakothek unbebaut (Stephan 2013, S. 47). Die Zustände müssen bescheiden gewesen sein: Der Volksmund nannte die Türkenstraße bald nur noch „Wanzenallee“. 1835 erschütterte eine gewaltige Explosion das Militärgelände der Maxvorstadt, kaum ein Haus zwischen Karl- und Türkenstraße blieb heil. Seit 1890 lag in der später offiziell Prinz-Arnulf-Kaserne genannten Anlage allein das Infanterie-Leibregiment. In der Revolution 1918 stellten sich die Soldaten der Türkenkaserne auf die Seite Kurt Eisners; 1919 zog das letzte Regiment in neue Kasernen am Stadtrand, 1920 übernahm die Landespolizei die Räume, das NS-Regime nutzte die Kaserne wieder militärisch.
1893 wurde die Prinz-Ludwig-Straße zwischen Barer und Türkenstraße durch das Grundstück der alten Huter-Schwaige („Milchgarten“) geführt; an der Ecke zur Türkenstraße, gegenüber dem Wittelsbacher Palais, ließ sich der Orchesterleiter Franz Kaim 1895 von Martin Dülfer den Kaim-Saal (Nr. 5) bauen, nach dem Odeon die wichtigste Aufführungsstätte der Stadt. Unter Felix Weingartner erspielte sich das Kaim-Orchester 1898–1905 internationalen Ruf; als Kaim 1905 München verließ, wurde der Saal in Tonhalle umbenannt, der Münchner Konzertverein übernahm das Orchester, ein Jahr später gab Wilhelm Furtwängler hier sein Debüt, 1928 folgte die Umbenennung in Münchner Philharmoniker. Im Kaim-Saal bestaunte das Publikum 1897 den Phonographen und die Röntgenstrahlen, 1907 lud Rudolf Steiner zum Theosophischen Kongress. Thomas Mann schrieb im Mai 1904 an Katia Pringsheim: „Merkwürdigerweise ist es fast immer der Kaimsaal, wo ich Sie sehe“ – und am 30. November 1926 hielt er hier den Vortrag Der Kampf um München als Kulturzentrum, in dem er klagte, München sei „als Hort der Reaktion, als Sitz aller Verstocktheit und Widerspenstigkeit gegen den Willen der Zeit verschrien“ und werde „die eigentlich dumme Stadt“ genannt (Arz 2018, S. 55; Bäumler u. a. 2015, S. 41).
Um 1900 wurde die Türkenstraße zum Schauplatz der Münchner Moderne; Heinrich Mann und Alfred Walter Heymel wohnten hier, und Anton Ažbe gründete 1891 in der Straße seine Malschule, in der auch Frauen studieren durften, bevor sie in die Georgenstraße umzog. Am 13. April 1901 eröffneten im Rückgebäude der Gaststätte „Zum Goldenen Hirschen“ in Nr. 28, direkt gegenüber der Kaserne, Die Elf Scharfrichter – Deutschlands erstes politisches Kabarett. Der Brauereibesitzer Gabriel Sedlmayr (Franziskaner-Leistbräu), Eigentümer des Hauses, hatte den ungenutzten Paukboden im Hinterhof zur Verfügung gestellt, nachdem der Plan, im Hof des Café Stefanie zu spielen, gescheitert war. Der Architekt Max Langheinrich baute ihn zu einem Theater mit versenkbarem Orchester und 100 Plätzen um; am Eingang wachte ein Totenschädel mit Perücke, in dem ein Beil steckte. Der Franzose Marc Henry hatte zehn junge Männer um sich versammelt, darunter Otto Falckenberg, Leo Greiner und den Bildhauer Wilhelm Hüsgen; sie traten unter Namen wie Peter Luft, Till Blut und Dionysius Tod in scharlachroten Kapuzen auf, die Diseuse Marya Delvard brachte das Chanson nach München, und Frank Wedekind sang seine Gitarrenlieder, die ihm „unter Stampfen und Schreien abgenöthigt wurden“, wie die Münchener Post berichtete (Bäumler/Fromm 2017, S. 52 f.). Um Steuern und Zensur zu umgehen, verlangten die Scharfrichter zunächst keinen Eintritt, sondern eine „exorbitante Garderobengebühr“. Nach über 600 Vorstellungen und 16 Programmen löste sich das Ensemble 1904 auf; das Haus wurde im Krieg zerstört, keine Tafel erinnert an den Ort.
In der Walpurgisnacht 1903 zog eine von Wedekind mit der Laute angeführte Schar von der Künstlerkneipe Dichtelei zur Türkenstraße 57, wo Kathi Kobus, zuvor Kellnerin der Dichtelei, am 1. Mai ihr eigenes Lokal eröffnete. Weil der alte Wirt gegen den Namen „Neue Dichtelei“ klagte, benannte sie es kurzerhand nach dem Satireblatt, dessen Redaktion zu ihren Gästen zählte: Verleger Albert Langen erlaubte den Namen Simplicissimus und Thomas Theodor Heines rote Bulldogge, die als Hauszeichen eine Sektflasche zwischen die Pfoten bekam (Arz 2018, S. 46). Erich Mühsam beschrieb den Betrieb: „Häufig genügte eine freigebig spendierte Flasche Sekt, um Dichter, Sänger, Musiker beider Geschlechter zu Vorträgen anzuregen.“ Joachim Ringelnatz, seit 1909 Hausdichter, wurde zunächst in Naturalien und später mit zwei Mark pro Auftritt entlohnt; blanke Maler zahlten mit Bildern, Isadora Duncan tanzte im Eisbärfellmantel auf den Tischen, zu den Stammgästen zählten Ludwig Thoma, Oskar Maria Graf, Thomas Mann und Franziska zu Reventlow, Karl Valentin trat ab 1907 auf. 1914 soll die Diseuse Marietta di Monaco hier ein Gedicht von Hugo Ball und Klabund rezitiert haben, in dem erstmals die Lautfolge „Dada“ fiel. In der NS-Zeit wurde das Lokal geschlossen, weil seine Betreiber als zu links galten.
Die NS-Zeit hinterließ in der Türkenstraße Spuren an beiden Enden. In Nr. 23 wohnte Reinhard Heydrich von Dezember 1931 bis August 1932 zur Untermiete und baute von dort den Nachrichtendienst der NSDAP auf, den späteren SD. Im Herbst 1933 wurde das Wittelsbacher Palais Sitz der Bayerischen Politischen Polizei, der späteren Gestapo; 1934 errichtete die Schlösserverwaltung auf dem Grundstück das Gestapo-Gefängnis, der Park diente als Gefängnishof – Ernst Wiechert hat seine Haft dort im Totenwald beschrieben (Bäumler/Fromm 2017, S. 26). Hans und Sophie Scholl saßen hier im Februar 1943 ein. Hitlers Planer wollten östlich der Türkenstraße auf dem Kasernengelände einen „Platz der NSDAP“ mit einer „Halle der Partei“ anlegen, an die Hitlers Mausoleum grenzen sollte (Köpf 2005, S. 131). Vom 1. September bis zum 31. Oktober 1939 wohnte der Schreiner Georg Elser zur Untermiete in Nr. 94, gab sich seiner Wirtin gegenüber als Erfinder aus und setzte in einer kleinen angemieteten Werkstatt in Nr. 59 die Bombe mit dem komplizierten Zünder zusammen, die am 8. November um 21.20 Uhr im Bürgerbräukeller explodierte; benachbarte Handwerker fertigten ihm ahnungslos Teile (Liedtke 2018, S. 60 f.). Die Luftangriffe des Jahres 1944 zerstörten die Tonhalle, das Simplicissimus, das Scharfrichter-Haus und das Wittelsbacher Palais und beschädigten die Kaserne schwer.
Nach dem Krieg setzte sich niemand für das verhasste Palais ein: 1950 wurde die Ruine abgebrochen, der fast unbeschädigte Gefängnisanbau diente einem Autohaus als Werkstatt, bis 1964 auch er fiel. Die Stadt plante auf dem Grundstück ein Volksbildungshaus mit Konzertsaal, verkaufte das 4200 Quadratmeter große Areal Anfang der 1970er Jahre aber an die Bayerische Landesbank – mit dem Erlös baute sie den Gasteig. Das Büro Beck-Enz-Yelin errichtete 1977–1982 den Bankkomplex; ein steinerner Löwe von Alfred Göring an der Gabelsbergerstraße erinnert an die Portallöwen des Palais, eine Bronzetafel an der Ecke an die Gestapo-Zentrale. Das Palais Dürckheim, ab 1937 Polizeikrankenhaus, beherbergte ab 1946 das Landeserkennungsamt, das spätere Landeskriminalamt, stand nach 1968 leer, entging knapp dem Altstadtring und wurde 1977 von der Landesbank gekauft, die es 2006 als „Palais Pinakothek“ der Kunstvermittlung überließ. Der Simpl wurde in den 1950er Jahren schlichter wieder aufgebaut und unter Toni Netzle (1960–1992) als „Alter Simpl“ zum Treffpunkt von Brigitte Bardot, Rock Hudson, Willy Brandt, Ella Fitzgerald, Duke Ellington und Franz Josef Strauß, der zeitweise Hausverbot hatte. Auf dem Kasernengelände zog 1950 der Heyne-Verlag ein, der 1961 in die Türkenstraße 24 und 1969 in die Nr. 7 wechselte; 1958 eröffnete das ARRI-Kino (Nr. 91) mit „Die Brücke am Kwai“, das Programmkino „Türkendolch“ (Nr. 74) lief von 1961 bis 2001. Die Kasernenreste wurden abgeräumt, das Areal zum Kunstareal: Pinakothek der Moderne (2002), Museum Brandhorst (2009) und das 2010 sanierte Türkentor mit Walter De Marias „Large Red Sphere“. 1997 erhielt Georg Elser den Platz vor der Türkenschule, 2009 wurde dort Silke Wagners Neoninstallation „8. November“ eingeweiht, die täglich um 21.20 Uhr für eine Minute aufleuchtet; an der Stelle der Tonhalle entstand 2015 das Bürohaus Prinz-Ludwig-Palais.
Heute
Die Türkenstraße wechselt auf 1,3 Kilometern ihren Charakter: Im Süden liegen Kunstareal, Landesbank, Museum Brandhorst, Türkentor und Universitätsinstitute, nördlich der Theresienstraße beginnt eine dicht bebaute Wohn- und Kneipenstraße mit Buchläden und Antiquariaten (etwa dem Antiquariat Hammerstein in Nr. 37, in dessen Auslage alte Simplicissimus-Hefte liegen, und der Architekturbuchhandlung Werner in Nr. 30), Boutiquen, Cafés, dem Türkenhof (Nr. 78), einer Institution unter den Studentenkneipen, und dem Alten Simpl (Nr. 57), der nach einer Insolvenz im April 2024 wiedereröffnet wurde. In Nr. 89/91 sitzt weiterhin die Filmtechnikfirma ARRI mit ihrem Kino, auch wenn die Zentrale Ende 2018 in die Parkstadt Schwabing zog. Am nördlichen Ende schließt die Akademie der Bildenden Künste an; die Grundschule an der Türkenstraße (Nr. 68) mit dem Georg-Elser-Platz davor ist Mittelpunkt des Viertels.
Zwischen Gabelsberger- und Akademiestraße ist die Straße Einbahnstraße stadtauswärts; die U-Bahn-Station Universität (U3/U6) liegt wenige Schritte entfernt. Die Lage gilt als begehrt und teuer. Luxussanierungen und Entmietungen, etwa in den Häusern Nr. 52/54, führten zu Bürgerprotesten; ein 2019 vom Bezirksausschuss geforderter Ensembleschutz wurde vom Landesamt für Denkmalpflege im März 2019 abgelehnt.