Geschichte
Die Schellingstraße wurde 1808 im Stadterweiterungsplan für die Maxvorstadt als Ost-West-Verbindung angelegt; in den Stadtkarten nach 1812 ist das quadratische Raster der Neustadt bis zu ihr vorgerückt. Ihr langer Durchzug vom Oberwiesenfeld her ist exakt auf die Doppeltürme der Ludwigskirche ausgerichtet, die „genau gegenüber“ der Straße ansetzt und sie bis heute beherrscht. An ihrem östlichen Ende erhielt sie früh einen repräsentativen Abschluss: 1833–1835 baute Friedrich von Gärtner an der Ludwigstraße die Bergwerks- und Salinenadministration, deren Eckbau die Einmündung flankiert. Die eigentliche Bebauung folgte mit der Verlegung der Universität nach München (1826) und zog sich über Jahrzehnte hin, zumal Neubauten westlich und nördlich der Kreuzung Barer-/Schellingstraße bis 1862 grundsätzlich untersagt waren. Ein Plan des preußischen Gartenkünstlers Peter Joseph Lenné von 1858, östlich der Barer und nördlich der Schellingstraße einen Park anzulegen, verschwand in der Schublade; der östliche Teil bis zur Barer Straße war um 1870 geschlossen bebaut, der westliche Abschnitt bis zur Lothstraße erst gegen Ende des Jahrhunderts.
Die Gründerzeit prägte die Straße mit viergeschossigen Mietshäusern in Neurenaissance und Neubarock; 21 davon sind heute Baudenkmäler, darunter der Eckbau Nr. 9 (1893, Schreinermeister Johann Sauermann), Nr. 62 (1889–1890, Johann Lihm) und das Jugendstilhaus Nr. 26 von Martin Dülfer. Die prachtvollsten Fassaden trugen die „Fürstenhäuser“ Nr. 83–93, die der Historienmaler Ferdinand Wagner 1889 mit Bildern zum Thema „Die fünf bayerischen Herrscher und deren Beförderung der Wissenschaften“ bemalte; heute steht dort fade Nachkriegsarchitektur (Arz 2018, S. 77). Mit den Studenten kamen die Wirtschaften: 1872 eröffnete Sylvester Mehr den Schelling-Salon (Nr. 54), zunächst eine Gartenwirtschaft, in der sich Trauergesellschaften nach Beerdigungen im Alten Nordfriedhof zum Leichenschmaus trafen; 1911 richtete die Familie im neu errichteten Vorderhaus Münchens erstes Wiener Café-Restaurant mit Billard ein. 1887 zog ins neue Haus Nr. 56 ein Café ein, das spätere Café Altschwabing, und 1890 pachtete Joseph Deutelmoser das Erdgeschoss von Nr. 62 für die Osteria Bavaria, eines der ersten italienischen Lokale Münchens. Das Buchantiquariat J. Kitzinger (Nr. 25, seit 1892) und das Antiquariat Hauser (Nr. 17, 1911) machten die Straße zur Buchhändlerstraße der Universität; 1911 verlegte der Metzgermeister Vinzenz Murr seinen Hauptbetrieb in die Schellingstraße 21, wo er bis 1970 blieb. Um 1900 war die Fahrbahn mit Holzpflaster belegt, damals der neueste Straßenbelag.
Um die Jahrhundertwende gehörte die Schellingstraße zum Kern dessen, was gemeinhin „Schwabinger Bohème“ heißt: Allein in Schelling- und Theresienstraße waren um 1900 rund 200 Künstler gemeldet. Hans Brandenburg sah in der Ludwigstraße die „königliche Repräsentation der klassischen Kunststadt“, in der Schellingstraße dagegen die „Welt des Volkes, der kleinen Leute“. Joachim Ringelnatz und Wassily Kandinsky wohnten hier; Ringelnatz, Hausdichter des Simpl, eröffnete um 1910 in Nr. 23 das „Tabackhaus: Zum Hausdichter“, in dem ein Skelett im Schaufenster lag und nach der Sperrstunde weitergetrunken wurde – nach neun Monaten war der Laden pleite. Die 1897 gegründete „Freie Literarische Gesellschaft“ tagte in einem Bierlokal der Straße und bot Thomas Mann, Kurt Martens und Jakob Wassermann ein Podium. Im Rückgebäude von Nr. 33 hatte Franz Marc bis 1910 sein Atelier, wo ihn im Januar 1910 August Macke besuchte; im selben Haus eröffnete 1909 der Fotograf Heinrich Hoffmann sein erstes Atelier. Im Schelling-Salon spielten Wedekind, Rilke, Brecht und Kandinsky Billard, auch Lenin verkehrte hier; ins Café Altschwabing kamen Thomas Mann, Stefan George, Marc und Klee, in die Osteria Bavaria Kandinsky, Ibsen, Oskar Maria Graf und die Redakteure des „Simplicissimus“. 1911 baute der Verleger Georg Müller in der Straße das „Münchner Buchgewerbehaus M. Müller Söhne“ (Nr. 39/41), in dessen Hochparterre Paul Renner und Emil Preetorius die Münchner Schule für Illustration und Buchgewerbe gründeten (Bäumler/Fromm 2017, S. 146). 1904 übernahm der Metzger Franz Josef Strauß die Metzgerei in Nr. 49, über der 1915 sein gleichnamiger Sohn, der spätere Ministerpräsident, aufwuchs; 1913 weihte Erzbischof Bettinger das Aenanenhaus im Hof von Nr. 44, das erste katholische Verbindungshaus Münchens (heute Villa Hampel). Der Dichter Hans Carossa lebte 1914–1929 in Nr. 21.
Die Revolution 1918/19 erlebte der Romanist Victor Klemperer von der Pension Berg in der Schellingstraße 1 aus; unter dem Pseudonym „Antibavaricus“ berichtete er darüber für die Leipziger Neuesten Nachrichten. Sein Bild vom Münchner Bürgertum gewann er in dieser Straße: Tag für Tag sah er ein altes Ehepaar mit Kissen aus einem Fenster lehnen, das „mit demselben gleichmütig stumpfsinnigen Interesse“ zusah, ob unten nun Revolution, Krieg oder der Friede des weiß-blauen Königreichs herrschte (Bäumler/Fromm 2017, S. 136 f.).
Kaum eine Straße Münchens ist so eng mit dem Aufstieg der NSDAP verbunden. Im Buchgewerbehaus Nr. 39/41 ließ Adolf Müller ab 1920 den „Völkischen Beobachter“ drucken, 1922 zog auch die Redaktion von der Thierschstraße hierher; im August 1923 saß im Carré zudem das SA-Hauptquartier. Aus derselben Druckerei kamen die Produkte des Eher-Verlags, darunter rund zehn Millionen Exemplare von „Mein Kampf“; die süddeutsche Ausgabe des „Völkischen Beobachters“, der 1944 eine Gesamtauflage von 1,7 Millionen erreichte, wurde bis Kriegsende hier gedruckt (Arz 2018, S. 47). Hans Brandenburg beobachtete schon vor 1933, wie die kleinen Papiergeschäfte der Straße „hartnäckig, auch in Zeiten des Verbots“ den „Völkischen Beobachter“ und Postkarten der Parteigrößen auslegten. Wenige Wochen nach der Neugründung der Partei im Februar 1925 zog ihre Geschäftsstelle in das Rückgebäude von Nr. 50, wo Hoffmann seit 1924 seine Firma „Photographische Berichterstattung“ betrieb und der Partei ein Dutzend Räume anbot: Philipp Bouhler führte die Geschäfte, Franz Xaver Schwarz die Kasse, Max Amann den Zentralverlag Eher, hier lag die Mitgliederkartei, in einem „Ehrensaal“ der SA hing die „Blutfahne“ des Putsches. Der Plan, die Renovierung durch den „Verkauf“ einzelner Ziegelsteine an Förderer zu finanzieren, fand wenig Anklang; 1927 zählte die Partei in München nur 1600 Mitglieder. Die „Reichshauptgeschäftsstelle“ wuchs dennoch von vier Angestellten 1925 auf 56 im Jahr 1930, SA, SS und Hitlerjugend erhielten eigene Büros. Im Oktober 1929 lernte die 17-jährige Eva Braun, Angestellte Hoffmanns, hier Hitler kennen. 1930 zog die Partei ins Braune Haus an der Brienner Straße; über dem Hoftor von Nr. 50 blieb ein verwitterter Reichsadler. Hitler selbst war Stammgast der Osteria Bavaria: Wann immer er in München war, ging er nach dem Besuch bei seinem Architekten Troost gegen halb drei zum Mittagessen in die Schellingstraße 62, wo Adolf Wagner, Hoffmann und Reichspressechef Otto Dietrich auf ihn warteten. Oskar Maria Graf, der am Nachbartisch saß, notierte „ein blitzschnelles Aufflackern in den Augen Hitlers, der uns ‚Intelligenzbestien‘ hemmungslos hasste“. Hier ließ Hitler am 9. Februar 1935 Unity Mitford an seinen Tisch bitten. Der Schelling-Salon dagegen blieb ihm verschlossen: Engelbert Mehr, der das Lokal 1911 als jüngster Gastronom der Stadt übernommen hatte, verwehrte ihm die Räume, angeblich wegen unbezahlter Rechnungen. Hitlers Planungen für ein Mausoleum hätten schließlich das gesamte Geviert zwischen Brienner und Schellingstraße, Ludwig- und Barer Straße umgestaltet.
Widerstand gab es in derselben Straße: In der Schellingstraße 78 wohnten im zweiten Stock der Steuerberater Hermann Frieb und seine Mutter Paula, seit 1933 die Münchner Verbindungsleute der sozialdemokratischen Gruppe „Neu Beginnen“ zur Exil-SPD in der Tschechoslowakei. Ab 1939 plante die Gruppe Anschläge auf kriegswichtige Bahnstrecken und legte Waffendepots an; im Frühjahr 1942 wurde sie zerschlagen. Hermann Frieb wurde am 12. August 1943 in Stadelheim hingerichtet, seine Mutter zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt; seit 2009 erinnert eine Gedenktafel am Haus an beide (Liedtke 2018, S. 194 f.).
Die Luftangriffe von 1944 trafen das Aenanenhaus und die oberen Stockwerke von Nr. 56, während Schelling-Salon und Osteria ihre Einrichtung bewahrten und selbst das Buchgewerbehaus weitgehend unzerstört blieb. Die letzte Ausgabe des „Völkischen Beobachters“ vom 30. April 1945 gelangte nie an die Kioske. Die Amerikaner beschlagnahmten die Druckerei; am 5. Oktober 1945 wurden die Lettern von „Mein Kampf“ umgeschmolzen, um die erste Süddeutsche Zeitung zu drucken, und am 17. Oktober 1945 erschien hier erstmals die „Neue Zeitung“ der US-Militärregierung mit Erich Kästner als Feuilletonchef, Alfred Andersch und Walter Kolbenhoff in der Redaktion. Kolbenhoffs Wohnung schräg gegenüber in Nr. 48 wurde zur „literarischen und politischen Ecke“, in der Kolbenhoff, Andersch, Hans Werner Richter und Wolfdietrich Schnurre 1947 den Grundstein zur Gruppe 47 legten (Bäumler u. a. 2015, S. 61). Wenige Jahre später zog der Springer-Verlag mit „Bild München“ ins Buchgewerbehaus, das damit 1968 zum Brennpunkt der Osterunruhen wurde: Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April blockierten Hunderte Demonstranten die Auslieferung der „Bild“; am 15. April traf ein Pflasterstein den Pressefotografen Klaus Frings vor dem Haus so schwer, dass er zwei Tage später starb, auch der Student Rüdiger Schreck kam ums Leben. Uwe Timm hat die Nacht in „Heißer Sommer“, Yaak Karsunke im Gedicht „störendes geräusch“ festgehalten. 1970 wurde der Komplex zu einer Büro- und Wohnanlage umgebaut.
Die Nachkriegszeit machte die Straße endgültig zur Studentenmeile: Der Atzinger (Nr. 9, Gaststätte seit 1925) galt als „ausgelagerter Seminarraum“ der Universität, die in den 1970er Jahren das Haus erwarb. Zugleich begann der „Häuser-Kampf“ um die staatseigenen Gebäude Schellingstraße 5, 7 und 9 und Amalienstraße 38–48, deren Zweckentfremdung der Stadtrat am 23. Mai 1979 feststellte; Fritz Grundner und Sepp Hödl dokumentierten die Schicksale des Hauses Nr. 5 von 1856 bis 1986. 1993–1995 verglasten Beate Passow und Andreas von Weizsäcker die Einschusslöcher in der Ziegelfassade des Universitätsgebäudes an der Ecke Ludwigstraße als „Wunden der Erinnerung“; 2005 setzte Joachim Jung an der Ecke Türkenstraße fünf „Fenster“ in die Mauer, die an den verschütteten Türkengraben erinnern. Die Buchhandlung des Christian Kaiser Verlags in Nr. 3, wo auch die Evangelisch-Theologische Fakultät saß, schloss 1993. Seit den 1990er Jahren verdichtet sich die Universität: Institute und Hörsäle der LMU in Nr. 3, 4 und 12, die TUM School of Education in Nr. 33, das Philologicum (2019) im Gärtnerbau. Der Schelling-Salon, dem der BR 1998 den Film „Grüß Gott, liebe Gäste“ widmete, wird in vierter Generation von Evelin Mehr geführt und betreibt Münchens einziges Billardmuseum. Alte Läden verschwinden: Das Antiquariat Hauser wich einem Café, das Antiquariat Kitzinger zog 2021 in die Amalienstraße, das Café Altschwabing wurde 2022 zum Restaurant Mozzamo; Atzinger und Alter Simpl überstanden 2023/24 Insolvenzen mit neuen Betreibern.
Heute
Die Schellingstraße ist heute dreigeteilt: Der östliche Abschnitt zwischen Ludwig- und Barer Straße ist Universitätsstraße mit Hörsälen, Bibliotheken, Buchläden (etwa Words' Worth, Nr. 3), Imbissen und den Traditionslokalen Atzinger (Nr. 9), Schall & Rauch (Nr. 22), Schelling-Salon (Nr. 54) und Osteria Italiana (Nr. 62); das Bürgerbüro des Bezirksausschusses Maxvorstadt sitzt in Nr. 28a. Zwischen Barer und Schleißheimer Straße folgt eine Einkaufsstraße mit kleinen Geschäften, Bäckereien und Gastronomie; westlich der Schleißheimer Straße bis zur Lothstraße ist sie fast reine Wohnstraße mit dem Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (Nr. 155) als größtem Anlieger.
Die Straße wird von den Buslinien 58, 68, 153 und 154 befahren; die U-Bahnhöfe Universität (U3/U6) und Josephsplatz (U2) liegen an ihren Enden, die Tram 27/28 kreuzt an der Schleißheimer Straße. Der östliche Teil gehört zu den belebtesten Fußgängerbereichen der Maxvorstadt; die Wohnlage ist gefragt, Mieten und Gewerbemieten steigen, und die Verdrängung alteingesessener Läden ist seit Jahren Thema im Bezirksausschuss.