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Schelling­straße

Universitätsstraße, Bohème-Kneipenmeile, „Geburtsstätte der Bewegung“ und Straße der Osterunruhen 1968: die Ost-West-Achse des Studentenviertels.

1,9 kmLänge
1857Benennung
21Baudenkmäler
≈200gemeldete Künstler um 1900 (mit Theresienstraße)

Namensherkunft

Die Straße trägt den Namen des Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775–1854), neben Fichte und Hegel Hauptvertreter des deutschen Idealismus und Begründer der spekulativen Naturphilosophie. Schelling war eng mit München verbunden: 1808 wurde er Generalsekretär der neu gegründeten Akademie der Bildenden Künste, 1827 Professor an der eben nach München verlegten Universität und zugleich Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Er unterrichtete den Kronprinzen Maximilian, der ihm zeitlebens verbunden blieb. 1841 folgte Schelling einem Ruf nach Berlin; er starb 1854 in Bad Ragaz.

Der Straßenzug hieß im Stadterweiterungsplan von 1808 zunächst Jagdstraße, ab 1812 Löwenstraße nach dem bayerischen Wappentier. Unter diesem Namen wurde sie zur Sichtachse für Ludwigs I. Ludwigskirche: Der König ließ die Kirche 1829–1844 genau in der Flucht der Löwenstraße errichten, obwohl Bürgermeister Jakob Klar 1829 entgegenhielt, eine Bebauung der Gegend um Ludwig- und Schellingstraße sei „auch in 100 Jahren unwahrscheinlich“ und man könne dort „nur den Schafen predigen“. Am 4. März 1857, drei Jahre nach dem Tod des Philosophen, benannte König Maximilian II., sein einstiger Schüler, die Straße in Schellingstraße um. Die Nachbarstraßen erhielten in denselben Jahren die Namen anderer Gelehrter der Ludwigs-Universität, sodass das Viertel nördlich der Theresienstraße bis heute als „Professorenviertel“ lesbar ist.

Geschichte

Die Schellingstraße wurde 1808 im Stadterweiterungsplan für die Maxvorstadt als Ost-West-Verbindung angelegt; in den Stadtkarten nach 1812 ist das quadratische Raster der Neustadt bis zu ihr vorgerückt. Ihr langer Durchzug vom Oberwiesenfeld her ist exakt auf die Doppeltürme der Ludwigskirche ausgerichtet, die „genau gegenüber“ der Straße ansetzt und sie bis heute beherrscht. An ihrem östlichen Ende erhielt sie früh einen repräsentativen Abschluss: 1833–1835 baute Friedrich von Gärtner an der Ludwigstraße die Bergwerks- und Salinenadministration, deren Eckbau die Einmündung flankiert. Die eigentliche Bebauung folgte mit der Verlegung der Universität nach München (1826) und zog sich über Jahrzehnte hin, zumal Neubauten westlich und nördlich der Kreuzung Barer-/Schellingstraße bis 1862 grundsätzlich untersagt waren. Ein Plan des preußischen Gartenkünstlers Peter Joseph Lenné von 1858, östlich der Barer und nördlich der Schellingstraße einen Park anzulegen, verschwand in der Schublade; der östliche Teil bis zur Barer Straße war um 1870 geschlossen bebaut, der westliche Abschnitt bis zur Lothstraße erst gegen Ende des Jahrhunderts.

Die Gründerzeit prägte die Straße mit viergeschossigen Mietshäusern in Neurenaissance und Neubarock; 21 davon sind heute Baudenkmäler, darunter der Eckbau Nr. 9 (1893, Schreinermeister Johann Sauermann), Nr. 62 (1889–1890, Johann Lihm) und das Jugendstilhaus Nr. 26 von Martin Dülfer. Die prachtvollsten Fassaden trugen die „Fürstenhäuser“ Nr. 83–93, die der Historienmaler Ferdinand Wagner 1889 mit Bildern zum Thema „Die fünf bayerischen Herrscher und deren Beförderung der Wissenschaften“ bemalte; heute steht dort fade Nachkriegsarchitektur (Arz 2018, S. 77). Mit den Studenten kamen die Wirtschaften: 1872 eröffnete Sylvester Mehr den Schelling-Salon (Nr. 54), zunächst eine Gartenwirtschaft, in der sich Trauergesellschaften nach Beerdigungen im Alten Nordfriedhof zum Leichenschmaus trafen; 1911 richtete die Familie im neu errichteten Vorderhaus Münchens erstes Wiener Café-Restaurant mit Billard ein. 1887 zog ins neue Haus Nr. 56 ein Café ein, das spätere Café Altschwabing, und 1890 pachtete Joseph Deutelmoser das Erdgeschoss von Nr. 62 für die Osteria Bavaria, eines der ersten italienischen Lokale Münchens. Das Buchantiquariat J. Kitzinger (Nr. 25, seit 1892) und das Antiquariat Hauser (Nr. 17, 1911) machten die Straße zur Buchhändlerstraße der Universität; 1911 verlegte der Metzgermeister Vinzenz Murr seinen Hauptbetrieb in die Schellingstraße 21, wo er bis 1970 blieb. Um 1900 war die Fahrbahn mit Holzpflaster belegt, damals der neueste Straßenbelag.

Um die Jahrhundertwende gehörte die Schellingstraße zum Kern dessen, was gemeinhin „Schwabinger Bohème“ heißt: Allein in Schelling- und Theresienstraße waren um 1900 rund 200 Künstler gemeldet. Hans Brandenburg sah in der Ludwigstraße die „königliche Repräsentation der klassischen Kunststadt“, in der Schellingstraße dagegen die „Welt des Volkes, der kleinen Leute“. Joachim Ringelnatz und Wassily Kandinsky wohnten hier; Ringelnatz, Hausdichter des Simpl, eröffnete um 1910 in Nr. 23 das „Tabackhaus: Zum Hausdichter“, in dem ein Skelett im Schaufenster lag und nach der Sperrstunde weitergetrunken wurde – nach neun Monaten war der Laden pleite. Die 1897 gegründete „Freie Literarische Gesellschaft“ tagte in einem Bierlokal der Straße und bot Thomas Mann, Kurt Martens und Jakob Wassermann ein Podium. Im Rückgebäude von Nr. 33 hatte Franz Marc bis 1910 sein Atelier, wo ihn im Januar 1910 August Macke besuchte; im selben Haus eröffnete 1909 der Fotograf Heinrich Hoffmann sein erstes Atelier. Im Schelling-Salon spielten Wedekind, Rilke, Brecht und Kandinsky Billard, auch Lenin verkehrte hier; ins Café Altschwabing kamen Thomas Mann, Stefan George, Marc und Klee, in die Osteria Bavaria Kandinsky, Ibsen, Oskar Maria Graf und die Redakteure des „Simplicissimus“. 1911 baute der Verleger Georg Müller in der Straße das „Münchner Buchgewerbehaus M. Müller Söhne“ (Nr. 39/41), in dessen Hochparterre Paul Renner und Emil Preetorius die Münchner Schule für Illustration und Buchgewerbe gründeten (Bäumler/Fromm 2017, S. 146). 1904 übernahm der Metzger Franz Josef Strauß die Metzgerei in Nr. 49, über der 1915 sein gleichnamiger Sohn, der spätere Ministerpräsident, aufwuchs; 1913 weihte Erzbischof Bettinger das Aenanenhaus im Hof von Nr. 44, das erste katholische Verbindungshaus Münchens (heute Villa Hampel). Der Dichter Hans Carossa lebte 1914–1929 in Nr. 21.

Die Revolution 1918/19 erlebte der Romanist Victor Klemperer von der Pension Berg in der Schellingstraße 1 aus; unter dem Pseudonym „Antibavaricus“ berichtete er darüber für die Leipziger Neuesten Nachrichten. Sein Bild vom Münchner Bürgertum gewann er in dieser Straße: Tag für Tag sah er ein altes Ehepaar mit Kissen aus einem Fenster lehnen, das „mit demselben gleichmütig stumpfsinnigen Interesse“ zusah, ob unten nun Revolution, Krieg oder der Friede des weiß-blauen Königreichs herrschte (Bäumler/Fromm 2017, S. 136 f.).

Kaum eine Straße Münchens ist so eng mit dem Aufstieg der NSDAP verbunden. Im Buchgewerbehaus Nr. 39/41 ließ Adolf Müller ab 1920 den „Völkischen Beobachter“ drucken, 1922 zog auch die Redaktion von der Thierschstraße hierher; im August 1923 saß im Carré zudem das SA-Hauptquartier. Aus derselben Druckerei kamen die Produkte des Eher-Verlags, darunter rund zehn Millionen Exemplare von „Mein Kampf“; die süddeutsche Ausgabe des „Völkischen Beobachters“, der 1944 eine Gesamtauflage von 1,7 Millionen erreichte, wurde bis Kriegsende hier gedruckt (Arz 2018, S. 47). Hans Brandenburg beobachtete schon vor 1933, wie die kleinen Papiergeschäfte der Straße „hartnäckig, auch in Zeiten des Verbots“ den „Völkischen Beobachter“ und Postkarten der Parteigrößen auslegten. Wenige Wochen nach der Neugründung der Partei im Februar 1925 zog ihre Geschäftsstelle in das Rückgebäude von Nr. 50, wo Hoffmann seit 1924 seine Firma „Photographische Berichterstattung“ betrieb und der Partei ein Dutzend Räume anbot: Philipp Bouhler führte die Geschäfte, Franz Xaver Schwarz die Kasse, Max Amann den Zentralverlag Eher, hier lag die Mitgliederkartei, in einem „Ehrensaal“ der SA hing die „Blutfahne“ des Putsches. Der Plan, die Renovierung durch den „Verkauf“ einzelner Ziegelsteine an Förderer zu finanzieren, fand wenig Anklang; 1927 zählte die Partei in München nur 1600 Mitglieder. Die „Reichshauptgeschäftsstelle“ wuchs dennoch von vier Angestellten 1925 auf 56 im Jahr 1930, SA, SS und Hitlerjugend erhielten eigene Büros. Im Oktober 1929 lernte die 17-jährige Eva Braun, Angestellte Hoffmanns, hier Hitler kennen. 1930 zog die Partei ins Braune Haus an der Brienner Straße; über dem Hoftor von Nr. 50 blieb ein verwitterter Reichsadler. Hitler selbst war Stammgast der Osteria Bavaria: Wann immer er in München war, ging er nach dem Besuch bei seinem Architekten Troost gegen halb drei zum Mittagessen in die Schellingstraße 62, wo Adolf Wagner, Hoffmann und Reichspressechef Otto Dietrich auf ihn warteten. Oskar Maria Graf, der am Nachbartisch saß, notierte „ein blitzschnelles Aufflackern in den Augen Hitlers, der uns ‚Intelligenzbestien‘ hemmungslos hasste“. Hier ließ Hitler am 9. Februar 1935 Unity Mitford an seinen Tisch bitten. Der Schelling-Salon dagegen blieb ihm verschlossen: Engelbert Mehr, der das Lokal 1911 als jüngster Gastronom der Stadt übernommen hatte, verwehrte ihm die Räume, angeblich wegen unbezahlter Rechnungen. Hitlers Planungen für ein Mausoleum hätten schließlich das gesamte Geviert zwischen Brienner und Schellingstraße, Ludwig- und Barer Straße umgestaltet.

Widerstand gab es in derselben Straße: In der Schellingstraße 78 wohnten im zweiten Stock der Steuerberater Hermann Frieb und seine Mutter Paula, seit 1933 die Münchner Verbindungsleute der sozialdemokratischen Gruppe „Neu Beginnen“ zur Exil-SPD in der Tschechoslowakei. Ab 1939 plante die Gruppe Anschläge auf kriegswichtige Bahnstrecken und legte Waffendepots an; im Frühjahr 1942 wurde sie zerschlagen. Hermann Frieb wurde am 12. August 1943 in Stadelheim hingerichtet, seine Mutter zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt; seit 2009 erinnert eine Gedenktafel am Haus an beide (Liedtke 2018, S. 194 f.).

Die Luftangriffe von 1944 trafen das Aenanenhaus und die oberen Stockwerke von Nr. 56, während Schelling-Salon und Osteria ihre Einrichtung bewahrten und selbst das Buchgewerbehaus weitgehend unzerstört blieb. Die letzte Ausgabe des „Völkischen Beobachters“ vom 30. April 1945 gelangte nie an die Kioske. Die Amerikaner beschlagnahmten die Druckerei; am 5. Oktober 1945 wurden die Lettern von „Mein Kampf“ umgeschmolzen, um die erste Süddeutsche Zeitung zu drucken, und am 17. Oktober 1945 erschien hier erstmals die „Neue Zeitung“ der US-Militärregierung mit Erich Kästner als Feuilletonchef, Alfred Andersch und Walter Kolbenhoff in der Redaktion. Kolbenhoffs Wohnung schräg gegenüber in Nr. 48 wurde zur „literarischen und politischen Ecke“, in der Kolbenhoff, Andersch, Hans Werner Richter und Wolfdietrich Schnurre 1947 den Grundstein zur Gruppe 47 legten (Bäumler u. a. 2015, S. 61). Wenige Jahre später zog der Springer-Verlag mit „Bild München“ ins Buchgewerbehaus, das damit 1968 zum Brennpunkt der Osterunruhen wurde: Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April blockierten Hunderte Demonstranten die Auslieferung der „Bild“; am 15. April traf ein Pflasterstein den Pressefotografen Klaus Frings vor dem Haus so schwer, dass er zwei Tage später starb, auch der Student Rüdiger Schreck kam ums Leben. Uwe Timm hat die Nacht in „Heißer Sommer“, Yaak Karsunke im Gedicht „störendes geräusch“ festgehalten. 1970 wurde der Komplex zu einer Büro- und Wohnanlage umgebaut.

Die Nachkriegszeit machte die Straße endgültig zur Studentenmeile: Der Atzinger (Nr. 9, Gaststätte seit 1925) galt als „ausgelagerter Seminarraum“ der Universität, die in den 1970er Jahren das Haus erwarb. Zugleich begann der „Häuser-Kampf“ um die staatseigenen Gebäude Schellingstraße 5, 7 und 9 und Amalienstraße 38–48, deren Zweckentfremdung der Stadtrat am 23. Mai 1979 feststellte; Fritz Grundner und Sepp Hödl dokumentierten die Schicksale des Hauses Nr. 5 von 1856 bis 1986. 1993–1995 verglasten Beate Passow und Andreas von Weizsäcker die Einschusslöcher in der Ziegelfassade des Universitätsgebäudes an der Ecke Ludwigstraße als „Wunden der Erinnerung“; 2005 setzte Joachim Jung an der Ecke Türkenstraße fünf „Fenster“ in die Mauer, die an den verschütteten Türkengraben erinnern. Die Buchhandlung des Christian Kaiser Verlags in Nr. 3, wo auch die Evangelisch-Theologische Fakultät saß, schloss 1993. Seit den 1990er Jahren verdichtet sich die Universität: Institute und Hörsäle der LMU in Nr. 3, 4 und 12, die TUM School of Education in Nr. 33, das Philologicum (2019) im Gärtnerbau. Der Schelling-Salon, dem der BR 1998 den Film „Grüß Gott, liebe Gäste“ widmete, wird in vierter Generation von Evelin Mehr geführt und betreibt Münchens einziges Billardmuseum. Alte Läden verschwinden: Das Antiquariat Hauser wich einem Café, das Antiquariat Kitzinger zog 2021 in die Amalienstraße, das Café Altschwabing wurde 2022 zum Restaurant Mozzamo; Atzinger und Alter Simpl überstanden 2023/24 Insolvenzen mit neuen Betreibern.

Heute

Die Schellingstraße ist heute dreigeteilt: Der östliche Abschnitt zwischen Ludwig- und Barer Straße ist Universitätsstraße mit Hörsälen, Bibliotheken, Buchläden (etwa Words' Worth, Nr. 3), Imbissen und den Traditionslokalen Atzinger (Nr. 9), Schall & Rauch (Nr. 22), Schelling-Salon (Nr. 54) und Osteria Italiana (Nr. 62); das Bürgerbüro des Bezirksausschusses Maxvorstadt sitzt in Nr. 28a. Zwischen Barer und Schleißheimer Straße folgt eine Einkaufsstraße mit kleinen Geschäften, Bäckereien und Gastronomie; westlich der Schleißheimer Straße bis zur Lothstraße ist sie fast reine Wohnstraße mit dem Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (Nr. 155) als größtem Anlieger.

Die Straße wird von den Buslinien 58, 68, 153 und 154 befahren; die U-Bahnhöfe Universität (U3/U6) und Josephsplatz (U2) liegen an ihren Enden, die Tram 27/28 kreuzt an der Schleißheimer Straße. Der östliche Teil gehört zu den belebtesten Fußgängerbereichen der Maxvorstadt; die Wohnlage ist gefragt, Mieten und Gewerbemieten steigen, und die Verdrängung alteingesessener Läden ist seit Jahren Thema im Bezirksausschuss.

Adressen

Wichtige
Hausnummern.

№ 01 · Ludwigstr. 25 / Schellingstr.

Philologicum (ehem. Bergwerks- und Salinenadministration)

Gärtner-Bau 1833–1835, Bibliothek seit 2019, „Wunden der Erinnerung“

Der Eckbau Friedrich von Gärtners rahmt die Einmündung der Schellingstraße in die Ludwigstraße; seit 2019 Fachbibliothek der LMU für Sprach- und Literaturwissenschaften. An der Ziegelfassade zur Schellingstraße verglasten Beate Passow und Andreas von Weizsäcker 1993–1995 Einschusslöcher des Zweiten Weltkriegs als „Wunden der Erinnerung“.

№ 02 · Schellingstr. 1

Pension Berg

Victor Klemperers Quartier 1918/19

In der Pension Berg wohnte der Romanist Victor Klemperer während der Revolution 1918/19, über die er als „Antibavaricus“ für die Leipziger Neuesten Nachrichten berichtete.

№ 03 · Schellingstr. 3

LMU Schellingstraße 3

Institute, Cafeteria, ehem. Buchhandlung Chr. Kaiser

Universitätsgebäude mit Instituten, Hörsälen und Cafeteria; hier saß die Evangelisch-Theologische Fakultät, und bis 1993 betrieb der Christian Kaiser Verlag im Haus seine Buchhandlung. Im Erdgeschoss die englischsprachige Buchhandlung Words' Worth.

№ 04 · Schellingstr. 5

Bürgerhaus Schellingstraße 5

„Häuser-Kampf“ um staatseigene Häuser, 1856–1986

Symbolhaus der Auseinandersetzung um die Zweckentfremdung der staatseigenen Gebäude Schellingstraße 5, 7 und 9 und Amalienstraße 38–48 (Stadtratsbeschluss vom 23. Mai 1979); Fritz Grundner und Sepp Hödl dokumentierten 1986 die Schicksale des Hauses und seiner Bewohner seit 1856.

№ 05 · Schellingstr. 9

Gaststätte Atzinger

Studentenkneipe seit 1925, Baudenkmal 1893

Spätklassizistischer Eckbau an der Amalienstraße; 1925 richtete die Löwenbräu AG das Lokal ein, seit den 1970er Jahren gehört das Haus der LMU. Einst „die“ Studentenkneipe des Univiertels, „quasi der ausgelagerte Seminarraum“. Nach Insolvenz 2023 im April 2024 wiedereröffnet.

№ 06 · Schellingstr. 23

„Tabackhaus: Zum Hausdichter“

Ringelnatz’ Tabakladen, um 1910

Der Simpl-Hausdichter Joachim Ringelnatz eröffnete hier aus Geldnot einen Tabakladen mit Skelett im Schaufenster, in dem nach der Sperrstunde weitergezecht wurde; nach neun Monaten war er pleite. Heute Wohn- und Geschäftshaus.

№ 07 · Schellingstr. 33

TUM School of Education / Atelierhaus

Franz Marcs Atelier bis 1910, Hoffmanns erstes Atelier 1909

Im Rückgebäude arbeitete Franz Marc bis zu seinem Umzug nach Sindelsdorf 1910; hier eröffnete Heinrich Hoffmann 1909 sein Fotoatelier. Heute Sitz der TUM School of Education.

№ 08 · Schellingstr. 39/41

Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn

Bau 1911; „Völkischer Beobachter“ 1920–1945; „Neue Zeitung“; „Bild“

1911 von Georg Müller erbaut, mit Paul Renners Schule für Illustration und Buchgewerbe im Hochparterre. Ab 1920 Druckerei, ab 1922 Redaktion des „Völkischen Beobachters“, Druckort von „Mein Kampf“. Am 17. Oktober 1945 erschien hier die „Neue Zeitung“, später „Bild München“; 1968 Schauplatz der Osterunruhen, 1970 zu Büro- und Wohnanlage umgebaut.

№ 09 · Schellingstr. 48

Wohnung Walter Kolbenhoff

Keimzelle der Gruppe 47, 1947

In der „atelierhaften Wohnung mit den schrägen Wänden“ gegenüber der Redaktion der „Neuen Zeitung“ legten Kolbenhoff, Alfred Andersch, Hans Werner Richter und Wolfdietrich Schnurre 1947 den Grundstein zur Gruppe 47; Kolbenhoffs Erinnerungen erschienen 1984 unter dem Titel „Schellingstraße 48“.

№ 10 · Schellingstr. 49

Metzgerei Strauß

Elternhaus von Franz Josef Strauß

Ab 1904 Metzgerei des Franz Josef Strauß senior; hier wuchs der 1915 geborene spätere bayerische Ministerpräsident auf.

№ 11 · Schellingstr. 50

Erste NSDAP-Parteizentrale

„Reichshauptgeschäftsstelle“ 1925–1930

Im Rückgebäude, wo Heinrich Hoffmann seit 1924 seine „Photographische Berichterstattung“ betrieb, saß ab 1925 die Geschäftsstelle der neu gegründeten NSDAP mit Mitgliederkartei, Eher-Verlag und einem SA-„Ehrensaal“ für die „Blutfahne“; die Belegschaft wuchs von 4 auf 56. Über dem Tor ist noch ein verwitterter Reichsadler zu sehen.

№ 12 · Schellingstr. 54

Schelling-Salon

Gaststätte und Billardsalon seit 1872

1872 als Gartenwirtschaft gegründet, 1911 im neuen Vorderhaus als Münchens erstes Wiener Café-Restaurant mit Billard eingerichtet; in vierter Generation von Evelin Mehr geführt, mit Münchens einzigem Billardmuseum. Gäste waren Lenin, Wedekind, Rilke, Brecht und Kandinsky; Hitler erhielt wegen unbezahlter Rechnungen Hausverbot.

№ 13 · Schellingstr. 56

Café Altschwabing (heute Mozzamo)

Künstlercafé seit 1887

Im 1887 erbauten Haus mit erhaltenen Stuckdecken; Treffpunkt von Thomas Mann, Wedekind, Ringelnatz, Stefan George, Kandinsky, Marc und Klee. Nach Kriegsschäden wiederhergestellt, 2000/01 restauriert, 2022 als Restaurant Mozzamo neu eröffnet.

№ 14 · Schellingstr. 62

Osteria Italiana (ehem. Osteria Bavaria)

Italienisches Restaurant seit 1890

Ältestes italienisches Lokal Münchens im Baudenkmal von Johann Lihm mit erhaltener Ausstattung. Stammlokal von Kandinsky, Ibsen, Oskar Maria Graf und der „Simplicissimus“-Redaktion, dann Hitlers Lieblingsrestaurant, in dem er 1935 Unity Mitford kennenlernte.

№ 15 · Schellingstr. 78

Wohnung Hermann und Paula Frieb

Widerstandsgruppe „Neu Beginnen“, Gedenktafel

Im zweiten Stock wohnten Hermann Frieb und seine Mutter Paula, seit 1933 Verbindungsleute der sozialdemokratischen Widerstandsgruppe „Neu Beginnen“. 1942 verhaftet, wurde Hermann Frieb am 12. August 1943 in Stadelheim hingerichtet; eine Gedenktafel (1987, erneuert 2009) erinnert an beide.

№ 16 · Schellingstr. 83–93

„Fürstenhäuser“

Bemalte Fassaden von Ferdinand Wagner, 1889 (zerstört)

Der Historienmaler Ferdinand Wagner bemalte die Fassaden 1889 mit Motiven zu den fünf bayerischen Herrschern als Förderern der Wissenschaften; an ihrer Stelle steht heute Nachkriegsarchitektur.

Personen

Wer hier
lebte und wirkte.

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling

1775–1854 · Philosoph

Namensgeber der Straße (1857); Generalsekretär der Akademie der Bildenden Künste ab 1808, Professor der Universität München 1827–1841 und Lehrer Maximilians II.

Sylvester Mehr

19. Jh. · Wirt

Gründete 1872 den Schelling-Salon (Nr. 54); sein Nachfolger Engelbert Mehr übernahm 1911 als jüngster Gastronom der Stadt und verwehrte Hitler die Räume; Evelin Mehr führt das Lokal in vierter Generation.

Joachim Ringelnatz

1883–1934 · Dichter, Kabarettist

Wohnte in der Schellingstraße und betrieb um 1910 in Nr. 23 das „Tabackhaus: Zum Hausdichter“, dessen bester Kunde er selbst war; nach neun Monaten pleite.

Franz Marc

1880–1916 · Maler

Wohnte und arbeitete bis 1910 im Rückgebäude von Nr. 33; hier begann im Januar 1910 seine Freundschaft mit August Macke.

Wladimir Iljitsch Lenin

1870–1924 · Revolutionär

Lebte 1900–1902 in München und verkehrte im Schelling-Salon und im Café Altschwabing.

Victor Klemperer

1881–1960 · Romanist, Tagebuchschreiber

Wohnte 1918/19 in der Pension Berg (Nr. 1) und beschrieb von hier aus als „Antibavaricus“ die Münchner Revolution und das apathische Bürgertum der Schellingstraße.

Heinrich Hoffmann

1885–1957 · Fotograf

Eröffnete 1909 sein Atelier in Nr. 33, ab 1924 „Photographische Berichterstattung“ im Rückgebäude von Nr. 50, wo er der NSDAP 1925 ein Dutzend Räume anbot; ab 1933 „Reichsbildberichterstatter“.

Eva Braun

1912–1945 · Angestellte Hoffmanns, Hitlers Gefährtin

Begann 1929 mit 17 Jahren bei Heinrich Hoffmann und begegnete im Oktober 1929 im Atelier Schellingstraße 50 erstmals Hitler.

Adolf Hitler

1889–1945 · NSDAP-Führer, Diktator

Leitete 1925–1930 die Partei von der Geschäftsstelle in Nr. 50 aus; Stammgast der Osteria Bavaria (Nr. 62), im Schelling-Salon mit Hausverbot.

Adolf Müller

1884–1945 · Verleger und Drucker

Inhaber der Druckerei M. Müller & Sohn im Buchgewerbehaus Nr. 39/41, die ab 1920 den „Völkischen Beobachter“ und rund zehn Millionen Exemplare von „Mein Kampf“ druckte.

Franz Josef Strauß

1915–1988 · Politiker, bayerischer Ministerpräsident

Wuchs über der väterlichen Metzgerei in Nr. 49 auf; Stammgast im Schelling-Salon.

Oskar Maria Graf

1894–1967 · Schriftsteller

Stammgast der Osteria Bavaria (Nr. 62), wo er Hitlers „Schwabinger Runde“ beobachtete, bevor er 1933 emigrieren musste.

Hermann Frieb

1909–1943 · Steuerberater, Widerstandskämpfer

Koordinierte mit seiner Mutter Paula von Nr. 78 aus die Münchner Gruppe „Neu Beginnen“; 1942 verhaftet, am 12. August 1943 in Stadelheim hingerichtet.

Walter Kolbenhoff

1908–1993 · Schriftsteller, Redakteur

Redakteur der „Neuen Zeitung“ (Nr. 39/41); in seiner Wohnung in Nr. 48 wurde 1947 der Grundstein zur Gruppe 47 gelegt.

Chronik

Schellingstraße in Daten

1808

Anlage im Stadterweiterungsplan als Jagdstraße.

1812

Umbenennung in Löwenstraße; das Straßenraster der Neustadt reicht bis hierher.

1829–1844

Bau der Ludwigskirche in der Sichtachse der Löwenstraße; 1835 Gärtners Salinenadministration an der Ecke Ludwigstraße vollendet.

1857

Maximilian II. benennt die Straße am 4. März nach Schelling.

1872

Sylvester Mehr eröffnet den Schelling-Salon (Nr. 54) als Gartenwirtschaft.

1889

Ferdinand Wagner bemalt die Fassaden der „Fürstenhäuser“ Nr. 83–93.

1890

Osteria Bavaria in Nr. 62 eröffnet.

1911

Georg Müller baut das Buchgewerbehaus (Nr. 39/41); im Schelling-Salon entsteht Münchens erstes Wiener Café-Restaurant.

1920

Der „Völkische Beobachter“ wird im Buchgewerbehaus gedruckt; 1922 folgt die Redaktion.

1925

Geschäftsstelle der neu gegründeten NSDAP im Rückgebäude von Nr. 50.

1930

Die NSDAP zieht ins Braune Haus an der Brienner Straße.

1943

Hermann Frieb (Nr. 78) von der Widerstandsgruppe „Neu Beginnen“ hingerichtet.

1945

Am 17. Oktober erscheint die „Neue Zeitung“ in der ehemaligen VB-Druckerei.

1947

In Kolbenhoffs Wohnung (Nr. 48) wird der Grundstein zur Gruppe 47 gelegt.

1968

Osterunruhen vor der „Bild“-Druckerei; zwei Tote.

2019

Eröffnung des Philologicums der LMU an der Ecke Ludwigstraße.

Die Schellingstraße wurde mehr und mehr die eigentliche Geburtsstätte der sogenannten ‚Bewegung‘. Hier legten die kleinen Papiergeschäfte hartnäckig, auch in Zeiten des Verbots, den Völkischen Beobachter, nationalsozialistische Kampfschriften und Postkarten mit den Bildnissen der Parteigrößen aus.
zit. nach Bäumler u. a. 2015, S. 60
Literatur & Quellen

Zum
Weiterlesen.

  • / 01Bäumler/Fromm 2017, S. 49, 124, 136 f., 146 · Topographie und Erinnerung. Erkundungen der MaxvorstadtRingelnatz und Kandinsky als Bewohner, die „Freie Literarische Gesellschaft“ im Bierlokal, Klemperer in der Pension Berg (Nr. 1) und Paul Renners Schule im 1911 gebauten Buchgewerbehaus.
  • / 02Arz 2018, S. 38, 41, 47 f., 77, 88, 90, 137, 139, 141 · Maxvorstadt. Reiseführer für MünchnerLöwenstraße als Sichtachse der Ludwigskirche, Vinzenz Murr in Nr. 21, Buchgewerbehaus und Osterunruhen 1968, Schelling-Salon, Türkengraben-Fenster, „Fürstenhäuser“ Nr. 83–93, Hoffmann und Eva Braun in Nr. 50, Dülfer-Haus Nr. 26, Antiquariate.
  • / 03Bäumler u. a. 2015, S. 27, 31, 36, 43 f., 60–62, 76 · Die Maxvorstadt. Historische Betrachtungen zu einem KulturViertel„Häuser-Kampf“ um Nr. 5, 7, 9, rund 200 Künstler um 1900, Brandenburgs Charakterisierung der Straße und Zitat zur „Geburtsstätte der Bewegung“, Carossa in Nr. 21, „Neue Zeitung“, Kolbenhoff und Gruppe 47 (Nr. 48), 1968, Buchhandlung Chr. Kaiser in Nr. 3.
  • / 04Stephan 2013, S. 28, 44, 46, 54, 63, 68, 161 · Maxvorstadt. Zeitreise ins alte MünchenRasterplanung nach 1812, Ausrichtung auf die Ludwigskirche, Bauverbot westlich der Barer Straße bis 1862, Lennés Parkplan 1858, Hitlers Mausoleumsplanung für das Geviert, Foto der Ecke Barer Straße um 1910.
  • / 05Liedtke 2018, S. 39 f., 136 f., 170, 174–176, 194–196 · 111 Orte in München auf den Spuren der Nazi-ZeitBuchgewerbehaus und „Völkischer Beobachter“, Parteizentrale Nr. 50 (Hoffmanns Firma, 4 bis 56 Angestellte, Reichsadler), Osteria Bavaria, „Wunden der Erinnerung“ an der Ecke Ludwigstraße, Widerstandsgruppe „Neu Beginnen“ in Nr. 78.
  • / 06Large 2001, S. 275 f. · Hitlers MünchenFinanzlage der NSDAP nach dem Umzug in die Schellingstraße 50: Ziegelstein-„Verkauf“, 1600 Münchner Mitglieder 1927, Parteibilanz.
  • / 07Liedtke 2013, S. 40 f., 92 f., 204 f. · 111 Orte in München, die Geschichte erzählenBuchgewerbehaus von „Völkischem Beobachter“ bis „Bild“, Osteria Bavaria mit Graf-Zitat und Goebbels’ Tagebüchern, Ringelnatz’ Tabakladen in Nr. 23.
  • / 08Smith 2009, S. 79, 124–126, 130 f., 136, 147 f. · Nur in München. Ein Reiseführer zu sonderbaren OrtenCafé Altschwabing und seine Gäste, Engelbert Mehr und Hitlers Hausverbot, letzte VB-Ausgabe, „Wunden der Erinnerung“, Nr. 50 mit Hoffmanns Raumangebot und Büros von SA, SS und HJ, Marc in Nr. 33, Eva Braun und Unity Mitford.
  • / 09Köpf 2005, S. 39, 70, 88 · Der Königsplatz in MünchenLudwigskirche als Abschluss der Löwenstraße („nur den Schafen predigen“), Nr. 50 als Station der Parteizentralen, Hitlers Mittagsroutine in der Osteria Bavaria.

Online-Quellen