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Amalien­straße

Die Straße hinter der Universität: Antiquariate, Cafés und dicht erhaltene Historismus-Fassaden zwischen Café Stefanie, Klingenbeck-Gedenken, „Witwe Bolte“ und Amalienpassage – und die Wiege der Wienerwald-Kette.

830 mLänge
1812Benennungsjahr
30+Baudenkmäler in der Denkmalliste
1827ältestes erhaltenes Haus (Palais Holnstein, Nr. 38)

Namensherkunft

Die Straße ist seit dem 1. Dezember 1812 nach Prinzessin Amalie Auguste von Bayern (1801–1877) benannt, einer Tochter König Maximilians I. Joseph und seiner zweiten Gemahlin Karoline von Baden. Ihre Zwillingsschwester Elisabeth wurde Königin von Preußen, ihre jüngeren Schwestern Sophie und Ludovika gaben der Sophien- und der Luisenstraße den Namen. Amalie heiratete 1822 Prinz Johann von Sachsen, mit dem sie 1854 den sächsischen Thron bestieg; sie starb 1877 in Dresden. Die Benennung von 1812 fasste die Straßen der neuen Maxvorstadt zu einem Familienbild des Königshauses zusammen – Karolinenplatz, Max-Joseph-Platz, Theresien-, Elisen-, Sophien-, Luisen- und Amalienstraße.

Zuvor hieß die Straße seit dem 21. November 1808 Freudenstraße, zunächst nur für das Teilstück zwischen der Theresienstraße und der damaligen Löwenstraße (heute Schellingstraße). Die Amalienstraße zählt damit zu den ältesten benannten Straßen der Maxvorstadt. Ihre Hausnummern wurden im 19. Jahrhundert neu vergeben, weshalb ältere Quellen andere Nummern nennen: Das Café Stefanie etwa lag an der alten Nr. 14, der heutigen Nr. 25. Nicht zu verwechseln ist die Amalienstraße mit der „Neuen Amalienstraße“, wie die heutige Gabelsbergerstraße im 19. Jahrhundert hieß; dort, in der Neuen Amalienstraße 66, hielt das Ehepaar Dönniges um 1850 seinen „Blauen Salon“ für die von Maximilian II. berufenen „Nordlichter“ (Bäumler u. a. 2015, S. 34).

Geschichte

Die Amalienstraße wurde im Stadterweiterungsplan von 1808 als Parallelstraße zur geplanten Prachtstraße Ludwigs I., der Ludwigstraße, angelegt und bildete lange deren rückwärtige Erschließung. Als Friedrich von Gärtner 1835–1840 das Hauptgebäude der Universität an der Ludwigstraße errichtete, reichte der Bau bis an die Amalienstraße, und mit dem Umzug der Ludwig-Maximilians-Universität von Landshut nach München (1826) war die Straße zum Rand des Universitätsviertels geworden. Die älteste erhaltene Bebauung stammt aus dieser Zeit: das klassizistische Mietshaus mit palastartiger Fassade Nr. 38 („Palais Holnstein“, 1827, Franz Xaver Mayr), das Haus Nr. 57/59 (1827–1830, Carl Deiglmayr), Nr. 63 aus den 1820er Jahren und Nr. 22 (1844, Maurermeister Deiglmayr). 1847 baute Friedrich Bürklein, der Architekt der Maximilianstraße, an der Nr. 10 ein Mietshaus im frühen Maximilianstil. Vor den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs ließ sich in der Maxvorstadt „wie in einem Architekturlexikon“ die Entwicklung des Münchner Wohnbaus ablesen: Die südliche Amalienstraße war noch ganz vom Rundbogenstil der Gärtner-Schule geprägt, während sich seit den 1870er Jahren in den nördlichen Abschnitten von Amalien- und Türkenstraße die reichere Formensprache der italienischen und dann der deutschen Renaissance ausbreitete (Stephan 2013, S. 56).

In der Gründerzeit verdichtete sich die Straße zu einer geschlossenen Zeile fünfgeschossiger Mietshäuser in Neurenaissance und Neubarock: Nr. 41 (Heinrich Hilgert, 1882/83), Nr. 43 (Nikolaus Debold, 1878/79), Nr. 44 (Ferdinand Schratz, 1894–1896), Nr. 55 (Franz Xaver Renner, 1887/88), Nr. 65 (Paul Dietze, 1895/96), Nr. 67 (Franz Xaver Ilg, 1897) und die Doppelerkerfront der Nr. 69/71 von Ludwig Seemüller (1899–1901). Eine Aufnahme von 1906 zeigt die mit Erkern und Giebeln dem „Zuckerbäckerstil“ der Jahre nach 1870/71 verpflichtete Westseite zwischen Schelling- und Adalbertstraße; neben der großen Malerkolonie hatten sich in der Nähe von Akademie und Universität auch viele künstlerische „Lichtbildner“ niedergelassen, darunter der Hoffotograf Bernhard Dittmar mit seinem Atelier an der Amalienstraße (Stephan 2013, S. 155–160). Öffentliche Bauten kamen hinzu: das Schulhaus in Backstein-Renaissance an der Nr. 36 (Friedrich Löwel, 1886–1887), ein Neubau für je 15 Buben- und Mädchenklassen, der die aus allen Nähten platzende alte Schule an der Von-der-Tann-Straße ablöste, und die neubarocke Forstliche Forschungsanstalt an der Nr. 52 (Adolf Schulze, 1898/99). Am Nordende setzte Gottfried von Neureuther die Akademie der Bildenden Künste als Fluchtpunkt der Straße: Die Idee eines Neubaus kam 1875 auf, finanziert aus den Reparationszahlungen des Deutsch-Französischen Krieges; als Standort wählte man „das Ende der Amalienstraße“, mitten in der Maxvorstadt, die damals noch an der Hohenzollernstraße endete. Die Finanzierung erwies sich als unsicher und sorgte für mehrere Baustopps, erst 1886 übergab Prinzregent Luitpold das Haus, das schon am ersten Tag überlaufen war – statt der vorgesehenen 400 Studenten hatten sich 552 eingeschrieben (Arz 2018, S. 32). 1906–1909 fügte German Bestelmeyer der Universität den Erweiterungsbau an der Amalienstraße an, dessen Vorhof Hermann Hahn 1907–1910 mit zwei allegorischen Figuren schmückte.

Um 1900 war die Amalienstraße ein Zentrum der Bohème, die man bis heute stillschweigend unter dem griffigeren Namen Schwabing zusammenfasst, obwohl zahllose Künstler in der Maxvorstadt lebten – Ringelnatz und Kandinsky in der Schellingstraße, Heinrich Mann in der Türkenstraße, Henrik Ibsen und Frank Wedekind in der Amalienstraße (Bäumler/Fromm 2017, S. 48). An der Ecke Theresienstraße (alte Nr. 14, heute Nr. 25) lag das „Wiener Café Stefanie“, wegen seiner Gäste auch „Café Größenwahn“ genannt und eines der wenigen Lokale, die bis drei Uhr nachts öffnen durften: Wedekind, Erich Mühsam, Heinrich Mann, Paul Klee, Gustav Meyrink, Franziska zu Reventlow, Kurt Eisner, Ernst Toller und Oskar Maria Graf verkehrten hier; das Kabarett „Die Elf Scharfrichter“ wurde 1901 im Café aus der Taufe gehoben. Josef Ruederer beschrieb das Lokal spöttisch als die eine Stätte „in dem schon einmal genannten Viertel der Theresien- und Amalienstrasse, von der Jung-München den Adlerflug zur Reichshauptstadt nimmt“ – von außen ein Café wie jedes andere, innen „keine Zigarren, nur Zigaretten, kein Bier, nur Stefan George“, dazu Malweiber im Reformkostüm und Studenten, die dichten; die Maxvorstadt war damit nicht mehr das „neue München“, sondern die „Unterstadt“ der Bohème (Bäumler u. a. 2015, S. 37). 1902 gründete der Apotheker Joseph Schedel in seiner Wohnung Amalienstraße 16 (alte Zählung, heute 29) Münchens ersten Homosexuellenverein, das Wissenschaftlich-humanitäre Comitee München. Im Haus Nr. 16 wohnte 1908 Wedekind zur Untermiete – im selben Haus, in dem der Gymnasialprofessor Gebhard Himmler mit seiner Familie den dritten Stock bewohnte; sein Sohn Heinrich Himmler, der spätere Reichsführer SS, wuchs hier auf und drückte in der Volksschule an der Amalienstraße die Schulbank – ebenso wie zwei Jahrzehnte später der Metzgersohn Franz Josef Strauß. Alfred Andersch verarbeitete die Konstellation um den Vater Himmler 1980 in der Erzählung „Der Vater eines Mörders“.

In der NS-Zeit wurde die Straße zum Ort des Widerstands: Der Schalttechniklehrling Walter Klingenbeck baute mit Freunden in seinem Elternhaus Amalienstraße 44 einen Geheimsender, malte 1941 „V“-Zeichen an Hauswände und wurde nach Denunziation im September 1942 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt; am 5. August 1943 wurde der 19-Jährige in Stadelheim hingerichtet. Willi Graf von der Weißen Rose bewohnte 1942/43 ein Zimmer in der Amalienstraße 95. Die Luftangriffe von 1943/44 zerstörten unter anderem das Haus Nr. 16; das Gebäude des Café Stefanie wurde zum Teil zerstört, die Universitätsseite und der Bereich um Nr. 45 beschädigt. Am schwersten traf es das Südende: Die südliche Amalienstraße ist, wie die Lotzbeckstraße und die größten Teile der Glück- und Jägerstraße, nach dem Krieg „völlig verschwunden“ (Stephan 2013, S. 69). Nördlich davon blieb dennoch eine für München ungewöhnlich dichte Folge historischer Fassaden erhalten.

Die ersten Nachkriegsjahre hielt David Clay Large mit einer Fotografie des Kartoffelverkaufs auf der Amalienstraße 1946 fest (Large 2001, S. 440). Bald danach begann hier eine Gastronomiegeschichte von internationaler Reichweite: 1955 eröffnete der ehemalige Oberkellner Friedrich Jahn in der Amalienstraße 23 das „Linzer Stüberl“, das er kurz darauf in „Weinstube zum Wienerwald“ umbenannte. Renner war die Hühnersuppe mit Nudeln; ein Stammgast brachte Jahn auf die Idee, die Hendl zur Abwechslung auch zu braten, und die Grillhendl – zunächst aus billigen US-Importhähnchen – machten aus dem einzelnen Lokal in der Maxvorstadt eine internationale Schnellrestaurantkette (Arz 2018, S. 40). In den 1960er Jahren wurde der Oskar-von-Miller-Ring angelegt, der die 1937 verbreiterte Von-der-Tann-Straße jenseits der Ludwigstraße fortsetzt; die Trasse vernichtete oder verstümmelte den Rest der historischen Bausubstanz zwischen Fürstenstraße und südlicher Amalienstraße und amputierte das Südende der Straße (Stephan 2013, S. 107). Im „Hotel Dachs“ an der Nr. 12, dem heutigen Hotel Max, stieg am 16. Mai 1967 Jimi Hendrix ab und verbrachte die Nacht im Zimmer 43; seinen als „James Hendrix, Musiker“ ausgefüllten Anmeldeschein bewahrt das Münchner Rockmuseum (Smith 2009, S. 47).

Mit dem Wachstum der Universität wurde die Amalienstraße zum Konfliktfeld zwischen Wohnen und Hochschule. Der Flächennutzungsplan von 1965 wies die Maxvorstadt als Kerngebiet und damit als Erweiterungsgebiet für City und Universitäten aus; die LMU sollte sich bis zur Theresienstraße ausdehnen, und an der Schelling- und Amalienstraße kaufte der Freistaat zu diesem Zweck Wohnhäuser zum Abbruch auf. Dagegen formierte sich ein „Bürgerwiderstand“, zu dessen Initiatoren der Architekt Karl Klühspies zählte; 1968 entstand das Münchner Forum als Diskussionsforum für die Beteiligung der Stadtgesellschaft an der Planung (Bäumler u. a. 2015, S. 16). Im selben Jahr zog das „antiteater“ um Rainer Werner Fassbinder in die Kneipe „Witwe Bolte“, Amalienstraße 87, nachdem die Gruppe zuvor in der Akademie der Bildenden Künste und im Büchner-Theater gespielt hatte, wo der Leiter bei der Premiere der „Orgie Ubu“ das Licht ausgeschaltet hatte. Bis 1972 wurde im Hinterzimmer mit Bühne provoziert und schockiert – solange der Wirt keine lukrativere Kundschaft hatte; geprobt wurde zwischen Küche, Wirtshaussaal, Keller und Café. Die hierarchiefrei nach dem Modell der Kommune organisierte Truppe finanzierte mit den Theatereinnahmen Fassbinders Filmprojekte, und ihr Selbstbild lautete: „Wir sind nicht in den Münchner Kammerspielen zu Hause und auch nicht in der Witwe Bolte. Wir sind manchmal zehn und manchmal zwanzig“ (Bäumler u. a. 2015, S. 63). Gegen Proteste wurden die Häuser Nr. 85, 87 und 89 samt der „Witwe Bolte“ abgebrochen; an ihrer Stelle entstand 1973–1977 die Amalienpassage von Jürgen von Gagern mit 203 Wohnungen und vier Höfen, die heute selbst Baudenkmal ist. Wie es sich anfühlte, aus dem Viertel verdrängt zu werden, fasste Gerhard Polt 1976 in der Satire „Als wenn man ein Dachs wär in seinem Bau“ über eine Luxussanierung in der Amalienstraße: „Aha man soll also verschwinden – ä – man soll sich vertrollen – ja – ich verstehe das – aber leider geht das nicht so leicht – weil man ist ja immer noch da – nicht wahr“ (Bäumler u. a. 2015, S. 44). Auch das Sichtbeton-Apartmenthaus Nr. 49/49a (1970–72) steht inzwischen unter Schutz.

Die LMU beanspruchte schließlich auch das Palais Holnstein (Nr. 38) und drängte langjährige Mieter hinaus; seit 1993 dient es als Internationales Begegnungszentrum der Wissenschaft. Im alten Schulhaus Nr. 36 ist heute das städtische Fremdspracheninstitut untergebracht, an dem eine gewisse Silvia Sommerlath studierte, bevor sie den schwedischen Kronprinzen kennenlernte und Königin von Schweden wurde (Arz 2018, S. 25). 2005 zog das Lyrik Kabinett der Mäzenin Ursula Haeusgen in seinen Neubau an der Nr. 83a; 2018 wurde an der Nr. 44 ein Erinnerungszeichen für Walter Klingenbeck angebracht. Über die Häuser und ihre Bewohner informiert ausführlich die vom Bezirksausschuss Maxvorstadt herausgegebene Straßenmonographie von Joseph Hödl, „Amalienstraße. Von Häusern und Menschen“ (1999).

Heute

Die Amalienstraße ist heute die Rückseite und zugleich der Alltag der Universität: Studenten pendeln zwischen dem Bestelmeyer-Bau, den Instituten in der Forstlichen Forschungsanstalt (Nr. 52) und dem Palais Holnstein, dazwischen liegen Antiquariate (Kitzinger, Nr. 65; Rezek, Nr. 63; Buch & Töne, Nr. 46), die Buchhandlung Hueber (Nr. 77), Schreibwarenläden, Cafés und Imbisse, die Amalienpassage mit ihren Höfen, Läden und dem „Gartensalon“ im Innenhof sowie das Lyrik Kabinett als literarisches Forum. Der Reiseführer von Arz zählt Amalien-, Türken- und Schellingstraße zu den „pulsierenden Hauptschlagadern für Shopper und Kaffeedurstige“ hinter der Uni und nennt allein an der Amalienstraße rund zwanzig Lokale – vom Kaffee Schneller (Nr. 59), das seit 1884 Kuchen backt, über die Studentenkneipe „Schall & Rauch“ an der Wienerwald-Adresse Nr. 23 bis zu japanischen, koreanischen, thailändischen und italienischen Küchen und dem „verrückten Eismacher“ (Nr. 77) (Arz 2018, S. 134–139). Die Straße ist abschnittsweise Einbahnstraße, über die U-Bahnhöfe Universität und Odeonsplatz sowie die Buslinien am Oskar-von-Miller-Ring angebunden und wird stark von Radfahrern genutzt.

Als Wohnlage verbindet sie zentrale Lage mit einem der geschlossensten Gründerzeitbilder der Maxvorstadt; die Mieten gehören zu den höchsten der Stadt. Zahlreiche Häuser stehen unter Denkmalschutz, sodass die Straße zwischen Universität und Akademie ihr Bild aus dem späten 19. Jahrhundert weitgehend bewahrt hat.

Adressen

Wichtige
Hausnummern.

№ 01 · Amalienstr. 10

Mietshaus von Friedrich Bürklein

früher Maximilianstil, 1847

Wohnhaus des Architekten der Maximilianstraße und des Maximilianeums; eines der frühesten Beispiele des Maximilianstils in München.

№ 02 · Amalienstr. 12

Hotel Max (ehem. Hotel Dachs)

Hotel, Jimi Hendrix 1967

Das schlichte Hotel hieß in den 1960er Jahren nach der Besitzerfamilie „Hotel Dachs“. Am 16. Mai 1967 stieg hier Jimi Hendrix ab und übernachtete im Zimmer 43; sein Anmeldeschein („James Hendrix, Musiker“) liegt im Münchner Rockmuseum am Olympiastadion (Smith 2009, S. 47).

№ 03 · Amalienstr. 16 (heute 29)

Wohnung Joseph Schedels

Gründungsort des Wissenschaftlich-humanitären Comitees München, 1902

In seiner Wohnung versammelte der Apotheker Joseph Schedel ab Herbst 1902 Münchens ersten Homosexuellenverein, der gegen den § 175 kämpfte und sich 1908 auflöste.

№ 04 · Amalienstr. 16

Haus Wedekind / Familie Himmler

1943 zerstört

1908 wohnte Frank Wedekind hier zur Untermiete, während die Familie des Gymnasialprofessors Gebhard Himmler den dritten Stock bewohnte; Heinrich Himmler wuchs hier auf und besuchte die Volksschule an der Amalienstraße (Liedtke 2018, S. 217; Arz 2018, S. 25). Das Haus wurde 1943 von einer Bombe zerstört.

№ 05 · Amalienstr. 23

„Linzer Stüberl“ – Wiege des Wienerwald

Gastwirtschaft, seit 1955

Hier eröffnete der ehemalige Oberkellner Friedrich Jahn 1955 das „Linzer Stüberl“, bald „Weinstube zum Wienerwald“: Aus der Hühnersuppe mit Nudeln und den auf Anregung eines Stammgastes gebratenen Hendln wurde eine internationale Schnellrestaurantkette (Arz 2018, S. 40). Heute die Studentenkneipe „Schall & Rauch“.

№ 06 · Amalienstr. 25

Café Stefanie („Café Größenwahn“)

Künstlercafé um 1900, Gebäude teilweise kriegszerstört

Treffpunkt der Bohème an der Ecke Theresienstraße mit Schachtisch des Majors Hoffmann von Vestenhof; Gründungsort der „Elf Scharfrichter“ (1901). Eine Aufnahme von 1910 zeigt das Café im Kreuzungsbereich (Stephan 2013, S. 156). In dem zum Teil kriegszerstörten Gebäude ist heute ein Hotel mit Restaurant untergebracht (Liedtke 2013, S. 45); Teile des Mobiliars stehen im Valentin-Karlstadt-Musäum.

№ 07 · Amalienstr. 36

Fremdspracheninstitut der Landeshauptstadt

Schulhaus von Friedrich Löwel, 1886–1887

Backsteinbau in deutscher Renaissance, errichtet als Volksschule mit je 15 Buben- und Mädchenklassen. Die bekanntesten Schüler: Heinrich Himmler und Franz Josef Strauß. Im heutigen Sprachen- und Dolmetscherinstitut studierte Silvia Sommerlath, die spätere Königin von Schweden (Arz 2018, S. 25).

№ 08 · Amalienstr. 38

Palais Holnstein / IBZ

klassizistisches Mietshaus, 1827

Ältestes Haus der Straße mit palastartiger Fassade von Franz Xaver Mayr sen.; nach umstrittener Entmietung durch die Universität 1990–1993 umgebaut, seither Internationales Begegnungszentrum der Wissenschaft.

№ 09 · Amalienstr. 44

Elternhaus Walter Klingenbecks

Mietshaus von Ferdinand Schratz, 1894–1896; Erinnerungszeichen 2018

Von hier sendete der 17-jährige Walter Klingenbeck mit Freunden über einen selbstgebauten Geheimsender gegen das Regime; er wurde 1943 in Stadelheim hingerichtet. Seit 2018 erinnert ein Erinnerungszeichen der Stadt an ihn.

№ 10 · Amalienstr. 52

Ehem. Forstliche Forschungsanstalt

neubarocker Institutsbau, 1898/99

Monumentaler Bau nach Entwurf von Adolf Schulze, errichtet für die königliche Forstakademie; 1999 umgebaut, heute Institute der LMU.

№ 11 · Amalienstr. 59

Kaffee Schneller

Konditorei-Café, seit 1884

„Köstliche Kuchen seit 1884 – also über 125 Jahre Tradition im Univiertel“ (Arz 2018, S. 135); eines der ältesten Lokale der Straße.

№ 12 · Amalienstr. 69/71

Doppelhaus von Ludwig Seemüller

deutsche Renaissance, 1899–1901

Fünfgeschossige Mietshäuser mit reich gegliederter Doppelerkerfront und Hofflügeln, die zusammen eine Baugruppe bilden; das Paradebeispiel jener Westseite zwischen Schelling- und Adalbertstraße, die Stephan dem „Zuckerbäckerstil“ nach 1870/71 zurechnet (Stephan 2013, S. 160).

№ 13 · Amalienstr. 83a

Lyrik Kabinett

Bibliothek und Lesungsforum, seit 2005

Von Ursula Haeusgen gestiftete Bibliothek mit rund 65.000 Medien, die zweitgrößte Lyrikbibliothek Europas; rund 45 Lesungen im Jahr, Skulpturen von Horst Antes und Lothar Fischer vor dem Haus.

№ 14 · Amalienstr. 87

Gasthaus „Witwe Bolte“ (abgebrochen)

Bühne des „antiteaters“, 1968–1972

Im Hinterzimmer der Kneipe mit Bühne spielte Fassbinders „antiteater“ nach dem Rauswurf aus dem Büchner-Theater – sofern der Wirt keine lukrativere Kundschaft hatte; geprobt wurde zwischen Küche, Wirtshaussaal und Keller. Mit den Einnahmen finanzierte Fassbinder seine Filme (Bäumler u. a. 2015, S. 63). Das Haus wich der Amalienpassage.

№ 15 · Amalienstr. 81b–89

Amalienpassage

Wohn- und Ladenpassage, 1973–1977

Anlage um vier Innenhöfe mit Brunnen von Jürgen von Gagern, Peter Ludwig und Udo von der Mühlen, 203 Wohnungen, Reliefwand von Gerd Winner; entstand nach umstrittenem Abbruch der Häuser 85–89, nachdem der Freistaat seit den 1960er Jahren Wohnhäuser an der Amalienstraße zum Abbruch aufgekauft hatte (Bäumler u. a. 2015, S. 16).

№ 16 · Amalienstr. 95

Zimmer Willi Grafs

Weiße Rose, 1942/43

Der Medizinstudent Willi Graf bewohnte hier ein Zimmer, als er aktives Mitglied der Weißen Rose wurde; er wurde am 12. Oktober 1943 in Stadelheim hingerichtet.

Personen

Wer hier
lebte und wirkte.

Amalie Auguste von Bayern

1801–1877 · Prinzessin, Königin von Sachsen, Namensgeberin

Tochter Max Josephs, nach der die Straße 1812 benannt wurde; ab 1854 Königin von Sachsen an der Seite Johanns.

Friedrich Bürklein

1813–1872 · Architekt

Baute 1847 das Mietshaus Amalienstraße 10 im frühen Maximilianstil, bevor er Maximilianstraße und Maximilianeum entwarf.

Henrik Ibsen

1828–1906 · Dramatiker

Der norwegische Dramatiker wohnte während seiner Münchner Jahre zeitweise in der Amalienstraße – neben Wedekind der prominenteste literarische Bewohner der Straße (Bäumler/Fromm 2017, S. 48).

Frank Wedekind

1864–1918 · Dramatiker

Stammgast des Café Stefanie; wohnte 1908 kurz zur Untermiete in der Amalienstraße 16, bevor er in die Prinzregentenstraße zog.

Erich Mühsam

1878–1934 · Schriftsteller, Anarchist

Einer der bekanntesten Stammgäste des Café Stefanie, das er in seinen Tagebüchern immer wieder erwähnt; 1934 im KZ Oranienburg ermordet.

Joseph Schedel

1856–1943 (Lebensdaten unsicher) · Apotheker, Ostasienforscher, Homosexuellenaktivist

Gründete 1902 in seiner Wohnung Amalienstraße 16 (heute 29) den Münchner Zweig des Wissenschaftlich-humanitären Comitees, den ersten Homosexuellenverein der Stadt.

Gebhard Himmler

1865–1936 · Gymnasialprofessor, Vater Heinrich Himmlers

Bewohnte mit seiner Familie den dritten Stock der Amalienstraße 16, später Direktor des Wittelsbacher-Gymnasiums; Alfred Andersch, sein Schüler, porträtierte ihn in „Der Vater eines Mörders“ (1980).

Heinrich Himmler

1900–1945 · Reichsführer SS, Hauptverantwortlicher des Holocaust

Wuchs „aus gutbürgerlichem Haus“ in der Amalienstraße auf, besuchte die Volksschule an der Amalienstraße und legte das Abitur am Wilhelmsgymnasium ab (Liedtke 2018, S. 217; Arz 2018, S. 25).

Walter Klingenbeck

1924–1943 · Widerstandskämpfer

Baute in seinem Elternhaus Amalienstraße 44 einen Geheimsender und malte „V“-Zeichen an Hauswände; 1942 zum Tode verurteilt, am 5. August 1943 in Stadelheim hingerichtet.

Willi Graf

1918–1943 · Medizinstudent, Mitglied der Weißen Rose

Bewohnte 1942/43 ein Zimmer in der Amalienstraße 95, als er sich der Weißen Rose anschloss; am 12. Oktober 1943 hingerichtet.

Franz Josef Strauß

1915–1988 · Politiker, bayerischer Ministerpräsident

Der Metzgersohn aus der Schellingstraße drückte in der Volksschule an der Amalienstraße die Schulbank, bevor er auf Rat eines Benediktinerpaters an die Gisela-Realschule wechselte (Arz 2018, S. 25).

Friedrich Jahn

1907–1998 · Gastronom, Gründer der Wienerwald-Kette

Der ehemalige Oberkellner eröffnete 1955 in der Amalienstraße 23 das „Linzer Stüberl“, aus dem die internationale Wienerwald-Kette hervorging (Arz 2018, S. 40).

Rainer Werner Fassbinder

1945–1982 · Regisseur

Leitete 1968–1972 das „antiteater“ im Hinterzimmer der „Witwe Bolte“, Amalienstraße 87, und finanzierte mit den Theatereinnahmen seine Filme; hier begannen die Karrieren von Hanna Schygulla und Kurt Raab (Bäumler u. a. 2015, S. 63).

Ursula Haeusgen

1942–2021 · Mäzenin, Gründerin des Lyrik Kabinetts

Ließ 2004 auf einem von der LMU überlassenen Grundstück das Bibliotheksgebäude Amalienstraße 83a errichten, in das das Lyrik Kabinett 2005 einzog.

Chronik

Amalienstraße in Daten

1808

Erste Benennung als „Freudenstraße“ zwischen Theresien- und Löwenstraße.

1812

Umbenennung in Amalienstraße nach Prinzessin Amalie Auguste.

1827

Bau des „Palais Holnstein“ (Nr. 38), ältestes erhaltenes Haus der Straße.

1840

Die Universität bezieht Gärtners Hauptgebäude, das bis zur Amalienstraße reicht.

1886

Prinzregent Luitpold übergibt Neureuthers Akademie der Bildenden Künste am Nordende; 1886–1887 entsteht das Schulhaus Nr. 36.

1901

Die „Elf Scharfrichter“ werden im Café Stefanie gegründet.

1902

Joseph Schedel gründet in der Nr. 16 (heute 29) Münchens ersten Homosexuellenverein.

1941–1943

Walter Klingenbeck sendet aus der Nr. 44 gegen das Regime; Hinrichtung am 5. August 1943.

1943–1945

Bomben zerstören das Haus Nr. 16 und Teile des Café-Stefanie-Gebäudes; die südliche Amalienstraße verschwindet völlig.

1955

Friedrich Jahn eröffnet in der Nr. 23 das „Linzer Stüberl“ – Keimzelle der Wienerwald-Kette.

1965

Der Flächennutzungsplan weist die Maxvorstadt als Kerngebiet aus; der Freistaat kauft an der Amalienstraße Wohnhäuser zum Abbruch auf.

1967

Jimi Hendrix übernachtet im „Hotel Dachs“ (Nr. 12), Zimmer 43.

1968–1972

Fassbinders „antiteater“ spielt im Hinterzimmer der „Witwe Bolte“ (Nr. 87).

1973–1977

Bau der Amalienpassage nach Abbruch der Häuser 85–89.

2005

Das Lyrik Kabinett bezieht seinen Neubau an der Nr. 83a.

2018

Erinnerungszeichen für Walter Klingenbeck an der Nr. 44.

„Nur eine Stätte gibts, in dem schon einmal genannten Viertel der Theresien- und Amalienstrasse, von der Jung-München den Adlerflug zur Reichshauptstadt nimmt: das vielgenannte Cafe Stefanie. […] Keine Zigarren, nur Zigaretten, kein Bier, nur Stefan George.“
Josef Ruederer, zit. n. Bäumler u. a. 2015, S. 37
Literatur & Quellen

Zum
Weiterlesen.

  • / 01Arz 2018, S. 25, 32, 40, 134–139, 159 · Maxvorstadt. Reiseführer für MünchnerSchulhaus mit den Schülern Himmler und Strauß und der Studentin Silvia Sommerlath, Baugeschichte der Akademie, die Wienerwald-Gründung in der Nr. 23 sowie eine Bestandsaufnahme der Lokale und Buchläden an der Straße.
  • / 02Bäumler u. a. 2015, S. 16, 34, 37, 44, 63 · Die Maxvorstadt. Historische Betrachtungen zu einem KulturViertelUniversitätsexpansion und Bürgerwiderstand nach 1965, Ruederers Café-Stefanie-Schilderung, Polts Satire über die Luxussanierung und die Geschichte des „antiteaters“ in der „Witwe Bolte“ (Nr. 87).
  • / 03Bäumler/Fromm 2017, S. 48 · Topographie und Erinnerung. Erkundungen der MaxvorstadtVerortet die Bohème um 1900 in der Maxvorstadt und nennt Henrik Ibsen und Frank Wedekind als Bewohner der Amalienstraße.
  • / 04Stephan 2013, S. 56, 69, 107, 155–160 · Maxvorstadt. Zeitreise ins alte MünchenStilgeschichte der Bebauung (Rundbogenstil im Süden, Renaissance und „Zuckerbäckerstil“ im Norden), Kriegsverlust des Südendes, Oskar-von-Miller-Ring sowie historische Aufnahmen von 1906 und 1910.
  • / 05Liedtke 2018, S. 217 · 111 Orte in München auf den Spuren der Nazi-ZeitHeinrich Himmler als in der Amalienstraße aufgewachsener Sohn aus gutbürgerlichem Haus.
  • / 06Liedtke 2013, S. 45 · 111 Orte in München, die Geschichte erzählenCafé Stefanie, Amalienstraße 25: das teilweise kriegszerstörte Gebäude beherbergt heute ein Hotel mit Restaurant.
  • / 07Large 2001, S. 440 · Hitlers München. Aufstieg und Fall der Hauptstadt der BewegungFotografie des Kartoffelverkaufs auf der Amalienstraße 1946.
  • / 08Smith 2009, S. 47 · Nur in München. Ein Reiseführer zu sonderbaren OrtenHotel Max (ehem. Hotel Dachs), Amalienstraße 12, und Jimi Hendrix' Übernachtung am 16. Mai 1967.

Online-Quellen