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Barer ­Straße

Die Museumsachse der Maxvorstadt: Zwischen Karolinenplatz und Nordendstraße reihen sich Alte und Neue Pinakothek, Pinakothek der Moderne und Gründerzeitfassaden an der Trambahnstrecke – und dazwischen liegen das Palais der Lola Montez, das NS-Parteiviertel und die Wohnungen von Thomas Mann, Duchamp und Oskar Maria Graf.

1,6 kmLänge
1826Benennung
3Pinakotheken
12Baudenkmäler

Namensherkunft

Die Straße erinnert an das Gefecht bei Bar-sur-Aube in der Champagne am 26. und 27. Februar 1814, in dem während der Befreiungskriege gegen Napoleon bayerische Truppen unter Feldmarschall Carl Philipp von Wrede als V. Armeekorps der Verbündeten die Stadt erstürmten. Sie gehört damit zu der Gruppe von Straßen rund um den Karolinenplatz, die Ludwig I. nach Orten französischer Niederlagen benennen ließ: Die Brienner Straße erinnert an die Schlacht bei Brienne vom 1. Februar, die Barer Straße an Bar-sur-Aube und die Arcisstraße an Arcis-sur-Aube vom 20./21. März 1814 (Stephan 2013, S. 64). Der Historiker Klaus Bäumler spricht von einer „militärischen Selbstbeweihräucherung der bayerischen Monarchie“, die der Maxvorstadt einige mit bayerischen Siegen verknüpfte französische Ortsnamen eingetragen habe. Wilhelm von Kobell hielt die Schlacht 1817 in einem Gemälde fest.

Benannt wurde die Straße am 2. März 1826 auf Befehl König Ludwigs I. – im selben Zug, in dem die bisherige Friedrichstraße zur Arcisstraße und Max-, Königs- und Kronprinzenstraße zur Brienner Straße wurden. Zuvor hatte sie seit 1808 abschnittsweise verschiedene Namen getragen: „Karolinenstraße“ (Karlstraße bis Karolinenplatz, nach Königin Karoline), „Wilhelminenstraße“ (Karolinenplatz bis Theresienstraße, nach der ersten Gemahlin Max’ I. Joseph) und „Sommerstraße“ (Theresienstraße bis zum Feldweg an der Türkenstraße); ab 1812 hieß der ganze Zug Wilhelminenstraße. Wegen der 1823 begonnenen Türkenkaserne war zeitweise auch von der „Kasernstraße“ die Rede.

Geschichte

Die Barer Straße ist Teil des Straßenrasters, das ab 1808 für die Maxvorstadt festgelegt wurde; der kreisrunde Karolinenplatz markiert ihren Übergang vom Altstadtrand in das neue Viertel. Am 18. Oktober 1833, zum zwanzigsten Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, enthüllte Ludwig I. dort den 29 Meter hohen Obelisken Leo von Klenzes, gewidmet den 30 000 Bayern, die 1812 – damals noch an Napoleons Seite – im Russlandfeldzug umgekommen waren und die laut Inschrift „auch“ für des Vaterlandes Befreiung starben. Der Obelisk ist bis heute der „point de vue“ aller fünf am Platz einmündenden Straßen. Südlich davon spielte sich der bekannteste Skandal der Straße ab: Im Juni 1847 erhielt die Tänzerin Lola Montez, seit Oktober 1846 Geliebte des Königs, ein Stadtpalais an der Westseite der Barer Straße, das Eduard Metzger 1847/48 im Auftrag Ludwigs vergrößerte; der König besuchte sie dort regelmäßig gegen Abend. Als Ludwig Anfang Februar 1848 die Universität schließen ließ, zogen Bürger und Studenten vor das Haus – „Die Hur’ muss raus“, skandierte die Menge – und konnten nur mühsam von der Erstürmung abgehalten werden, zumal sich Montez demonstrativ auf dem Balkon zeigte (Liedtke 2013, S. 166). Am 11. Februar verließ die „Gräfin Landsfeld“ München, am 20. März 1848 legte Ludwig die Krone nieder. Das Palais fiel 1915/16 dem Bau eines großen Geschäftshauses der Arminia-Versicherung zum Opfer, das nach seiner Kriegszerstörung nicht wieder aufgebaut wurde; heute steht an der Stelle ein Büro- und Wohnhaus. Ein Foto des ehemaligen Gartenhauses der Lola Montez von 1924 ziert den Umschlag von Bäumlers „Erkundungen der Maxvorstadt“.

Nördlich des Karolinenplatzes prägten Ludwigs Museumsbauten die Straße. An Raffaels Geburtstag, dem 7. April 1826, legte der König den Grundstein zur Alten Pinakothek (Barer Straße 27), die Leo von Klenze in zehn Jahren im Stil der italienischen Hochrenaissance errichtete; erstmals im großen Maßstab setzte er Oberlichter ein, eine Neuerung, die international bei Museumsbauten kopiert wurde. Statt an der Ludwigstraße stellte man den Bau bewusst aufs freie Feld, wo er in dem siedlungsarmen Terrain aus der Ferne „wie ein gewaltiger Riegel“ wirkte, beim Nähertreten aber durch seine beherrschte Monumentalität verblüffte (Stephan 2013, S. 39). Die Münchner zog er sofort in Scharen an – die meisten allerdings, weil man vor der prächtigen Kulisse so schön picknicken konnte. Gegenüber war 1823/26 der erste Teil der Türkenkaserne entstanden, die Ludwig nur schweren Herzens akzeptierte, weil er Schäden an der Pinakothek durch Explosionen und Feuer fürchtete; aus Rücksicht auf das Museum blieb die Kasernenfront an der Barer Straße auch nach den Erweiterungen von 1872/74 unbebaut. 1853 folgte nördlich der Alten die Neue Pinakothek für die Kunst der Gegenwart, konzipiert von Baurat August von Voit nach einer Anregung Ludwigs, den päpstlichen Lateranpalast zum Vorbild zu nehmen; ihre Wirkung beruhte auf großflächiger Fassadenmalerei, doch fiel sie in der Gesamtgestaltung deutlich gegenüber dem Klenze-Bau ab. Beide Häuser waren nicht nur Weihestätten für Kunstenthusiasten, sondern Unterrichtssäle für junge Künstler, die als Kopisten Auge und Hand an den Meistern schulten.

Die Wohnbebauung folgte zögernd: Bis 1862 waren Neubauten westlich und nördlich der Kreuzung Barer-/Schellingstraße grundsätzlich untersagt, Mitte der 1870er Jahre scheiterte der Spekulant Heinrich Höch mit seinem Plan, die Wiesengründe an der zu verlängernden Barer-, Schelling- und Adalbertstraße mit Wohnblöcken zu belegen, und erst ab 1885 wurden die Flächen zwischen Barer-, Adalbert- und Nordendstraße der Bebauung zugeführt. 1893 wurde die Prinz-Ludwig-Straße zwischen Barer und Türkenstraße durchgeführt. Aus dieser Zeit stammen die Baudenkmäler der Straße: das spätklassizistische Eckhaus Nr. 3 (1860–62, Reinhold Hirschberg), die Neurenaissance-Mietshäuser Nr. 33 (1875, Johann Thomas), Nr. 37 und 39 (1876, Kilian Stützel) – Nr. 39 gilt als „eine der wenigen ausgezeichnet erhaltenen Neurenaissance-Fassaden der Maxvorstadt“ – und der Backsteinbau Nr. 69 (1884–87, Johann Widmann). Jenseits der Barer Straße, etwa in der Zieblandstraße, uferte dagegen der „altdeutsche Stil“ mit Phantasiefassaden „aus dem Anker-Steinbaukasten“ aus. Mit der Akademie der Bildenden Künste (1874/84) entstand im Karree zwischen Theresien-, Akademie-, Ludwig- und Barer Straße nach Pariser Vorbild ein „quartier latin“: In zahlreiche Wohnhäuser wurden große, nach Norden gerichtete Atelierfenster eingefügt – ein Foto von 1911 zeigt eines an der Ecke Blüten-/Barer Straße –, und in Lokalen wie dem 1872 von Sylvester Mehr gegründeten Schelling-Salon an der Ecke Schellingstraße 54 entwickelte sich das Lebensgefühl der Boheme.

Um 1900 war die Straße Wohn- und Arbeitsort von Schriftstellern und Künstlern. Thomas Mann mietete im Sommer 1898 im ersten Stock der Barer Straße 69 beim Pharmazeuten Adolf Dunzinger eine – wie er schrieb – „theure Bourgeois- und Banquierwohnung“. Der Theaterwissenschaftler Artur Kutscher verlegte seine legendären „Kutscherabende“, bei denen Ludwig Ganghofer, Frank Wedekind, Erich Mühsam, Stefan Zweig, Karl Wolfskehl und die Brüder Mann vor Studenten lasen, schließlich in ein Hotel in der Barer Straße. Vom 21. Juni bis September 1912 wohnte Marcel Duchamp in einem zehn Quadratmeter großen Zimmer in der Barer Straße 65, wo die ersten Studien zum „Großen Glas“ entstanden; München nannte er später den Ort seiner „vollständigen Befreiung“. 1917 bezog Oskar Maria Graf eine Wohnung in der Barer Straße 37, von der aus er 1919 die Niederschlagung der Räterepublik erlebte; wegen seiner privaten Atelierfeste galt er in den 1920er Jahren als der „lauteste Dichter Münchens“ und blieb bis 1931. In Nr. 47 wohnte sein Freund, der Maler Georg Schrimpf. Auch die bürgerliche Frauenbewegung fand hier ihre Orte: 1899 endete der erste Allgemeine bayerische Frauentag mit Marie Haushofers Festspiel „Zwölf Culturbilder aus dem Leben der Frau“ im Katholischen Kasino, Barer Straße 7; der 1913 von Emma Haushofer-Merk und Carry Brachvogel gegründete Münchner Schriftstellerinnen-Verein traf sich zunächst in der vegetarischen Gaststätte „Ethos“, Barer Straße 1, und ab 1924 im Gartengebäude des Künstlerinnenvereins in der Barer Straße 21, das 1934 abgebrochen wurde.

Mit der Weimarer Republik wurde die Straße zum politischen Kampfplatz. Der Typograph Paul Renner beschrieb 1932 in „Kulturbolschewismus?“ einen Vortragsabend Alfred Rosenbergs im Katholischen Kasino: Als der junge Maler Wolf Panizza den Zwischenruf „Wo bleibt die gute moderne Kunst?“ wagte, wurde er vom nationalsozialistischen Saalschutz mit Schlagringen zu Boden geschlagen und mit Stiefeln in den Bauch getreten (Bäumler/Fromm 2017, S. 152). Nach 1933 verleibte sich die NSDAP Haus um Haus im Geviert zwischen Karl-, Barer-, Gabelsberger- und Arcisstraße ein – erst 56, dann 68 Gebäude; 1939 arbeiteten mehr als 6000 Menschen in den Parteiverwaltungen am Königsplatz. Von Januar 1934 an saß die Oberste SA-Führung Ernst Röhms in den ehemaligen Hotels „Union“ (Barer Straße 7) und „Marienbad“ (Nr. 11), bis Hitler im Juli 1934 die SA-Spitze ermorden ließ und die Dienststelle nach Berlin verlegt wurde (Köpf 2005, S. 113). In den Häusern Nr. 7 bis 16 folgten die „Reichsorganisationsleitung der NSDAP“, das „Hauptamt für Kriegsopfer“ und das „Hauptamt für Volksgesundheit“, in Nr. 15 residierte 1936–1945 die Reichsärztekammer, in Nr. 14 hatte Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann bis 1941 sein Fotogeschäft, und in Nr. 57 wohnte seit 1926 der spätere Generalgouverneur Hans Frank. Im November 1933 marschierten die gleichgeschalteten bayerischen Bürgermeister über Lenbachplatz, Barer Straße und Karolinenplatz zum Königsplatz, um sich auf Hitler vereidigen zu lassen. Für einen nie über die Keller hinaus gediehenen „Kanzleibau“ der NSDAP wurde 1935–1938 die gesamte Bausubstanz der Gabelsbergerstraße zwischen Barer und Arcisstraße abgerissen, darunter das bescheidene Eckhaus, in dem 1849 Franz Xaver Gabelsberger, der Erfinder der Stenografie, gestorben war. Hitlers Planer sahen darüber hinaus eine Erweiterung der Neuen Pinakothek entlang der Barer Straße, ein „Haus der Deutschen Arbeitsfront“ nördlich der Theresienstraße und auf dem Gelände der Türkenkaserne einen „Platz der NSDAP“ mit dem Mausoleum des „Führers“ vor.

Der Krieg zerstörte die nördliche Maxvorstadt zu rund 70 Prozent. Die Neue Pinakothek, die Kaserne, das Arminia-Haus, der SA-Komplex und zahlreiche Wohnhäuser gingen unter; die Alte Pinakothek, deren Sammlung ausgelagert worden war, wurde schwer beschädigt. Die ehemaligen NSDAP-Gebäude übernahm die amerikanische Militärregierung, bis der Alliierte Kontrollrat 1947 ihre Übergabe an deutsche Behörden regelte. Gerade in der Trümmerzeit war „die Gegend Sendlinger-, Türken- und Barer Straße so urban wie in dieser Zeit kaum eine andere Gegend Münchens“, erinnerte sich Walter Kolbenhoff, in dessen Wohnung in der nahen Schellingstraße 48 die „Gruppe 47“ gegründet wurde. Ab 1952 baute Hans Döllgast die Alte Pinakothek mit sichtbar belassener Kriegswunde wieder auf und verlegte das Haupttreppenhaus von der Barer Straße weg an die Südfassade; 1957 wurde das Haus wiedereröffnet, 1994–1998 folgte eine Generalsanierung (Arz 2018, S. 74). In der Barer Straße 29 arbeitet seit 1937 das nach dem Akademieprofessor Max Doerner benannte Doerner Institut, das seit 1977 sämtliche Bestände der Staatsgemäldesammlungen konserviert. 1958 übernahm Rudolf Neumeister das Auktionshaus Adolf Weinmüllers und baute es in der Barer Straße 37 zum Münchener Kunstauktionshaus aus.

In den 1960er und 1970er Jahren geriet die Straße in den Sog der „autogerechten Stadt“: Die Gabelsbergerstraße sollte als 40 Meter breite Ost-West-Tangente ausgebaut und die Barer Straße an dieser Kreuzung untertunnelt werden. Dagegen trat 1971 die Bürgerinitiative „Aktion Maxvorstadt“ mit einem Mietermarsch samt Bagger zum Rathaus an; der Kinderbuchzeichner Ali Mitgutsch illustrierte 1972 „Die Maxvorstadt unter Druck“ (Bäumler u. a. 2015, S. 16). Die Tunnelpläne blieben unausgeführt. Die Neue Pinakothek wurde 1981 nach Plänen Alexander von Brancas neu eröffnet; die grau-triste Türkenkaserne, in der Nachkriegszeit noch fester Bestandteil des Viertels, musste wissenschaftlichen Instituten, der 2002 eröffneten Pinakothek der Moderne von Stephan Braunfels (Barer Straße 40) und dem Museum Brandhorst weichen; nur das isoliert erhaltene Kasernenportal an der Türkenstraße erinnert an die Vorgeschichte des Geländes.

Seither ist die Barer Straße die Achse des Kunstareals, mit Skulpturen von Eduardo Chillida („Buscando la Luz“) und Fritz Koenig („Große Biga“) auf den Museumswiesen. Seit einem Attentat auf Gemälde der Alten Pinakothek werden dort nahezu alle Werke hinter Glas gezeigt. 2012 erinnerte Rudolf Herz mit einer 17 Meter langen Betonrekonstruktion von Duchamps Zimmer auf der Südwiese der Alten Pinakothek an den Sommer 1912. Auch die Erinnerung an die NS-Zeit hat hier eine Adresse: In einem Depot der „Initiative Stolpersteine München“ in der Barer Straße 34 lagerten um 2018 rund 300 fertige Stolpersteine, deren Verlegung im öffentlichen Raum die Stadt München nicht erlaubte. Die Neue Pinakothek ist seit 2019 für die Generalsanierung geschlossen.

Heute

Die Barer Straße ist heute die Museumsmeile Münchens: Alte Pinakothek, Neue Pinakothek (geschlossen bis voraussichtlich 2030) und Pinakothek der Moderne liegen unmittelbar an ihr, Museum Brandhorst, Ägyptisches Museum, Hochschule für Fernsehen und Film und das Museum Reich der Kristalle (Theresienstraße 41, Eingang Barer Straße) in Rufweite. Nördlich der Theresienstraße wird sie zur Wohn- und Kneipenstraße des Universitätsviertels mit Cafés wie dem „Barer 61“, dem Schelling-Salon an der Ecke Schellingstraße, der Ende 2025 nach vier Generationen der Familie Mehr an eine benachbarte Wirtsfamilie überging, und dem Auktionshaus Neumeister, das seinen Betrieb in Nr. 37 nach 68 Jahren zum 31. Oktober 2026 einstellt. Künstler und Restauratoren kennen Kremer Pigmente in Nr. 46 mit Tausenden Pigmentfarben in Pulverform.

Auf ganzer Länge fahren die Trambahnlinien 27 und 28, an der Theresienstraße kreuzt die Museumsbuslinie 100. Die Dreiecksfläche an der Einmündung in die Nordendstraße soll aufgewertet werden und nach einem Beschluss von 2026 den Namen Ali-Mitgutsch-Platz erhalten – nach dem Zeichner, der 1972 schon die Maxvorstadt „unter Druck“ zeichnete; die Nordendstraße wird dort zur Fußgängerzone.

Adressen

Wichtige
Hausnummern.

№ 01 · Barer Str. 7

Katholisches Kasino

Versammlungssaal, um 1900

1899 endete hier der erste Allgemeine bayerische Frauentag mit einem Festspiel; 1932 schlug der NS-Saalschutz bei einem Vortrag Alfred Rosenbergs den Maler Wolf Panizza nieder, weil er nach der „guten modernen Kunst“ gefragt hatte.

№ 02 · Barer Str. 7–16

NS-Dienststellen / Oberste SA-Führung

1934–1945

In den ehemaligen Hotels „Union“ (Nr. 7) und „Marienbad“ (Nr. 11) saß von Januar bis Juli 1934 die Oberste SA-Führung Ernst Röhms; danach Reichsorganisationsleitung der NSDAP, Hauptämter für Kriegsopfer und Volksgesundheit, in Nr. 15 die Reichsärztekammer. Der Komplex wurde im Krieg völlig zerstört; heute Gewerbe und Hotel.

№ 03 · Barer Str. 14

Fotogeschäft Heinrich Hoffmann

Bis 1941

Hitlers Leibfotograf, dessen Bilder das öffentliche Bild des „Führers“ prägten, betrieb hier bis 1941 sein Fotogeschäft.

№ 04 · Barer Str. 19 (ehem. 7)

Palais der Gräfin Landsfeld (Lola Montez)

1847/48, abgebrochen 1912

Ludwig I. schenkte Lola Montez im Juni 1847 das von Eduard Metzger vergrößerte Palais; im Februar 1848 skandierte die Menge davor „Die Hur’ muss raus“. 1915/16 entstand hier das Geschäftshaus der Arminia-Versicherung, das nach Kriegszerstörung nicht wieder aufgebaut wurde; heute ein Büro- und Wohnhaus.

№ 05 · Barer Str. 21

Künstlerinnenverein

Gartengebäude, abgebrochen 1934

Im Gartengebäude des Münchner Künstlerinnenvereins traf sich ab 1924 der Schriftstellerinnen-Verein um Carry Brachvogel; hier feierte man 1924 die runden Geburtstage von Emma Haushofer-Merk und Brachvogel. Ein Foto kurz vor dem Abriss zeigt im Hintergrund die Alte Pinakothek.

№ 06 · Barer Str. 27

Alte Pinakothek

Leo von Klenze, 1826–36

Grundstein an Raffaels Geburtstag 1826; Galeriebau der italienischen Hochrenaissance mit bahnbrechenden Oberlichtern, 1952–57 von Hans Döllgast mit sichtbarer Ziegelnarbe wiederhergestellt, Haupttreppe dabei an die Südseite verlegt. Seit einem Attentat auf Gemälde hängen fast alle Werke hinter Glas.

№ 07 · Barer Str. 29

Neue Pinakothek / Doerner Institut

1853 / Neubau 1981

Ludwigs Museum zeitgenössischer Kunst nach Plänen August von Voits, im Krieg zerstört und 1981 von Alexander von Branca neu gebaut; seit 2019 wegen Generalsanierung geschlossen. Im Haus sitzt das 1937 gegründete Doerner Institut, das die Staatsgemäldesammlungen restauriert.

№ 08 · Ecke Gabelsbergerstraße

Sterbehaus Franz Xaver Gabelsbergers

Abgebrochen 1935

In dem bescheidenen Eckhaus starb 1849 der Erfinder der modernen Stenografie. Es verschwand 1935 mit der gesamten Bausubstanz der Gabelsbergerstraße zwischen Barer und Arcisstraße für einen nie vollendeten „Kanzleibau“ der NSDAP; heute stehen hier Ägyptisches Museum und Filmhochschule.

№ 09 · Barer Str. 34

Depot der Initiative Stolpersteine

Seit den 2000er Jahren

Hier lagerten um 2018 rund 300 fertige Stolpersteine Gunter Demnigs für Münchner NS-Opfer, deren Verlegung im öffentlichen Raum die Stadt jahrelang untersagte.

№ 10 · Barer Str. 37

Neumeister / Oskar Maria Graf

Neurenaissance, 1876

Im Haus von Kilian Stützel (das Nachbarhaus Nr. 39 gilt als eine der besterhaltenen Neurenaissance-Fassaden der Maxvorstadt) sitzt seit 1958 das Auktionshaus Neumeister (Schließung Oktober 2026). Oskar Maria Graf wohnte hier von 1917 bis 1931 und feierte im Atelier die Feste, die ihn zum „lautesten Dichter Münchens“ machten; Gedenktafel von 1988.

№ 11 · Barer Str. 40

Pinakothek der Moderne

Stephan Braunfels, eröffnet 2002

Vier Museen unter einem Dach auf dem Gelände der Türkenkaserne, deren Front zur Barer Straße aus Rücksicht auf die Pinakothek stets unbebaut blieb; hier hatte Hitler seinen „Platz der NSDAP“ mit eigenem Mausoleum geplant. Vor dem Bau steht Chillidas „Buscando la Luz“.

№ 12 · Barer Str. 43 / Schellingstr. 54

Schelling-Salon

Gaststätte seit 1872

Wiener Café-Restaurant mit Billardtischen, eines der Lokale, in denen sich das Lebensgefühl des Münchner „quartier latin“ entwickelte; Stammlokal von Brecht, Rilke und Kandinsky, bis Ende 2025 in vierter Generation von der Familie Mehr geführt.

№ 13 · Barer Str. 57

Wohnung Hans Frank

Ab 1926

Der NSDAP-Jurist und spätere Generalgouverneur im besetzten Polen, 1946 in Nürnberg hingerichtet, wohnte hier ab 1926.

№ 14 · Barer Str. 65

Duchamps Zimmer

Juni bis September 1912

In einem zehn Quadratmeter großen Zimmer entwarf Marcel Duchamp die ersten Studien zum „Großen Glas“; Rudolf Herz rekonstruierte den Raum 2012 als Betonskulptur.

№ 15 · Barer Str. 69

Mietshaus Johann Widmann / Thomas Mann

Backstein-Renaissance, 1884–87

Eckbau mit Erkerturm zur Adalbertstraße, entstanden kurz nachdem die Flächen zwischen Barer-, Adalbert- und Nordendstraße 1885 zur Bebauung freigegeben worden waren; hier mietete Thomas Mann von Juli bis Oktober 1898 eine Wohnung im ersten Stock.

№ 16 · Barer Str. / Nordendstr.

Künftiger Ali-Mitgutsch-Platz

Dreiecksplatz am Straßenende

Die baumbestandene Fläche an der Einmündung soll mit Brunnen und Hochbeeten aufgewertet und nach dem Kinderbuchillustrator Ali Mitgutsch benannt werden, der 1972 für die Bürgerinitiative „Aktion Maxvorstadt“ die Zeichnung „Die Maxvorstadt unter Druck“ schuf.

Personen

Wer hier
lebte und wirkte.

Ludwig I.

1786–1868 · König von Bayern

Gab der Straße 1826 ihren Namen, legte am 7. April 1826 den Grundstein der Alten Pinakothek, ließ 1833 den Obelisken am Karolinenplatz enthüllen und schenkte 1847 Lola Montez das Palais an der Barer Straße – der Anfang vom Ende seiner Regierung.

Leo von Klenze

1784–1864 · Architekt

Baute 1826–1836 die Alte Pinakothek (Barer Straße 27) mit ihren bahnbrechenden Oberlichtern und entwarf den Obelisken am Karolinenplatz; begraben auf dem Alten Südfriedhof.

Lola Montez

1821–1861 · Tänzerin, Gräfin von Landsfeld

Bewohnte ab Juni 1847 das von Ludwig I. geschenkte Palais an der Barer Straße; im Februar 1848 belagerte die Menge das Haus („Die Hur’ muss raus“), am 11. Februar verließ sie München, fünf Wochen später dankte der König ab.

Franz Xaver Gabelsberger

1789–1849 · Erfinder der Kurzschrift

Starb 1849 in einem bescheidenen Eckhaus an der Barer/Gabelsbergerstraße, das 1935 dem geplanten „Kanzleibau“ der NSDAP weichen musste.

Thomas Mann

1875–1955 · Schriftsteller

Wohnte von Juli bis Anfang Oktober 1898 im ersten Stock der Barer Straße 69 in einer „theuren Bourgeois- und Banquierwohnung“ beim Pharmazeuten Adolf Dunzinger; las später mit seinem Bruder Heinrich bei den „Kutscherabenden“ in einem Hotel an der Barer Straße.

Carry Brachvogel

1864–1942 · Schriftstellerin

Mitgründerin und ab 1925 Vorsitzende des Münchner Schriftstellerinnen-Vereins, der sich in der Gaststätte „Ethos“ (Barer Straße 1) und im Künstlerinnenverein (Barer Straße 21) traf; 1933 aufgelöst. Brachvogel wurde als Jüdin nach Theresienstadt deportiert und starb dort.

Marcel Duchamp

1887–1968 · Künstler

Mietete vom 21. Juni 1912 für drei Monate ein Zimmer in der Barer Straße 65; hier entstanden die ersten Entwürfe zum „Großen Glas“ und der Abschied von der Ölmalerei.

Oskar Maria Graf

1894–1967 · Schriftsteller

Bezog 1917 eine Wohnung in der Barer Straße 37, erlebte von dort 1919 das Ende der Räterepublik und galt wegen seiner Atelierfeste als „lautester Dichter Münchens“; blieb bis 1931. Gedenktafel von 1988.

Georg Schrimpf

1889–1938 · Maler der Neuen Sachlichkeit

Wohnte in der Barer Straße 47, wenige Häuser von seinem Freund Oskar Maria Graf entfernt, den er in den Anarchistenkreis um Erich Mühsam eingeführt hatte.

Hans Frank

1900–1946 · NS-Jurist, Generalgouverneur

Wohnte ab 1926 in der Barer Straße 57; als Generalgouverneur im besetzten Polen mitverantwortlich für Massenverbrechen, 1946 in Nürnberg hingerichtet.

Hans Döllgast

1891–1974 · Architekt

Stellte 1952–1957 die kriegszerstörte Alte Pinakothek wieder her, ließ die Bombenlücke als Ziegelfläche sichtbar und verlegte das Haupttreppenhaus von der Barer Straße an die Südfassade.

Sylvester Mehr

19./20. Jh. · Gastwirt

Gründete 1872 den Schelling-Salon an der Ecke Barer Straße/Schellingstraße und war 1904–1911 Präsident der bayerischen Gastwirte-Innung.

Rudolf Neumeister

1927–2017 · Kunstauktionator

Übernahm im Juli 1958 das Auktionshaus Adolf Weinmüllers und machte es in der Barer Straße 37 zu einem international bekannten Haus; seine Tochter Katrin Stoll ließ ab 2009 die NS-Vergangenheit des Vorgängers erforschen.

Stephan Braunfels

geb. 1950 · Architekt

Entwarf die 2002 eröffnete Pinakothek der Moderne (Barer Straße 40) auf dem Gelände der Türkenkaserne.

Chronik

Barer Straße in Daten

1808

Anlage im Raster der Maxvorstadt als Karolinen-, Wilhelminen- und Sommerstraße.

1823

Baubeginn der Türkenkaserne; die Front zur Barer Straße bleibt aus Rücksicht auf die geplante Pinakothek frei.

1826

Benennung „Barer Straße“ am 2. März; Grundsteinlegung der Alten Pinakothek an Raffaels Geburtstag, 7. April.

1847

Lola Montez erhält im Juni das von Eduard Metzger vergrößerte Palais an der Barer Straße.

1848

Im Februar belagern Bürger und Studenten das Palais; Montez verlässt München, Ludwig I. dankt am 20. März ab.

1853

Eröffnung der Neuen Pinakothek.

1885

Die Flächen zwischen Barer-, Adalbert- und Nordendstraße werden zur Bebauung freigegeben.

1898

Thomas Mann wohnt in der Barer Straße 69.

1912

Marcel Duchamp verbringt den Sommer in der Barer Straße 65.

1917

Oskar Maria Graf bezieht die Barer Straße 37.

1932

NS-Saalschutz schlägt im Katholischen Kasino (Nr. 7) den Maler Wolf Panizza nieder.

1934

Januar bis Juli: Oberste SA-Führung in den ehemaligen Hotels Nr. 7–11; Abriss des Künstlerinnenvereins Nr. 21.

1943–45

Neue Pinakothek, Türkenkaserne, Arminia-Haus und SA-Komplex werden zerstört, Alte Pinakothek schwer beschädigt.

1957

Wiedereröffnung der von Hans Döllgast wiederaufgebauten Alten Pinakothek.

1971

„Aktion Maxvorstadt“ kämpft gegen den geplanten Tunnel unter der Kreuzung Gabelsbergerstraße.

2002

Eröffnung der Pinakothek der Moderne auf dem Kasernengelände am 16. September.

„Auch war die Gegend Sendlinger-, Türken- und Barer Straße so urban wie in dieser Zeit kaum eine andere Gegend Münchens.“
Walter Kolbenhoff über die Nachkriegsjahre, in: Schellingstraße 48 (1984), zit. nach Bäumler u. a. 2015, S. 43
Literatur & Quellen

Zum
Weiterlesen.

  • / 01Bäumler/Fromm 2017, S. 78, 89–97, 126, 139, 152 · Topographie und Erinnerung. Erkundungen der MaxvorstadtFrauentag 1899 und Panizza-Vorfall 1932 im Katholischen Kasino (Nr. 7), Schriftstellerinnen-Verein in „Ethos“ (Nr. 1) und Künstlerinnenverein (Nr. 21), Kutscherabende im Hotel an der Barer Straße, Graf 1919; Umschlagfoto des Montez-Gartenhauses.
  • / 02Arz 2018, S. 74, 76, 93 · Maxvorstadt. Reiseführer für MünchnerBaugeschichte der Alten Pinakothek (Grundstein 1826, Oberlichter, Picknick auf der Wiese, Wiederaufbau 1952–57 mit verlegtem Treppenhaus, Sanierung 1994–98), Doerner Institut in Nr. 29, SA-Führung Nr. 7–11.
  • / 03Bäumler u. a. 2015, S. 16, 43, 56, 92 · Die Maxvorstadt. Historische Betrachtungen zu einem KulturViertelTunnelpläne der 1970er Jahre und „Aktion Maxvorstadt“ mit Mitgutsch-Zeichnung, Kolbenhoff-Zitat zur Nachkriegszeit, Oskar Maria Graf in Nr. 37 ab 1917, Evangelische Buchhandlung Nr. 8.
  • / 04Stephan 2013, S. 39f., 47, 49, 51f., 57, 59, 64, 129f., 150 · Maxvorstadt. Zeitreise ins alte MünchenStädtebau der Pinakotheken und der Türkenkaserne, Bauverbot bis 1862 und Bebauung ab 1885, Straßennamen nach den Schlachten von 1814, NS-Dienststellen Nr. 7–16, Abriss der Gabelsbergerstraße für den „Kanzleibau“, Montez-Palais und Arminia-Bau, Gabelsbergers Sterbehaus.
  • / 05Liedtke 2018, S. 48f., 166f., 172 · 111 Orte in München auf den Spuren der Nazi-ZeitOberste SA-Führung Januar bis Juli 1934 in Nr. 7–11 und deren heutige Nutzung, NSDAP-Immobilien entlang der Barer Straße, Stolpersteine-Depot in Nr. 34.
  • / 06Liedtke 2013, S. 158, 166f., 173 · 111 Orte in München, die Geschichte erzählenObelisk von 1833 und Straßenbenennung, Lola Montez’ Palais 1847/48 mit dem Aufruhr vom Februar 1848 („Die Hur’ muss raus“), Attentat in der Alten Pinakothek und Verglasung der Werke.
  • / 07Köpf 2005, S. 25, 42, 87, 113, 124, 131 · Der Königsplatz in MünchenBenennung 1826, Montez-Aufruhr und Abreise am 11. Februar 1848, Marsch der Bürgermeister 1933, Hotels „Union“ und „Marienbad“ als SA-Sitz, Hoffmanns Fotogeschäft Nr. 14, Umfang des Parteiviertels, NS-Planungen für Neue Pinakothek und Kasernengelände.
  • / 08Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 4, 70 · Das NSDAP-Parteizentrum in MünchenÜber 50 Gebäude entlang der Barer Straße und Nachbarstraßen ab 1933 in NSDAP-Besitz; Übernahme durch die amerikanische Militärregierung und Übergabe 1947.
  • / 09Smith 2009, S. 102, 117 · Nur in München. Ein Reiseführer zu sonderbaren OrtenMuseum Reich der Kristalle mit Eingang an der Barer Straße und Kremer Pigmente in Nr. 46.

Online-Quellen