Geschichte
Die Barer Straße ist Teil des Straßenrasters, das ab 1808 für die Maxvorstadt festgelegt wurde; der kreisrunde Karolinenplatz markiert ihren Übergang vom Altstadtrand in das neue Viertel. Am 18. Oktober 1833, zum zwanzigsten Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, enthüllte Ludwig I. dort den 29 Meter hohen Obelisken Leo von Klenzes, gewidmet den 30 000 Bayern, die 1812 – damals noch an Napoleons Seite – im Russlandfeldzug umgekommen waren und die laut Inschrift „auch“ für des Vaterlandes Befreiung starben. Der Obelisk ist bis heute der „point de vue“ aller fünf am Platz einmündenden Straßen. Südlich davon spielte sich der bekannteste Skandal der Straße ab: Im Juni 1847 erhielt die Tänzerin Lola Montez, seit Oktober 1846 Geliebte des Königs, ein Stadtpalais an der Westseite der Barer Straße, das Eduard Metzger 1847/48 im Auftrag Ludwigs vergrößerte; der König besuchte sie dort regelmäßig gegen Abend. Als Ludwig Anfang Februar 1848 die Universität schließen ließ, zogen Bürger und Studenten vor das Haus – „Die Hur’ muss raus“, skandierte die Menge – und konnten nur mühsam von der Erstürmung abgehalten werden, zumal sich Montez demonstrativ auf dem Balkon zeigte (Liedtke 2013, S. 166). Am 11. Februar verließ die „Gräfin Landsfeld“ München, am 20. März 1848 legte Ludwig die Krone nieder. Das Palais fiel 1915/16 dem Bau eines großen Geschäftshauses der Arminia-Versicherung zum Opfer, das nach seiner Kriegszerstörung nicht wieder aufgebaut wurde; heute steht an der Stelle ein Büro- und Wohnhaus. Ein Foto des ehemaligen Gartenhauses der Lola Montez von 1924 ziert den Umschlag von Bäumlers „Erkundungen der Maxvorstadt“.
Nördlich des Karolinenplatzes prägten Ludwigs Museumsbauten die Straße. An Raffaels Geburtstag, dem 7. April 1826, legte der König den Grundstein zur Alten Pinakothek (Barer Straße 27), die Leo von Klenze in zehn Jahren im Stil der italienischen Hochrenaissance errichtete; erstmals im großen Maßstab setzte er Oberlichter ein, eine Neuerung, die international bei Museumsbauten kopiert wurde. Statt an der Ludwigstraße stellte man den Bau bewusst aufs freie Feld, wo er in dem siedlungsarmen Terrain aus der Ferne „wie ein gewaltiger Riegel“ wirkte, beim Nähertreten aber durch seine beherrschte Monumentalität verblüffte (Stephan 2013, S. 39). Die Münchner zog er sofort in Scharen an – die meisten allerdings, weil man vor der prächtigen Kulisse so schön picknicken konnte. Gegenüber war 1823/26 der erste Teil der Türkenkaserne entstanden, die Ludwig nur schweren Herzens akzeptierte, weil er Schäden an der Pinakothek durch Explosionen und Feuer fürchtete; aus Rücksicht auf das Museum blieb die Kasernenfront an der Barer Straße auch nach den Erweiterungen von 1872/74 unbebaut. 1853 folgte nördlich der Alten die Neue Pinakothek für die Kunst der Gegenwart, konzipiert von Baurat August von Voit nach einer Anregung Ludwigs, den päpstlichen Lateranpalast zum Vorbild zu nehmen; ihre Wirkung beruhte auf großflächiger Fassadenmalerei, doch fiel sie in der Gesamtgestaltung deutlich gegenüber dem Klenze-Bau ab. Beide Häuser waren nicht nur Weihestätten für Kunstenthusiasten, sondern Unterrichtssäle für junge Künstler, die als Kopisten Auge und Hand an den Meistern schulten.
Die Wohnbebauung folgte zögernd: Bis 1862 waren Neubauten westlich und nördlich der Kreuzung Barer-/Schellingstraße grundsätzlich untersagt, Mitte der 1870er Jahre scheiterte der Spekulant Heinrich Höch mit seinem Plan, die Wiesengründe an der zu verlängernden Barer-, Schelling- und Adalbertstraße mit Wohnblöcken zu belegen, und erst ab 1885 wurden die Flächen zwischen Barer-, Adalbert- und Nordendstraße der Bebauung zugeführt. 1893 wurde die Prinz-Ludwig-Straße zwischen Barer und Türkenstraße durchgeführt. Aus dieser Zeit stammen die Baudenkmäler der Straße: das spätklassizistische Eckhaus Nr. 3 (1860–62, Reinhold Hirschberg), die Neurenaissance-Mietshäuser Nr. 33 (1875, Johann Thomas), Nr. 37 und 39 (1876, Kilian Stützel) – Nr. 39 gilt als „eine der wenigen ausgezeichnet erhaltenen Neurenaissance-Fassaden der Maxvorstadt“ – und der Backsteinbau Nr. 69 (1884–87, Johann Widmann). Jenseits der Barer Straße, etwa in der Zieblandstraße, uferte dagegen der „altdeutsche Stil“ mit Phantasiefassaden „aus dem Anker-Steinbaukasten“ aus. Mit der Akademie der Bildenden Künste (1874/84) entstand im Karree zwischen Theresien-, Akademie-, Ludwig- und Barer Straße nach Pariser Vorbild ein „quartier latin“: In zahlreiche Wohnhäuser wurden große, nach Norden gerichtete Atelierfenster eingefügt – ein Foto von 1911 zeigt eines an der Ecke Blüten-/Barer Straße –, und in Lokalen wie dem 1872 von Sylvester Mehr gegründeten Schelling-Salon an der Ecke Schellingstraße 54 entwickelte sich das Lebensgefühl der Boheme.
Um 1900 war die Straße Wohn- und Arbeitsort von Schriftstellern und Künstlern. Thomas Mann mietete im Sommer 1898 im ersten Stock der Barer Straße 69 beim Pharmazeuten Adolf Dunzinger eine – wie er schrieb – „theure Bourgeois- und Banquierwohnung“. Der Theaterwissenschaftler Artur Kutscher verlegte seine legendären „Kutscherabende“, bei denen Ludwig Ganghofer, Frank Wedekind, Erich Mühsam, Stefan Zweig, Karl Wolfskehl und die Brüder Mann vor Studenten lasen, schließlich in ein Hotel in der Barer Straße. Vom 21. Juni bis September 1912 wohnte Marcel Duchamp in einem zehn Quadratmeter großen Zimmer in der Barer Straße 65, wo die ersten Studien zum „Großen Glas“ entstanden; München nannte er später den Ort seiner „vollständigen Befreiung“. 1917 bezog Oskar Maria Graf eine Wohnung in der Barer Straße 37, von der aus er 1919 die Niederschlagung der Räterepublik erlebte; wegen seiner privaten Atelierfeste galt er in den 1920er Jahren als der „lauteste Dichter Münchens“ und blieb bis 1931. In Nr. 47 wohnte sein Freund, der Maler Georg Schrimpf. Auch die bürgerliche Frauenbewegung fand hier ihre Orte: 1899 endete der erste Allgemeine bayerische Frauentag mit Marie Haushofers Festspiel „Zwölf Culturbilder aus dem Leben der Frau“ im Katholischen Kasino, Barer Straße 7; der 1913 von Emma Haushofer-Merk und Carry Brachvogel gegründete Münchner Schriftstellerinnen-Verein traf sich zunächst in der vegetarischen Gaststätte „Ethos“, Barer Straße 1, und ab 1924 im Gartengebäude des Künstlerinnenvereins in der Barer Straße 21, das 1934 abgebrochen wurde.
Mit der Weimarer Republik wurde die Straße zum politischen Kampfplatz. Der Typograph Paul Renner beschrieb 1932 in „Kulturbolschewismus?“ einen Vortragsabend Alfred Rosenbergs im Katholischen Kasino: Als der junge Maler Wolf Panizza den Zwischenruf „Wo bleibt die gute moderne Kunst?“ wagte, wurde er vom nationalsozialistischen Saalschutz mit Schlagringen zu Boden geschlagen und mit Stiefeln in den Bauch getreten (Bäumler/Fromm 2017, S. 152). Nach 1933 verleibte sich die NSDAP Haus um Haus im Geviert zwischen Karl-, Barer-, Gabelsberger- und Arcisstraße ein – erst 56, dann 68 Gebäude; 1939 arbeiteten mehr als 6000 Menschen in den Parteiverwaltungen am Königsplatz. Von Januar 1934 an saß die Oberste SA-Führung Ernst Röhms in den ehemaligen Hotels „Union“ (Barer Straße 7) und „Marienbad“ (Nr. 11), bis Hitler im Juli 1934 die SA-Spitze ermorden ließ und die Dienststelle nach Berlin verlegt wurde (Köpf 2005, S. 113). In den Häusern Nr. 7 bis 16 folgten die „Reichsorganisationsleitung der NSDAP“, das „Hauptamt für Kriegsopfer“ und das „Hauptamt für Volksgesundheit“, in Nr. 15 residierte 1936–1945 die Reichsärztekammer, in Nr. 14 hatte Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann bis 1941 sein Fotogeschäft, und in Nr. 57 wohnte seit 1926 der spätere Generalgouverneur Hans Frank. Im November 1933 marschierten die gleichgeschalteten bayerischen Bürgermeister über Lenbachplatz, Barer Straße und Karolinenplatz zum Königsplatz, um sich auf Hitler vereidigen zu lassen. Für einen nie über die Keller hinaus gediehenen „Kanzleibau“ der NSDAP wurde 1935–1938 die gesamte Bausubstanz der Gabelsbergerstraße zwischen Barer und Arcisstraße abgerissen, darunter das bescheidene Eckhaus, in dem 1849 Franz Xaver Gabelsberger, der Erfinder der Stenografie, gestorben war. Hitlers Planer sahen darüber hinaus eine Erweiterung der Neuen Pinakothek entlang der Barer Straße, ein „Haus der Deutschen Arbeitsfront“ nördlich der Theresienstraße und auf dem Gelände der Türkenkaserne einen „Platz der NSDAP“ mit dem Mausoleum des „Führers“ vor.
Der Krieg zerstörte die nördliche Maxvorstadt zu rund 70 Prozent. Die Neue Pinakothek, die Kaserne, das Arminia-Haus, der SA-Komplex und zahlreiche Wohnhäuser gingen unter; die Alte Pinakothek, deren Sammlung ausgelagert worden war, wurde schwer beschädigt. Die ehemaligen NSDAP-Gebäude übernahm die amerikanische Militärregierung, bis der Alliierte Kontrollrat 1947 ihre Übergabe an deutsche Behörden regelte. Gerade in der Trümmerzeit war „die Gegend Sendlinger-, Türken- und Barer Straße so urban wie in dieser Zeit kaum eine andere Gegend Münchens“, erinnerte sich Walter Kolbenhoff, in dessen Wohnung in der nahen Schellingstraße 48 die „Gruppe 47“ gegründet wurde. Ab 1952 baute Hans Döllgast die Alte Pinakothek mit sichtbar belassener Kriegswunde wieder auf und verlegte das Haupttreppenhaus von der Barer Straße weg an die Südfassade; 1957 wurde das Haus wiedereröffnet, 1994–1998 folgte eine Generalsanierung (Arz 2018, S. 74). In der Barer Straße 29 arbeitet seit 1937 das nach dem Akademieprofessor Max Doerner benannte Doerner Institut, das seit 1977 sämtliche Bestände der Staatsgemäldesammlungen konserviert. 1958 übernahm Rudolf Neumeister das Auktionshaus Adolf Weinmüllers und baute es in der Barer Straße 37 zum Münchener Kunstauktionshaus aus.
In den 1960er und 1970er Jahren geriet die Straße in den Sog der „autogerechten Stadt“: Die Gabelsbergerstraße sollte als 40 Meter breite Ost-West-Tangente ausgebaut und die Barer Straße an dieser Kreuzung untertunnelt werden. Dagegen trat 1971 die Bürgerinitiative „Aktion Maxvorstadt“ mit einem Mietermarsch samt Bagger zum Rathaus an; der Kinderbuchzeichner Ali Mitgutsch illustrierte 1972 „Die Maxvorstadt unter Druck“ (Bäumler u. a. 2015, S. 16). Die Tunnelpläne blieben unausgeführt. Die Neue Pinakothek wurde 1981 nach Plänen Alexander von Brancas neu eröffnet; die grau-triste Türkenkaserne, in der Nachkriegszeit noch fester Bestandteil des Viertels, musste wissenschaftlichen Instituten, der 2002 eröffneten Pinakothek der Moderne von Stephan Braunfels (Barer Straße 40) und dem Museum Brandhorst weichen; nur das isoliert erhaltene Kasernenportal an der Türkenstraße erinnert an die Vorgeschichte des Geländes.
Seither ist die Barer Straße die Achse des Kunstareals, mit Skulpturen von Eduardo Chillida („Buscando la Luz“) und Fritz Koenig („Große Biga“) auf den Museumswiesen. Seit einem Attentat auf Gemälde der Alten Pinakothek werden dort nahezu alle Werke hinter Glas gezeigt. 2012 erinnerte Rudolf Herz mit einer 17 Meter langen Betonrekonstruktion von Duchamps Zimmer auf der Südwiese der Alten Pinakothek an den Sommer 1912. Auch die Erinnerung an die NS-Zeit hat hier eine Adresse: In einem Depot der „Initiative Stolpersteine München“ in der Barer Straße 34 lagerten um 2018 rund 300 fertige Stolpersteine, deren Verlegung im öffentlichen Raum die Stadt München nicht erlaubte. Die Neue Pinakothek ist seit 2019 für die Generalsanierung geschlossen.
Heute
Die Barer Straße ist heute die Museumsmeile Münchens: Alte Pinakothek, Neue Pinakothek (geschlossen bis voraussichtlich 2030) und Pinakothek der Moderne liegen unmittelbar an ihr, Museum Brandhorst, Ägyptisches Museum, Hochschule für Fernsehen und Film und das Museum Reich der Kristalle (Theresienstraße 41, Eingang Barer Straße) in Rufweite. Nördlich der Theresienstraße wird sie zur Wohn- und Kneipenstraße des Universitätsviertels mit Cafés wie dem „Barer 61“, dem Schelling-Salon an der Ecke Schellingstraße, der Ende 2025 nach vier Generationen der Familie Mehr an eine benachbarte Wirtsfamilie überging, und dem Auktionshaus Neumeister, das seinen Betrieb in Nr. 37 nach 68 Jahren zum 31. Oktober 2026 einstellt. Künstler und Restauratoren kennen Kremer Pigmente in Nr. 46 mit Tausenden Pigmentfarben in Pulverform.
Auf ganzer Länge fahren die Trambahnlinien 27 und 28, an der Theresienstraße kreuzt die Museumsbuslinie 100. Die Dreiecksfläche an der Einmündung in die Nordendstraße soll aufgewertet werden und nach einem Beschluss von 2026 den Namen Ali-Mitgutsch-Platz erhalten – nach dem Zeichner, der 1972 schon die Maxvorstadt „unter Druck“ zeichnete; die Nordendstraße wird dort zur Fußgängerzone.