Geschichte
Die Augustenstraße gehört zum Stadterweiterungsplan, mit dem ab 1808 im Auftrag Max Josephs das schachbrettartige Raster der Maxvorstadt vor den Toren der Altstadt ausgelegt wurde. Sie markiert dessen westlichen Rand: Stephan nennt sie „die letzte auf das quadratische Rastersystem der Maxvorstadt verpflichtete Straßenanlage“ (Stephan 2013, S. 43). Anders als Ludwig- oder Brienner Straße war sie nie Bühne königlicher Repräsentation, sondern eine Erschließungsstraße für Gärten, Handwerksbetriebe und bescheidene Vorstadthäuser zwischen der alten Dachauer Landstraße und den späteren Prachtbauten um den Königsplatz. Wie diese erste Bebauung aussah, zeigt bis heute das kleine Haus Nr. 45: ein dreigeschossiger spätklassizistischer Bau von 1853, der erst 1875 aufgestockt wurde und heute zu den ältesten Häusern der Straße zählt.
Ihre eigentliche Gestalt erhielt die Straße in der Gründerzeit. Ab 1885 wurden die Flächen zwischen Barer, Adalbert- und Nordendstraße bebaut, „die Areale bis hin zur Augustenstraße zogen nach wenigen Jahren nach“ (Stephan 2013, S. 51). Es entstand ein dichtes Mietshausviertel mit Hinterhöfen und Rückgebäuden, dessen Fassaden die Stilwechsel der Jahrzehnte spiegeln: die reich gegliederte Neurenaissance von Nr. 52 (1886/87) und die Backsteinfassade von Nr. 107 (1887/88), der Eckbau Karl Stöhrs mit Turm und Zwerchhäusern an der Nr. 39 (1895/96). Wie gleichförmig die Blöcke wirken konnten, zeigt eine Aufnahme der Zieblandstraße von 1906, deren Nordfront zwischen Schwind- und Augustenstraße ganz einheitlich im Stil der Neurenaissance gestaltet war – „die Monotonie der Fassaden steigert die Linearität der Straßenanlage in besonderer Weise“ (Stephan 2013, S. 158). In diesem Milieu wurde 1895 im Haus Nr. 21 der spätere Dichter Eugen Roth als Sohn eines Münchner Journalisten geboren; 1896 eröffnete in der Straße ein Tabakladen, den Arz noch als Zigarren Diller verzeichnet (Arz 2018, S. 141).
Um 1900 bekam die Straße ihren Blickpunkt. Weil der Pfarrer von St. Ludwig in den immer dichter besiedelten Neubaugebieten des Nordwestens seelsorgerische Lücken fürchtete, regte er 1895 eine neue Kirche an; die Kapuziner errichteten am Josephsplatz einen Konvent, und nach Plänen von Hans Schurr entstand 1898–1902 die neubarocke Kirche St. Joseph – den Aushub an Sand und Kies verwendete man gleich als Baumaterial (Arz 2018, S. 77). Theodor Fischer positionierte den Bau schräg vorspringend, sodass der Turm der Augustenstraße „einen idealen ‚point de vue‘“ gibt (Stephan 2013, S. 173); rund um die Kirche lockerte Fischers Planung das starre Raster erstmals durch Kurven auf (Stephan 2013, S. 160). Auch das Südende erhielt einen Akzent: 1902 stellte die Stadt an der Gabelung zur Dachauer Straße den Delphinbrunnen des Bildhauers Arthur Storch auf. Der Jugendstil hinterließ an der Straße das Ateliergebäude Nr. 16 mit Polygonalerker und Reliefs (1899/1901), Michael Heitzers Eckhaus Nr. 37 (1904) und das Haus Pronath der Gebrüder Rank (Nr. 54, 1907/08); Heilmann & Littmann bauten 1906/07 an der Ecke Gabelsbergerstraße den Wohn- und Gasthausbau Nr. 53, den späteren Regensburger Hof.
Kulturgeschichte schrieb ein Haus mit der Nummer 89. 1906 übernahm Hofrat Köpke dort das Varieté „Universum“ und machte daraus das Lustspielhaus – „immer noch mehr Varieté denn ernsthaftes Theater“, mit Einaktern und Gesangseinlagen, aber ohne Erfolg. Schließlich übernahm Eugen Robert, der zuvor das Berliner Hebbel-Theater geleitet hatte, die Bühne und nannte sie „Zum großen Wurstel. Grand Guignol“ – sehr zum Unwillen von Heinrich Mann, mit dessen Einakter „Varieté“ das Theater eröffnet werden sollte und der sich in die Nähe des Kasperltheaters gerückt sah. Robert lenkte ein und benannte das Haus in Münchner Kammerspiele um (Arz 2018, S. 81). Schon eine der ersten Inszenierungen, Frank Wedekinds „Franziska“, rief wegen eines allzu durchsichtigen Schleiers auf nackter Haut die Zensur auf den Plan; im Oktober 1912 eröffnete das Haus unter dem neuen Namen mit Leonid Andrejews expressionistischem „Das Leben des Menschen“ die erste Spielzeit (Liedtke 2013, S. 106). Nach einem Flop musste Robert gehen, Erich Ziegel wurde Intendant und holte 1915 Otto Falckenberg, einst Mitglied der Elf Scharfrichter, der 1917 die Direktion übernahm und die Kammerspiele zu einer der wichtigsten deutschsprachigen Bühnen machte (Arz 2018, S. 81).
Die frühen 1920er-Jahre wurden zur großen Zeit der Augustenstraße. Lion Feuchtwanger empfahl Brechts Stück „Spartakus“, umbenannt in „Trommeln in der Nacht“, für die Kammerspiele, wo es mit großem Erfolg uraufgeführt wurde (Bäumler/Fromm 2017, S. 182); die Premiere Ende September 1922 in der Regie Falckenbergs machte Bertolt Brecht über Nacht bekannt, im November erhielt er den Kleist-Preis. Brecht inszenierte hier selbst seine Bearbeitung von Marlowes „Leben Eduards des Zweiten von England“ und arbeitete als Dramaturg; für die stets schwierigen Finanzen des privaten Theaters waren die publikumswirksamen Gastspiele von Karl Valentin und Liesl Karlstadt nicht unwichtig (Arz 2018, S. 81). Valentin spielte 1922 erstmals an den Kammerspielen, die zu einem seiner regelmäßigen Auftrittsorte wurden (Bäumler/Fromm 2017, S. 209). Marta Feuchtwanger erinnerte sich, dass sich ihr Leben zwischen Wohnung, Café Stefanie, Café Luitpold, der Staatsbibliothek und den Kammerspielen „in der Augustenstraße“ abspielte (Bäumler/Fromm 2017, S. 142). Nach den Inflationsjahren war das Haus zu klein und zu teuer: 1926 verließen die Kammerspiele die Maxvorstadt und zogen in das Schauspielhaus an der Maximilianstraße; das Anwesen Nr. 89 ging an die Filmgesellschaft Emelka.
Wenige Jahre später setzte die Stadt an der Nr. 20/22 ein Zeichen der Moderne: Die Stadtbauräte Fritz Beblo und Hermann Leitenstorfer errichteten 1929–1931 das Städtische Leihamt als sechsgeschossigen Rohbacksteinbau im Stil der Neuen Sachlichkeit. In der NS-Zeit wurde die Augustenstraße zum Ort des Widerstands. Im Rückgebäude der Nr. 98 wohnte der Kaufmann und Weltkriegsoffizier Wilhelm Olschewski, Teilnehmer der Revolution von 1918 und später Redakteur der kommunistischen „Neuen Zeitung“; 1933 kamen er, sein Sohn und weitere Genossen ohne Urteil in „Schutzhaft“. Unmittelbar vor Kriegsbeginn luden die Olschewskis Gleichgesinnte in die Augustenstraße 98 ein, wo auch Sohn Willy und Schwiegersohn Otto Binder wohnten; mit Hans Hartwimmer und Josef Römer konstituierte sich hier eine reichsweit vernetzte Widerstandsgruppe, die Betriebszellen gründen, Sabotage verüben und Flugblätter verteilen wollte. Anfang 1942 flog die Organisation auf; Olschewski senior wurde am 30. April 1943 im Gefängnis Stadelheim erschlagen, sein Sohn und Hartwimmer wurden 1944 hingerichtet (Liedtke 2018, S. 22). Die Organisation habe sich seit 1933 reichsweit aufgebaut und sei 1942 von der Gestapo zerschlagen worden, schreibt Weyerer (Weyerer 1993, S. 192).
Der Luftkrieg traf die Straße schwer. Zwischen der Technischen Hochschule und der Kirche St. Joseph „stand praktisch kein Stein mehr auf dem anderen“, bis zu 75 Prozent des Viertels waren zerstört (Arz 2018, S. 93). Am 13. Juni 1944 zerstörten zwei Sprengbomben St. Joseph samt dem Kreuzweg Gebhard Fugels; einzig der 63 Meter hohe Turm überstand das Bombardement (Arz 2018, S. 77). Auch das Haus Nr. 98 ging unter, heute steht dort ein Neubau (Liedtke 2018, S. 23); die alten Kammerspiele an der Nr. 89 wurden durch Fliegerangriffe zerstört. Die erhaltenen Denkmäler tragen die Spuren bis heute: Nr. 37 und Nr. 53 wurden mit vereinfachter Dachzone bzw. in vereinfachter Form wiederhergestellt, Nr. 107 wurde 1947 wiederaufgebaut. Weil rund drei Viertel der Bevölkerung der Maxvorstadt obdachlos waren, hatte der Wohnungsbau Vorrang; eine Holzbaracke diente als Notkirche, erst 1950–1952 wurde St. Joseph wiederaufgebaut (Arz 2018, S. 77). In die Baulücken zogen schlichte Nachkriegshäuser und Behelfsbauten.
1980 erhielt die Straße mit den Bahnhöfen Theresienstraße und Josephsplatz der Linie U8 (heute U2) direkten U-Bahn-Anschluss. 1987 benannte die Stadt am Harthof den „Olschewskibogen“ nach Wilhelm Olschewski (Liedtke 2018, S. 23), und am 14. Oktober 2017 wurden vor der Augustenstraße 98 Stolpersteine für ihn, seinen Sohn Willy und Otto Binder verlegt. Am Südende, im Dreieck zwischen Dachauer, Karl- und Augustenstraße, wurde das leerstehende Gebäude eines Einrichtungshauses von Sommer 2011 bis Sommer 2012 als „Art Babel“ für Konzerte und Kulturveranstaltungen zwischengenutzt; Graffiti bekannter Sprayer wie Loomit machten es zum Hingucker, „bevor die Abrissbirne kam und die massive Verschnöselung der Gegend weiter vorangetrieben wurde“ (Arz 2018, S. 107).
Heute
Die Augustenstraße ist heute eine lebendige Wohn- und Geschäftsstraße ohne große Monumente – ihr Reiz liegt in der Mischung. Arz zählt sie neben Türken-, Amalien- und Schellingstraße zu den „pulsierenden Hauptschlagadern für Shopper und Kaffeedurstige“ der Maxvorstadt (Arz 2018, S. 134). Seine Service-Listen, deren Aktualität er ausdrücklich nicht garantiert, verzeichnen hier eine ungewöhnliche Dichte an Lokalen aller Küchen; viele davon bestehen weiterhin, etwa das Café Josefina (Nr. 113) und das Café am Josephsplatz (Nr. 112), Gyoza Bar (Nr. 47a), Burrito Company (Nr. 74), Shiva (Nr. 96), Taverna Lakis (Nr. 114) und das Wirtshaus Maxvorstadt im denkmalgeschützten Eckhaus Nr. 53 (Arz 2018, S. 134–138). Dazu kommen die Tucholsky Buchhandlung (Nr. 123) und der englische Second-Hand-Buchladen The Munich Readery (Nr. 104) (Arz 2018, S. 140–141), der im Februar 2026 sein 20-jähriges Bestehen feierte. Manches aus Arz’ Liste gibt es nicht mehr: Die Galerie Karin Sachs (Nr. 48) schloss Ende 2024 nach 38 Jahren, auch das Eiscafé Italia (Nr. 85a) und die Vu Tang Kitchen (Nr. 52) sind geschlossen.
Im Norden, wo der Turm von St. Joseph den Blick fängt, dominieren Wohnhäuser, die Stadtbibliothek Maxvorstadt (Nr. 92) und die Studentenkneipen rund um die Kreuzung mit der Schellingstraße; im Süden, zwischen Leihamt, Delphinbrunnen und den Neubauten am Dreieck Dachauer/Karlstraße, ist die Straße städtischer und verkehrsreicher. Neun Baudenkmäler erinnern an die Bauzeit zwischen Spätklassizismus und Neuer Sachlichkeit, an die großen Theaterjahre der Nr. 89 dagegen erinnert im Straßenbild nichts mehr. Erschlossen wird die Straße durch die U-Bahnhöfe Theresienstraße und Josephsplatz (U2/U8) sowie die Buslinien mit der Haltestelle Augustenstraße; die Stolpersteine vor der Nr. 98 halten die Erinnerung an den Widerstand der Olschewskis wach.