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Augusten­straße

Die westlichste Rasterstraße der Maxvorstadt: vom Delphinbrunnen an der Dachauer Straße bis zur Josephskirche – Wiege der Münchner Kammerspiele, Wohnstraße, Kneipenmeile.

1,33 kmLänge
1812Benennungsjahr
9Baudenkmäler an der Straße
1911Theatergründung in Nr. 89 – ab 1912 Münchner Kammerspiele

Namensherkunft

Die Straße trägt seit dem 1. Dezember 1812 den Namen der Prinzessin Auguste Amalia Ludovika von Bayern (1788–1851), der ältesten Tochter König Maximilians I. Joseph aus seiner ersten Ehe mit Auguste Wilhelmine von Hessen-Darmstadt. Ihr Leben war ein Stück napoleonischer Heiratspolitik: Die in Straßburg geborene Prinzessin war bereits mit dem badischen Erbgroßherzog verlobt, als Napoleon sie für seinen Stiefsohn Eugène de Beauharnais verlangte – als Gegenleistung für die Erhebung Bayerns zum Königreich. Dem Bräutigam schrieb der Kaiser: „Ich bin in München angekommen, ich habe Ihre Heirat mit Prinzessin Auguste abgemacht.“ Im Januar 1806 läuteten in München die Hochzeitsglocken (Arz 2018, S. 23). Aus der Staatsheirat wurde nach zeitgenössischen Berichten eine glückliche Ehe mit sieben Kindern.

Als Vizekönigin von Italien lebte Auguste bis zum Sturz Napoleons in Mailand; 1814 kehrte das Paar nach München zurück, wo Eugène, „in der Heimat seiner Gattin Auguste von Bayern gestrandet“, seinen Sammlerleidenschaften nachging (Arz 2018, S. 76). 1817 erhielt er den Titel eines Herzogs von Leuchtenberg; Auguste residierte nach seinem Tod 1824 bis zu ihrem eigenen Tod 1851 im Palais Leuchtenberg und wurde in der Michaelskirche beigesetzt. Die Benennung gehört zu der Gruppe von Maxvorstadt-Straßen, die 1812 nach den Töchtern des ersten bayerischen Königs benannt wurden – Amalien-, Luisen-, Elisen- und Sophienstraße sind ihre Schwestern im Stadtplan.

Der Name ist älter als die heutige Straße: Laut Stadtgeschichte-Datenbank hieß schon 1808 der südliche Abschnitt zwischen Dachauer und Brienner Straße „Augustenstraße“, die nördliche Fortsetzung bis zur Theresienstraße dagegen „Friedrichstraße“; erst 1812 wurde der Name auf den ganzen Zug ausgedehnt, der später bis zum Josephsplatz verlängert wurde. Heute bezeichnet „Augustenstraße“ zugleich einen der neun amtlichen Bezirksteile des 1992 gebildeten Stadtbezirks 3 Maxvorstadt (Stephan 2013, S. 12).

Geschichte

Die Augustenstraße gehört zum Stadterweiterungsplan, mit dem ab 1808 im Auftrag Max Josephs das schachbrettartige Raster der Maxvorstadt vor den Toren der Altstadt ausgelegt wurde. Sie markiert dessen westlichen Rand: Stephan nennt sie „die letzte auf das quadratische Rastersystem der Maxvorstadt verpflichtete Straßenanlage“ (Stephan 2013, S. 43). Anders als Ludwig- oder Brienner Straße war sie nie Bühne königlicher Repräsentation, sondern eine Erschließungsstraße für Gärten, Handwerksbetriebe und bescheidene Vorstadthäuser zwischen der alten Dachauer Landstraße und den späteren Prachtbauten um den Königsplatz. Wie diese erste Bebauung aussah, zeigt bis heute das kleine Haus Nr. 45: ein dreigeschossiger spätklassizistischer Bau von 1853, der erst 1875 aufgestockt wurde und heute zu den ältesten Häusern der Straße zählt.

Ihre eigentliche Gestalt erhielt die Straße in der Gründerzeit. Ab 1885 wurden die Flächen zwischen Barer, Adalbert- und Nordendstraße bebaut, „die Areale bis hin zur Augustenstraße zogen nach wenigen Jahren nach“ (Stephan 2013, S. 51). Es entstand ein dichtes Mietshausviertel mit Hinterhöfen und Rückgebäuden, dessen Fassaden die Stilwechsel der Jahrzehnte spiegeln: die reich gegliederte Neurenaissance von Nr. 52 (1886/87) und die Backsteinfassade von Nr. 107 (1887/88), der Eckbau Karl Stöhrs mit Turm und Zwerchhäusern an der Nr. 39 (1895/96). Wie gleichförmig die Blöcke wirken konnten, zeigt eine Aufnahme der Zieblandstraße von 1906, deren Nordfront zwischen Schwind- und Augustenstraße ganz einheitlich im Stil der Neurenaissance gestaltet war – „die Monotonie der Fassaden steigert die Linearität der Straßenanlage in besonderer Weise“ (Stephan 2013, S. 158). In diesem Milieu wurde 1895 im Haus Nr. 21 der spätere Dichter Eugen Roth als Sohn eines Münchner Journalisten geboren; 1896 eröffnete in der Straße ein Tabakladen, den Arz noch als Zigarren Diller verzeichnet (Arz 2018, S. 141).

Um 1900 bekam die Straße ihren Blickpunkt. Weil der Pfarrer von St. Ludwig in den immer dichter besiedelten Neubaugebieten des Nordwestens seelsorgerische Lücken fürchtete, regte er 1895 eine neue Kirche an; die Kapuziner errichteten am Josephsplatz einen Konvent, und nach Plänen von Hans Schurr entstand 1898–1902 die neubarocke Kirche St. Joseph – den Aushub an Sand und Kies verwendete man gleich als Baumaterial (Arz 2018, S. 77). Theodor Fischer positionierte den Bau schräg vorspringend, sodass der Turm der Augustenstraße „einen idealen ‚point de vue‘“ gibt (Stephan 2013, S. 173); rund um die Kirche lockerte Fischers Planung das starre Raster erstmals durch Kurven auf (Stephan 2013, S. 160). Auch das Südende erhielt einen Akzent: 1902 stellte die Stadt an der Gabelung zur Dachauer Straße den Delphinbrunnen des Bildhauers Arthur Storch auf. Der Jugendstil hinterließ an der Straße das Ateliergebäude Nr. 16 mit Polygonalerker und Reliefs (1899/1901), Michael Heitzers Eckhaus Nr. 37 (1904) und das Haus Pronath der Gebrüder Rank (Nr. 54, 1907/08); Heilmann & Littmann bauten 1906/07 an der Ecke Gabelsbergerstraße den Wohn- und Gasthausbau Nr. 53, den späteren Regensburger Hof.

Kulturgeschichte schrieb ein Haus mit der Nummer 89. 1906 übernahm Hofrat Köpke dort das Varieté „Universum“ und machte daraus das Lustspielhaus – „immer noch mehr Varieté denn ernsthaftes Theater“, mit Einaktern und Gesangseinlagen, aber ohne Erfolg. Schließlich übernahm Eugen Robert, der zuvor das Berliner Hebbel-Theater geleitet hatte, die Bühne und nannte sie „Zum großen Wurstel. Grand Guignol“ – sehr zum Unwillen von Heinrich Mann, mit dessen Einakter „Varieté“ das Theater eröffnet werden sollte und der sich in die Nähe des Kasperltheaters gerückt sah. Robert lenkte ein und benannte das Haus in Münchner Kammerspiele um (Arz 2018, S. 81). Schon eine der ersten Inszenierungen, Frank Wedekinds „Franziska“, rief wegen eines allzu durchsichtigen Schleiers auf nackter Haut die Zensur auf den Plan; im Oktober 1912 eröffnete das Haus unter dem neuen Namen mit Leonid Andrejews expressionistischem „Das Leben des Menschen“ die erste Spielzeit (Liedtke 2013, S. 106). Nach einem Flop musste Robert gehen, Erich Ziegel wurde Intendant und holte 1915 Otto Falckenberg, einst Mitglied der Elf Scharfrichter, der 1917 die Direktion übernahm und die Kammerspiele zu einer der wichtigsten deutschsprachigen Bühnen machte (Arz 2018, S. 81).

Die frühen 1920er-Jahre wurden zur großen Zeit der Augustenstraße. Lion Feuchtwanger empfahl Brechts Stück „Spartakus“, umbenannt in „Trommeln in der Nacht“, für die Kammerspiele, wo es mit großem Erfolg uraufgeführt wurde (Bäumler/Fromm 2017, S. 182); die Premiere Ende September 1922 in der Regie Falckenbergs machte Bertolt Brecht über Nacht bekannt, im November erhielt er den Kleist-Preis. Brecht inszenierte hier selbst seine Bearbeitung von Marlowes „Leben Eduards des Zweiten von England“ und arbeitete als Dramaturg; für die stets schwierigen Finanzen des privaten Theaters waren die publikumswirksamen Gastspiele von Karl Valentin und Liesl Karlstadt nicht unwichtig (Arz 2018, S. 81). Valentin spielte 1922 erstmals an den Kammerspielen, die zu einem seiner regelmäßigen Auftrittsorte wurden (Bäumler/Fromm 2017, S. 209). Marta Feuchtwanger erinnerte sich, dass sich ihr Leben zwischen Wohnung, Café Stefanie, Café Luitpold, der Staatsbibliothek und den Kammerspielen „in der Augustenstraße“ abspielte (Bäumler/Fromm 2017, S. 142). Nach den Inflationsjahren war das Haus zu klein und zu teuer: 1926 verließen die Kammerspiele die Maxvorstadt und zogen in das Schauspielhaus an der Maximilianstraße; das Anwesen Nr. 89 ging an die Filmgesellschaft Emelka.

Wenige Jahre später setzte die Stadt an der Nr. 20/22 ein Zeichen der Moderne: Die Stadtbauräte Fritz Beblo und Hermann Leitenstorfer errichteten 1929–1931 das Städtische Leihamt als sechsgeschossigen Rohbacksteinbau im Stil der Neuen Sachlichkeit. In der NS-Zeit wurde die Augustenstraße zum Ort des Widerstands. Im Rückgebäude der Nr. 98 wohnte der Kaufmann und Weltkriegsoffizier Wilhelm Olschewski, Teilnehmer der Revolution von 1918 und später Redakteur der kommunistischen „Neuen Zeitung“; 1933 kamen er, sein Sohn und weitere Genossen ohne Urteil in „Schutzhaft“. Unmittelbar vor Kriegsbeginn luden die Olschewskis Gleichgesinnte in die Augustenstraße 98 ein, wo auch Sohn Willy und Schwiegersohn Otto Binder wohnten; mit Hans Hartwimmer und Josef Römer konstituierte sich hier eine reichsweit vernetzte Widerstandsgruppe, die Betriebszellen gründen, Sabotage verüben und Flugblätter verteilen wollte. Anfang 1942 flog die Organisation auf; Olschewski senior wurde am 30. April 1943 im Gefängnis Stadelheim erschlagen, sein Sohn und Hartwimmer wurden 1944 hingerichtet (Liedtke 2018, S. 22). Die Organisation habe sich seit 1933 reichsweit aufgebaut und sei 1942 von der Gestapo zerschlagen worden, schreibt Weyerer (Weyerer 1993, S. 192).

Der Luftkrieg traf die Straße schwer. Zwischen der Technischen Hochschule und der Kirche St. Joseph „stand praktisch kein Stein mehr auf dem anderen“, bis zu 75 Prozent des Viertels waren zerstört (Arz 2018, S. 93). Am 13. Juni 1944 zerstörten zwei Sprengbomben St. Joseph samt dem Kreuzweg Gebhard Fugels; einzig der 63 Meter hohe Turm überstand das Bombardement (Arz 2018, S. 77). Auch das Haus Nr. 98 ging unter, heute steht dort ein Neubau (Liedtke 2018, S. 23); die alten Kammerspiele an der Nr. 89 wurden durch Fliegerangriffe zerstört. Die erhaltenen Denkmäler tragen die Spuren bis heute: Nr. 37 und Nr. 53 wurden mit vereinfachter Dachzone bzw. in vereinfachter Form wiederhergestellt, Nr. 107 wurde 1947 wiederaufgebaut. Weil rund drei Viertel der Bevölkerung der Maxvorstadt obdachlos waren, hatte der Wohnungsbau Vorrang; eine Holzbaracke diente als Notkirche, erst 1950–1952 wurde St. Joseph wiederaufgebaut (Arz 2018, S. 77). In die Baulücken zogen schlichte Nachkriegshäuser und Behelfsbauten.

1980 erhielt die Straße mit den Bahnhöfen Theresienstraße und Josephsplatz der Linie U8 (heute U2) direkten U-Bahn-Anschluss. 1987 benannte die Stadt am Harthof den „Olschewskibogen“ nach Wilhelm Olschewski (Liedtke 2018, S. 23), und am 14. Oktober 2017 wurden vor der Augustenstraße 98 Stolpersteine für ihn, seinen Sohn Willy und Otto Binder verlegt. Am Südende, im Dreieck zwischen Dachauer, Karl- und Augustenstraße, wurde das leerstehende Gebäude eines Einrichtungshauses von Sommer 2011 bis Sommer 2012 als „Art Babel“ für Konzerte und Kulturveranstaltungen zwischengenutzt; Graffiti bekannter Sprayer wie Loomit machten es zum Hingucker, „bevor die Abrissbirne kam und die massive Verschnöselung der Gegend weiter vorangetrieben wurde“ (Arz 2018, S. 107).

Heute

Die Augustenstraße ist heute eine lebendige Wohn- und Geschäftsstraße ohne große Monumente – ihr Reiz liegt in der Mischung. Arz zählt sie neben Türken-, Amalien- und Schellingstraße zu den „pulsierenden Hauptschlagadern für Shopper und Kaffeedurstige“ der Maxvorstadt (Arz 2018, S. 134). Seine Service-Listen, deren Aktualität er ausdrücklich nicht garantiert, verzeichnen hier eine ungewöhnliche Dichte an Lokalen aller Küchen; viele davon bestehen weiterhin, etwa das Café Josefina (Nr. 113) und das Café am Josephsplatz (Nr. 112), Gyoza Bar (Nr. 47a), Burrito Company (Nr. 74), Shiva (Nr. 96), Taverna Lakis (Nr. 114) und das Wirtshaus Maxvorstadt im denkmalgeschützten Eckhaus Nr. 53 (Arz 2018, S. 134–138). Dazu kommen die Tucholsky Buchhandlung (Nr. 123) und der englische Second-Hand-Buchladen The Munich Readery (Nr. 104) (Arz 2018, S. 140–141), der im Februar 2026 sein 20-jähriges Bestehen feierte. Manches aus Arz’ Liste gibt es nicht mehr: Die Galerie Karin Sachs (Nr. 48) schloss Ende 2024 nach 38 Jahren, auch das Eiscafé Italia (Nr. 85a) und die Vu Tang Kitchen (Nr. 52) sind geschlossen.

Im Norden, wo der Turm von St. Joseph den Blick fängt, dominieren Wohnhäuser, die Stadtbibliothek Maxvorstadt (Nr. 92) und die Studentenkneipen rund um die Kreuzung mit der Schellingstraße; im Süden, zwischen Leihamt, Delphinbrunnen und den Neubauten am Dreieck Dachauer/Karlstraße, ist die Straße städtischer und verkehrsreicher. Neun Baudenkmäler erinnern an die Bauzeit zwischen Spätklassizismus und Neuer Sachlichkeit, an die großen Theaterjahre der Nr. 89 dagegen erinnert im Straßenbild nichts mehr. Erschlossen wird die Straße durch die U-Bahnhöfe Theresienstraße und Josephsplatz (U2/U8) sowie die Buslinien mit der Haltestelle Augustenstraße; die Stolpersteine vor der Nr. 98 halten die Erinnerung an den Widerstand der Olschewskis wach.

Adressen

Wichtige
Hausnummern.

№ 01 · Augustenstr. / Dachauer Str.

Delphinbrunnen

Brunnen, Arthur Storch, 1902

Kleine Brunnenanlage an der Gabelung, an der die Augustenstraße von der Dachauer Straße abzweigt: In einem ovalen Becken reitet ein Bacchant aus Bronze auf einem wasserspeienden Delphin. 1902 vom Thüringer Bildhauer Arthur Storch geschaffen, 1933 verändert aufgestellt; Baudenkmal.

№ 02 · Augustenstr. 16

Ehemaliges Ateliergebäude

Jugendstil, Dietrich Voigt, 1899/1901

Dreigeschossiger, langgestreckter Bau mit Polygonalerker und Jugendstilreliefs – ein Zeugnis der Zeit, als die Maxvorstadt Künstlerviertel war und Ateliers bis in die Seitenstraßen reichten; Baudenkmal.

№ 03 · Augustenstr. 20/22

Ehemaliges Städtisches Leihamt

Neue Sachlichkeit, Fritz Beblo und Hermann Leitenstorfer, 1929–1931

Sechsgeschossiger Rohbacksteinbau der beiden Stadtbauräte, eines der markantesten Beispiele der Neuen Sachlichkeit in der Maxvorstadt. Die städtische Pfandleihe ist längst geschlossen, das Gebäude steht unter Denkmalschutz.

№ 04 · Augustenstr. 21

Geburtshaus Eugen Roths

Wohnhaus mit Gedenktafel

Hier wurde am 24. Januar 1895 der Lyriker Eugen Roth geboren, Sohn des Münchner Journalisten Hermann Roth; er wuchs in der Augustenstraße auf. Mit seinen heiter-nachdenklichen „Ein Mensch“-Versen wurde er zu einem der meistgelesenen deutschsprachigen Dichter. Eine Gedenktafel erinnert an ihn.

№ 05 · Augustenstr. 37

Jugendstil-Eckhaus

Mietshaus, Michael Heitzer, 1904

Fünfgeschossiger Jugendstilbau mit Erkern in Ecklage; nach Schäden im Zweiten Weltkrieg mit vereinfachter Dachzone wiederhergestellt. Baudenkmal und Bildmotiv des Wikipedia-Artikels zur Straße.

№ 06 · Augustenstr. 39

Eckhaus mit Turm

Mietshaus, Karl Stöhr, 1895/96

Viergeschossiger Mansarddachbau mit Turm und Zwerchhäusern, Putzgliederungen und Backsteinrücklagen in reduziert historistischen Formen. Erhalten ist die Ladenausstattung der ehemaligen Tabakfirma Grathwohl von etwa 1900; Baudenkmal.

№ 07 · Augustenstr. 45

Kleines Vorstadthaus

Spätklassizismus, 1853, aufgestockt 1875

Dreigeschossiger spätklassizistischer Bau, errichtet 1853 von Kisehertt und 1875 von Ludwig Deiglmayr aufgestockt – eines der ältesten Häuser der Straße und Zeuge ihrer vorgründerzeitlichen Bebauung. Im Haus hat die Otto-Galerie ihren Sitz (Arz 2018, S. 140), laut eigener Website nur nach Vereinbarung geöffnet.

№ 08 · Augustenstr. 52 und 54

Mietshaus und Haus Pronath

Neurenaissance 1886/87 bzw. Jugendstil 1907/08

Zwei Nachbarn, zwei Epochen: Nr. 52 ist ein reich gegliederter viergeschossiger Neurenaissancebau von Josef Schretzmayr und Alphons Hering, Nr. 54 das fünfgeschossige Haus Pronath der Gebrüder Rank mit Flacherkern, Balkonen und Dachhaus. Beide Baudenkmäler; die von Arz noch genannte Bar Vu Tang in Nr. 52 (Arz 2018, S. 138) ist inzwischen geschlossen.

№ 09 · Augustenstr. 53

Ehem. Regensburger Hof / Wirtshaus Maxvorstadt

Wohn- und Gasthausbau, Heilmann & Littmann, 1906/07

Fünfgeschossiger Eckbau mit Eckerker an der Kreuzung Gabelsbergerstraße im Stil der deutschen Renaissance, nach Kriegsschäden vereinfacht wiederhergestellt. Im Erdgeschoss das Wirtshaus Maxvorstadt mit bayerischen und deutschen Spezialitäten (Arz 2018, S. 138); Baudenkmal.

№ 10 · Augustenstr. 89 (hist.)

Lustspielhaus – erste Münchner Kammerspiele

Theater, 1906–1926 (Gebäude zerstört)

1906 wurde das Varieté „Universum“ zum Lustspielhaus, Eugen Robert machte daraus die Münchner Kammerspiele (Arz 2018, S. 81; Liedtke 2013, S. 106). Unter Otto Falckenberg wurde hier 1922 Brechts „Trommeln in der Nacht“ uraufgeführt, Karl Valentin und Liesl Karlstadt gastierten. 1926 zog das Theater in die Maximilianstraße; heute erinnert am Neubau nichts mehr an die Bühne.

№ 11 · Augustenstr. 92

Stadtbibliothek Maxvorstadt

Stadtteilbibliothek der Münchner Stadtbibliothek

Die Stadtteilbibliothek für die Maxvorstadt liegt nahe dem U-Bahnhof Theresienstraße mitten im Wohnviertel.

№ 12 · Augustenstr. 98

Stolpersteine für die Olschewskis und Otto Binder

Ort des Widerstands, Stolpersteine seit 2017

Im Rückgebäude wohnte Wilhelm Olschewski; hier formierte sich 1939 die kommunistische Widerstandsgruppe um Olschewski und Hans Hartwimmer. Olschewski senior wurde 1943 in Stadelheim erschlagen, Sohn Willy und Schwiegersohn Otto Binder 1944 hingerichtet (Liedtke 2018, S. 22–23). Das Haus wurde im Krieg zerstört; seit 14. Oktober 2017 erinnern drei Stolpersteine an die Männer.

№ 13 · Augustenstr. 104

The Munich Readery

Englischsprachiges Antiquariat

Laut Eigenwerbung der „largest English-language secondhand bookshop in Germany“ (Arz 2018, S. 140) – eine Anlaufstelle für die internationale Studentenschaft des Viertels.

№ 14 · Augustenstr. 107

Backstein-Mietshaus

Neurenaissance, Michael Reifenstuel, 1887/88

Viergeschossiger Neurenaissancebau mit Backsteinfassade und Natursteingliederung aus der Zeit, in der die Bebauung die nördliche Augustenstraße erreichte; nach Kriegsschäden 1947 wiederaufgebaut. Das nördlichste Baudenkmal der Straße.

№ 15 · Josephsplatz 1

Pfarrkirche St. Joseph

Neubarock, Hans Schurr, 1898–1902

Ehemalige Kapuzinerkirche, deren 63 Meter hoher Turm den „point de vue“ der Augustenstraße bildet (Stephan 2013, S. 43, 173). 1944 bis auf den Turm zerstört, 1950–1952 wiederaufgebaut, 1984–1990 saniert (Arz 2018, S. 77). Im Turm erinnert eine Gedenkstätte auch an 21 Mitglieder des katholischen Gesellenvereins der Pfarrei, die im Mai 1919 von Freikorpssoldaten ermordet wurden.

Personen

Wer hier
lebte und wirkte.

Auguste Amalia Ludovika von Bayern

1788–1851 · Prinzessin, Vizekönigin von Italien, Herzogin von Leuchtenberg, Namensgeberin

Älteste Tochter Max I. Josephs, 1806 auf Napoleons Wunsch mit Eugène de Beauharnais verheiratet (Arz 2018, S. 23); nach ihr ist die Straße seit 1812 benannt.

Eugen Roth

1895–1976 · Lyriker

Im Haus Augustenstraße 21 geboren und aufgewachsen; mit seinen „Ein Mensch“-Versen einer der meistgelesenen deutschsprachigen Dichter. Eine Gedenktafel erinnert an ihn.

Hans Schurr

1864–1934 · Architekt

Entwarf die neubarocke Kirche St. Joseph (1898–1902), deren Turm den nördlichen Abschluss der Augustenstraße bildet (Stephan 2013, S. 173; bei Arz 2018, S. 77 „Schnurr“).

Theodor Fischer

1862–1938 · Architekt, Stadtplaner

Positionierte St. Joseph schräg vorspringend als idealen Blickpunkt der Augustenstraße und lockerte rund um die Kirche das starre Raster auf (Stephan 2013, S. 160, 173).

Eugen Robert

1877–1944 · Theaterunternehmer

Der frühere Leiter des Berliner Hebbel-Theaters übernahm das Lustspielhaus Augustenstraße 89 und machte daraus – nach dem kurzlebigen Namen „Zum großen Wurstel“ – die Münchner Kammerspiele (Arz 2018, S. 81).

Heinrich Mann

1871–1950 · Schriftsteller

Mit seinem Einakter „Varieté“ sollte das Theater in der Augustenstraße eröffnen; sein Protest gegen den Namen „Zum großen Wurstel“ trug zur Umbenennung in Münchner Kammerspiele bei (Arz 2018, S. 81).

Otto Falckenberg

1873–1947 · Regisseur, Intendant

Kam 1915 an die Kammerspiele in der Augustenstraße, leitete sie ab 1917 und machte sie zu einer der wichtigsten deutschsprachigen Bühnen (Arz 2018, S. 81); 1926 führte er sie in die Maximilianstraße.

Bertolt Brecht

1898–1956 · Dramatiker

„Trommeln in der Nacht“ wurde 1922 an der Augustenstraße 89 uraufgeführt (Bäumler/Fromm 2017, S. 144, 182); Brecht inszenierte dort auch „Leben Eduards des Zweiten von England“ und war Dramaturg (Arz 2018, S. 81).

Marta Feuchtwanger

1891–1987 · Autorin, Ehefrau Lion Feuchtwangers

Ihr Münchner Leben der Jahre 1917–1925 spielte sich nach ihren Erinnerungen „Nur eine Frau“ auch in den Kammerspielen „in der Augustenstraße“ ab (Bäumler/Fromm 2017, S. 142).

Karl Valentin

1882–1948 · Komiker, Volkssänger

Trat ab 1922 mit Liesl Karlstadt regelmäßig in den Kammerspielen an der Augustenstraße auf; die Gastspiele halfen dem Privattheater finanziell (Bäumler/Fromm 2017, S. 209; Arz 2018, S. 81).

Fritz Beblo

1872–1947 · Architekt, Stadtbaurat

Errichtete mit Hermann Leitenstorfer 1929–1931 das Städtische Leihamt an der Augustenstraße 20/22 im Stil der Neuen Sachlichkeit.

Wilhelm Olschewski senior

1871–1943 · Kaufmann, Widerstandskämpfer

In seiner Wohnung im Rückgebäude der Augustenstraße 98 formierte sich 1939 eine kommunistische Widerstandsgruppe; er galt als Kopf des kommunistischen Widerstands in München und wurde am 30. April 1943 in Stadelheim erschlagen (Liedtke 2018, S. 22; Weyerer 1993, S. 192).

Willy (Wilhelm) Olschewski junior

1902–1944 · Widerstandskämpfer

Wohnte wie sein Vater in der Augustenstraße 98; 1942 verhaftet, vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 28. Juni 1944 in Stadelheim hingerichtet (Liedtke 2018, S. 22). Stolperstein seit 2017.

Otto Binder

1904–1944 · Widerstandskämpfer

Schwiegersohn Olschewskis und Bewohner der Augustenstraße 98 (Liedtke 2018, S. 22); am 4. Februar 1942 verhaftet und am 28. Juni 1944 in Stadelheim hingerichtet. Stolperstein seit 2017.

Chronik

Augustenstraße in Daten

1808

Im Stadterweiterungsplan heißt der Abschnitt Dachauer–Brienner Straße „Augustenstraße“, die Fortsetzung bis zur Theresienstraße „Friedrichstraße“.

1812

1. Dezember: Benennung des ganzen Straßenzugs nach Prinzessin Auguste Amalia von Bayern.

1853

Bau des kleinen Vorstadthauses Nr. 45, heute eines der ältesten Häuser der Straße.

ab 1885

Die Gründerzeit-Bebauung erreicht die Augustenstraße; Mietshäuser wie Nr. 52 (1886/87) und Nr. 107 (1887/88) entstehen.

1895

Eugen Roth wird im Haus Nr. 21 geboren.

1896

Eröffnung eines Tabakladens in der Straße, des späteren Zigarren Diller.

1898–1902

Bau von St. Joseph nach Plänen Hans Schurrs; der Turm wird zum Blickpunkt der Straße.

1902

Aufstellung des Delphinbrunnens an der Gabelung zur Dachauer Straße.

1906

Hofrat Köpke macht aus dem Varieté „Universum“ in Nr. 89 das Lustspielhaus.

1911/1912

Eugen Robert eröffnet in Nr. 89 sein Theater; ab Oktober 1912 heißt es Münchner Kammerspiele.

1922

Ende September: Uraufführung von Brechts „Trommeln in der Nacht“ in der Regie Otto Falckenbergs.

1926

Die Kammerspiele verlassen die Augustenstraße und ziehen in die Maximilianstraße.

1929–1931

Bau des Städtischen Leihamts (Nr. 20/22) von Fritz Beblo und Hermann Leitenstorfer.

1939–1944

In Nr. 98 formiert sich die Widerstandsgruppe um Olschewski und Hartwimmer; 1942 Verhaftungen, 1943/44 Tod und Hinrichtung ihrer Mitglieder.

1944

13. Juni: Bomben zerstören St. Joseph bis auf den Turm; weite Teile der Straße liegen in Trümmern.

2017

14. Oktober: Stolpersteine für Wilhelm und Willy Olschewski sowie Otto Binder vor der Nr. 98.

„
„Letzterer Kirchenbau wurde durch seinen mit einer barocken Kuppelhaube geschmückten Turm zum beherrschenden ‚point de vue‘ der von der Dachauer Straße abzweigenden Augustenstraße, der letzten auf das quadratische Rastersystem der Maxvorstadt verpflichteten Straßenanlage.“
Über die Josephskirche in „Maxvorstadt. Zeitreise ins alte München“ – Stephan 2013, S. 43
Literatur & Quellen

Zum
Weiterlesen.

  • / 01Arz 2018, S. 23, 76, 77, 81, 93, 107, 134–141 · Maxvorstadt. Reiseführer für MünchnerLiefert die Heiratsgeschichte der Namensgeberin, die Gründungsgeschichte der Kammerspiele im Lustspielhaus Nr. 89, St. Joseph, die Kriegszerstörung, das Art Babel sowie Lokale, Galerien und Läden an der Straße.
  • / 02Stephan 2013, S. 12, 43, 51, 158, 160, 173 · Maxvorstadt. Zeitreise ins alte MünchenCharakterisiert die Augustenstraße als letzte Rasterstraße der Maxvorstadt mit der Josephskirche als „point de vue“, datiert ihre Gründerzeit-Bebauung und nennt den Bezirksteil Augustenstraße.
  • / 03Liedtke 2018, S. 22–23 · 111 Orte in München auf den Spuren der Nazi-ZeitWidmet der Augustenstraße 98 und dem Widerstand der Familie Olschewski ein eigenes Kapitel.
  • / 04Liedtke 2013, S. 106–107 · 111 Orte in München, die Geschichte erzählenErzählt die Anfänge der Kammerspiele im Lustspielhaus Augustenstraße 89 mit Zensurskandal und erster Spielzeit 1912.
  • / 05Bäumler/Fromm 2017, S. 142, 144, 182, 209 · Topographie und Erinnerung. Erkundungen der MaxvorstadtBelegt Marta Feuchtwangers Erinnerungen an die Kammerspiele „in der Augustenstraße“, Feuchtwangers Rolle bei Brechts Uraufführung und Valentins Auftritte ab 1922.
  • / 06Weyerer 1993, S. 192 · München 1919–1933. Stadtrundgänge zur politischen GeschichteOrdnet Wilhelm Olschewski als verantwortlichen Redakteur der „Neuen Zeitung“ und Organisator des kommunistischen Widerstands ein.

Online-Quellen