Viertel / Straßen / Gabelsbergerstraße

Gabelsberger­straße

Lange Ost-West-Achse von St. Markus am Altstadtring bis zur Dachauer Straße: Pinakothek der Moderne, Alte Pinakothek, Ägyptisches Museum, HFF und TU liegen an ihr – und ein vergessenes NS-Bauprojekt darunter.

1,35 kmLänge
1862Benennungsjahr
5frühere Namen zwischen 1808 und 1862
21Baudenkmäler mit Gabelsberger-Adresse

Namensherkunft

Die Straße trägt ihren Namen seit 1862 zu Ehren von Franz Xaver Gabelsberger (1789–1849), dem Erfinder der modernen deutschen Kurzschrift. Der Sohn eines Münchner Hofblasinstrumentenmachers trat mit 21 Jahren als Kanzlist in den bayerischen Staatsdienst; mit 28 begann er, ein System für eine „Schnellschrift“ zu entwickeln, das sich rasch überall durchsetzte (Arz 2018, S. 145). Als nach der Verfassung von 1818 der bayerische Landtag Protokolle brauchte, wurde Gabelsberger dessen erster Parlamentsstenograf; 1834 veröffentlichte er sein System, das bis weit ins 20. Jahrhundert in Parlamenten und Verwaltungen verwendet wurde und als Vorläufer der Deutschen Einheitskurzschrift gilt. Um 1900 schätzte man die Zahl der Gabelsberger-Stenografen auf rund vier Millionen. Den Vorschlag des Stadtmagistrats, die Straße nach ihm zu benennen, genehmigte König Maximilian II. 1861; amtlich gilt der Name seit 1862.

Die Benennung hatte einen sehr konkreten Ortsbezug: Gabelsberger hatte bis zu seinem Tod am 4. Januar 1849 an eben dieser Straße gewohnt, die damals noch Kasernstraße hieß. Die Quellen nennen das Haus Kasernstraße 6 im ersten Stock, Rambaldis Straßennamenbuch von 1894 dagegen „Nr. 10 an der Gabelsbergerstraße“. Eine Aufnahme um 1910 zeigt an der Ecke Barer-/Gabelsbergerstraße „das bescheidene Eckhaus“, in dem der Erfinder starb; es verschwand 1935 für den geplanten Kanzleibau der NSDAP (Stephan 2013, S. 130). Ein bronzenes Sitzbild Gabelsbergers von Syrius Eberle (1890) steht heute nicht an seiner Straße, sondern an der Ottostraße nahe dem Maximiliansplatz; sein Grab liegt auf dem Alten Südfriedhof.

Vor 1862 wechselte die Straße mehrfach ihren Namen. Bei der ersten Benennung am 21. November 1808 hießen die damals entstehenden Teilstücke „Ritterstraße“ (Jäger- bis Barer Straße), „Theresienstraße“ (Barer bis Luisenstraße) und „Apollostraße“ (Luisenstraße bis gegen die Schleißheimer Straße). Vom 1. Dezember 1812 an trug der ganze Straßenzug den Namen „Ludwigstraße“, bis diese Bezeichnung 1826 an die neue Prachtstraße König Ludwigs I. überging; danach hieß die Straße nach der 1823–1826 errichteten Türkenkaserne „Kasernstraße“ (Arz 2018, S. 145). Fünf Namen in gut fünfzig Jahren spiegeln das allmähliche Zusammenwachsen des Straßenzugs im Raster der Maxvorstadt.

Geschichte

Die Gabelsbergerstraße gehört zum Grundraster der Maxvorstadt, das ab 1808 nordwestlich der Altstadt abgesteckt wurde; zunächst waren ihre Teilstücke wenig mehr als Feldwege zwischen Gärten und Wiesen. Ihren ersten großen Nachbarn bekam sie durch das Militär: König Max I. Joseph plante um den künftigen Königsplatz ein regelrechtes Militärviertel, doch erst 1823 segnete er das Budget für eine Kaserne im Geviert Türken-, Gabelsberger-, Barer und Theresienstraße ab; im November 1824 zogen die ersten Soldaten ein (Arz 2018, S. 68). Ludwig I. akzeptierte die Türkenkaserne nur schweren Herzens, weil er für die unmittelbar gegenüber geplante Pinakothek Explosionen und Feuer fürchtete; die Front zur Barer Straße blieb deshalb unbebaut (Stephan 2013, S. 47). „Mitten auf einer Wiese“ ließ er 1826 im Straßengeviert von Barer-, Arcis-, Theresien- und Gabelsbergerstraße den Bau der Pinakothek beginnen – bewusst frei stehend, um die Sammlung vor einem Brand wie dem des Nationaltheaters 1823 zu schützen. Mit diesem Bau setzte Ludwig den entscheidenden Impuls für die Bebauung des ganzen Viertels (Bäumler/Fromm 2017, S. 43). Seit 1836 blickt die Alte Pinakothek mit ihrer Südseite auf die Straße, die nun nach der Kaserne „Kasernstraße“ hieß.

Entlang der Kasernstraße entstanden in der Biedermeierzeit schlichte zwei- bis dreigeschossige Vorstadthäuser mit Gurtgesimsen und Stichbogenfenstern, von denen sich einige erhalten haben – die Gruppe Nr. 11/13/15, das Vorstadthaus Nr. 38 und die Häuser Nr. 68 und 70. In einem solchen bescheidenen Eckhaus an der Barer Straße lebte der Ministerialbeamte Franz Xaver Gabelsberger, der hier 1849 starb (Stephan 2013, S. 130). Um 1850 richteten Wilhelm und Franziska von Dönniges in der Neuen Amalienstraße 66 – der heutigen Gabelsbergerstraße 80 – ihren „Blauen Salon“ ein: Die getaufte Jüdin Franziska kannte die Salonkultur aus Berlin, ihr Mann war Bibliothekar und Berater Maximilians II. und vermittelte die Berufung von „Nordlichtern“ wie Liebig und Sybel nach München. Der Salon sollte Zugereiste und Einheimische zusammenbringen, im Volk aber galt der protestantische Dönniges als „böser Geist“ des katholischen Königs (Bäumler u. a. 2015, S. 34).

In den 1860er- und 1870er-Jahren wuchsen an der Straße Technik und Glaube. 1865–1868 errichtete Gottfried von Neureuther westlich der Arcisstraße und nördlich der Gabelsbergerstraße den Neubau des Polytechnikums im Stil der italienischen Hochrenaissance, „optisch auf den Zusammenklang mit der gegenüberstehenden Alten Pinakothek angelegt“ (Stephan 2013, S. 41); 1868 wurde die Schule zur Königlich Bayerischen Polytechnischen Schule erhoben, 1875 richtete Carl von Linde hier das erste deutsche Maschinenlabor ein (Arz 2018, S. 84). Am 10. November 1873, Luthers Geburtstag, legte man unter großer Anteilnahme den Grundstein für St. Markus, die zweite evangelische Kirche Münchens. Dekan Karl Buchrucker hatte sich bewusst für die residenznahe, bürgerliche Maxvorstadt entschieden; finanziert wurde der Bau mit 100.000 Gulden der Stadt, 250.000 Gulden König Ludwigs II. und 240.000 Gulden aus einer Lotterie (Bäumler u. a. 2015, S. 74). Ursprünglich hatte die Kirche am rechten Isarufer oder an der Schellingstraße frei stehen sollen, doch das Königshaus fürchtete um Münchens Rang als Bollwerk des Katholizismus und bot ein zwischen Bürgerhäusern eingeklemmtes Grundstück gegenüber dem Wittelsbacher Palais an (Arz 2018, S. 48). 1872/73 bekam auch die Türkenkaserne einen südlichen Trakt an der Gabelsbergerstraße (Stephan 2013, S. 47).

Um 1900 verdichtete sich die Straße zur gründerzeitlichen Stadtstraße mit Neurenaissance-Mietshäusern wie den Zwillingsbauten Nr. 49 und 51 (1872), dem Rohbackstein-Erkerhaus Nr. 36 (1897) und dem Jugendstil-Giebelhaus Nr. 83 (1904). Zwischen den Wohnungen siedelte sich Gewerbe an: In der Gabelsbergerstraße 36 gründete der Feinmechaniker Alexander Heinrich Rietzschel 1896 seine „Optische Anstalt“, baute ab 1900 die Kamera „Clack“ und beschäftigte schon ein Jahr später hundert Mitarbeiter, bis die Firma 1912 aus der Maxvorstadt wegzog (Arz 2018, S. 83); über Bayer gelangte sie 1925 zur Agfa. 1894 übernahm Löwenbräu die Brauerei in der Gabelsbergerstraße 65 (Arz 2018, S. 122). 1910–1916 baute Friedrich von Thiersch den Südtrakt der Technischen Hochschule mit dem weithin sichtbaren Turm, der 1916 fertig wurde und bis heute ihr Wahrzeichen ist (Arz 2018, S. 84); im neuen Hochschulbau an der Gabelsbergerstraße erhielt auch die Lehrsammlung des Architekturmuseums repräsentative Räume (Arz 2018, S. 73). 1926–1928 folgten nach einem Auftrag von 1923 die Eckbauten German Bestelmeyers an der Arcis-/Gabelsbergerstraße, deren trutziger Gesamteindruck „die gestalterischen Prinzipien des Dritten Reiches bereits vorausahnen“ lässt (Weyerer 1993, S. 128). 1916 bezog die Freimaurerloge „In Treue fest“ das Rückgebäude der Gabelsbergerstraße 26, das bald zum Zentrum der Münchner Freimaurerei wurde; 1930 tagten hier fünf Logen (Weyerer 1993, S. 128).

Nach 1933 wurde die östliche Gabelsbergerstraße Teil des Parteiviertels: Mehr als 50 Gebäude an Brienner, Arcis-, Gabelsberger-, Barer und Karlstraße gingen in den Besitz der NSDAP über (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 4); im Geviert zwischen Karl-, Gabelsberger-, Barer und Arcisstraße gehörten der Partei zunächst 56, bald 68 Häuser, und 1939 arbeiteten dort mehr als 6000 Menschen, darunter die „Hitler-Jugend“ in der Gabelsbergerstraße (Köpf 2005, S. 124). Den Besitz der Freimaurer enteignete das Regime 1934 und übergab ihn dem NS-Lehrerbund (Weyerer 1993, S. 128); in Nr. 41 setzte sich das „Hauptarchiv der NSDAP“ fest (Stephan 2013, S. 57). Gegenüber der Alten Pinakothek ließ die Partei die gesamte Bebauung zwischen Barer und Arcisstraße abreißen – nach Stephan schon 1935, nach Köpf 1938 elf Häuser –, um dort einen gewaltigen „Kanzleibau“ nach Entwürfen Leonhard Galls zu errichten (Stephan 2013, S. 129; Köpf 2005, S. 124; Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 41). Die Arbeiten begannen im Winter 1938/39, kamen aber über die Keller nicht hinaus, die unterirdisch mit den Parteibauten am Königsplatz verbunden waren (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 88). Noch größer dachte Hermann Giesler: Eine „Halle der Partei“ an der Türkenstraße sollte über ein Brückenbauwerk über die Gabelsbergerstraße mit Hitlers Mausoleum verbunden werden (Large 2001, S. 365; Smith 2009, S. 112). Die Stadtgeschichte-Datenbank verzeichnet zugleich mindestens zehn jüdische Bewohnerinnen und Bewohner der Gabelsbergerstraße 35, die 1942/43 nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert und ermordet wurden.

Die Bomben des Zweiten Weltkriegs trafen die Straße schwer: Rund 80 Prozent der Einrichtungen der Technischen Hochschule wurden zerstört (Arz 2018, S. 84), die Alte Pinakothek wurde mittig aufgerissen, St. Markus schwer beschädigt. Hans Döllgast schloss ab 1952 die Wunde der Pinakothek mit einer bewusst vereinfachten Ziegelfassade und verlegte das Haupttreppenhaus zur Südfassade an der Gabelsbergerstraße; 1957 wurde das Museum wiedereröffnet (Arz 2018, S. 74; Stephan 2013, S. 138). St. Markus erhielt 1955–1957 durch Gustav Gsaenger ein Tonnengewölbe mit ornamentierter Stuckdecke, von den Münchnern „Breznstuck“ genannt, und eine Betonfassade – eine in der Gemeinde sehr umstrittene Lösung (Arz 2018, S. 50), deren „totale Belanglosigkeit“ nach Stephan „auch nicht durch Zeitablauf geheilt wurde“ (Stephan 2013, S. 43). Auf den Kanzleibau-Fundamenten errichtete die Technische Hochschule drei „architektonisch nichtssagende Glas-Betonblöcke“ (Stephan 2013, S. 129); die Türkenkaserne wurde bis auf das Portal an der Türkenstraße abgeräumt (Stephan 2013, S. 140). In den 1960er-Jahren sollte die Gabelsbergerstraße im Zuge der „autogerechten Stadt“ autobahnähnlich als „Ost-West-Tangente“ auf 40 Meter verbreitert und die Barer Straße an der Kreuzung untertunnelt werden (Bäumler u. a. 2015, S. 16; Arz 2018, S. 15). Für die Anbindung an den Oskar-von-Miller-Ring fiel das Eckhaus neben dem Palais Dürckheim (Stephan 2013, S. 141); der Widerstand der Bürgerinitiative Aktion Maxvorstadt verhinderte weitergehende Schneisen. Im Hinterhof der Nr. 50 eröffnete 1977 das Hinterhoftheater, das bis 1980 blieb und Künstler wie Gerhard Polt und die Biermösl Blosn auf die Bühne brachte.

Seit den 1990er-Jahren wandelte sich der östliche Abschnitt zur Museumsmeile des Kunstareals. Auf dem südlichen Kasernengelände, seit den 1970er-Jahren nach dem regelmäßig gastierenden Zirkus als „Roncalliplatz“ bekannt (Arz 2018, S. 13), eröffnete am 16. September 2002 die Pinakothek der Moderne von Stephan Braunfels, deren Bau erst durch Spenden von 10 Millionen für die Startfinanzierung möglich geworden war (Arz 2018, S. 71). Die Verlagerung der Mathematischen Institute der TU nach Garching machte das sogenannte Bunkerareal gegenüber der Alten Pinakothek frei (Bäumler u. a. 2015, S. 18): Mitte 2007 wurden die TU-Bauten und zugleich Fundamente und Kellergeschosse des NS-Kanzleibaus abgerissen (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 88). An ihrer Stelle entstand nach Plänen von Peter Böhm ein Glas-Sichtbeton-Bau; am 15. September 2011 kehrte die Hochschule für Fernsehen und Film in die Maxvorstadt zurück, im Juni 2013 folgte das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst (Arz 2018, S. 85). Der Platz vor der HFF heißt seit 2012 Bernd-Eichinger-Platz. 2026 schloss die Kinderoase der Architekten Francis Kéré und Hermann Kaufmann an der Nr. 41 eine seit dem Krieg klaffende Baulücke gegenüber dem Thiersch-Turm.

Heute

Die Gabelsbergerstraße ist heute zweigeteilt. Im Osten, zwischen St. Markus und der Luisenstraße, ist sie eine Straße der Institutionen: Auf der Nordseite folgen die evangelische Universitäts- und Dekanatskirche, die Pinakothek der Moderne, die Alte Pinakothek mit Döllgasts Treppenhausfront und der Südtrakt der TU mit dem Thiersch-Turm; auf der Südseite liegen der Riegel von HFF und Ägyptischem Museum mit dem Bernd-Eichinger-Platz und die neue Kinderoase. Studierende, Museumsbesucher und Radfahrer prägen das Bild; seit 2021 ist eine der Fahrspuren der Einbahnstraße als Radfahrstreifen markiert. Zwischen Barer und Arcisstraße erinnert nichts sichtbar mehr an die Kellergeschosse des NS-Kanzleibaus, die bis 2007 im Boden lagen.

Westlich der Luisenstraße wird die Straße zur Wohn- und Ausgehstraße mit Mietshäusern aus Biedermeier, Gründerzeit und Jugendstil. Von der bunten Gastronomie, die Arz 2018 verzeichnete, sind die Burger- und Cocktailbar „Drunken Cow“ (Nr. 58) und das japanische „Kaito“ (Nr. 85) geblieben (Arz 2018, S. 136, 138); das libanesische „Cardamom“ (Nr. 50) und das Steakhouse „Grill & Grace“ (Nr. 97) gibt es nicht mehr – in der Nr. 97 kocht seit 2021 das italienische „Casa Nostra“ –, und der Club „Bob Beaman“ (Nr. 4) schloss 2019. Ob das japanisch-europäische „Campanula“ (Nr. 46) und das bosnische „Happy Fildjan“ (Nr. 64), die Arz ebenfalls nannte, noch öffnen, ist ungewiss. Galerien zeigen zeitgenössische Kunst an den Nummern 7 (Barbara Ruetz), 51 (Britta Rettberg) und 83 (Michael Heufelder) (Arz 2018, S. 140). In der Nr. 72 führte Gudrun Hofmann über 50 Jahre ihr Antiquariat (Arz 2018, S. 139), bis sie es im Juni 2024 schloss; im selben Haus bietet das „Haus an der Gabelsbergerstraße“ des Katholischen Männerfürsorgevereins 65 älteren wohnungslosen Männern ein dauerhaftes Zuhause (Arz 2018, S. 83). Tram- und Buslinien kreuzen die Straße an Barer, Augusten- und Dachauer Straße; die Wohnlage zwischen Kunstareal und Hauptbahnhof ist begehrt.

Adressen

Wichtige
Hausnummern.

№ 01 · Gabelsbergerstr. 6

St. Markus

Evang.-Luth. Kirche, Rudolf Gottgetreu / Georg Eberlein, 1873–1877; Umbau Gustav Gsaenger 1955–1957

Zweite evangelische Kirche Münchens, finanziert von Stadt, König Ludwig II. und einer Lotterie (Bäumler u. a. 2015, S. 74). Nach Streit um gusseiserne Pfeiler übernahm Eberlein den Bau von Gottgetreu; seit 1896 Sitz des Dekanats (Arz 2018, S. 48, 50). Nach schweren Kriegsschäden von Gsaenger mit „Breznstuck“ neu gestaltet; heute Universitätskirche mit rund 5800 Gemeindemitgliedern (Bäumler u. a. 2015, S. 89).

№ 02 · Gabelsbergerstr. 9–19

Häuserzeile aus Biedermeier und Gründerzeit

Mietshäuser, um 1850–1880, Baudenkmäler

Seltenes zusammenhängendes Ensemble der alten Kasernstraße: die biedermeierliche Walmdachgruppe Nr. 11/13/15 (um 1850/60), Nr. 17 mit Lisenen (um 1860), die stuckierte spätklassizistische Fassade Nr. 19 (um 1870) und das reich gegliederte Neurenaissance-Haus Nr. 9 mit zwei Erkern (um 1880). In Nr. 19 verzeichnete Arz 2018 noch die Galerie van de Loo Projekte (Arz 2018, S. 140); sie stellte ihren Ausstellungsbetrieb im Februar 2018 ein und hat ihren Sitz heute in der Winthirstraße in Neuhausen.

№ 03 · Gabelsbergerstr. / Barer Str. 40

Pinakothek der Moderne

Museum, Stephan Braunfels, eröffnet 2002

Steht auf dem Gelände der Türkenkaserne, deren Südtrakt 1872/73 an der Gabelsbergerstraße entstand (Stephan 2013, S. 47); der Platz hieß zuvor nach dem Zirkus „Roncalliplatz“ (Arz 2018, S. 13). Vier Museen unter einem Dach um eine Rotunde von 30 Metern Durchmesser, eröffnet am 16. September 2002 dank privater Startspenden (Arz 2018, S. 71).

№ 04 · Gabelsbergerstr. (Nordseite, Barer–Arcisstr.)

Alte Pinakothek, Südfassade

Gemäldegalerie, Leo von Klenze, 1826–1836; Wiederaufbau Hans Döllgast ab 1952

„Mitten auf einer Wiese“ 1826 im Geviert von Barer-, Arcis-, Theresien- und Gabelsbergerstraße begonnen (Bäumler/Fromm 2017, S. 43). Döllgast verlegte beim Wiederaufbau das Haupttreppenhaus zur Südfassade an der Gabelsbergerstraße und ließ die Kriegswunde in vereinfachtem Ziegelmauerwerk sichtbar; Wiedereröffnung 1957 (Arz 2018, S. 74; Stephan 2013, S. 138).

№ 05 · Gabelsbergerstr. 26 (hist.)

Freimaurerhaus / NS-Lehrerbund

Logenhaus 1916–1934, im Krieg 1944 zerstört

1916 bezog die Loge „In Treue fest“ das Rückgebäude; 1930 hatten hier fünf Logen ihren Sitz. 1934 enteignet und der Gauleitung des NS-Lehrerbunds übergeben (Weyerer 1993, S. 128); Stephan nennt hier das „Gauamt für Erzieher“ (Stephan 2013, S. 57). Im Vordergebäude befand sich ein Tabakladen (Weyerer 1993, S. 129).

№ 06 · Gabelsbergerstr. 33–35

Hochschule für Fernsehen und Film & Staatliches Museum Ägyptischer Kunst

Hochschul- und Museumsbau, Peter Böhm, 2007–2013

Auf dem Grund des nie vollendeten NS-Kanzleibaus, dessen Keller 2007 abgerissen wurden (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 88). Die HFF, deren Absolventen von Doris Dörrie bis Wim Wenders reichen, zog am 15. September 2011 ein; im Juni 2013 folgte das Ägyptische Museum (Arz 2018, S. 85), dessen Säle großenteils unter der Erde liegen. Davor der Bernd-Eichinger-Platz (2012).

№ 07 · Gabelsbergerstr. / Arcisstr. 21

Technische Universität München, Südtrakt mit Thiersch-Turm

Hochschulbau, Neureuther 1865–1868; Thiersch 1910–1916; Bestelmeyer 1923–1928

Von Neureuthers Polytechnikum blieb nur das Rustika-Erdgeschoss an der Gabelsbergerstraße; darüber Thierschs Südtrakt mit dem 1916 vollendeten Turm, dem Wahrzeichen der Hochschule (Arz 2018, S. 84). An der Ecke Arcisstraße Bestelmeyers Eckbau, der die NS-Architektur „bereits vorausahnen“ lässt (Weyerer 1993, S. 128).

№ 08 · Gabelsbergerstr. 36

Rietzschel-Haus

Neurenaissance-Erkerhaus in Rohbackstein, bez. 1897; Baudenkmal

Hier gründete Alexander Heinrich Rietzschel 1896 seine Optische Anstalt, baute ab 1900 die Kamera „Clack 1900“ und beschäftigte 1901 bereits 100 Mitarbeiter; 1912 zog die Firma weg (Arz 2018, S. 83) und ging später in der Agfa auf. Nebenan die biedermeierlichen Häuser Nr. 38 und 40 (Mitte 19. Jahrhundert, Nr. 40 1879 aufgestockt).

№ 09 · Gabelsbergerstr. 41

Kinderoase an der TUM

Kita, Francis Kéré / Hermann Kaufmann, 2024–2026

Fünf Geschosse fast ganz aus Holz hinter rostroten Cortenstahl-Lamellen schließen eine Baulücke, die seit dem Zweiten Weltkrieg schräg gegenüber dem Thiersch-Turm klaffte; gestiftet von Ingeborg Pohl, im Juli 2026 an die TUM übergeben. Unter derselben Hausnummer hatte sich in der NS-Zeit das „Hauptarchiv der NSDAP“ festgesetzt (Stephan 2013, S. 57).

№ 10 · Gabelsbergerstr. 45/47

Klassizisierender Häuserblock mit Gittertor

Häuserblock, Mitte 19. Jahrhundert; Baudenkmal

Zusammengefasster Block mit eisernen Fensterbrüstungen aus der Zeit der Kasernstraße; westlich an Nr. 47 schließt ein Tor mit prächtigem Gitter an – ein seltenes Stück vorstädtischer Eleganz im Westteil der Straße.

№ 11 · Gabelsbergerstr. 49/51

Zwillingsmietshäuser / Galerie Britta Rettberg

Neurenaissance, 1872 von Berger und H. Burkhard; Baudenkmäler

Zwei gleich gestaltete Mietshäuser der Neurenaissance mit klassizistischen Anklängen, typisch für die Verdichtung der Straße nach der Reichsgründung. In Nr. 51 hat die Galerie Britta Rettberg ihren Sitz, ein Treffpunkt der jungen Galerieszene westlich der Pinakotheken (Arz 2018, S. 140).

№ 12 · Gabelsbergerstr. 50

Hinterhoftheater (hist.)

Kleinkunstbühne 1977–1980; heute Gastronomie

Am 1. Dezember 1977 gründeten Günter Knoll und Thomas Brönner im Hinterhof die Kleinkunstbühne, auf der u. a. Gerhard Polt und die Biermösl Blosn auftraten; im Juli 1980 zog sie ins Wirtshaus am Hart. An der Straßenfront verzeichnete Arz 2018 das libanesische Restaurant „Cardamom“ (Arz 2018, S. 136), das inzwischen geschlossen ist.

№ 13 · Gabelsbergerstr. 72

Haus an der Gabelsbergerstraße

Wohnheim des Katholischen Männerfürsorgevereins

Das grüne Haus neben dem Gesundheitszentrum der Stadt bietet 65 älteren wohnungslosen Männern mit Sucht- und sozialen Problemen unbefristet ein Dach über dem Kopf, Vollverpflegung, Betreuung und Pflege (Arz 2018, S. 83). Unter derselben Adresse führte Gudrun Hofmann über 50 Jahre ihr Antiquariat (Arz 2018, S. 139), bis sie es im Juni 2024 schloss.

№ 14 · Gabelsbergerstr. 80 (hist.)

„Blauer Salon“ der Dönniges

Salon, um 1850 (damals Neue Amalienstraße 66)

Wilhelm von Dönniges, Bibliothekar und Berater Maximilians II., und seine Frau Franziska führten hier eine nach Berliner Vorbild neue Form der Geselligkeit ein, die Einheimische und zugereiste „Nordlichter“ zusammenbringen sollte (Bäumler u. a. 2015, S. 34).

№ 15 · Gabelsbergerstr. 83

Jugendstil-Giebelhaus

Mietshaus, bez. 1904; Baudenkmal

Giebelbau mit zwei Erkern und reichem Stuckdekor, der schönste Jugendstilbau der Straße. Im Haus zeigt die Galerie Michael Heufelder, die Arz 2018 als Galerie von Michael Heufelder und Anuschka Koos verzeichnete (Arz 2018, S. 140), zeitgenössische gegenständliche Malerei und Skulptur.

№ 16 · Dachauer Str. / Gabelsbergerstr.

Fischmarktbrunnen

Brunnen, 19. Jahrhundert; hier seit 1961; Baudenkmal

Polygonales Becken mit Achteckpfeiler, der im 19. Jahrhundert auf dem Viktualienmarkt stand; seit 1961 markiert er gegenüber der Einmündung der Gabelsbergerstraße deren westliches Ende an der Dachauer Straße.

Personen

Wer hier
lebte und wirkte.

Franz Xaver Gabelsberger

1789–1849 · Stenograf, Erfinder der modernen deutschen Kurzschrift, Namensgeber

Wohnte bis zu seinem Tod an der damaligen Kasernstraße und starb im Eckhaus an der Barer Straße, das 1935 abgerissen wurde (Stephan 2013, S. 130); seit 1862 trägt die Straße seinen Namen (Arz 2018, S. 145).

Leo von Klenze

1784–1864 · Architekt

Errichtete 1826–1836 die Alte Pinakothek, deren Südfront an der Gabelsbergerstraße liegt, und sollte im Auftrag Ludwigs I. auch die Gestaltung der Türkenkaserne weiterführen (Arz 2018, S. 68).

Wilhelm und Franziska von Dönniges

1814–1872 (Wilhelm) · Historiker, Berater Maximilians II.; Salonnière

Führten um 1850 in der Neuen Amalienstraße 66, heute Gabelsbergerstraße 80, den „Blauen Salon“, einen Treffpunkt von Einheimischen und „Nordlichtern“ (Bäumler u. a. 2015, S. 34).

Karl Buchrucker

1827–1899 · evangelischer Dekan, Wegbereiter der bayerischen Diakonie

Trieb seit den frühen 1870er-Jahren den Bau von St. Markus an der Gabelsbergerstraße voran und weihte die Kirche 1877 ein (Bäumler u. a. 2015, S. 74).

Rudolf Gottgetreu

1821–1890 · Architekt

Entwarf St. Markus im neugotischen Stil, zerstritt sich aber mit der Gemeinde über gusseiserne Bogenpfeiler und wurde durch Georg Eberlein ersetzt (Arz 2018, S. 48).

Gottfried von Neureuther

1811–1887 · Architekt

Baute 1865–1868 nördlich der Gabelsbergerstraße das Polytechnikum, abgestimmt auf die gegenüberliegende Alte Pinakothek; erhalten ist nur das Rustika-Erdgeschoss (Stephan 2013, S. 41).

Alexander Heinrich Rietzschel

1860–1939 · Feinmechaniker, Kamerakonstrukteur

Gründete 1896 in der Gabelsbergerstraße 36 seine Optische Anstalt und baute hier die Kamera „Clack 1900“ (Arz 2018, S. 83).

Lovis Corinth

1858–1925 · Maler

Laut der Stadtgeschichte-Datenbank 1897 in der Gabelsbergerstraße 77 gemeldet, in seinen Münchner Jahren vor dem Umzug nach Berlin.

Friedrich von Thiersch

1852–1921 · Architekt

Errichtete 1910–1916 den Südtrakt der Technischen Hochschule mit dem Turm an der Gabelsbergerstraße, bis heute Wahrzeichen der TU (Arz 2018, S. 84).

German Bestelmeyer

1874–1942 · Architekt, Präsident der Kunstakademie

Baute 1923–1928 die TH-Eckbauten an der Arcis-/Gabelsbergerstraße, deren Formen der NS-Architektur vorgriffen (Weyerer 1993, S. 128).

Leonhard Gall

1884–1952 · Architekt, Leiter des „Ateliers Troost“

Entwarf das nie über die Keller hinausgekommene Kanzleigebäude der NSDAP gegenüber der Alten Pinakothek an der Gabelsbergerstraße (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 41).

Gustav Gsaenger

1900–1989 · Architekt

Gestaltete 1955–1957 die kriegsbeschädigte St.-Markus-Kirche mit Tonnengewölbe, „Breznstuck“ und Betonfassade um (Arz 2018, S. 50) – ein bis heute umstrittener Eingriff (Stephan 2013, S. 43).

Bernd Eichinger

1949–2011 · Filmproduzent, HFF-Absolvent

Einer der prominenten Absolventen der HFF (Arz 2018, S. 85); seit 2012 trägt der Platz vor ihrem Neubau an der Gabelsbergerstraße seinen Namen.

Diébédo Francis Kéré

* 1965 · Architekt, Pritzker-Preisträger 2022

Entwarf mit Hermann Kaufmann die 2026 eröffnete Kinderoase an der Gabelsbergerstraße 41, einen fünfgeschossigen Holzbau in einer Kriegsbaulücke.

Chronik

Gabelsbergerstraße in Daten

1808

21. November: Erste Benennung der Teilstücke als Ritter-, Theresien- und Apollostraße.

1812

Der ganze Straßenzug erhält den Namen „Ludwigstraße“.

1824

November: Die ersten Soldaten ziehen in die Türkenkaserne zwischen Türken-, Gabelsberger-, Barer und Theresienstraße.

1826

Grundsteinlegung der Alten Pinakothek; die Straße heißt fortan nach der Kaserne „Kasernstraße“.

1849

Franz Xaver Gabelsberger stirbt in seinem Haus an der Kasernstraße.

1862

Umbenennung in Gabelsbergerstraße (vom König 1861 genehmigt).

1865–1868

Neureuther baut das Polytechnikum nördlich der Straße.

1873–1877

Bau von St. Markus, der zweiten evangelischen Kirche Münchens (Nr. 6).

1896

A. Heinrich Rietzschel gründet in der Nr. 36 seine Optische Anstalt.

1916

Vollendung des Thiersch-Turms der Technischen Hochschule.

1938

Abriss der Häuser gegenüber der Alten Pinakothek für den NS-Kanzleibau; der Bau kommt über die Keller nicht hinaus.

1944/45

Schwere Bombenschäden an TH, Alter Pinakothek und St. Markus.

1955–1957

Gsaenger baut St. Markus um; 1957 wird die Alte Pinakothek nach Döllgasts Wiederaufbau neu eröffnet.

2002

16. September: Eröffnung der Pinakothek der Moderne auf dem Kasernengelände.

2011/2013

Einzug der HFF (2011) und des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst (2013) in den Böhm-Bau Nr. 33–35.

2026

Die Kinderoase von Kéré und Kaufmann schließt die Kriegsbaulücke an der Nr. 41.

„
„Im Zuge der Gabelsbergerstraße, die auf der hierfür ausersehenen Seite bereits von den bisher vorhandenen alten Gebäuden gesäubert ist, entsteht das Ämterhaus der Partei.“
Gauleiter Adolf Wagner, „Die städtebauliche Entwicklung Münchens“, 1937 – zitiert nach Köpf 2005, S. 122
Literatur & Quellen

Zum
Weiterlesen.

  • / 01Arz 2018, S. 13, 15, 48, 50, 68, 71, 73, 74, 83–85, 122, 136, 138–140, 145 · Maxvorstadt. Reiseführer für MünchnerLiefert die Namensgeschichte, St. Markus, Türkenkaserne und Roncalliplatz, Alte Pinakothek und Pinakothek der Moderne, TU, Rietzschel, HFF und Ägyptisches Museum, die 40-Meter-Planung sowie Lokale, Galerien und Läden an der Straße.
  • / 02Bäumler u. a. 2015, S. 16, 18, 34, 74, 89 · Die Maxvorstadt. Historische Betrachtungen zu einem KulturViertelBelegt Bau und Finanzierung von St. Markus, den Salon Dönniges an der heutigen Nr. 80, die geplante Ost-West-Tangente und die Freigabe des „Bunkerareals“ für HFF und Ägyptisches Museum.
  • / 03Bäumler/Fromm 2017, S. 43 · Topographie und Erinnerung. Erkundungen der MaxvorstadtSchildert den Baubeginn der Pinakothek 1826 „mitten auf einer Wiese“ im Geviert an der Gabelsbergerstraße.
  • / 04Stephan 2013, S. 41, 43, 47, 57, 129, 130, 138, 140, 141 · Maxvorstadt. Zeitreise ins alte MünchenLiefert Neureuthers Polytechnikum, die Kritik an Gsaengers St. Markus, die Türkenkaserne, NS-Dienststellen an der Straße, den Abriss für den Kanzleibau, Gabelsbergers Sterbehaus und historische Aufnahmen.
  • / 05Köpf 2005, S. 122, 124, 131 · Der Königsplatz in MünchenZitiert Wagners Denkschrift von 1937, nennt Zahl der Parteigebäude und den Abriss von elf Häusern 1938 und beschreibt das geplante „Forum der Partei“.
  • / 06Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 4, 41, 88 · Das NSDAP-Parteizentrum in MünchenBelegt Leonhard Gall als Entwerfer des Kanzleibaus, den Baubeginn 1938/39 und den Abriss der Kellergeschosse 2007.
  • / 07Weyerer 1993, S. 128–129 · München 1919–1933. Stadtrundgänge zur politischen GeschichteErzählt die Geschichte des Freimaurerhauses Nr. 26 und würdigt Bestelmeyers TH-Eckbauten kritisch.
  • / 08Large 2001, S. 365 · Hitlers MünchenBeschreibt Gieslers Plan einer Brücke über die Gabelsbergerstraße zwischen „Halle der Partei“ und Hitler-Mausoleum.
  • / 09Smith 2009, S. 112 · Nur in MünchenVerortet die NSDAP-Kanzlei parallel zur Alten Pinakothek und das Mausoleum an der Kreuzung mit der Türkenstraße.

Online-Quellen