Geschichte
Die Gabelsbergerstraße gehört zum Grundraster der Maxvorstadt, das ab 1808 nordwestlich der Altstadt abgesteckt wurde; zunächst waren ihre Teilstücke wenig mehr als Feldwege zwischen Gärten und Wiesen. Ihren ersten großen Nachbarn bekam sie durch das Militär: König Max I. Joseph plante um den künftigen Königsplatz ein regelrechtes Militärviertel, doch erst 1823 segnete er das Budget für eine Kaserne im Geviert Türken-, Gabelsberger-, Barer und Theresienstraße ab; im November 1824 zogen die ersten Soldaten ein (Arz 2018, S. 68). Ludwig I. akzeptierte die Türkenkaserne nur schweren Herzens, weil er für die unmittelbar gegenüber geplante Pinakothek Explosionen und Feuer fürchtete; die Front zur Barer Straße blieb deshalb unbebaut (Stephan 2013, S. 47). „Mitten auf einer Wiese“ ließ er 1826 im Straßengeviert von Barer-, Arcis-, Theresien- und Gabelsbergerstraße den Bau der Pinakothek beginnen – bewusst frei stehend, um die Sammlung vor einem Brand wie dem des Nationaltheaters 1823 zu schützen. Mit diesem Bau setzte Ludwig den entscheidenden Impuls für die Bebauung des ganzen Viertels (Bäumler/Fromm 2017, S. 43). Seit 1836 blickt die Alte Pinakothek mit ihrer Südseite auf die Straße, die nun nach der Kaserne „Kasernstraße“ hieß.
Entlang der Kasernstraße entstanden in der Biedermeierzeit schlichte zwei- bis dreigeschossige Vorstadthäuser mit Gurtgesimsen und Stichbogenfenstern, von denen sich einige erhalten haben – die Gruppe Nr. 11/13/15, das Vorstadthaus Nr. 38 und die Häuser Nr. 68 und 70. In einem solchen bescheidenen Eckhaus an der Barer Straße lebte der Ministerialbeamte Franz Xaver Gabelsberger, der hier 1849 starb (Stephan 2013, S. 130). Um 1850 richteten Wilhelm und Franziska von Dönniges in der Neuen Amalienstraße 66 – der heutigen Gabelsbergerstraße 80 – ihren „Blauen Salon“ ein: Die getaufte Jüdin Franziska kannte die Salonkultur aus Berlin, ihr Mann war Bibliothekar und Berater Maximilians II. und vermittelte die Berufung von „Nordlichtern“ wie Liebig und Sybel nach München. Der Salon sollte Zugereiste und Einheimische zusammenbringen, im Volk aber galt der protestantische Dönniges als „böser Geist“ des katholischen Königs (Bäumler u. a. 2015, S. 34).
In den 1860er- und 1870er-Jahren wuchsen an der Straße Technik und Glaube. 1865–1868 errichtete Gottfried von Neureuther westlich der Arcisstraße und nördlich der Gabelsbergerstraße den Neubau des Polytechnikums im Stil der italienischen Hochrenaissance, „optisch auf den Zusammenklang mit der gegenüberstehenden Alten Pinakothek angelegt“ (Stephan 2013, S. 41); 1868 wurde die Schule zur Königlich Bayerischen Polytechnischen Schule erhoben, 1875 richtete Carl von Linde hier das erste deutsche Maschinenlabor ein (Arz 2018, S. 84). Am 10. November 1873, Luthers Geburtstag, legte man unter großer Anteilnahme den Grundstein für St. Markus, die zweite evangelische Kirche Münchens. Dekan Karl Buchrucker hatte sich bewusst für die residenznahe, bürgerliche Maxvorstadt entschieden; finanziert wurde der Bau mit 100.000 Gulden der Stadt, 250.000 Gulden König Ludwigs II. und 240.000 Gulden aus einer Lotterie (Bäumler u. a. 2015, S. 74). Ursprünglich hatte die Kirche am rechten Isarufer oder an der Schellingstraße frei stehen sollen, doch das Königshaus fürchtete um Münchens Rang als Bollwerk des Katholizismus und bot ein zwischen Bürgerhäusern eingeklemmtes Grundstück gegenüber dem Wittelsbacher Palais an (Arz 2018, S. 48). 1872/73 bekam auch die Türkenkaserne einen südlichen Trakt an der Gabelsbergerstraße (Stephan 2013, S. 47).
Um 1900 verdichtete sich die Straße zur gründerzeitlichen Stadtstraße mit Neurenaissance-Mietshäusern wie den Zwillingsbauten Nr. 49 und 51 (1872), dem Rohbackstein-Erkerhaus Nr. 36 (1897) und dem Jugendstil-Giebelhaus Nr. 83 (1904). Zwischen den Wohnungen siedelte sich Gewerbe an: In der Gabelsbergerstraße 36 gründete der Feinmechaniker Alexander Heinrich Rietzschel 1896 seine „Optische Anstalt“, baute ab 1900 die Kamera „Clack“ und beschäftigte schon ein Jahr später hundert Mitarbeiter, bis die Firma 1912 aus der Maxvorstadt wegzog (Arz 2018, S. 83); über Bayer gelangte sie 1925 zur Agfa. 1894 übernahm Löwenbräu die Brauerei in der Gabelsbergerstraße 65 (Arz 2018, S. 122). 1910–1916 baute Friedrich von Thiersch den Südtrakt der Technischen Hochschule mit dem weithin sichtbaren Turm, der 1916 fertig wurde und bis heute ihr Wahrzeichen ist (Arz 2018, S. 84); im neuen Hochschulbau an der Gabelsbergerstraße erhielt auch die Lehrsammlung des Architekturmuseums repräsentative Räume (Arz 2018, S. 73). 1926–1928 folgten nach einem Auftrag von 1923 die Eckbauten German Bestelmeyers an der Arcis-/Gabelsbergerstraße, deren trutziger Gesamteindruck „die gestalterischen Prinzipien des Dritten Reiches bereits vorausahnen“ lässt (Weyerer 1993, S. 128). 1916 bezog die Freimaurerloge „In Treue fest“ das Rückgebäude der Gabelsbergerstraße 26, das bald zum Zentrum der Münchner Freimaurerei wurde; 1930 tagten hier fünf Logen (Weyerer 1993, S. 128).
Nach 1933 wurde die östliche Gabelsbergerstraße Teil des Parteiviertels: Mehr als 50 Gebäude an Brienner, Arcis-, Gabelsberger-, Barer und Karlstraße gingen in den Besitz der NSDAP über (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 4); im Geviert zwischen Karl-, Gabelsberger-, Barer und Arcisstraße gehörten der Partei zunächst 56, bald 68 Häuser, und 1939 arbeiteten dort mehr als 6000 Menschen, darunter die „Hitler-Jugend“ in der Gabelsbergerstraße (Köpf 2005, S. 124). Den Besitz der Freimaurer enteignete das Regime 1934 und übergab ihn dem NS-Lehrerbund (Weyerer 1993, S. 128); in Nr. 41 setzte sich das „Hauptarchiv der NSDAP“ fest (Stephan 2013, S. 57). Gegenüber der Alten Pinakothek ließ die Partei die gesamte Bebauung zwischen Barer und Arcisstraße abreißen – nach Stephan schon 1935, nach Köpf 1938 elf Häuser –, um dort einen gewaltigen „Kanzleibau“ nach Entwürfen Leonhard Galls zu errichten (Stephan 2013, S. 129; Köpf 2005, S. 124; Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 41). Die Arbeiten begannen im Winter 1938/39, kamen aber über die Keller nicht hinaus, die unterirdisch mit den Parteibauten am Königsplatz verbunden waren (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 88). Noch größer dachte Hermann Giesler: Eine „Halle der Partei“ an der Türkenstraße sollte über ein Brückenbauwerk über die Gabelsbergerstraße mit Hitlers Mausoleum verbunden werden (Large 2001, S. 365; Smith 2009, S. 112). Die Stadtgeschichte-Datenbank verzeichnet zugleich mindestens zehn jüdische Bewohnerinnen und Bewohner der Gabelsbergerstraße 35, die 1942/43 nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert und ermordet wurden.
Die Bomben des Zweiten Weltkriegs trafen die Straße schwer: Rund 80 Prozent der Einrichtungen der Technischen Hochschule wurden zerstört (Arz 2018, S. 84), die Alte Pinakothek wurde mittig aufgerissen, St. Markus schwer beschädigt. Hans Döllgast schloss ab 1952 die Wunde der Pinakothek mit einer bewusst vereinfachten Ziegelfassade und verlegte das Haupttreppenhaus zur Südfassade an der Gabelsbergerstraße; 1957 wurde das Museum wiedereröffnet (Arz 2018, S. 74; Stephan 2013, S. 138). St. Markus erhielt 1955–1957 durch Gustav Gsaenger ein Tonnengewölbe mit ornamentierter Stuckdecke, von den Münchnern „Breznstuck“ genannt, und eine Betonfassade – eine in der Gemeinde sehr umstrittene Lösung (Arz 2018, S. 50), deren „totale Belanglosigkeit“ nach Stephan „auch nicht durch Zeitablauf geheilt wurde“ (Stephan 2013, S. 43). Auf den Kanzleibau-Fundamenten errichtete die Technische Hochschule drei „architektonisch nichtssagende Glas-Betonblöcke“ (Stephan 2013, S. 129); die Türkenkaserne wurde bis auf das Portal an der Türkenstraße abgeräumt (Stephan 2013, S. 140). In den 1960er-Jahren sollte die Gabelsbergerstraße im Zuge der „autogerechten Stadt“ autobahnähnlich als „Ost-West-Tangente“ auf 40 Meter verbreitert und die Barer Straße an der Kreuzung untertunnelt werden (Bäumler u. a. 2015, S. 16; Arz 2018, S. 15). Für die Anbindung an den Oskar-von-Miller-Ring fiel das Eckhaus neben dem Palais Dürckheim (Stephan 2013, S. 141); der Widerstand der Bürgerinitiative Aktion Maxvorstadt verhinderte weitergehende Schneisen. Im Hinterhof der Nr. 50 eröffnete 1977 das Hinterhoftheater, das bis 1980 blieb und Künstler wie Gerhard Polt und die Biermösl Blosn auf die Bühne brachte.
Seit den 1990er-Jahren wandelte sich der östliche Abschnitt zur Museumsmeile des Kunstareals. Auf dem südlichen Kasernengelände, seit den 1970er-Jahren nach dem regelmäßig gastierenden Zirkus als „Roncalliplatz“ bekannt (Arz 2018, S. 13), eröffnete am 16. September 2002 die Pinakothek der Moderne von Stephan Braunfels, deren Bau erst durch Spenden von 10 Millionen für die Startfinanzierung möglich geworden war (Arz 2018, S. 71). Die Verlagerung der Mathematischen Institute der TU nach Garching machte das sogenannte Bunkerareal gegenüber der Alten Pinakothek frei (Bäumler u. a. 2015, S. 18): Mitte 2007 wurden die TU-Bauten und zugleich Fundamente und Kellergeschosse des NS-Kanzleibaus abgerissen (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 88). An ihrer Stelle entstand nach Plänen von Peter Böhm ein Glas-Sichtbeton-Bau; am 15. September 2011 kehrte die Hochschule für Fernsehen und Film in die Maxvorstadt zurück, im Juni 2013 folgte das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst (Arz 2018, S. 85). Der Platz vor der HFF heißt seit 2012 Bernd-Eichinger-Platz. 2026 schloss die Kinderoase der Architekten Francis Kéré und Hermann Kaufmann an der Nr. 41 eine seit dem Krieg klaffende Baulücke gegenüber dem Thiersch-Turm.
Heute
Die Gabelsbergerstraße ist heute zweigeteilt. Im Osten, zwischen St. Markus und der Luisenstraße, ist sie eine Straße der Institutionen: Auf der Nordseite folgen die evangelische Universitäts- und Dekanatskirche, die Pinakothek der Moderne, die Alte Pinakothek mit Döllgasts Treppenhausfront und der Südtrakt der TU mit dem Thiersch-Turm; auf der Südseite liegen der Riegel von HFF und Ägyptischem Museum mit dem Bernd-Eichinger-Platz und die neue Kinderoase. Studierende, Museumsbesucher und Radfahrer prägen das Bild; seit 2021 ist eine der Fahrspuren der Einbahnstraße als Radfahrstreifen markiert. Zwischen Barer und Arcisstraße erinnert nichts sichtbar mehr an die Kellergeschosse des NS-Kanzleibaus, die bis 2007 im Boden lagen.
Westlich der Luisenstraße wird die Straße zur Wohn- und Ausgehstraße mit Mietshäusern aus Biedermeier, Gründerzeit und Jugendstil. Von der bunten Gastronomie, die Arz 2018 verzeichnete, sind die Burger- und Cocktailbar „Drunken Cow“ (Nr. 58) und das japanische „Kaito“ (Nr. 85) geblieben (Arz 2018, S. 136, 138); das libanesische „Cardamom“ (Nr. 50) und das Steakhouse „Grill & Grace“ (Nr. 97) gibt es nicht mehr – in der Nr. 97 kocht seit 2021 das italienische „Casa Nostra“ –, und der Club „Bob Beaman“ (Nr. 4) schloss 2019. Ob das japanisch-europäische „Campanula“ (Nr. 46) und das bosnische „Happy Fildjan“ (Nr. 64), die Arz ebenfalls nannte, noch öffnen, ist ungewiss. Galerien zeigen zeitgenössische Kunst an den Nummern 7 (Barbara Ruetz), 51 (Britta Rettberg) und 83 (Michael Heufelder) (Arz 2018, S. 140). In der Nr. 72 führte Gudrun Hofmann über 50 Jahre ihr Antiquariat (Arz 2018, S. 139), bis sie es im Juni 2024 schloss; im selben Haus bietet das „Haus an der Gabelsbergerstraße“ des Katholischen Männerfürsorgevereins 65 älteren wohnungslosen Männern ein dauerhaftes Zuhause (Arz 2018, S. 83). Tram- und Buslinien kreuzen die Straße an Barer, Augusten- und Dachauer Straße; die Wohnlage zwischen Kunstareal und Hauptbahnhof ist begehrt.