Geschichte
Bevor es die Königinstraße gab, lag hier das „Schönfeld“: Nördlich der Residenz schloss sich an die Stadt eine Gegend an, die für ihre Obst- und Ziergärten berühmt war. Auf den Bastionen und Wällen Altmünchens war im 18. Jahrhundert eine regelrechte Gartenstadt mit Hunderten von Lusthäusern entstanden, die Kurfürst Karl Theodors Planungen fast vollständig zum Opfer fiel; der kurfürstliche Rat Cajetan Stürzer gab 1789 im Abtretungsverfahren zu Protokoll: „Ich vermeine, wenn ich den Garten abtreten muss, mein halbes Leben herzugeben“ (Bäumler/Fromm 2017, S. 10). Zunächst sollte das Schönfeld ein Militärgarten werden, dann dem neuen Englischen Garten zugeschlagen werden, den Karl Theodor im August 1789 per Dekret als Volkspark anordnete. Doch Friedrich Ludwig von Sckell sah in der Isarböschung nahe der heutigen Königinstraße die natürliche Grenze des Parks; die bereits gekauften Grundstücke wurden deshalb gewinnbringend verwertet, und 1795 ließ Karl Theodor entlang der Gartenstraße (heute Kaulbachstraße) 29 Parzellen abstecken, die sofort bebaut werden mussten (Arz 2018, S. 6). Bis zur heutigen Königinstraße entstanden Villen mit großen Gärten, deren „schöne“ Lage 1795 zum Namen „Auf dem Schönfeld“ führte (Stephan 2013, S. 32). Vor der Straße erstreckte sich ein großzügiges Wiesenfeld vom heutigen Prinz-Carl-Palais bis zur Baumschule am Ende der Schönfeldvorstadt (Schiermeier 2012, S. 19). Weiter nördlich, auf dem ehemaligen Jesuitenbesitz mit der Wäscherei, die dem Gelände den Namen „Jesuiterwasch“ gab, verfügte Karl Theodor im März 1790 die Gründung einer „förmlichen Thier-Arzney-Schule“ – gegen Viehseuchen und zur Ausbildung von Tierärzten und Hufschmieden für die Kavallerie (Arz 2018, S. 29; Stephan 2013, S. 20).
Am Südende der späteren Königinstraße, „an der Grenze zum Englischen Garten, wo einst die Königinstraße begann“, ließ sich der lothringische Abbé Pierre de Salabert, Erzieher und Vertrauter Max Josephs, von dem erst 21-jährigen Karl von Fischer ein Palais errichten: Baubeginn war am 24. Mai 1804, zwei Jahre später wurde es bezogen (Arz 2018, S. 22). Nach Salaberts Tod 1807 kaufte der König das Haus, das nun „Palais“ oder „Pavillon Royal“ hieß; 1825 schenkte Ludwig I. es seinem Bruder Prinz Carl, der es von Jean-Baptiste Métivier erweitern ließ. Nach Carls Tod zog 1876 die Österreichisch-Ungarische Gesandtschaft ein, im Anbau an der Von-der-Tann-Straße wohnte der Finanzminister, dessen exklusiv genutzter Garten bis heute „Finanzgarten“ heißt (Arz 2018, S. 22). Der Historiker Karl Trautmann nannte das „alte ‚Salabert-Schlössl‘ am Eingang des Englischen Gartens“ 1923 das einzige wohlerhaltene Zeugnis der verschwundenen Gartenstadt (Bäumler/Fromm 2017, S. 10). Das Palais „akzentuiert den Übergang vom Hofgarten zum Englischen Garten und zur Schönfeldvorstadt“ (Stephan 2013, S. 110). Auch das Wasser gehört zu diesem Übergang: Das Palaisbächl floss durch den Finanzgarten zum Palais und mündete am Anfang des Englischen Gartens in den Schwabinger Bach (Schiermeier 2012, S. 137).
Die 1808 benannte Königinstraße wurde zur Villenstraße der Schönfeldvorstadt, der ersten vom Staat geförderten, nach einheitlichen Richtlinien gebauten Siedlung außerhalb der Festungsmauern, in der Aristokraten, Staatsbeamte, Kaufleute und Handwerksmeister wohnten (Bäumler/Fromm 2017, S. 74). Wie großzügig die Grundstücke waren, schildert Felix Dahn, der von 1835 bis 1850 im Haus seiner Eltern an der Königinstraße 9 (heute Nr. 19) aufwuchs und diese Jahre „im unvergesslichen Haus“ die glücklichsten seines Lebens nannte: Der rund 4.000 Quadratmeter große Garten zwischen Kaulbach- und Königinstraße bot Obstbäume, Weinstöcke, Kegelbahn, Treibhäuser, Taubenschlag und einen Springbrunnen, der als Bad diente – und er war Bühne für Schlachten zwischen Römern und Goten, bei denen Bohnenstangen als Lanzen dienten. Jahrzehnte vor „Ein Kampf um Rom“ (1876), so Klaus Bäumler, „fand der Kampf um Rom in den Gärten der Maxvorstadt statt“ (Bäumler/Fromm 2017, S. 18–19). Der Hofmaler Wilhelm von Kaulbach, seit 1844 an der Oberen Gartenstraße ansässig, genoss mit seinen Gästen von der Balkonterrasse den Blick über den eigenen Garten und die Königinstraße hinweg in den Englischen Garten (Bäumler/Fromm 2017, S. 16). Im Norden, an der damaligen Wiesenstraße, baute Métivier 1823 für Kriegsminister Nikolaus von Maillot de la Treille eine Villa im Stil der italienischen Renaissance; der Bankier Benedikt Benedikt eröffnete dort am 23. Juli 1863 Münchens ersten Tierpark mit Raubtierhaus, Affenpavillon und Wolfshöhle, der 1870 endgültig schloss (Arz 2016, S. 47; Schiermeier 2012, S. 30).
Um 1900 hatte die Straße ihr repräsentatives Gesicht: Eine Aufnahme von 1911 zeigt Villen- und Palaisbauten „in viel Grün eingebettet“, deren Eigentümer ihren Repräsentationswillen etwa durch Auffahrten für Kutschen zeigten, eine andere von 1906 die private kleine Parkanlage hinter dem Anwesen Königinstraße 11 (Stephan 2013, S. 113–114). Georg von Hauberrisser baute 1893/94 für den Maler Franz von Defregger das Backsteinhaus Nr. 27, Franz Deininger 1907–1909 die palaisartige Villa Nr. 17, Heilmann & Littmann gestalteten 1913/14 das Haus Nr. 11 um. Die Hofschauspielerin Klara Ziegler vermachte ihre Villa am Englischen Garten samt Vermögen einer Stiftung, die dort 1910 das erste Theatermuseum der Welt eröffnete (Arz 2018, S. 21). An der Ecke zur Von-der-Tann-Straße stand das Generalkommando des bayerischen Heeres, in dessen Gebäude ab 1898 das Innenministerium Büros unterhielt (Arz 2018, S. 21). Daneben eröffneten Anita Augspurg und Sophia Goudstikker 1887 ihr Fotoatelier Elvira; der 1898 von August Endell errichtete Neubau mit dem 13 mal sieben Meter großen „Drachenornament“ galt als erster markanter Bau des Münchner Jugendstils (Liedtke 2013, S. 24; Stephan 2013, S. 112). Die Schönfeldvorstadt wurde seit 1887 zur „Keimzelle“ der bürgerlichen Frauenbewegung in München; die Schriftstellerin Emma Haushofer-Merk wohnte von 1902 bis 1925 an der Königinstraße 10 (Bäumler/Fromm 2017, S. 74, 100). An der Jesuiterwasch entstand 1896–1900 nach einem Entwurf von Julius Metzger ein rund 150 Meter langer Kliniktrakt entlang der Königinstraße (Schiermeier 2012, S. 31); 1914 wurde die Tierärztliche Hochschule als siebte Fakultät in die Universität eingegliedert (Arz 2018, S. 29).
Nach dem Ersten Weltkrieg zogen Behörden in die Villen: Das 1919 gegründete Landwirtschaftsministerium residierte seit 1921 in der Königinstraße 17 (Arz 2018, S. 21), im Prinz-Carl-Palais bezog 1924 der bayerische Ministerpräsident seine Dienstwohnung (Arz 2018, S. 22). 1927 kam Hitlers Nichte Geli Raubal zum Medizinstudium nach München und wohnte zunächst in einer Pension in der Königinstraße 43 (Smith 2009, S. 142). 1933 zog Reichsstatthalter Franz Xaver Ritter von Epp kurzzeitig ins Prinz-Carl-Palais; für den Staatsbesuch Mussolinis 1937 ließ das Regime den Anbau an der Von-der-Tann-Straße abreißen, um die Straße zur Zufahrt zum „Haus der Deutschen Kunst“ zu verbreitern, und das Hauptgebäude von Fritz Gablonsky zum Gästehaus erweitern (Arz 2018, S. 22; Liedtke 2013, S. 24; Liedtke 2018, S. 230). Im September 1937 begab sich Hitler dort zum Gegenbesuch zu Mussolini, der im Palais residierte (Köpf 2005, S. 116). Am Atelier Elvira, in das im Herbst 1933 eine SA-Einheit eingezogen war, wurde 1937 das Drachenornament abgeschlagen (Arz 2018, S. 24; Liedtke 2013, S. 24). Ab Oktober 1941 durften Juden auf Anordnung von Gauleiter Adolf Wagner auch den Englischen Garten nicht mehr betreten; der evangelische Bankier Wilhelm Freiherr von Pechmann drängte Landesbischof Meiser am 8. November 1941 zum Protest, weil diese Sperrung geeignet sei, „die Opfer eines derartigen Sadismus zur Verzweiflung zu treiben“ (Bäumler/Fromm 2017, S. 28–29).
Beim Bombenangriff im April 1944 wurde das Elvira-Gebäude zerstört; das Grundstück erhielten die Amerikaner (Arz 2018, S. 24; Liedtke 2013, S. 25). Auch Klara Zieglers Villa ging im Krieg verloren, die Sammlung war rechtzeitig ausgelagert (Arz 2018, S. 21). Das Prinz-Carl-Palais überstand den Krieg weitgehend unbeschädigt; die Amerikaner übergaben es dem Freistaat mit der Auflage kultureller Nutzung, 1948 zog die Akademie der Schönen Künste ein, zeitweise diente es als Notquartier für Glyptothek und Antikensammlungen (Arz 2018, S. 24). Die Tierärztliche Fakultät war schwer zerstört und wurde bis 1965 wiederaufgebaut (Arz 2018, S. 29); die Neubauten der Klinik gehen auf 1953 zurück (Schiermeier 2012, S. 31), 1958 kam der Schlangenbrunnen von Lothar Dietz hinzu. Auf dem Gelände des Generalkommandos und des Ateliers Elvira baute Sep Ruf 1957–1959 das Amerikanische Generalkonsulat, das heute als Kulturdenkmal gilt (Arz 2018, S. 24). 1958 zog das Landwirtschaftsministerium von der Königinstraße 17 in den NS-Bau an der Ludwigstraße (Arz 2018, S. 21).
In den 1960er-Jahren sollte München „autogerecht“ werden: Geplant waren ein Tunnel von der Königinstraße zur Leopoldstraße und der Altstadtringtunnel unter dem Prinz-Carl-Palais (Bäumler u. a. 2015, S. 16); auch eine Untertunnelung der Veterinärstraße zwischen Königin- und Ludwigstraße wurde ernsthaft diskutiert (Arz 2018, S. 15). Der Tunnel unter dem Palais wurde 1970 gebaut – seine Kellerräume mussten für die Stahlbetonplatte weichen, seither steht es „quasi auf der Decke des Altstadtringtunnels“ (Arz 2018, S. 24). Der Widerstand dagegen führte 1971 zur Gründung der Aktion Maxvorstadt (Arz 2018, S. 42), die die meisten anderen Pläne verhinderte; die „dringend notwendige Stadtreparatur“ am Palais steht nach Bäumler noch aus (Bäumler u. a. 2015, S. 17). Seit 1968 nutzen die Ministerpräsidenten das Palais als repräsentativen Dienstsitz, mit dem Bezug der neuen Staatskanzlei 1993 verlor es seine politische Bedeutung (Arz 2018, S. 24). Das Generalkonsulat erhielt 1985 einen hohen Sicherheitszaun, Ende der 1990er-Jahre wurde die Königinstraße vor dem Gebäude für Autos gesperrt. Am 29. Januar 2000 wurde der Fußweg am Parkrand parallel zur Königinstraße nach Wilhelm von Pechmann benannt (Bäumler/Fromm 2017, S. 29). Um das Tierklinik-Areal, das mit dem Umzug der Fakultät nach Oberschleißheim frei wird, entbrannte ab 2016 ein Streit: Die LMU wollte die Bauten für einen Physik-Campus abreißen, im Juli 2023 kippte der Verwaltungsgerichtshof den Bebauungsplan, im Juli 2024 einigten sich Freistaat, Universität und Kläger auf Erhalt und Wiederaufbau der Gebäude.
Nördlich der Schackstraße gehört die Königinstraße zu Schwabing und wird zur Adresse zweier Weltkonzerne. Die Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft, 1880 von Carl von Thieme mitgegründet, ließ 1911–1913 von Oswald Bieber und Wilhelm Hollweck ihren palastartigen Vierflügelbau an der Königinstraße 107 errichten, betreten durch einen von ionischen Doppelsäulen umstandenen Ehrenhof (Arz 2016, S. 46; Zuber 1984, S. 79). Auf dem einstigen Zoogelände entstand 1927 die Universitätsreitschule, gegründet „zur Ertüchtigung der Jugend und Verhinderung zu frühen Alterns“ (Arz 2016, S. 48); daneben baute Josef Wiedemann für die aus Berlin übergesiedelte Allianz die Generaldirektion an der Königinstraße 28, die Bundeskanzler Konrad Adenauer 1954 eröffnete (Arz 2016, S. 49). 1934 kam die Engländerin Unity Mitford nach München, um eine Schule in der Königinstraße 121 zu besuchen, und geriet in Hitlers Umfeld (Smith 2009, S. 144). An der Ecke Ohmstraße steht Martin Dülfers Jugendstil-Mietshaus Nr. 85 (Arz 2016, S. 111), an dem im Juli 2018 das erste Münchner Erinnerungszeichen für Opfer des NS-Regimes angebracht wurde – für Franz und Tilly Landauer.
Heute
Der Maxvorstadt-Abschnitt ist heute eine ruhige, grüne Randstraße, deren Südende von Sicherheitsvorkehrungen geprägt ist: Vor dem Generalkonsulat ist die Einfahrt von der Von-der-Tann-Straße für Autos gesperrt, Poller, Zaun und Polizeiposten bestimmen das Bild. Gegenüber öffnet sich der Englische Garten mit dem Schwabinger Bach, der als Fortsetzung des Köglmühlbachs unter der Von-der-Tann-Straße in den Park stürzt (Schiermeier 2012, S. 16), und dem beliebten Kiosk Milchhäusl mit Bio-Imbiss und Mini-Biergarten (Arz 2018, S. 141). Hinter Vorgärten folgen die Villen und Palais der Schönfeldvorstadt, genutzt von der LfA Förderbank Bayern, Behörden und Studentenverbindungen; an der Nr. 43 lockt das Café Königin43 (Arz 2018, S. 135). Parallel verläuft im Park der Freiherr-von-Pechmann-Weg, an der Veterinärstraße liegen das klassizistische Tor von 1790 und der Schlangenbrunnen vor dem Tierklinik-Areal, dessen Zukunft nach dem Vergleich von 2024 zwischen Denkmalerhalt und Neubau für die Physik der LMU ausgehandelt wird. Die Buslinie 100 (Museumslinie) hält an der Station „Königinstraße“ (Liedtke 2018, S. 89).
Nördlich der Schackstraße wandelt sich die Straße zur Schwabinger Konzernadresse: Mit der Generaldirektion der Allianz (Nr. 28) und dem Hauptgebäude der Munich Re (Nr. 107) ist sie nach Wikipedia die einzige deutsche Straße mit gleich zwei Sitzen von DAX-Unternehmen; die Versicherungsgebäude zwischen Königin-, Thieme-, Martius-, Leopold- und Giselastraße verbindet ein rund 1.000 Meter langes, nicht öffentliches Tunnelsystem, das zugleich als Kunstgalerie dient (Arz 2016, S. 48). Dazwischen liegt die Universitätsreitschule mit dem Café Reitschule, von dem aus man in die Reithalle blickt (Arz 2016, S. 49; Arz 2018, S. 134); an der Ecke Thiemestraße spendet seit 1956 ein lächelndes Bronzemädchen von Augustin Lohr aus einer Muschelschale Wasser (Arz 2016, S. 46). Die Westseite säumen Gründerzeit- und Jugendstil-Mietshäuser, bis die Straße an der Maria-Josepha- und Mandlstraße am Rand des Ensembles Altschwabing endet.