Geschichte
Die Arcisstraße gehört zum Gründungsraster der Maxvorstadt: Sie verläuft senkrecht zur Brienner Straße und war auf den 1813/14 angelegten Alten Botanischen Garten ausgerichtet. Am Südende bestand seit 1812 das Chemische Laboratorium der Akademie, das 1852 für den aus Gießen berufenen Justus von Liebig beträchtlich erweitert wurde (Stephan 2013, S. 41). An der Kreuzung mit der Brienner Straße standen zwei aufeinander bezogene Eckhäuser: im Süden das Wohnhaus, das Carl von Fischer 1810 für sich selbst erbaut hatte, im Norden als Pendant das 1832 von Joseph Höchl für den Maler Julius Schnorr von Carolsfeld errichtete Haus (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 15). Weiter nördlich war die Gegend noch ländlich: 1826 ließ Ludwig I. die Pinakothek „mitten auf einer Wiese“ im Geviert von Barer-, Arcis-, Theresien- und Gabelsbergerstraße beginnen (Bäumler/Fromm 2017, S. 43). Weniger idyllisch waren die Militärbaracken an der Theresienstraße, die man 1816 in Richtung Arcisstraße für 300 Soldaten und 777 Pferde erweiterte (Arz 2018, S. 12). Um das Grün kümmerte sich der König persönlich; am 19. April 1841 rügte er seinen Innenminister von Abel, von den „in der Arcisstraße gesetzt wordenen Bäumen“ seien „nicht nur manche abgestorben, sondern es fehlen dorten schon wieder Mehrere“ (Arz 2018, S. 12).
Mit dem Polytechnikum rückte die Technik an die Straße. 1865–1868 errichtete Gottfried von Neureuther westlich der Arcisstraße und nördlich der Gabelsbergerstraße einen Neubau im Stil der italienischen Hochrenaissance, „optisch auf den Zusammenklang mit der gegenüberstehenden Alten Pinakothek angelegt“ (Stephan 2013, S. 41). Die Pläne gehörten zu den ersten, die man dem jungen Ludwig II. vorlegte; sie erschienen ihm zu aufwendig, weshalb die ausgeführte Fassade vergleichsweise zurückhaltend ausfiel (Huse 2009, S. 161). 1868 wurde die Schule zur Königlich Bayerischen Polytechnischen Schule erhoben, 1875 richtete Carl von Linde hier das erste deutsche Maschinenlabor ein, später studierten Rudolf Diesel und Oskar von Miller an der Arcisstraße 21 (Arz 2018, S. 84). Eine Aufnahme von 1882 zeigt den noblen, weitläufigen Neurenaissancebau, dahinter das Eisengerüst eines entstehenden Panorama-Rundbaus an der Theresienstraße (Stephan 2013, S. 148).
Zur selben Zeit entstand am Nordende ein neuer Friedhof – gegen heftigen Widerstand der Anlieger. Eine Eingabe warnte, ein „Leichenacker“ werde „Haus- und Wiesengrund“ entwerten, die Baulust hemmen und die Brunnen verderben; der Platz eigne sich eher für einen Bahnhof der Linie nach Ingolstadt (Zuber 1984, S. 11). Die Stadt blieb bei ihrem Beschluss: Nach Plänen von Stadtbaurat Arnold Zenetti entstand ab Juni 1866 zwischen Teng-, Ziebland-, Adalbert- und Arcisstraße (Haupteingang) auf 4,47 Hektar eine Anlage mit neuromanischen Ziegelbauten für 7272 Gräber und 30 Arkadengrüfte. Am 5. Oktober 1868 weihte Erzbischof von Scherr den Friedhof, nachmittags segnete ihn Dekan Meyer für die Protestanten (Zuber 1984, S. 11–12). 1883 vermerkte ein Stadtführer: „Allmähliche Bedeutung erringt auch der Nördliche Friedhof am Nordende der Arcisstraße“ (Zuber 1984, S. 12). Nördlich der Theresienstraße wuchs nun eine Mietshausbebauung heran; 1893 gründete der Hofrat Dr. Guido Jochner in der Arcisstraße 41 das Josephinum, eine der ältesten bayerischen Privatkliniken, die nach zehn Jahren in die Schönfeldstraße umzog (Arz 2018, S. 27).
Im Süden, zwischen Königsplatz und Karolinenplatz, wurde die Arcisstraße zur ersten Adresse des Großbürgertums. 1889/90 bezog der Mathematiker Alfred Pringsheim mit seiner Familie das Haus Arcisstraße 12, das ihm das Berliner Büro Kayser & von Großheim im Stil der deutschen Neorenaissance gebaut hatte – eines der ersten Münchner Häuser mit Zentralheizung, elektrischem Licht und Telefon (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 13). Unter Hedwig Pringsheim wurde das Palais zum gesellschaftlichen Treffpunkt, berühmt war der Fries von Hans Thoma im Musikzimmer (Köpf 2005, S. 92). 1904 schilderte der junge Thomas Mann seinem Bruder Heinrich einen Besuch im Haus: „Kein Gedanke an Judenthum kommt auf diesen Leuten gegenüber; man spürt nichts als Kultur“ (Köpf 2005, S. 172). 1905 heiratete er die Tochter des Hauses, Katia (Köpf 2005, S. 91). Das Nachbarhaus Nr. 14 hatten 1889/90 die jüdischen Brüder Moritz und Eduard Guggenheimer gebaut; später gehörte es ebenfalls den Pringsheims (Köpf 2005, S. 92). Nach dem Ersten Weltkrieg verlor Pringsheim mit Kriegsanleihen einen großen Teil seines Vermögens, verkaufte Kunstwerke und vermietete Zimmer an Studenten – „Ich lebe von der Wand in den Mund“ (Arz 2018, S. 92). Weiter nördlich hielt seit 1919 der Geopolitiker Karl Haushofer in seiner Wohnung Arcisstraße 30 Vortragsabende, bei denen auch sein Lieblingsstudent Rudolf Heß verkehrte (Bäumler/Fromm 2017, S. 121).
Die 1920er-Jahre brachten neue Großbauten. 1928 fiel das kleine Wallersteinpalais Arcisstraße 13 am Königsplatz, um einem Verwaltungsbau der evangelisch-lutherischen Landeskirche Platz zu machen – gegen Proteste von Presse, Bayerischer Volkspartei und Staatsgalerie (Köpf 2005, S. 63–64). Von hier aus lenkte Konsistorialpräsident Friedrich Veit bis 1933 die bayerischen Protestanten (Weyerer 1993, S. 145). An der Technischen Hochschule errichtete German Bestelmeyer 1926–1928 die Eckbauten an Gabelsberger- und Theresienstraße, deren trutziger Gesamteindruck die Bauten des Dritten Reiches „bereits vorausahnen“ lässt (Weyerer 1993, S. 128). Die 1931 im Ehrenhof aufgestellten nackten Rosselenker von Bernhard Bleeker und Hermann Hahn empörten das „Bayerische Vaterland“ als „Skandal der zwei nackat'n Lackl vor der Technischen Hochschule in der Arcisstraße“ (Weyerer 1993, S. 129). Im selben Jahr, am 6. Juni 1931, brannte am Südende der Straße der Glaspalast nieder; ein Augenzeuge lief die Karlstraße entlang „gegen die Arcisstraße, dem mächtig lohenden Feuerschein zu“ (Arz 2018, S. 62).
Mit dem Kauf des Braunen Hauses 1930 begann die NSDAP, das Viertel zu erobern. Schon 1932 beauftragte Hitler Paul Ludwig Troost mit einer Parteizentrale an der Arcisstraße: „Nächstes Jahr kommen wir an die Macht! Schaffen Sie mir einen Idealentwurf!“ (Weyerer 1993, S. 135). 1932/33 kaufte die Partei die vier Grundstücke an der Kreuzung Brienner/Arcisstraße und ließ die Häuser abbrechen; nach der Machtübernahme bezog sie die ganze Ostseite der Arcisstraße in ihre Planung ein (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 13). Im August 1933 beugte sich Alfred Pringsheim dem Druck und verkaufte Haus und Grund weit unter Wert an die NSDAP, im November 1933 wurden das Palais und zwei weitere Villen abgerissen (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 15). Den Thoma-Fries barg man und zeigte ihn als „Leihgabe aus Münchener Privatbesitz“ in der Stuttgarter Staatsgalerie (Köpf 2005, S. 92). Auch die Häuser Nr. 20, 22 und 24 wechselten an die Partei; der Maler, der im Haus des Kunsthändlers Otto Alfons Böhler zur Miete wohnte, musste überstürzt ausziehen (Köpf 2005, S. 92–93). Die Bauarbeiten begannen ohne Genehmigung – der Völkische Beobachter feierte die Baustelle im September 1933 mit „Arbeit und Brot“, erst im Februar 1934 lag die Genehmigung vor, eine Grundsteinlegung unterblieb (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 17–18). Troost starb am 21. Januar 1934 (Köpf 2005, S. 89); seine Witwe Gerdy übernahm die Bauleitung (Arz 2018, S. 92).
So entstanden zwischen Karl- und Gabelsbergerstraße zwei äußerlich identische Bauten, jeder 85 Meter lang, 45 Meter tief und 23 Meter hoch, verbunden durch einen 105 Meter langen Tunnel (Köpf 2005, S. 93). Weil sie mehrere Vorgängerbauten ersetzten, änderten sich die Hausnummern: Der Verwaltungsbau am Standort des Palais Pringsheim erhielt die Nummer 10, die alte Nummer 12 ging an den Führerbau nördlich der Brienner Straße (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 18). Dazwischen standen seit dem 9. November 1935 die beiden „Ehrentempel“ mit den Sarkophagen der toten Putschisten von 1923 (Stephan 2013, S. 136). Im Februar 1937 übergab Hitler den Verwaltungsbau an Reichsschatzmeister Franz Xaver Schwarz, dessen Bürokraten dort die knapp zehn Millionen Parteimitglieder verwalteten (Köpf 2005, S. 112); der Führerbau wurde anlässlich des Staatsbesuchs Mussolinis eingeweiht (Liedtke 2013, S. 74). Hier unterzeichneten in der Nacht zum 30. September 1938 Chamberlain, Daladier, Mussolini und Hitler ohne tschechoslowakische Beteiligung das Münchner Abkommen (Arz 2018, S. 93). 1939 besaß die Partei im Geviert zwischen Karl-, Barer-, Gabelsberger- und Arcisstraße 56, bald 68 Gebäude, mehr als 6000 Menschen arbeiteten in ihren Verwaltungen; in der Arcisstraße 9 saß seit 1937 die Reichszentralstelle für den Vierjahresplan (Köpf 2005, S. 124). Gegenüber der Alten Pinakothek wurde für einen „Kanzleibau“ die gesamte Bebauung bis zur Barer Straße abgeräumt, doch der Bau kam über die Fundamente nicht hinaus (Stephan 2013, S. 57). Am Nordende wurde der Friedhof, der einer geplanten Achse im Weg stand, 1939 für Beerdigungen geschlossen (Zuber 1984, S. 12).
1945 lagen bis zu 75 Prozent der Maxvorstadt in Trümmern – ausgerechnet Führerbau, Verwaltungsbau und Ehrentempel blieben fast unversehrt (Arz 2018, S. 93). In den ersten Tagen plünderten Ortskundige die Luftschutzkeller des Führerbaus und stahlen dort gelagerte Gemälde, darunter Werke aus der in Frankreich beschlagnahmten Sammlung Adolphe Schloss (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 67). Weil die Museen zerstört waren, richtete die amerikanische Militärregierung im Juni 1945 im Verwaltungsbau („Galerie I“) und im Führerbau („Galerie II“) den Central Art Collecting Point ein (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 69), in dem NS-Raubkunst aus ganz Europa gesammelt und zurückgegeben wurde; aus ihm entwickelte sich das Haus der Kulturinstitute (Arz 2018, S. 93). Die Ehrentempel wurden 1947 gesprengt (Stephan 2013, S. 136), 1948 zog das Amerika-Haus in die Südhälfte des Führerbaus, der zugleich das Bayerische Hauptstaatsarchiv aufnahm (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 74); 1957 folgte die Musikhochschule (Arz 2018, S. 94). Gegenüber schloss in den 1950er-Jahren der Vorhoelzer-Bau der Technischen Hochschule den alten Ehrenhof an der Straßenfront, und Hans Döllgast setzte 1955 Mauern und Arkaden des Nordfriedhofs in bewusst schlichter Form instand. Eine neue Baumreihe an der Arcisstraße trennte den Königsplatz wieder von den Relikten des Dritten Reiches; die Granitplatten des „Plattensees“ verschwanden allerdings erst 1987/88 (Stephan 2013, S. 134).
Heute
Heute ist die Arcisstraße die westliche Längsachse des Kunstareals. Im ehemaligen Führerbau lernen rund 1300 Studierende der Hochschule für Musik und Theater; Hitlers einstiges Arbeitszimmer dient als Übungsraum (Arz 2018, S. 94). Gegenüber, im Haus der Kulturinstitute an der Katharina-von-Bora-Straße, arbeiten das Zentralinstitut für Kunstgeschichte und weitere Einrichtungen, und an der Kreuzung mit der Brienner Straße erinnern Informationstafeln (seit 1999/2002) an das NSDAP-Parteizentrum (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 88). Wenige Schritte entfernt steht seit 2015 das NS-Dokumentationszentrum auf dem Grund des Braunen Hauses. Die gestuften Sockel der Ehrentempel sind bepflanzt, aber gut sichtbar (Liedtke 2018, S. 59). Nördlich der Gabelsbergerstraße säumen die Technische Universität mit Bestelmeyer- und Vorhoelzer-Bau und die Alte Pinakothek die Straße; die Einschusslöcher am Hahn’schen Rosselenker gelten als eine der „Wunden der Erinnerung“ (Smith 2009, S. 122–123). Das Café im Vorhoelzer Forum unter dem Dach des TU-Hauptgebäudes, das einen der schönsten Blicke über München bot (Arz 2018, S. 134), ist seit Ende 2021 nicht mehr öffentlich zugänglich; seit 2023 betreibt dort eine studentische Initiative ein Café nur für Angehörige der TU.
Jenseits der Theresienstraße wird die Straße ruhiger: Neben der Neuen Pinakothek, die seit 2019 für eine Generalsanierung geschlossen ist, und den Instituten der TU folgen Wohnhäuser, Studentenwohnheime und kleine Lokale wie die urige Boazn „Ungewitter“ in Nr. 62 oder der Japaner „Kushi-Tei of Tokyo“ in Nr. 39 (Arz 2018, S. 135, 137). Der Alte Nordfriedhof, seit 1939 ohne Beerdigungen, ist heute ein stiller Park mit zahlreichen künstlerisch wertvollen Grabmälern. Hinter der Georgenstraße verlässt die Arcisstraße die Maxvorstadt und endet am Elisabethplatz mit Gisela-Gymnasium und Elisabethmarkt in Schwabing-West (Arz 2016, S. 114–115).