Geschichte
Die Kaulbachstraße ist älter als die Maxvorstadt. Sie gehört zur Schönfeldvorstadt, die Kurfürst Karl Theodor vor dem Schwabinger Tor anlegen ließ. Eigentlich sollte das Schönfeld 1789 zum Militärgarten werden, in dem Soldaten ihr Gemüse zogen, und dann dem neuen „Theodorpark“ zugeschlagen werden; doch Friedrich Ludwig von Sckell hielt den natürlichen Wall der Isarböschung an der heutigen Königinstraße für die ideale Grenze des Englischen Gartens (Arz 2018, S. 6) (Arz 2016, S. 71). Für die bereits gekauften Grundstücke brauchte man eine neue Verwendung: 1795 ließ Karl Theodor entlang der Gartenstraße 29 Parzellen abstecken, die unter der Bedingung sofortiger Bebauung zu Vorzugskonditionen verkauft wurden. Schnell entstand eine Villensiedlung mit großen Gärten nahe der Stadt (Arz 2018, S. 6). 1803 zählte die Schönfeldvorstadt erst 24 Häuser, 1828 bereits 176 (Arz 2018, S. 12). Aus dieser Frühzeit stehen noch das klassizistische Eckhaus Kaulbachstraße 1 und der ländliche Block Veterinärstraße 10/Kaulbachstraße 41–43, der als ältestes erhaltenes Gebäude der Maxvorstadt gilt (Arz 2018, S. 29).
Die Gärten bestimmten das Leben an der Straße. Der Diplomat Carl Graf Moy (Jahrgang 1863) erinnerte sich an den elterlichen Garten an der Oberen Gartenstraße 4, der heutigen Nr. 15: mit kleinem Berg, Wasserbecken und Bächlein, Sommerhaus, winterlicher Eisbahn und Volière; zu den jährlichen „Bockpartien“ im weiß-blauen Zelt kam regelmäßig Franz Graf Pocci (Bäumler/Fromm 2017, S. 13–14). Nachts, so Moy, konnte die Gegend unheimlich sein, wenn sich angeblich entsprungene Zuchthäusler in den Gärten versteckten (Bäumler/Fromm 2017, S. 15). Wilhelm von Kaulbach wiederum genoss von seiner Balkonterrasse den Blick über die Königinstraße hinweg in den Englischen Garten – und als die Bäume ihm die Aussicht verstellten, ließ er sie laut seiner Tochter Josefa bei Sonnenaufgang von seinem Gärtner kappen, die Schnittstellen mit Farbe tarnen und lud anschließend den ahnungslosen Verwaltungschef des Gartens zum Kaffee auf die Terrasse (Bäumler/Fromm 2017, S. 16–17). Unterhalb der Geländekante fließt bis heute der Schwabinger Bach am Westrand des Englischen Gartens entlang (Schiermeier 2012, S. 13).
Mit der Gründerzeit änderte sich das Bild. Ab den 1870er-Jahren wuchsen zwischen den Villen Mietshäuser der Neurenaissance empor (Nr. 34, 36, 38, 44–46), um 1900 folgte Martin Dülfers Jugendstilgruppe Nr. 22–24. 1887 kaufte der neue Akademiedirektor Friedrich August von Kaulbach das Moy'sche Grundstück und ließ sich von Gabriel von Seidl eine Villa nach dem Vorbild einer römischen „villa suburbana“ bauen, deren Kernstück ein 130 Quadratmeter großes Atelier war (Bäumler/Fromm 2017, S. 15) (Arz 2018, S. 28). Seidl empfahl sich damit für das noch größere Künstlerhaus Lenbachs am Königsplatz (Arz 2018, S. 105); Lenbach und Kaulbach galten Ende des 19. Jahrhunderts als die „Malerfürsten“ schlechthin (Arz 2018, S. 104). Nebenan ließen die Gebrüder Rank 1913/14 anstelle eines Biedermeierhauses das Palais Seyssel d'Aix im Stil französischer Adelssitze errichten (Arz 2018, S. 28). Im Garten des Hauses Nr. 26a/b stand das Atelier Franz von Defreggers, im früheren Cornelius-Haus Nr. 20 richtete sich 1927–1929 die katholische Studentenverbindung Alemannia ein.
Nördlich der Veterinärstraße, der alten Grenze zu Schwabing, wurde die Kaulbachstraße zur Adresse der Boheme. 1902 bis 1913 saß die Redaktion des „Simplicissimus“ in der Kaulbachstraße 91 (Arz 2016, S. 51); Thomas Theodor Heine, Ludwig Thoma, Frank Wedekind und Olaf Gulbransson gingen hier ein und aus (Liedtke 2013, S. 112–113). 1903 gründete Franziska zu Reventlow mit Franz Hessel und Bohdan von Suchocki im heruntergekommenen „Eckhaus“ Nr. 63 die erste Wohngemeinschaft Münchens, drei Jahre lang Treffpunkt der Künstlerszene (Liedtke 2013, S. 230–231); Waldemar Fromm liest sie als bewusstes Experiment neuer Formen des Zusammenlebens (Bäumler u. a. 2015, S. 38). Im Gartenhaus Nr. 35 schrieb Ricarda Huch von 1911 bis 1927, in Nr. 43 lebte der Schriftsteller Hans Brandenburg (Bäumler/Fromm 2017, S. 147), und der junge Bertolt Brecht wohnte 1918 in Nr. 63 und verkehrte im Kreis des Theaterwissenschaftlers Artur Kutscher in Nr. 77 (Bäumler/Fromm 2017, S. 143–144). Ludwig Ganghofer wiederum flüchtete als Student vor einem Polizisten durch den Garten der Staatsbibliothek und über die Zäune der Privatgärten auf die Kaulbachstraße (Bäumler/Fromm 2017, S. 20).
In der Weimarer Republik wurde ausgerechnet das Anwesen Kaulbachstraße 10/12, einst Wilhelm von Kaulbachs Villengrundstück, zum Brennpunkt der politischen Gegensätze. Im Gartengebäude Nr. 12 lebten bis 1933 die Juristin und Frauenrechtlerin Anita Augspurg und ihre Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann. Augspurg, 1897 in Zürich promoviert, kandidierte im Januar 1919 bei der ersten Landtagswahl, bei der Frauen wählen durften, parteilos auf der Liste der USPD (Weyerer 1993, S. 133). 1923 forderten beide die Ausweisung Hitlers und kamen auf eine „Schwarze Liste“; vom Machtantritt erfuhren sie im Januar 1933 auf einer Mittelmeerreise und kehrten nie zurück – die Nationalsozialisten vernichteten daraufhin Einrichtung und Unterlagen im Gartenhaus (Weyerer 1993, S. 134). Mit Constanze Hallgarten organisierten sie pazifistische Gruppen in München (Weyerer 1993, S. 17); die gemäßigte Luise Kiesselbach grenzte sich von den „radikalen Frauenrechtlerinnen um Anita Augspurg“ ab (Weyerer 1993, S. 182). Ab 1928 wohnte im selben Gartengebäude die SPD-Reichstagsabgeordnete Toni Pfülf; nach „Schutzhaft“ und dem kampflosen Untergang der Arbeiterbewegung nahm sie sich am 8. Juni 1933 in ihrer Wohnung das Leben (Weyerer 1993, S. 134–135).
Im gleichen Anwesen, Kaulbachstraße 10, wohnte von 1912 bis zu seinem Tod 1934 im Erdgeschoss links der Architekt Paul Ludwig Troost. Der Innenausstatter der Lloyd-Dampfer baute 1930 für Hitler das Palais Barlow an der Brienner Straße zum „Braunen Haus“ um und erhielt 1932 den Auftrag für die Parteibauten an der Arcisstraße und das Haus der Deutschen Kunst: „Nächstes Jahr kommen wir an die Macht! Schaffen Sie mir einen Idealentwurf!“ (Weyerer 1993, S. 135) (Weyerer 1993, S. 143). Nach 1933 griff das Regime auf die Straße zu: Am 10. April 1934 bestimmte Ministerpräsident Siebert die Kaulbachstraße als neuen Sitz der aus der Brienner Straße verdrängten Nuntiatur, deren Tätigkeit schon Ende Mai 1934 beendet wurde (Köpf 2005, S. 77). 1937 kaufte der Freistaat die Kaulbach-Villa, die Witwe Kaulbach 1931 an das Corps Bavaria verkauft hatte; Gauleiter Adolf Wagner machte sie zu seinem Dienstwohnsitz (Arz 2018, S. 28). Im Berchmanskolleg, dem Münchner Zentrum der Jesuiten in Nr. 31a, arbeitete Pater Alfred Delp, Redakteur der 1941 verbotenen „Stimmen der Zeit“ und Mitglied des Kreisauer Kreises; er wurde 1945 in Plötzensee hingerichtet (Liedtke 2013, S. 178) (Liedtke 2018, S. 204).
Auch die Verfolgung der Juden hat Adressen an der Straße. Aus dem Haus Nr. 33 wurden Agathe van Wien und Alice Jaffé 1942 nach Theresienstadt deportiert und ermordet; Agathes Tochter Anneliese-Nora, Apothekerin, wurde 1940 aus der Anstalt Eglfing-Haar in die Tötungsanstalt Hartheim gebracht und dort vergast. Aus Nr. 35 wurde Marta Maria Lichtwitz-Düren im November 1941 nach Kaunas verschleppt. Das 1905 gegründete jüdische Altenheim in Nr. 65 wurde nach dem Novemberpogrom 1938 geplündert, diente dann als „Judenhaus“ und musste im März 1942 für den „Lebensborn“ geräumt werden; genau hier gründeten Überlebende am 15. Juli 1945 die Israelitische Kultusgemeinde neu. Nach dem Krieg bezog der amerikanische Soldatensender AFN die unbeschädigte Kaulbach-Villa und nutzte sie bis 1984 als Studiozentrum (Arz 2018, S. 28); der Garten wurde weitgehend zum Parkplatz (Bäumler/Fromm 2017, S. 15).
In der Nachkriegszeit wurde die Straße zur Adresse von Kultur und Wissenschaft. 1949 eröffnete Jella Lepman in Nr. 11a die Internationale Jugendbibliothek, 1954 zog das Institut français ins Palais Seyssel d'Aix. In der Villa Nr. 16, 1936–1944 Sitz der von Carl Orff und Dorothee Günther gegründeten Günther-Schule, lehrte bis 1988 die Hochschule für Fernsehen und Film, deren Unterricht teils in die Studios von BR, Bavaria und ZDF ausweichen musste (Arz 2018, S. 85); seit 1990 ist hier das Orff-Zentrum (Arz 2018, S. 28). 1971 zog die Jesuitenhochschule für Philosophie aus Pullach in die Kaulbachstraße und öffnete sich allen Studierenden (Arz 2018, S. 29). 1988 schließlich wurde die von Otto Meitinger sanierte Kaulbach-Villa Sitz des Historischen Kollegs, ihr Garten wiederhergestellt (Arz 2018, S. 28) (Bäumler/Fromm 2017, S. 15). Die privaten Gärten von Kaulbach-Villa, Orff-Zentrum und Palais Seyssel gehören bis heute zu den „grünen Oasen“ des Viertels (Bäumler u. a. 2015, S. 21).
Heute
Der Maxvorstadt-Abschnitt zwischen Schönfeld- und Schackstraße ist heute eine stille Straße der Institutionen, abseits des Verkehrs der Ludwigstraße: Oberster Rechnungshof mit dem Delphin-Brunnen, Institut français, Historisches Kolleg, Orff-Zentrum, das Verbindungshaus der Alemannia, Hochschule für Philosophie mit dem Berchmanskolleg, Institute der LMU-Fakultät für Betriebswirtschaft in Nr. 45 und das Studentinnenwohnheim Marie-Antonie-Haus in Nr. 49. Hinter den Zäunen liegen die großen Gärten, die bis an die Staatsbibliothek reichen; einsehen lassen sie sich vom Walter-Klingenbeck-Weg, der seit 1998 an den 1943 hingerichteten jungen Widerstandskämpfer erinnert (Bäumler/Fromm 2017, S. 15). Studierende prägen das Bild – mit Bagels im „Deli Star“ (Nr. 41) und Frozen Yogurt bei „I love Leo“ an der Ecke Veterinärstraße (Arz 2018, S. 134–135). Seit Oktober 2025 erinnern am Haus Nr. 33 Erinnerungszeichen an Agathe, Anneliese-Nora und Klaus-Robert van Wien sowie Alice Jaffé.
Nördlich der Schackstraße gehört die Straße zu Schwabing. Dort wechseln denkmalgeschützte Mietshäuser mit Erkern und Stuck (Nr. 60–96) mit Nachkriegsbauten; im Atelierhaus Nr. 66b wohnten Klabund, Franz Marc und später Rainer Werner Fassbinder. In der Wohnung des Malers Oswald Malura in Nr. 75 trafen sich bis 1977 die „Traumstadt“-Freunde um Peter Paul Althaus, heute sitzt dort der Verein „Rettet die Traumstadt!“ (Arz 2016, S. 68); die Alte Galerie (Nr. 75) und das „Arabesk“ (Nr. 86) gehören zum Viertel (Arz 2016, S. 138–139). Im Haus Nr. 65, wo 1945 die Israelitische Kultusgemeinde neu begann, befindet sich heute das Saul-Eisenberg-Seniorenheim, in dem 1997 die Dichterin und Zeitzeugin Gerty Spies starb (Bäumler/Fromm 2017, S. 30). Die ganze Straße ist Station des Kulturgeschichtspfads Maxvorstadt.