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Kaulbach­straße

Villenstraße der Schönfeldvorstadt zwischen Staatsbibliothek und Englischem Garten: Kaulbach-Villa, Institut français, Hochschule für Philosophie – und Adressen von Frauenrechtlerinnen, Boheme und NS-Macht.

1,45 kmLänge (davon rund 0,7 km in der Maxvorstadt)
1887Benennungsjahr
29Bauparzellen, die Karl Theodor 1795 an der Gartenstraße abstecken ließ
15Baudenkmäler im Maxvorstadt-Abschnitt

Namensherkunft

Die Straße ist nach Wilhelm von Kaulbach (1804/05–1874) benannt, einem der bekanntesten Historienmaler seines Jahrhunderts. Der Goldschmiedesohn aus Arolsen folgte seinem Lehrer Peter von Cornelius 1826 von Düsseldorf nach München, arbeitete an den Fresken im Odeon und in den Hofgartenarkaden, wurde 1837 Hofmaler Ludwigs I. und stand ab 1849 als Direktor an der Spitze der Kunstakademie (Arz 2018, S. 147). Berühmt machten ihn die „Hunnenschlacht“, die „Zerstörung Jerusalems durch Titus“ und seine Goethe-Illustrationen; die Fresken an der Außenwand der Neuen Pinakothek gingen verloren. 1874 starb er bei der großen Münchner Cholera-Epidemie.

Der Straßenname hat einen genauen Ortsbezug: 1844 zog Kaulbach in die damalige Obere Gartenstraße und erwarb die Künstlervilla, die Franz Jakob Kreuter für den Schlachtenmaler Dietrich Monten errichtet hatte; auf dem Stadtplan von Gustav Wenng (1849) trägt das Anwesen die Nummer 16 ½, heute Kaulbachstraße 10/12 (Bäumler/Fromm 2017, S. 16). Das Haus mit Garten und Balkonterrasse wurde unter Kaulbach zu einem gesellschaftlichen und künstlerischen Mittelpunkt der Stadt. Der Verleger Friedrich Bruckmann, der Kaulbachs Tableaus zu Goethes Frauengestalten als Reproduktionen vertrieb, bezog 1863 ebenfalls Räume an der Gartenstraße (Arz 2018, S. 120).

Vor der Umbenennung hieß die Straße Gartenstraße – ein Name, der zu den großen Gärten der Schönfeldvorstadt passte. Schon der Stadtplan von 1814 kennt eine Obere Gartenstraße (bis zur Veterinärstraße) und eine Untere Gartenstraße (bis zur Ohmstraße); 1876 wurden beide Teile zur „Gartenstraße“ vereinigt. Nach Rambaldis Straßennamenbuch erhielt sie mit Entschließung des Innenministeriums vom 12. Oktober 1886 und Magistratsbeschluss vom 6. September 1887 den Namen Kaulbachstraße; die seit 1881 bestehende ältere Kaulbachstraße wurde zugleich zur Neureutherstraße. Arz und die Münchner Straßendatenbank nennen dagegen 1883 (Arz 2018, S. 147). Gemeint ist ausdrücklich Wilhelm, nicht sein Großneffe Friedrich August von Kaulbach, der hier seit 1887 seine Villa baute (Arz 2018, S. 28).

Geschichte

Die Kaulbachstraße ist älter als die Maxvorstadt. Sie gehört zur Schönfeldvorstadt, die Kurfürst Karl Theodor vor dem Schwabinger Tor anlegen ließ. Eigentlich sollte das Schönfeld 1789 zum Militärgarten werden, in dem Soldaten ihr Gemüse zogen, und dann dem neuen „Theodorpark“ zugeschlagen werden; doch Friedrich Ludwig von Sckell hielt den natürlichen Wall der Isarböschung an der heutigen Königinstraße für die ideale Grenze des Englischen Gartens (Arz 2018, S. 6) (Arz 2016, S. 71). Für die bereits gekauften Grundstücke brauchte man eine neue Verwendung: 1795 ließ Karl Theodor entlang der Gartenstraße 29 Parzellen abstecken, die unter der Bedingung sofortiger Bebauung zu Vorzugskonditionen verkauft wurden. Schnell entstand eine Villensiedlung mit großen Gärten nahe der Stadt (Arz 2018, S. 6). 1803 zählte die Schönfeldvorstadt erst 24 Häuser, 1828 bereits 176 (Arz 2018, S. 12). Aus dieser Frühzeit stehen noch das klassizistische Eckhaus Kaulbachstraße 1 und der ländliche Block Veterinärstraße 10/Kaulbachstraße 41–43, der als ältestes erhaltenes Gebäude der Maxvorstadt gilt (Arz 2018, S. 29).

Die Gärten bestimmten das Leben an der Straße. Der Diplomat Carl Graf Moy (Jahrgang 1863) erinnerte sich an den elterlichen Garten an der Oberen Gartenstraße 4, der heutigen Nr. 15: mit kleinem Berg, Wasserbecken und Bächlein, Sommerhaus, winterlicher Eisbahn und Volière; zu den jährlichen „Bockpartien“ im weiß-blauen Zelt kam regelmäßig Franz Graf Pocci (Bäumler/Fromm 2017, S. 13–14). Nachts, so Moy, konnte die Gegend unheimlich sein, wenn sich angeblich entsprungene Zuchthäusler in den Gärten versteckten (Bäumler/Fromm 2017, S. 15). Wilhelm von Kaulbach wiederum genoss von seiner Balkonterrasse den Blick über die Königinstraße hinweg in den Englischen Garten – und als die Bäume ihm die Aussicht verstellten, ließ er sie laut seiner Tochter Josefa bei Sonnenaufgang von seinem Gärtner kappen, die Schnittstellen mit Farbe tarnen und lud anschließend den ahnungslosen Verwaltungschef des Gartens zum Kaffee auf die Terrasse (Bäumler/Fromm 2017, S. 16–17). Unterhalb der Geländekante fließt bis heute der Schwabinger Bach am Westrand des Englischen Gartens entlang (Schiermeier 2012, S. 13).

Mit der Gründerzeit änderte sich das Bild. Ab den 1870er-Jahren wuchsen zwischen den Villen Mietshäuser der Neurenaissance empor (Nr. 34, 36, 38, 44–46), um 1900 folgte Martin Dülfers Jugendstilgruppe Nr. 22–24. 1887 kaufte der neue Akademiedirektor Friedrich August von Kaulbach das Moy'sche Grundstück und ließ sich von Gabriel von Seidl eine Villa nach dem Vorbild einer römischen „villa suburbana“ bauen, deren Kernstück ein 130 Quadratmeter großes Atelier war (Bäumler/Fromm 2017, S. 15) (Arz 2018, S. 28). Seidl empfahl sich damit für das noch größere Künstlerhaus Lenbachs am Königsplatz (Arz 2018, S. 105); Lenbach und Kaulbach galten Ende des 19. Jahrhunderts als die „Malerfürsten“ schlechthin (Arz 2018, S. 104). Nebenan ließen die Gebrüder Rank 1913/14 anstelle eines Biedermeierhauses das Palais Seyssel d'Aix im Stil französischer Adelssitze errichten (Arz 2018, S. 28). Im Garten des Hauses Nr. 26a/b stand das Atelier Franz von Defreggers, im früheren Cornelius-Haus Nr. 20 richtete sich 1927–1929 die katholische Studentenverbindung Alemannia ein.

Nördlich der Veterinärstraße, der alten Grenze zu Schwabing, wurde die Kaulbachstraße zur Adresse der Boheme. 1902 bis 1913 saß die Redaktion des „Simplicissimus“ in der Kaulbachstraße 91 (Arz 2016, S. 51); Thomas Theodor Heine, Ludwig Thoma, Frank Wedekind und Olaf Gulbransson gingen hier ein und aus (Liedtke 2013, S. 112–113). 1903 gründete Franziska zu Reventlow mit Franz Hessel und Bohdan von Suchocki im heruntergekommenen „Eckhaus“ Nr. 63 die erste Wohngemeinschaft Münchens, drei Jahre lang Treffpunkt der Künstlerszene (Liedtke 2013, S. 230–231); Waldemar Fromm liest sie als bewusstes Experiment neuer Formen des Zusammenlebens (Bäumler u. a. 2015, S. 38). Im Gartenhaus Nr. 35 schrieb Ricarda Huch von 1911 bis 1927, in Nr. 43 lebte der Schriftsteller Hans Brandenburg (Bäumler/Fromm 2017, S. 147), und der junge Bertolt Brecht wohnte 1918 in Nr. 63 und verkehrte im Kreis des Theaterwissenschaftlers Artur Kutscher in Nr. 77 (Bäumler/Fromm 2017, S. 143–144). Ludwig Ganghofer wiederum flüchtete als Student vor einem Polizisten durch den Garten der Staatsbibliothek und über die Zäune der Privatgärten auf die Kaulbachstraße (Bäumler/Fromm 2017, S. 20).

In der Weimarer Republik wurde ausgerechnet das Anwesen Kaulbachstraße 10/12, einst Wilhelm von Kaulbachs Villengrundstück, zum Brennpunkt der politischen Gegensätze. Im Gartengebäude Nr. 12 lebten bis 1933 die Juristin und Frauenrechtlerin Anita Augspurg und ihre Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann. Augspurg, 1897 in Zürich promoviert, kandidierte im Januar 1919 bei der ersten Landtagswahl, bei der Frauen wählen durften, parteilos auf der Liste der USPD (Weyerer 1993, S. 133). 1923 forderten beide die Ausweisung Hitlers und kamen auf eine „Schwarze Liste“; vom Machtantritt erfuhren sie im Januar 1933 auf einer Mittelmeerreise und kehrten nie zurück – die Nationalsozialisten vernichteten daraufhin Einrichtung und Unterlagen im Gartenhaus (Weyerer 1993, S. 134). Mit Constanze Hallgarten organisierten sie pazifistische Gruppen in München (Weyerer 1993, S. 17); die gemäßigte Luise Kiesselbach grenzte sich von den „radikalen Frauenrechtlerinnen um Anita Augspurg“ ab (Weyerer 1993, S. 182). Ab 1928 wohnte im selben Gartengebäude die SPD-Reichstagsabgeordnete Toni Pfülf; nach „Schutzhaft“ und dem kampflosen Untergang der Arbeiterbewegung nahm sie sich am 8. Juni 1933 in ihrer Wohnung das Leben (Weyerer 1993, S. 134–135).

Im gleichen Anwesen, Kaulbachstraße 10, wohnte von 1912 bis zu seinem Tod 1934 im Erdgeschoss links der Architekt Paul Ludwig Troost. Der Innenausstatter der Lloyd-Dampfer baute 1930 für Hitler das Palais Barlow an der Brienner Straße zum „Braunen Haus“ um und erhielt 1932 den Auftrag für die Parteibauten an der Arcisstraße und das Haus der Deutschen Kunst: „Nächstes Jahr kommen wir an die Macht! Schaffen Sie mir einen Idealentwurf!“ (Weyerer 1993, S. 135) (Weyerer 1993, S. 143). Nach 1933 griff das Regime auf die Straße zu: Am 10. April 1934 bestimmte Ministerpräsident Siebert die Kaulbachstraße als neuen Sitz der aus der Brienner Straße verdrängten Nuntiatur, deren Tätigkeit schon Ende Mai 1934 beendet wurde (Köpf 2005, S. 77). 1937 kaufte der Freistaat die Kaulbach-Villa, die Witwe Kaulbach 1931 an das Corps Bavaria verkauft hatte; Gauleiter Adolf Wagner machte sie zu seinem Dienstwohnsitz (Arz 2018, S. 28). Im Berchmanskolleg, dem Münchner Zentrum der Jesuiten in Nr. 31a, arbeitete Pater Alfred Delp, Redakteur der 1941 verbotenen „Stimmen der Zeit“ und Mitglied des Kreisauer Kreises; er wurde 1945 in Plötzensee hingerichtet (Liedtke 2013, S. 178) (Liedtke 2018, S. 204).

Auch die Verfolgung der Juden hat Adressen an der Straße. Aus dem Haus Nr. 33 wurden Agathe van Wien und Alice Jaffé 1942 nach Theresienstadt deportiert und ermordet; Agathes Tochter Anneliese-Nora, Apothekerin, wurde 1940 aus der Anstalt Eglfing-Haar in die Tötungsanstalt Hartheim gebracht und dort vergast. Aus Nr. 35 wurde Marta Maria Lichtwitz-Düren im November 1941 nach Kaunas verschleppt. Das 1905 gegründete jüdische Altenheim in Nr. 65 wurde nach dem Novemberpogrom 1938 geplündert, diente dann als „Judenhaus“ und musste im März 1942 für den „Lebensborn“ geräumt werden; genau hier gründeten Überlebende am 15. Juli 1945 die Israelitische Kultusgemeinde neu. Nach dem Krieg bezog der amerikanische Soldatensender AFN die unbeschädigte Kaulbach-Villa und nutzte sie bis 1984 als Studiozentrum (Arz 2018, S. 28); der Garten wurde weitgehend zum Parkplatz (Bäumler/Fromm 2017, S. 15).

In der Nachkriegszeit wurde die Straße zur Adresse von Kultur und Wissenschaft. 1949 eröffnete Jella Lepman in Nr. 11a die Internationale Jugendbibliothek, 1954 zog das Institut français ins Palais Seyssel d'Aix. In der Villa Nr. 16, 1936–1944 Sitz der von Carl Orff und Dorothee Günther gegründeten Günther-Schule, lehrte bis 1988 die Hochschule für Fernsehen und Film, deren Unterricht teils in die Studios von BR, Bavaria und ZDF ausweichen musste (Arz 2018, S. 85); seit 1990 ist hier das Orff-Zentrum (Arz 2018, S. 28). 1971 zog die Jesuitenhochschule für Philosophie aus Pullach in die Kaulbachstraße und öffnete sich allen Studierenden (Arz 2018, S. 29). 1988 schließlich wurde die von Otto Meitinger sanierte Kaulbach-Villa Sitz des Historischen Kollegs, ihr Garten wiederhergestellt (Arz 2018, S. 28) (Bäumler/Fromm 2017, S. 15). Die privaten Gärten von Kaulbach-Villa, Orff-Zentrum und Palais Seyssel gehören bis heute zu den „grünen Oasen“ des Viertels (Bäumler u. a. 2015, S. 21).

Heute

Der Maxvorstadt-Abschnitt zwischen Schönfeld- und Schackstraße ist heute eine stille Straße der Institutionen, abseits des Verkehrs der Ludwigstraße: Oberster Rechnungshof mit dem Delphin-Brunnen, Institut français, Historisches Kolleg, Orff-Zentrum, das Verbindungshaus der Alemannia, Hochschule für Philosophie mit dem Berchmanskolleg, Institute der LMU-Fakultät für Betriebswirtschaft in Nr. 45 und das Studentinnenwohnheim Marie-Antonie-Haus in Nr. 49. Hinter den Zäunen liegen die großen Gärten, die bis an die Staatsbibliothek reichen; einsehen lassen sie sich vom Walter-Klingenbeck-Weg, der seit 1998 an den 1943 hingerichteten jungen Widerstandskämpfer erinnert (Bäumler/Fromm 2017, S. 15). Studierende prägen das Bild – mit Bagels im „Deli Star“ (Nr. 41) und Frozen Yogurt bei „I love Leo“ an der Ecke Veterinärstraße (Arz 2018, S. 134–135). Seit Oktober 2025 erinnern am Haus Nr. 33 Erinnerungszeichen an Agathe, Anneliese-Nora und Klaus-Robert van Wien sowie Alice Jaffé.

Nördlich der Schackstraße gehört die Straße zu Schwabing. Dort wechseln denkmalgeschützte Mietshäuser mit Erkern und Stuck (Nr. 60–96) mit Nachkriegsbauten; im Atelierhaus Nr. 66b wohnten Klabund, Franz Marc und später Rainer Werner Fassbinder. In der Wohnung des Malers Oswald Malura in Nr. 75 trafen sich bis 1977 die „Traumstadt“-Freunde um Peter Paul Althaus, heute sitzt dort der Verein „Rettet die Traumstadt!“ (Arz 2016, S. 68); die Alte Galerie (Nr. 75) und das „Arabesk“ (Nr. 86) gehören zum Viertel (Arz 2016, S. 138–139). Im Haus Nr. 65, wo 1945 die Israelitische Kultusgemeinde neu begann, befindet sich heute das Saul-Eisenberg-Seniorenheim, in dem 1997 die Dichterin und Zeitzeugin Gerty Spies starb (Bäumler/Fromm 2017, S. 30). Die ganze Straße ist Station des Kulturgeschichtspfads Maxvorstadt.

Adressen

Wichtige
Hausnummern.

№ 01 · Kaulbachstr. 1

Klassizistisches Eckhaus

Wohnhaus, um 1800, Baudenkmal

Eines der ältesten Häuser der Schönfeldvorstadt an der Ecke zur Schönfeldstraße, aus der Zeit der Parzellierung unter Karl Theodor (Arz 2018, S. 6). Im April 1934 benannte Ministerpräsident Siebert die „Kaulbachstraße 1“ als neuen Sitz der Nuntiatur, die wenige Wochen später aufgelöst wurde (Köpf 2005, S. 77).

№ 02 · Kaulbachstr. 9

Bayerischer Oberster Rechnungshof

Behördensitz; Delphin-Brunnen von Erich Hoffmann, 1962

Der Rechnungshof wurde 1812 gegründet, um „dem gesamten Rechnungswesen der Finanzen unseres Königreichs eine gleichförmige … feste Geschäftsleitung zu verschaffen“; heute sitzt er an der Kaulbachstraße (Arz 2018, S. 28). Vor dem Gebäude plätschert der Delphin-Brunnen.

№ 03 · Kaulbachstr. 10/12

Anwesen Wilhelm von Kaulbach – später Augspurg, Heymann, Pfülf und Troost

Ehem. Künstlervilla (Franz Jakob Kreuter für Dietrich Monten), ab 1844 Kaulbach; Mietshaus mit Gartengebäude

Auf Wenngs Plan von 1849 „Obere Gartenstraße 16 ½“, Kaulbachs Haus mit Blick in den Englischen Garten (Bäumler/Fromm 2017, S. 16–17). Im Gartengebäude Nr. 12 lebten bis 1933 Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann, ab 1928 Toni Pfülf; in Nr. 10 wohnte 1912–1934 Hitlers Architekt Paul Ludwig Troost (Weyerer 1993, S. 133–135).

№ 04 · Kaulbachstr. 11a

Erster Sitz der Internationalen Jugendbibliothek

Bibliothek, gegründet 1949 von Jella Lepman; Gedenktafel

Am 14. September 1949 eröffnete Jella Lepman hier mit 8000 Bänden die weltweit erste Bibliothek für internationale Kinder- und Jugendliteratur. 1983 zog die Bibliothek ins Schloss Blutenburg; eine Tafel erinnert an die Gründerin.

№ 05 · Kaulbachstr. 13

Palais Seyssel d'Aix – Institut français

Palais, Gebrüder Rank, 1913/14, Baudenkmal

Anstelle eines Biedermeierhauses für Graf Seyssel d'Aix im Stil eines französischen Rokoko-Palais errichtet; Stuckmedaillons an den Hausecken zeigen die Vorgängerbauten (Arz 2018, S. 28). 1922–1925 residierte hier Nuntius Pacelli, seit 1954 ist das Palais Sitz des Institut français; sein Garten zählt zu den „grünen Oasen“ der Maxvorstadt (Bäumler u. a. 2015, S. 21).

№ 06 · Kaulbachstr. 15

Kaulbach-Villa – Historisches Kolleg

Künstlervilla, Gabriel von Seidl, 1887–1889, Baudenkmal

„Villa suburbana“ für den Malerfürsten Friedrich August von Kaulbach auf dem früheren Moy'schen Gartengrundstück, mit 130 m² großem Atelier (Arz 2018, S. 28; Bäumler/Fromm 2017, S. 15). 1937 Dienstwohnsitz von Gauleiter Adolf Wagner, bis 1984 Studio des AFN, seit 1988 Historisches Kolleg (Arz 2018, S. 28).

№ 07 · Kaulbachstr. 16

Orff-Zentrum

Villa, erbaut 1932, Neubau nach 1951; Staatsinstitut seit 1990

1936–1944 Sitz der Günther-Schule von Carl Orff und Dorothee Günther, nach Kriegszerstörung von Hermann Fink neu gebaut, 1966/67–1988 Hochschule für Fernsehen und Film (Arz 2018, S. 28, 85). Seit dem 10. Juli 1990 erforscht und dokumentiert hier das Orff-Zentrum den Nachlass des Komponisten (Arz 2018, S. 28).

№ 08 · Kaulbachstr. 20

Cornelius-Haus – Alemannia

Wohnhaus, 19. Jh.; seit 1927 Verbindungshaus

Hier wohnten der Maler Peter von Cornelius, Kaulbachs Lehrer, und später sein Neffe, der Komponist Peter Cornelius. 1927 kaufte die Katholische Studentenverbindung Alemannia das Haus von Hans Cornelius, baute es bis 1929 um und nutzt es bis heute.

№ 09 · Kaulbachstr. 22/22a/24

Jugendstilgruppe von Martin Dülfer

Mietshäuser, Martin Dülfer, um 1900, Baudenkmal

Dreiteilige Häusergruppe mit Stuckdekor und abschließendem Torbogen, Nr. 22a bezeichnet 1900 – ein Beispiel dafür, wie um 1900 Mietshäuser in die Villenstraße einzogen. Dülfer baute 1898 auch das neue Verlagshaus Bruckmann, das bis dahin an der Gartenstraße gesessen hatte (Arz 2018, S. 120).

№ 10 · Kaulbachstr. 26a/b

Wohnhaus Pixis mit Defregger-Atelier

Wohnhaus, Oskar Pixis, 1924; Gartenatelier Georg von Hauberrisser, Ende 19. Jh.

Im Garten steht das Ateliergebäude des Tiroler Malers Franz von Defregger, das Hauberrisser unter Verwendung einer aus Südtirol übertragenen Vertäfelung errichtete; das Vorderhaus entstand 1924 in reduziertem Historismus.

№ 11 · Kaulbachstr. 31/31a

Hochschule für Philosophie und Berchmanskolleg

Jesuitenhochschule, gegr. 1925 in Pullach, hier seit 1971; Nr. 31a Remise, umgebaut 1922

Als Studienhaus der Jesuiten gegründet, öffnete sich die Hochschule nach dem Umzug 1971 allen Studierenden (Arz 2018, S. 29). Im Zentrum der Jesuiten arbeitete Alfred Delp; eine Tafel erinnert an den jesuitischen Widerstand und den Kreisauer Kreis (Liedtke 2018, S. 204–205). In Nr. 31a lebte der Bildhauer Bernhard Bleeker.

№ 12 · Kaulbachstr. 33

Erinnerungszeichen für die Familie van Wien

Erinnerungszeichen der Stadt München, angebracht am 22. Oktober 2025

Letzte freiwillige Wohnadresse der Witwe Agathe van Wien und ihrer Tochter Anneliese-Nora. Die Tochter wurde 1940 in Hartheim ermordet, die Mutter 1942 über Theresienstadt nach Treblinka deportiert; auch Alice Jaffé aus diesem Haus kam 1942 nach Theresienstadt.

№ 13 · Kaulbachstr. 35

Gartenhaus Ricarda Huch

Wohnhaus mit Gartengebäude

Im Gartengebäude lebte die Schriftstellerin Ricarda Huch von 1911 bis 1927, ab 1955 im Vorderhaus die Schauspielerin Erna Morena. Aus diesem Haus wurde Marta Maria Lichtwitz-Düren am 20. November 1941 nach Kaunas deportiert und ermordet.

№ 14 · Kaulbachstr. 41/43

Ältestes Haus der Maxvorstadt

Vorstadthäuser, um 1800, Block mit Veterinärstraße 10, Baudenkmal

Das niedrige Eckhaus Veterinärstraße 10 beherbergte ursprünglich eine Essig- und Weingeistfabrik und gilt als ältestes erhaltenes Gebäude der Maxvorstadt; es bildet eine Einheit mit Kaulbachstraße 41 (Arz 2018, S. 29). Im Erdgeschoss betreibt heute das Bagel-Café „Deli Star“ eine Filiale, im Eckhaus Veterinärstraße 10 verkauft „I love Leo“ Frozen Yogurt (Arz 2018, S. 134–135).

№ 15 · Kaulbachstr. 45–49

Universitätsinstitute und Marie-Antonie-Haus

Nr. 45: Neurenaissance, Martin und Sebastian Vornehm, 1890–92; Nr. 47: Kapelle, F. F. Haindl, 1949/50; Nr. 49: Wohnheim, 1930

In Nr. 45, zuvor von der Bundeswehr genutzt, zog AFN 1984 aus der Kaulbach-Villa; heute arbeiten hier Institute der LMU Munich School of Management. Nr. 47 ist die Hauskapelle der Redemptoristen, Nr. 49 das Marie-Antonie-Haus, das der Bankier James Loeb 1930 als erstes Studentinnenwohnheim Münchens zum Andenken an seine Frau stiftete (Arz 2016, S. 153).

№ 16 · Kaulbachstr. 63/65 (Schwabing)

„Eckhaus“ der Reventlow und jüdisches Altenheim

Nr. 63: Neubau (Eckhaus abgerissen); Nr. 65: Israelitisches Pensionat 1905, heute Saul-Eisenberg-Seniorenheim

In Nr. 63 lebte 1903–1906 die Wohngemeinschaft von Franziska zu Reventlow, Franz Hessel und Bohdan von Suchocki; das Haus steht nicht mehr (Liedtke 2013, S. 230–231). Das jüdische Altenheim Nr. 65 wurde 1942 für den „Lebensborn“ geräumt; hier gründete sich 1945 die Israelitische Kultusgemeinde neu, heute ist hier das Saul-Eisenberg-Seniorenheim (Bäumler/Fromm 2017, S. 30).

Personen

Wer hier
lebte und wirkte.

Wilhelm von Kaulbach

1804/05–1874 · Historienmaler, Akademiedirektor, Namensgeber

Bewohnte ab 1844 die Villa Obere Gartenstraße 16 ½, heute Nr. 10/12, und genoss von ihrer Terrasse den Blick in den Englischen Garten (Bäumler/Fromm 2017, S. 16–17); die Straße trägt seit 1887 seinen Namen (Arz 2018, S. 147).

Karl Theodor

1724–1799 · Kurfürst von Pfalz-Bayern

Ließ 1795 entlang der Gartenstraße 29 Parzellen abstecken, die sofort bebaut werden mussten – der Ursprung der Villenstraße (Arz 2018, S. 6).

Carl Graf Moy

geb. 1863 · Diplomat

Wuchs im Moy'schen Haus Obere Gartenstraße 4, der heutigen Nr. 15, auf und beschrieb dessen Garten als Mittelpunkt von Familienleben und Geselligkeit (Bäumler/Fromm 2017, S. 13–15).

Friedrich August von Kaulbach

1850–1920 · Porträtmaler, Akademiedirektor

Großneffe Wilhelms; kaufte 1887 das Moy'sche Grundstück und ließ sich von Gabriel von Seidl die Villa Nr. 15 bauen (Bäumler/Fromm 2017, S. 15; Arz 2018, S. 28).

Peter von Cornelius

1783–1867 · Maler

Lehrer Wilhelm von Kaulbachs, der ihm 1826 nach München folgte; wohnte im Haus Nr. 20, das später sein Neffe, der Komponist Peter Cornelius, bewohnte.

Franziska zu Reventlow

1871–1918 · Schriftstellerin, „Schwabinger Gräfin“

Gründete 1903 mit Franz Hessel und Bohdan von Suchocki im „Eckhaus“ Kaulbachstraße 63 die erste Wohngemeinschaft Münchens (Liedtke 2013, S. 230).

Ricarda Huch

1864–1947 · Schriftstellerin und Historikerin

Lebte von 1911 bis 1927 im Gartengebäude der Kaulbachstraße 35.

Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann

1857–1943 und 1868–1943 · Frauenrechtlerinnen, Pazifistinnen

Wohnten bis 1933 im Gartengebäude Kaulbachstraße 12; nach Hitlers Machtantritt kehrten sie nicht zurück, die Nationalsozialisten zerstörten ihre Wohnung (Weyerer 1993, S. 133–134).

Toni Pfülf

1877–1933 · Lehrerin, SPD-Reichstagsabgeordnete

Wohnte ab 1928 im Gartengebäude Kaulbachstraße 12 und nahm sich dort am 8. Juni 1933 aus Verzweiflung über das NS-Regime das Leben (Weyerer 1993, S. 134–135).

Paul Ludwig Troost

1878–1934 · Architekt

Wohnte 1912–1934 in der Kaulbachstraße 10; baute für Hitler das „Braune Haus“ um und entwarf die Parteibauten am Königsplatz (Weyerer 1993, S. 135, 143).

Adolf Wagner

1890–1944 · NSDAP-Gauleiter, bayerischer Innenminister

Nahm 1937 die vom Freistaat gekaufte Kaulbach-Villa Nr. 15 als Dienstwohnsitz in Besitz (Arz 2018, S. 28).

Alfred Delp

1907–1945 · Jesuit, Widerstandskämpfer

Arbeitete im Zentrum der Jesuiten in der Kaulbachstraße 31a und in der Redaktion der „Stimmen der Zeit“; als Mitglied des Kreisauer Kreises 1945 hingerichtet (Liedtke 2018, S. 204).

Jella Lepman

1891–1970 · Journalistin, Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek

Eröffnete 1949 in der Kaulbachstraße 11a die Internationale Jugendbibliothek; eine Tafel erinnert an sie.

Agathe und Anneliese-Nora van Wien

Opfer der NS-Verfolgung · Anneliese-Nora 1908–1940, Apothekerin

Lebten in der Kaulbachstraße 33; die Tochter wurde 1940 in Hartheim ermordet, die Mutter 1942 deportiert. Seit 2025 erinnern Erinnerungszeichen am Haus an sie.

Chronik

Kaulbachstraße in Daten

1789

Planung des Englischen Gartens; Sckell legt die Grenze an die Isarböschung bei der heutigen Königinstraße, das Schönfeld wird Bauland.

1795

Karl Theodor lässt entlang der Gartenstraße 29 Parzellen abstecken, die sofort bebaut werden müssen.

um 1800

Das Eckhaus Nr. 1 und der Block Veterinärstraße 10/Kaulbachstraße 41–43 entstehen.

1814

Der Stadtplan verzeichnet eine Obere und eine Untere Gartenstraße.

1844

Wilhelm von Kaulbach erwirbt die Villa Obere Gartenstraße 16 ½ (heute Nr. 10/12).

1886/87

Beschluss von Ministerium (1886) und Magistrat (1887): Die Gartenstraße wird Kaulbachstraße.

1887–1889

Gabriel von Seidl baut die Villa für Friedrich August von Kaulbach (Nr. 15).

1903–1906

Wohngemeinschaft der Franziska zu Reventlow im „Eckhaus“ Nr. 63.

1933

Augspurg und Heymann kehren nicht aus dem Ausland zurück; Toni Pfülf nimmt sich am 8. Juni in Nr. 12 das Leben.

1937

Gauleiter Adolf Wagner bezieht die Kaulbach-Villa.

1942

Das jüdische Altenheim Nr. 65 wird geräumt; Deportationen aus Nr. 33.

1945

15. Juli: Neugründung der Israelitischen Kultusgemeinde in Nr. 65; AFN zieht in die Kaulbach-Villa.

1949/1954

Internationale Jugendbibliothek in Nr. 11a (1949), Institut français im Palais Seyssel (1954).

1971

Die Hochschule für Philosophie zieht aus Pullach in die Kaulbachstraße.

1988/1990

Historisches Kolleg in der Kaulbach-Villa (1988), Orff-Zentrum in Nr. 16 (1990).

2025

22. Oktober: Erinnerungszeichen für die Familie van Wien und Alice Jaffé an Nr. 33.

„
„Diese Gegend der Stadt hat lange etwas Romantisches bewahrt: man kannte die Bewohner der Straße wenigstens vom Sehen, die Besenbinder, die Beerenverkäuferinnen riefen ihre Waren aus und die Ziegenmilchlieferanten trieben ihre Tiere mit vollen Eutern unter einem charakteristischen Glockenklang durch die Straße.“
Carl Graf Moy über die Obere Gartenstraße seiner Kindheit – zitiert nach Bäumler/Fromm 2017, S. 15
Literatur & Quellen

Zum
Weiterlesen.

  • / 01Arz 2018, S. 6, 12, 28, 29, 85, 104, 105, 120, 134, 135, 147 · Maxvorstadt. Reiseführer für MünchnerLiefert die Parzellierung von 1795, Namensgeschichte, Kaulbach-Villa, Palais Seyssel, Rechnungshof, Orff-Zentrum, HFF, Hochschule für Philosophie, das älteste Haus der Maxvorstadt, Bruckmann an der Gartenstraße und heutige Lokale.
  • / 02Bäumler/Fromm 2017, S. 13–17, 20, 30, 143–144, 147 · Topographie und Erinnerung. Erkundungen der MaxvorstadtSchildert die Gärten der Grafen Moy und Wilhelm von Kaulbachs mit Hausnummern nach Wenngs Plan von 1849, Ganghofers Flucht, Brecht, Brandenburg und Gerty Spies.
  • / 03Weyerer 1993, S. 17, 133–135, 143, 182 · München 1919–1933. Stadtrundgänge zur politischen GeschichtePorträtiert Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann und Toni Pfülf in der Nr. 12 sowie Paul Ludwig Troost in der Nr. 10.
  • / 04Bäumler u. a. 2015, S. 21, 38 · Die Maxvorstadt. Historische Betrachtungen zu einem KulturViertelNennt die privaten Gärten an der Straße als „grüne Oasen“ und deutet die Reventlow-Wohngemeinschaft kulturgeschichtlich.
  • / 05Köpf 2005, S. 77 · Der Königsplatz in MünchenBelegt die Verlegung der Nuntiatur in die Kaulbachstraße 1934 und ihre Aufhebung.
  • / 06Liedtke 2013, S. 112–113, 178, 230–231 · 111 Orte in München, die Geschichte erzählenErzählt vom „Simplicissimus“ an der Kaulbachstraße, von Alfred Delp und der Wohngemeinschaft im „Eckhaus“ Nr. 63.
  • / 07Liedtke 2018, S. 204–205 · 111 Orte in München auf den Spuren der Nazi-ZeitNennt das Jesuitenzentrum Kaulbachstraße 31a und die Gedenktafel für den Widerstand.
  • / 08Arz 2016, S. 51, 68, 71, 138–139, 153 · Schwabing. Reiseführer für MünchnerErgänzt den Schwabinger Abschnitt: Simplicissimus-Redaktion in Nr. 91, Traumstadt in Nr. 75, Militärgarten 1789, James Loebs Wohnheim.
  • / 09Schiermeier 2012, S. 13 · Münchner StadtbächeBeschreibt den Schwabinger Bach unterhalb der Höhenterrasse am Westrand des Englischen Gartens.

Online-Quellen