Geschichte
Vor dem Schwabinger Tor lagen um 1800 noch mehr als zehn Meter hohe Wälle, alte Wegerechte und verschachtelte Besitzverhältnisse (Huse 2009, S. 148). Einen ersten Entwurf lieferte Friedrich Ludwig von Sckell, der die neue Straße 1815 mit der Schwabinger Landstraße in einem Platz zusammenführen und mit Baumreihen ordnen wollte; architektonisch geformte Räume brachte erst Leo von Klenze ins Spiel, den Kronprinz Ludwig zum 1. Januar 1816 anstellte (Bäumler/Fromm 2017, S. 38). Im Mai 1816 begann Klenze mit den Entwürfen – in bewusster Abkehr von der lockeren, durchgrünten Bebauung Fischers und Sckells setzte er auf geschlossene Straßen- und Platzwände als Fortsetzung der Altstadt (Freitag 2013, S. 33). Das Schwabinger Tor verschwand, der Odeonsplatz wurde 1817 angelegt (Schiermeier 2012, S. 17), und Klenze musste in zähen Verhandlungen Schlüsselgrundstücke aufkaufen, um sie an bauwillige Investoren weiterzugeben (Freitag 2013, S. 35). Zu den Ersten gehörte ausgerechnet Ludwigs verhasster Schwager Eugène de Beauharnais, Herzog von Leuchtenberg, dessen Palais Klenze 1817–1821 nach dem Vorbild des römischen Palazzo Farnese errichtete – Maßstab für die ganze Straße (Arz 2018, S. 23). Zur Lage: Der Odeonsplatz mit der Feldherrnhalle gehört zur Altstadt (Stephan 2013, S. 49), die eigentliche Ludwigstraße mit allen Hausnummern bis zum Siegestor dagegen zum Stadtbezirk 3 Maxvorstadt, dessen Grenze zur Altstadt hier am Odeonsplatz verläuft (Arz 2018, S. 15).
Klenzes Südteil sollte eine vornehme Wohnstraße werden. Er entwarf die Fassaden, den Grundriss bestimmten Bauherr und Baumeister; Ludwig aber verlangte selbst für Bürgerhäuser ein palastartiges Erscheinungsbild. Klenzes Einwand, „München sey nicht Rom und Herr Meyer, für den das Haus errichtet wird, kein Farnese oder Pitti“, beeindruckte ihn nicht: „Die Fenster weiter auseinander, lieber Klenze, ohne welche das Große nicht großartig“ (Huse 2009, S. 148 f.). Klenze behalf sich, indem er mehrere Häuser hinter einer gemeinsamen Palastfassade zusammenfasste (Freitag 2013, S. 39). Die Nachfrage blieb dennoch aus: 1831 standen in der Maxvorstadt rund 1.500 Wohnungen leer (Arz 2018, S. 12), und eine englische Besucherin notierte, viele schöne Gebäude in der „Ludwigs Strasse“ seien unbewohnt und für eine Kleinigkeit zu haben (Bäumler/Fromm 2017, S. 39). Mit dem Kriegsministerium (Nr. 14), ab 1822/23 errichtet, kam der Wendepunkt: Von nun an wurden an der Straße nur noch Stiftungen und staatliche Institutionen angesiedelt (Bäumler/Fromm 2017, S. 39). Die ursprünglich nur auf etwa ein Drittel ihrer heutigen Länge angelegte Straße wurde nach Norden verlängert; das Kriegsministerium war der letzte von Klenze entworfene Bau, zwei Jahre später musste er die künstlerische Leitung abgeben (Freitag 2013, S. 40). 1828 begann Klenze noch das Herzog-Max-Palais für den Schwager des Königs – das Geburtshaus der späteren Kaiserin Elisabeth (Arz 2018, S. 25).
Der neue Mann hieß Friedrich von Gärtner. 1826 hatte Ludwig seinen römischen Kunstagenten Martin von Wagner beauftragt, einen Architekten zu suchen, „der mit Klenze in die Schranken treten kann“ (Arz 2018, S. 10); 1827 übertrug er Gärtner mit der Hof- und Staatsbibliothek die Fortsetzung der nördlichen Ludwigstraße (Freitag 2013, S. 61). Klenze stichelte gegen das „architektonische Liebchen des Augenblicks“; mit Gärtners Rundbogenstil kam es zum Stilwechsel (Freitag 2013, S. 41) – vom Hochklassizismus des Südteils zum „italo-romanischen“ Nordteil (Stephan 2013, S. 37). Für die Bibliothek erwog Gärtner zunächst den Königsplatz, dann die Luisenstraße, ehe man sich – wohl aus symbolischen Gründen – für die Ludwigstraße entschied (Bäumler u. a. 2015, S. 32). Der König strich die Pläne zusammen, bis nur noch eine Front „ohne Vorsprung, ohne Säule, ohne Portikus“ übrig blieb – Gärtner sprach von einer „langweiligen Bücherkaserne“ (Huse 2009, S. 149). Der Bibliothekar Johann Andreas Schmeller spottete 1836, böse Zungen raunten, der Bau diene nur dazu, „ein gutes Stück der neuen großartigen Straße, welche des Königs Namen trägt“, auszufüllen (Huse 2009, S. 150). Mit 152 Metern Länge wurde die 1843 eröffnete Staatsbibliothek der größte Blankziegelbau Deutschlands (Arz 2018, S. 40). Gegenüber entstand mit der Salinenadministration (1838–1843) Bayerns erster reiner Verwaltungsbau (Huse 2009, S. 152), daneben Blindeninstitut und Damenstift (Köpf 2005, S. 40).
Gärtners erste Arbeit an der Straße war die Ludwigskirche (1829–1843/44), in der Sichtachse der damaligen Löwenstraße, heute Schellingstraße (Stephan 2013, S. 42). Ludwig schoss 100.000 Gulden aus seiner Privatkasse zu, verlangte aber, dass die Stadt den Rest trage; der Magistrat lehnte ab, bis der König mit der Verlegung von Universität und Regierungssitz drohte (Arz 2018, S. 38). Bürgermeister Jakob Klar hatte schon 1829 kritisiert, der König wolle Paläste bauen, wo doch Wohnungen dringend gebraucht würden; die Kirche stehe inmitten von Wiesen, „wo man nur den Schafen predigen“ könne (Köpf 2005, S. 39). Die Kosten führten 1835 zum Bankrott der Stadtgemeinde (Stephan 2013, S. 96). Als Ludwig das Jüngste Gericht von Peter Cornelius sah, das zweitgrößte Altarfresko der Welt, tobte er: „Kurz und gut, Klenze, ich sage Ihnen, diese Arbeit ist eine wahre Sauerei“ (Arz 2018, S. 38). Nördlich davon wuchs das akademische Forum: Die 1826 von Landshut nach München verlegte Universität bezog 1840 Gärtners Hauptgebäude (Stephan 2013, S. 40); gegenüber setzte er Max-Joseph-Stift und Georgianum deutlich von der Straße zurück und schuf so den Rahmen für das Siegestor (Stephan 2013, S. 41). Das Georgianum war auf ausdrücklichen Wunsch Ludwigs direkt gegenüber der Universität platziert worden (Arz 2018, S. 29).
Die beiden Enden der „via triumphalis“ entwarf ebenfalls Gärtner. Für den südlichen Abschluss stand 1836 fest, dass eine Loggia mit drei Bögen nach dem Vorbild der Florentiner Loggia dei Lanzi entstehen sollte; Ludwig ehrte darin die Feldherren Tilly und Wrede, legte 1841 den Grundstein und weihte die Feldherrnhalle 1844 ein (Bäumler/Fromm 2017, S. 40). Das Siegestor, ab 1843 nach dem Vorbild des Konstantinsbogens errichtet und dem bayerischen Heer gewidmet, vollendete nach Gärtners Tod 1847 sein Schüler Eduard Metzger; zur Einweihung am 15. Oktober 1850 erschien der inzwischen abgedankte Stifter nicht (Arz 2018, S. 30). Die Revolution von 1848 hatte die Straße unmittelbar erreicht: Im Damenstiftsgebäude wohnten zwei Minister des verhassten „Lola-Ministeriums“; als die Menge Fenster einwarf, versteckten sie sich in einem Keller unter dem Gartenhügel, versorgt vom Hausmeister (Bäumler/Fromm 2017, S. 22 f.). Das Ergebnis des königlichen Ehrgeizes war ein „städtebauliches Gesamtkunstwerk von europäischem Rang“ (Arz 2018, S. 57), aber auch eine Straße ohne Läden – auf ausdrücklichen Wunsch Ludwigs –, „eine Straße im Nirgendwo, die nirgendwohin führte“; München sei, spottete Heinrich Heine, „ein Dorf, in dem Paläste stehen“ (Arz 2018, S. 11). Der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl sah in ihr nur eine „Paradestraße“ (Bäumler u. a. 2015, S. 32).
Mit Leben füllte sich die Straße erst allmählich. Theodor Lessing erinnerte sich an die Jahrhundertwende, als „der bukolische Hirt seine Herde über die Ludwigstraße“ trieb und vor der Feldherrnhalle zwischen den Pflastersteinen Kuhblumen wucherten (Bäumler/Fromm 2017, S. 134). Hans Brandenburg sah in ihr die „königliche Repräsentation der klassischen Kunststadt“, in der Schellingstraße dagegen die „Welt des Volkes, der kleinen Leute“ (Bäumler u. a. 2015, S. 36). 1870 zog das Maximiliansgymnasium in den Mittelbau des Damenstiftsgebäudes (Arz 2016, S. 61), 1894 die Schriftstellerin Carry Brachvogel zu ihrer Mutter in die Ludwigstraße 17b, direkt neben das Siegestor (Bäumler/Fromm 2017, S. 71), wo sie ihren „Teetisch am Siegestor“ hielt (Bäumler u. a. 2015, S. 35). Am 31. Juli 1888 gerieten beim Festzug der Zentenarfeier für Ludwig I. acht Elefanten des Zirkus Hagenbeck in der Ludwigstraße in Panik; die Bilanz waren vier Tote und Dutzende Verletzte (Liedtke 2013, S. 136). In den Revolutionsmonaten 1919 wurde die Straße zur Bühne: Ricarda Huch begegneten dort nach dem Mord an Eisner Gruppen aus den Arbeitervororten mit „unverhohlener Drohung“ (Large 2001, S. 138), und am 1. Mai 1919 marschierte die Brigade Ehrhardt mit dem Hakenkreuz auf dem Stahlhelm durch die Ludwigstraße auf die Feldherrnhalle zu (Large 2001, S. 157). Oskar Maria Graf fand nach der Niederschlagung der Räterepublik auf der Ludwigstraße „das elegante Volk“ vor (Bäumler/Fromm 2017, S. 139).
Im ehemaligen Kriegsministerium, Ludwigstraße 14, saß seit 1919 das Kommando des Reichswehr-Wehrkreises VII unter General Otto von Lossow (Weyerer 1993, S. 132). Am 9. November 1923 besetzten es Bewaffnete der „Reichskriegsflagge“ unter Ernst Röhm, die Fahne hielt Heinrich Himmler (Weyerer 1993, S. 209); zwei Putschisten starben hier (Köpf 2005, S. 60). Am 10. Mai 1933 zog der Fackelzug zur Bücherverbrennung von der Universität zum Königsplatz (Liedtke 2018, S. 36). Für die Verbreiterung der Von-der-Tann-Straße als Zufahrt zum Haus der Deutschen Kunst ließen die Nationalsozialisten 1937 die gesamte Klenze-Bebauung zwischen Galerie- und Von-der-Tann-Straße abreißen; an ihre Stelle trat das „Zentralministerium“ in „vergröbertem Pseudo-Klassizismus“ (Stephan 2013, S. 100), gegenüber fiel das Herzog-Max-Palais unter dem Vorwand der „Baufälligkeit“ (Stephan 2013, S. 103). Am Nordende schob sich das von Oswald Bieber 1936–1939 errichtete „Haus des Deutschen Rechts“ vor das Siegestor (Liedtke 2018, S. 100) – „als Riegel“, wie Huse schreibt (Huse 2009, S. 216). Im Februar 1943 malten Hans Scholl, Willi Graf und Alexander Schmorell „Nieder mit Hitler“ an die Wände der Universität, am 18. Februar warfen die Geschwister Scholl ihre Flugblätter in den Lichthof (Liedtke 2018, S. 106). Und noch am 28. und 29. April 1945 ließ Gauleiter Paul Giesler im Zentralministerium Mitglieder der „Freiheitsaktion Bayern“ standrechtlich erschießen (Liedtke 2018, S. 150).
Bomben, Artilleriebeschuss und Straßenkämpfe beschädigten die Ludwigstraße 1944/45 schwer. Die Staatsbibliothek verlor fast 500.000 Bände und 85 Prozent ihrer Bausubstanz (Arz 2018, S. 40); 1952 konnte sie in den wiederhergestellten Gärtner-Bau zurückkehren (Lauterbach/Grammbitter 2009, S. 74), 1966 folgte der Erweiterungsbau von Döllgast, Ruf und Kirsten, 1970 endete mit dem Südflügel die Wiederaufbauphase (Arz 2018, S. 40). St. Ludwig diente den Amerikanern bis 1949 als Garnisonskirche und wurde ab 1954 von Erwin Schleich wiederaufgebaut (Arz 2018, S. 38). Das Siegestor erhielt statt der Widmung an Ludwig I. die Inschrift von Wilhelm Hausenstein, seit 1972 steht die Quadriga wieder oben (Arz 2018, S. 30). Das Leuchtenberg-Palais wurde bis auf die Säulen mit dem Balkon abgerissen und in den 1960er-Jahren mit rekonstruierter Fassade neu gebaut (Arz 2018, S. 23), den Haslauer-Block errichtete Schleich 1960–1968 neu (Arz 2018, S. 25), und der Reichsbank-Rohbau wurde 1949–1951 für die Landeszentralbank vollendet (Liedtke 2018, S. 182). Die Verbreiterung der Von-der-Tann-Straße bereitete die Schneise des Altstadtrings vor, der den Stadtraum westlich der Ludwigstraße völlig neu ordnete (Stephan 2013, S. 59); sogar eine Untertunnelung zwischen Königin- und Ludwigstraße wurde diskutiert, bis Bürger mit der „Aktion Maxvorstadt“ gegensteuerten (Arz 2018, S. 15). Die Vorplätze der Universität wurden nach der Weißen Rose in Geschwister-Scholl-Platz und Professor-Huber-Platz umbenannt (Large 2001, S. 449). Von 1984 bis 1993 stand die Ludwigstraße auf der deutschen Tentativliste für das UNESCO-Welterbe; 1985–1994 wurde die Fassade der Ludwigskirche umfassend renoviert (Hempfer 1998, S. 12).
Heute
Die Ludwigstraße ist heute vor allem eine Straße der Wissenschaft und der Verwaltung. Im Süden residieren Ministerien, Bundesbank und Hauptstaatsarchiv, im Mittelteil die Staatsbibliothek, die täglich bis Mitternacht geöffnet ist (Arz 2018, S. 40), und im Norden die Ludwig-Maximilians-Universität mit ihren Instituten in den Gärtner-Bauten, der Universitätsbibliothek und dem Lichthof mit der DenkStätte Weiße Rose. Läden gibt es bis heute kaum – Ludwigs Verbot ist etwas, „was der Straße bis heute schadet“ (Arz 2018, S. 36); Treffpunkte sind die beiden Universitätsbrunnen, deren Grünanlagen die Stadt 1872 zum 400-jährigen Universitätsjubiläum anlegte (Bäumler/Fromm 2017, S. 7), und Studentencafés wie das CADU an der Ludwigstraße 24 (Arz 2018, S. 134). Das Siegestor, nach dem Chanson die Schwelle, hinter der „Schwabing anfängt“, wird längst als Wahrzeichen Schwabings wahrgenommen (Arz 2016, S. 8).
Unter der Straße fahren die U-Bahn-Linien U3 und U6 (Bahnhöfe Odeonsplatz und Universität), oben verkehren Buslinien; seit dem Bau des Altstadtrings wird der Hauptverkehr an der Von-der-Tann-Straße abgeleitet. Der Verkehr setzt den Fassaden zu: Der Westwind aus der Schellingstraße treibt Abgase und Reifenabrieb gegen die Kalksteinfront der Ludwigskirche (Hempfer 1998, S. 12). Mehrmals im Jahr gehört die Straße den Fußgängern – bei Fanfesten und beim Straßenfest Corso Leopold/Streetlife, das seit 2000 bis zum Odeonsplatz reicht (Arz 2016, S. 62). Die Ludwigstraße ist Teil des Ensembles „Ludwigstraße/Odeonsplatz“ in der Denkmalliste und Station des Kulturgeschichtspfads Maxvorstadt.