Ein Leben in vier Stationen
München, 1935. Alfons Mitgutsch wird am 21. August 1935 in München geboren. Die Kindheit ist von Krieg und Flucht geprägt: Vor den Luftangriffen auf die Stadt wird die Familie ins Allgäu evakuiert. Mit der Schule tut sich der Bub schwer — er ist Legastheniker, zu einer Zeit, in der niemand das Wort kennt. Später nennt er sich selbst einen „Schulversager", der oft verprügelt wurde. Was ihn rettet, ist das Schauen: Auf Wallfahrten, zu denen ihn die Mutter mitnimmt, bewundert er die Dioramen — kleine Welten hinter Glas, in denen alles gleichzeitig passiert. Die Idee des Wimmelbilds ist damit gefunden, lange bevor er sie zeichnen kann.
Lehre und Akademie. Mitgutsch beginnt eine Ausbildung zum Lithografen und bricht sie ab. Dann studiert er an der Münchner Akademie für das Graphische Gewerbe und arbeitet als Werbegrafiker. Schon ab 1959 erscheinen erste eigene Bilderbücher — „Pepes Hut" (1959), „Ulus abenteuerliche Reise" (1960), „Nico findet einen Schatz" (1961) —, die dreimal in Folge für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert werden. 1964 bezieht er die Dachwohnung in der Türkenstraße 54, die ihm bis zum Lebensende Wohnung und Atelier bleibt.
Der Durchbruch, 1968. In den 1960er Jahren ermutigt ihn der Kinderpsychologe Kurt Seelmann, Leiter des Münchner Stadtjugendamts, Bilderbücher mit vielen Details zu malen — Bücher, die Kinder ohne Text und ohne Vorleser erschließen können. Seine drei Kinder sind die Testleser. Das Ergebnis erscheint 1968 beim Ravensburger Verlag Otto Maier: „Rundherum in meiner Stadt", ein großformatiges Buch ganz ohne Text, mit Baustelle, Park, Kirmes, Freibad, Hafen und dem Querschnitt eines Wohnhauses. 1969 erhält es den Deutschen Jugendbuchpreis. Es gilt als das erste Wimmelbuch im deutschsprachigen Raum — auch wenn das Wort erst Jahre später aufkommt. Mitgutsch selbst spricht lieber vom „sich selbst erzählenden Bilderbuch".
Spätwerk und Abschied. Es folgen über 70 Bücher: Wimmelbücher über Dorf, Wasser, Berge und Jahreszeiten, die Sachbilderbuch-Reihe „Vom Korn zum Brot", Märchen, Ritter- und Piratenbücher. Ab 2007 baut Mitgutsch „Traumkästen" — kleine gerahmte Bühnen, in denen die Dioramen seiner Kindheit wiederkehren. 2003 erhält er den Schwabinger Kunstpreis, 2018 das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2019 den Oberbayerischen Kulturpreis. 2017 zieht er sich aus der Öffentlichkeit zurück; Illustrationsanfragen erreichen ihn noch mit 85. Am 10. Januar 2022 stirbt er in München an den Folgen einer Lungenentzündung, 86 Jahre alt.